Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Aghori
Aghori (Sanskrit: अघोर, aghorī, von aghora wörtlich „nicht [a-] fürchterlich [ghora]“) sind eine tausend Jahre alte religiöse Gemeinschaft des …
Inhalt3 Abschnitte
Aghori: Gemeinschaft und Grundidee
Aghori sind eine etwa tausend Jahre alte religiöse Gemeinschaft des shivaitisch-tantrischen Hinduismus in Indien. Sie werden dem „Pfad zur linken Hand“ zugerechnet und fallen vor allem durch die bewusste Ablehnung traditioneller und sozialer Konventionen der hinduistischen Gesellschaft auf.
Die Aghorī der Kina-Rama-Linie erklären den Begriff „a-ghor“ („nicht-fürchterlich“) nicht als Bezeichnung einer bestimmten Gruppe oder Religion. Er stehe für einen nicht-dualen spirituellen Zustand: frei von Hass, Angst und Ablehnung gegenüber Menschen, Lebewesen und Dingen. Nicht-Dualität bedeutet hier, Gegensätze wie rein und unrein oder anziehend und abstoßend nicht als endgültige Trennung zu behandeln. Der ideale Aghori wird mit der Sonne verglichen: Sie erhellt alles ohne Vorurteil, wird aber durch nichts beschmutzt, das sie berührt.
Wichtig ist die konsequente Annahme von Vergänglichkeit und Tod. Die Praxis soll helfen, Anhaftung an Vorstellungen, Normen und Bewertungen zu überwinden.
Lebensweise und Praktiken
Als Stifter der heute meistverbreiteten Linie gilt wahrscheinlich Kina Rama aus dem 18. Jahrhundert. Die Linie versteht sich jedoch als Nachfolge-Organisation der Kapalikas. Diese tantrische Sekte lebte vom 7. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. in Nordindien; in Berichten über sie finden sich die frühesten historischen Zeugnisse ähnlicher Traditionen. Der Name Kāpālika leitet sich von kapālin, „Schädelträger“, ab.
Aghoris sind für besonders strenge Askese bekannt. Ihre Zahl wird auf ungefähr eintausend geschätzt. Ein großer Teil lebt in Varanasi, wo sich mit dem Grab Kina Ramas ihr wichtigstes Zentrum befindet. Sie leben an Verbrennungsplätzen und verwenden einen Totenschädel als Bettelschale. Dieser soll sie ständig an die Vergänglichkeit erinnern. Teilweise verhalten sie sich in Sprache und Benehmen absichtlich „verrückt“; dies wird als Ausdruck der Loslösung von Konzepten und gesellschaftlichen Normen gedeutet.
Ein großer Teil der Praktiken bleibt geheim. Es wird berichtet, sie würden vereinzelt Leichenteile und Exkremente für Rituale essen sowie Speisen auf Resten von Leichenholz kochen; der Artikel kennzeichnet dies ausdrücklich als Gerücht. Was im Hinduismus als unrein gilt, soll ihnen zur inneren Reinigung dienen. Genannt werden außerdem rohes Fleisch, Alkohol und das Einreiben des Körpers mit der Asche verbrannter Leichen.
Kontroverse, gesellschaftliche Wahrnehmung und Einflüsse
Die Aghori vertreten eine nicht-duale, monistische Philosophie. Monismus bezeichnet die Auffassung, dass allem letztlich ein einheitliches Grundprinzip zugrunde liegt. Für die Aghori sind alle erscheinenden Phänomene gleichwertige Ausdrucksformen des zentralen Gottes beziehungsweise eines grundsätzlich reinen Bewusstseins. Damit stehen sie den dualistisch geprägten Reinheitsgeboten großer hinduistischer Strömungen und anderer Weltreligionen entgegen.
Deshalb wurden Aghori und verwandte Traditionen stark angefeindet. Bhattacharya nannte sie 1896 in „Hindu Castes and Sects“ „die Pest der Gesellschaft“ und schrieb ihren Lehren erhebliche „Boshaftigkeit“ zu. Ob solche Zuschreibungen auf tatsächlichen Ereignissen oder auf Vorstellungen ihrer Kritiker beruhen, ist umstritten. Svoboda zufolge kann das abschreckende Auftreten den Aghori auch nützen: Mit Asche bedeckte nackte Haut und Obszönitäten halten Neugierige fern und ermöglichen ungestörte spirituelle Praxis. Ron Barretts anthropologischer Bericht von 2008 hebt dagegen den großen Respekt hervor, den Aghori bei ärmeren Menschen in Varanasi genießen, weil sie sich um schwerkranke verarmte Menschen kümmern, die vom medizinischen und gesellschaftlichen System nicht erreicht werden.
Ein geschätzter Text der Kina-Rama-Linie ist Tripurā Rahasya („Das Mysterium jenseits der Dreifaltigkeit“). Er lehrt advaita, also Nicht-Dualität, durch die Verehrung von Shakti, der weiblichen Urkraft. Die Göttin erklärt darin, ihre innigsten Anhänger nähmen sie als inneres Selbst und als reinen vitalen Lebensstrom wahr, der Körper, Sinne und Geist durchströmt. In frühen tantrischen Werken bezeichnet „Aghorī“ bereits die allgegenwärtige Göttin. Im Brahmayāmala/Picumata aus dem 7./8. Jahrhundert erscheint Aghorī als höchste Göttin und ist mit Ritualen auf Leichenverbrennungsplätzen verbunden.
Auch buddhistisch-tantrische Einflüsse werden genannt: Ein Beschützer namens Aghora gilt bei dem Mahasiddha Pha Dampa Sanggye als Schützer einer Linie. Seine Shiche-Lehre der „Friedensstifter“ beeinflusste Macig Labdrön. Deren Praxis Cö, das „Abschneiden“ der Ego-Anhaftung, wird seit dem 12. Jahrhundert ebenfalls häufig auf Verbrennungsplätzen geübt. Frühere Vorläufer sind maraṇasati, die „Vergegenwärtigung des Todes“, im Pali-Kanon, etwa im Satipaṭṭhāna Sutta. Die Erinnerung an den jederzeit möglichen Tod soll dazu führen, Zeitverschwendung durch vergängliche Konflikte und Begierden aufzugeben und sich dem spirituellen Pfad zu widmen.