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Anthropozän
Satellitenaufnahmen der Erde geben anhand der sichtbar gemachten Lichtverschmutzung einen Eindruck der Größenordnung anthropogener Umweltbeeinflussung …
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Bedeutung und geologischer Status
Das Anthropozän bezeichnet den Vorschlag für eine neue geochronologische Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse der Erde geworden ist. Der Begriff wird außerdem metaphorisch verwendet: als Bezeichnung für eine durch Menschen stark überformte Erde.
Paul Crutzen und Eugene F. Stoermer brachten den Begriff 2000 in die wissenschaftliche Diskussion ein. Crutzen beschrieb ihn 2002 als „Geologie der Menschheit“. Als Gründe für einen möglichen Übergang vom Holozän, der bisherigen zwischeneiszeitlichen Epoche mit vergleichsweise stabilem Klima, wurden unter anderem steigende Treibhausgasproduktion, großräumige Landschaftsveränderungen, Meeresversauerung und die Zerstörung von Biota genannt. Biota sind die Gesamtheit der Lebewesen eines Gebietes.
Eine Arbeitsgruppe zum Anthropozän befürwortete 2016 grundsätzlich eine neue Epoche und reichte 2023 einen Vorschlag ein. Die International Commission on Stratigraphy (ICS) lehnte ihn am 6. März 2024 ab. Der vorgeschlagene Startpunkt erfasse den gesamten menschlichen Einfluss auf die Erde nicht angemessen. Deshalb ist Anthropozän nach dieser Entscheidung keine formale geochronologische Einheit, sondern ein metaphorisches Schlagwort.
Vorgeschlagene Anfangsdaten
Für den Beginn des Anthropozäns wurden verschiedene Zeitpunkte vorgeschlagen. Ein Vorschlag von 2008 setzte ihn auf das Jahr 1800, den Beginn der Industrialisierung. Eisbohrkerne zeigen seitdem steigende Konzentrationen von Methan und CO₂.
Die Anthropocene Working Group bevorzugte mehrheitlich das Jahr 1950. Als Begründung gelten globale und langfristig nachweisbare Spuren der Mitte des 20. Jahrhunderts: oberirdische Atomwaffentests, die „große Beschleunigung“ von Wirtschaft, Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum, der stark zunehmende Einsatz von Erdöl, Kohle und Kunstdünger sowie Flugasche, Aluminium, Beton und Kunststoffe in Sedimenten. Der Vorschlag von Juli 2023 nutzte radioaktive Niederschläge aus Atomwaffentests als erstes menschengemachtes Phänomen mit globalen Überresten. Als Referenz war ein Sedimentbohrkern aus dem Lake Crawford in Kanada vorgesehen. Auch die erste Kernwaffen-Testzündung am 16. Juli 1945 in Alamogordo, New Mexico, wurde als möglicher Beginn genannt.
Andere Forschende schlugen 2015 das Jahr 1610 vor. Nach ihrer Deutung führten eingeschleppte Krankheiten und das Massensterben indigener Bevölkerungen in Amerika dazu, dass zuvor genutzte Felder wieder bewuchsen und dadurch mehr CO₂ gebunden wurde. Gleichzeitig begann ein außergewöhnlich umfangreicher Austausch von Tier- und Pflanzenarten zwischen zuvor weitgehend isolierten Kontinenten. Die unterschiedlichen Vorschläge zeigen, dass ein weltweit eindeutig bestimmbarer Beginn umstritten ist.
Klimawandel und Veränderungen von Land und Meeren
Nach dem fünften Sachstandsbericht des IPCC von 2013/14 ist es extrem wahrscheinlich, dass mehr als 50 % der beobachteten Erwärmung durch Menschen verursacht wurden. Für 1951 bis 2010 wird der menschliche Einfluss mindestens etwa so groß wie die gesamte beobachtete Erwärmung eingeschätzt. Das Fourth National Climate Assessment der USA beziffert ihn für diesen Zeitraum auf 92–123 %. Werte über 100 % bedeuten, dass menschliche Einflüsse zugleich einer natürlichen Abkühlung entgegenwirkten. Natürliche Faktoren hatten in diesem Zeitraum nur geringen Einfluss.
Als mögliche frühe menschliche Klimawirkung nennt die Ruddiman-Hypothese die vor 7.000 beziehungsweise 5.000 Jahren einsetzende leichte Zunahme von CO₂ und Methan durch Landwirtschaft. Sie könnte eine leichte Erwärmung ausgelöst und die nächste Eiszeit verhindert oder deutlich verzögert haben. Der IGBP-Klimawandelindex verbindet CO₂-Gehalt, mittlere Temperatur, Meeresspiegel und Meereisbedeckung in einer stark ansteigenden Kurve.
