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Able Archer 83
Am 22. Oktober 1983 demonstrierten 1,3 Millionen Menschen auf einem bundesweiten Aktionstag gegen den NATO-Doppelbeschluss und für Frieden und Abrüstung im …
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Überblick
Able Archer 83 war eine geheime, europaweite NATO-Kommandostabsübung vom 7. bis 11. November 1983. Sie simulierte unter besonders realistischen Bedingungen einen Atomkrieg, vor allem auf der Kommando- und Kommunikationsebene der europäischen NATO-Staaten. Ihre Bedeutung liegt darin, dass die sowjetische Führung beziehungsweise Teile des KGB und des Warschauer Pakts die Übung möglicherweise als Vorbereitung eines tatsächlichen westlichen Nuklearschlags deuteten.
Hoher Realitätsgrad, strenge Geheimhaltung und die damals angespannten Beziehungen zwischen USA und Sowjetunion verstärkten diesen Verdacht. 2013 veröffentlichte Protokolle von Politbürositzungen bestätigten ihn jedoch nicht. Als möglicher Grund wird genannt, dass der KGB widersprüchliche Informationen aus Kontakten zu Doppelagenten nicht direkt an das Politbüro weitergab.
Verschärfung des Kalten Krieges
Seit 1979 verschärften mehrere Entwicklungen den Kalten Krieg: die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen im Westteil der UdSSR, die nukleare Nachrüstung der NATO im NATO-Doppelbeschluss und der Sowjetisch-Afghanische Krieg. Beide Supermächte rechneten zunehmend mit einem nuklearen Erstschlag der Gegenseite.
Ab Februar 1981 führte die NATO unter US-Führung Maßnahmen der psychologischen Kriegsführung durch. NATO-Flottenverbände waren verstärkt im Nordatlantik, in der Ostsee und im Schwarzen Meer unterwegs. US-Bomber näherten sich wiederholt dem sowjetischen Luftraum sehr stark, um die Einsatzbereitschaft der NATO zu demonstrieren und die sowjetische Luftabwehr zu testen.
Die Sowjetunion reagierte im Mai 1981 mit der im Westen so genannten Operation RJaN. Der KGB ging davon aus, dass die NATO einen atomaren Erstschlag vorbereite, und setzte eine große Spionageoperation ein. Agenten sollten herausfinden, wie ein westlicher Angriff geplant sei und wann er stattfinden könnte.
1983 nahm die Anspannung weiter zu. Ronald Reagan bezeichnete die Sowjetunion am 8. März als „Reich des Bösen“ und kündigte am 23. März das Raketenabwehrprogramm SDI an. Die Sowjetunion sah darin einen Versuch, das Rüstungsgleichgewicht zu verändern. Im September 1983 nannte das BMVg 351 einsatzbereite sowjetische SS-20-Raketen mit höchstens 1053 nuklearen Gefechtsköpfen. Die Pershing-II-Raketen wurden gemäß NATO-Doppelbeschluss ab Dezember 1983 ausschließlich in der Bundesrepublik Deutschland stationiert.
Unmittelbares Vorfeld
Mehrere Ereignisse kurz vor dem Manöver erhöhten die Krisenstimmung. Am 1. September 1983 schossen sowjetische Abfangjäger den Korean-Air-Lines-Flug 007 ab. Das US-Heeresmanöver REFORGER FTX – Confident Enterprise (Autumn Forge 83) fand vom 19. bis 30. September mit rund 65.000 Soldaten statt; große Truppenverbände wurden dafür wie üblich aus den USA eingeflogen.
In der Nacht zum 26. September meldete das sowjetische Raketenfrühwarnsystem fälschlich fünf von den USA gestartete Interkontinentalraketen. Oberstleutnant Stanislaw Petrow verhinderte durch sein besonnenes Handeln einen nuklearen Gegenschlag.
Am 22. Oktober demonstrierten 1,3 Millionen Menschen in der Bundesrepublik gegen den NATO-Doppelbeschluss sowie für Frieden und Abrüstung. Am 23. Oktober wurden bei einem Anschlag auf einen US-Stützpunkt in Beirut 241 US-Soldaten und 58 französische Fallschirmjäger getötet; daraufhin wurden US-Militärstützpunkte weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Am 25. Oktober begann die US-Invasion in Grenada unter dem Namen Operation Urgent Fury.
