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Akademischer Kulturkampf
Als Akademischer Kulturkampf werden die Auseinandersetzungen zwischen katholischen und liberalen Studentenverbindungen im Deutschen Kaiserreich und in …
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Begriff und Bedeutung
Der Akademische Kulturkampf bezeichnet die Auseinandersetzungen zwischen katholischen und liberalen Studentenverbindungen im Deutschen Kaiserreich und in Österreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bezeichnung entstand erst nachträglich und lehnt sich an den Kulturkampf des 19. Jahrhunderts an.
Im Mittelpunkt standen Konflikte über Konfession, akademische Freiheit und den Einfluss katholischer Studenten und Gelehrter an Universitäten. Aus Streitigkeiten zwischen Verbindungen wurden teilweise öffentliche Gelehrten- und Medienkontroversen im gesamten deutschsprachigen Raum.
Entwicklung im Deutschen Kaiserreich
Eine wichtige Vorgeschichte war der Streit um die Berufung katholischer Gelehrter an die 1901 neu gegründete Universität Straßburg. Das Reichsland Elsaß-Lothringen war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 entstanden und unterstand unmittelbar dem Deutschen Kaiser.
Für einen Lehrstuhl für Geschichte war Friedrich Meinecke vorgeschlagen worden. Friedrich Althoff, Protestant und Leiter der Verwaltung der preußischen Universitäten, wollte zusätzlich Martin Spahn für einen zweiten Geschichtslehrstuhl berufen, der besonders katholischen Studenten zugutekommen sollte. Vergleichbare konfessionell gebundene katholische Geschichtsprofessuren gab es bereits in Bonn, Breslau und Freiburg. Die Straßburger Philosophische Fakultät widersetzte sich, wandte sich an Kaiser Wilhelm II., doch Althoff ernannte Spahn mit Zustimmung des Kaisers gegen den Willen der Fakultät zum Professor. Theodor Mommsen kritisierte dies öffentlich unter dem Schlagwort der „voraussetzungslosen Forschung“.
Der Konflikt diente dazu, die akademische Freiheit grundlegend zu klären. Aus katholischer Sicht zeigte sich jedoch schnell, dass sie als Vorwand genutzt wurde, um den protestantischen Charakter deutscher Universitäten zu bewahren.
Seit 1904 verlangten antikirchliche und liberale Studentenkorporationen, ausgehend von der Universität Jena, im Namen der akademischen Freiheit die Beseitigung katholischer Studentenverbindungen. Betroffen war etwa die KDStV Sugambria in Jena. Die Konflikte griffen auf Berlin, Hannover, Aachen, Karlsruhe, Darmstadt, Straßburg, Wien und Graz über. In Straßburg gewann der Katholische Studentenverein Frankonia zugleich viele Mitglieder und gründete die Tochterverbindungen Staufia und Merovingia. Dadurch wurden aus etwa 30 Studenten unmittelbar gut 90 Studenten mit katholisch geprägter Einstellung; sie konnten die Hochschulpolitik der Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg und damit den Konflikt mitprägen.
Im Deutschen Reich endete der offen ausgetragene Konfessionsgegensatz noch vor dem Aufruf von Katholiken zu einer überkonfessionellen christlichen Gewerkschaft 1911, der zum Gewerkschaftsstreit führte. Unter dem Vorzeichen des Ersten Weltkriegs endete er im Kaiserreich zunehmend durch Burgfriedenspolitik, also durch das Zurückstellen innerer Konflikte.
Auseinandersetzungen in Österreich
In Österreich wird insgesamt weniger von einem Kulturkampf als von wichtigen Kulturauseinandersetzungen im Vielvölkerstaat gesprochen. Frühe Formen eines Österreichbewusstseins sollten dabei die unterschiedlichen nationalen und konfessionellen Identitäten überwölben. Die Universitätskonflikte waren bedeutsam und teilweise gewalttätig; auch viele reichsdeutsche Studenten waren beteiligt.
Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger von 1867 und die Maigesetze von 1868 führten zu Konflikten mit der katholischen Kirche. Sie wurden Bestandteil der österreichischen Bundesverfassung und sind deshalb bis heute bedeutsam. Mit dem Entstehen katholischer Studentenverbindungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kam es regelmäßig zu Gewalt zwischen freiheitlichen und katholischen, österreichtreuen Verbindungsstudenten. Nicht-schlagende katholische Korporationen wurden von schlagenden national-freiheitlichen Verbindungen angefeindet.
Die bekannteste Auseinandersetzung war die Wiener Austernschlacht von 1889. Am 26. Oktober 1889 wurden Angehörige der KÖStV Austria Wien und der Norica an der Universität Wien von 600 bis 800 national-freiheitlich gesinnten Studenten zusammengeschlagen. Der Name bezieht sich auf die als „Wiener Austern“ bezeichneten Angehörigen der Austria; die Bezeichnung wurde damals auch für Schnecken in der Gastronomie verwendet. Eine geplante Gedenkveranstaltung des ÖCV an der Universität Wien löste noch 2009 Irritationen aus.
Ein Schwerpunkt der Konflikte lag in Graz. Im Februar 1906 starb der Grazer Caroline Anton Geser an den Folgen eines Überfalls, dessen Umstände nie geklärt wurden. Die Wahrmund-Affäre von 1908 führte unter anderem zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in ganz Österreich und zu einer öffentlichen Kontroverse. In Innsbruck wurde die Beerdigung von Max Ghezze, Medizinstudent und Mitglied der Raeto-Bavaria, der 1912 an den Folgen einer Schlägerei gestorben war, zu einer Demonstration mit tausenden Teilnehmern.
Beim Grazer Bauernsturm am 16. Mai 1908 wollten freiheitliche Studenten eine Promotion in Couleur eines Funktionärs des Bauernvereins verhindern. Am 14. Mai 1931 versuchten Mitglieder der KATV Norica in Graz, ihre Gründung beim Rektorat der Universität Graz anzuzeigen, um als Hochschulverbindung zugelassen zu werden. Schlagende Verbindungen blockierten die Eingänge. Katholische Verbindungen durchbrachen die Blockade, worauf weitere Auseinandersetzungen folgten; erst Sicherheitsbehörden stellten die Ordnung wieder her.