Ablauf und sowjetische Alarmierung
Able Archer 83 begann am 7. November nach dem REFORGER-Großmanöver. Der KGB hatte vermutlich bereits Anfang 1983 Hinweise auf die Vorbereitung bemerkt. Im Februar ließ die Moskauer Zentrale NATO-Entscheidungsträger und Bedienungspersonal von Waffensystemen überwachen. Im Oktober registrierte die UdSSR mehr verschlüsselte Kommunikation zwischen Großbritannien und den USA. Diese hing zwar mit der Invasion in Grenada zusammen, passte aber in die sowjetische Erwartung eines bevorstehenden Atomschlags.
Neu gegenüber früheren Übungen waren das simulierte Durchspielen der US-Alarmzustände DEFCON 5 bis 1 sowie der erstmalige umfangreiche Einsatz neuer Funkverschlüsselungsmethoden. DEFCON 1 bedeutete maximale Einsatzbereitschaft, bei der alle verfügbaren Truppen eingesetzt werden.
Am 8. oder 9. November wies der KGB seine Residenten weltweit an, alle erreichbaren Quellen für Hinweise auf einen drohenden Nuklearangriff zu nutzen. Der Spion Rainer Rupp („Topas“) berichtete dagegen, nichts habe auf einen bevorstehenden NATO-Angriff hingedeutet. KGB-Vorsitzender Wladimir Krjutschkow blieb dennoch überzeugt, die USA planten konkret einen Atomschlag.
Der Warschauer Pakt versetzte Truppen in der DDR und im Baltikum in Alarmzustand. Grundlage war die sowjetische Militärdoktrin, die für einen NATO-Atomangriff mit einer siebentägigen Vorbereitungszeit rechnete. Ob auch ein sowjetischer Nuklearschlag vorbereitet wurde, ist in der Forschung umstritten. CIA-Informationen betrafen unter anderem die Alarmierung atomar bestückbarer Bomberverbände in der Tschechoslowakei, Polen und der DDR. Oleg Gordijewski lieferte der NATO wichtige Informationen. Die NATO spielte die Übung daraufhin nicht vollständig durch; auch die geplante Beteiligung Reagans und anderer Regierungsmitglieder in Kommandobunkern wurde abgebrochen. Als das Manöver am 11. November endete, hob die UdSSR ihre Kriegsvorbereitungen auf.
Bewertung und spätere Darstellung
Öffentlich bekannt wurden die Vorgänge ab 1988 durch Oleg Gordijewski. Die Sowjetunion bestätigte nie offiziell, dass Able Archer 83 militärische Reaktionen ausgelöst habe oder überhaupt wahrgenommen worden sei. Sergei Achromejew erinnerte sich an keinen Alarm wegen der Übung. Auch Michail Gorbatschow erklärte, das Politbüro habe die Angelegenheit damals nicht erörtert.
Einige politische Kommentatoren vermuten, die Krise habe Reagan zu einer späteren Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR bewegt. Reagan schrieb in seinen Memoiren, ihm sei dadurch bewusst geworden, wie stark die sowjetische Führung einen US-amerikanischen Atomerstschlag fürchtete.
Die Bewertung der Gefahr bleibt strittig. Mark Kramer fand in Politbüroprotokollen von 1983 und Anfang 1984 keine Hinweise auf eine akute Bedrohung. Nate Jones hielt dagegen, dass nicht alle Protokolle zugänglich seien und Debatten möglicherweise nicht im Politbüro stattgefunden hätten. Simon Miles bewertete dieses Szenario als sehr unwahrscheinlich. Im Februar 2021 veröffentlichte US-Dokumente berichteten über nuklear bestückte sowjetische Bomberstaffeln in der DDR und den Stopp aller Routineflüge im November 1983; nach Miles reichen diese US-Dokumente allein jedoch nicht als Beleg aus, weil Quellen aus dem Warschauer Pakt die These nicht stützten.
2013 und 2021 gaben die USA und Großbritannien mehrere Dokumente frei, die seitdem wissenschaftlich und journalistisch untersucht werden. Die fiktive Serie Deutschland 83 griff das Manöver 2015 auf; auch TV-Dokumentationen und Doku-Dramen behandelten die Krise.