Folgen auf dem Festland sind unter anderem das Abschmelzen von Polkappen und Gletschern, Bodendegradation und der Rückgang von Permafrost. Von 1993 bis 2014 stieg der Meeresspiegel um 3,2 mm pro Jahr; das waren 50 % mehr als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.
Die Ozeane nahmen über 90 % der zusätzlichen Wärmeenergie auf. Ihre Erwärmung dehnt das Wasser aus und trägt dadurch wesentlich zum Meeresspiegelanstieg bei. Mehr CO₂ in der Atmosphäre hängt außerdem mit der Versauerung der Meere zusammen. Die Erwärmung verursacht Korallenbleiche, etwa am Great Barrier Reef. Seit 1960 sank der Sauerstoffgehalt der Meere weltweit laut Forschenden um etwa 2 %. Süßwasserzufuhr in der Antarktis verändert zudem die thermohaline Zirkulation, also die durch Temperatur- und Salzgehaltsunterschiede angetriebene Meereszirkulation, und damit globale Meeresströmungen. Steigender Meeresspiegel und Extremwetter beschleunigen Küstenerosion; eine Studie von 2025 nannte für Alexandria mehr als 7.000 im Jahr 2025 einsturzgefährdete Gebäude infolge veränderten Grundwassers und salzhaltigen Wassers an Fundamenten.
Weitere menschliche Eingriffe in Ökosysteme und Ressourcen
Der menschliche Einfluss lässt sich durch Satelliten und verbesserte Mess- und Auswertungsmethoden genauer dokumentieren. Erdbeobachtungssatelliten werden etwa für Meteorologie, Umweltbeobachtung, Kartierung und Geologie eingesetzt.
Beim Artensterben waren laut IUCN 2007 rund 12 % der Vogelarten, 20 % der Säugetiere, 29 % der Amphibien und 33 % der Nacktsamer bedroht. Der WWF-Living-Planet-Index meldete zwischen 1970 und 2005 einen Rückgang der Artenvielfalt um 27 %. Europäische Brutvogelarten der Agrarlandschaft nahmen von 1980 bis 2009 um fast 50 % ab. Die IUCN schätzt die heutige Aussterberate auf das 1.000- bis 10.000-Fache der natürlichen Hintergrundaussterberate. Anders als frühere Massenaussterben wird das gegenwärtige Artensterben dem Menschen zugeschrieben.
Warentransport, Tourismus und Verkehr verschleppen Arten in neue Lebensräume. Fehlen dort natürliche Fressfeinde, können robuste Arten einheimische Arten verdrängen. Beispiele sind chinesische Wollhandkrabbe und Riesen-Bärenklau in Europa, Katze und Aga-Kröte in Australien sowie die Hausratte weltweit. Flugreisen beschleunigen auch die weltweite Ausbreitung von Krankheitserregern; AIDS seit etwa 1980 und COVID-19 bis 2023 werden als Beispiele genannt. Zoonosen sind Übertragungen von Tieren auf Menschen und können durch Tierhaltung, den Umgang mit exotischen Tieren sowie veränderte Ökosysteme begünstigt werden.
Auch Gesteine und Minerale tragen menschliche Spuren. 2017 wurden 208 von offiziell 5.208 bekannten Mineralen menschlichem Schaffen, vor allem dem Bergbau, zugeschrieben. Aus Abfällen können beispielsweise Meerglas und Plastiglomerat entstehen. Plastiglomerat ist ein Gemisch aus Kunststoff, Sedimentkörnern und organischen Stoffen und kann in Sedimentschichten als Hinweis auf menschlichen Einfluss dienen.
Naturflächen werden für Landwirtschaft in Kulturflächen umgewandelt, etwa durch Rodung, Trockenlegung, Be- und Entwässerung oder Landgewinnung. Tagebau bewegt große Bodenmengen und schafft Gruben, Halden und Baggerseen. Verkehrswege, Bauwerke und Bodenversiegelung prägen die Technosphäre, also die Gesamtheit menschengemachter Strukturen. Der Welterschöpfungstag soll zeigen, wann die Menschheit die rechnerisch für ein Jahr verfügbaren Ressourcen verbraucht hat: 1987 lag er am 19. Dezember, 2014 am 18. August und 2016 am 8. August. Weitere Beispiele begrenzter oder übernutzter Ressourcen sind Peak Oil, Peak Phosphor, Sand und Fischbestände. Laut FAO waren 2012 nahezu 30 % der Fischbestände überfischt und ungefähr 60 % an der Ausbeutungsgrenze; 2022 wurden erstmals mehr Fische und Meerestiere in Aquakulturen gezüchtet als wild gefangen.
Verschmutzung und Kritik am Konzept
Umweltverschmutzung ist ein deutliches Signal menschlicher Einwirkung. Lichtverschmutzung betrifft durchschnittlich etwa 80 % der Weltbevölkerung, in Europa und den USA 99 %, und beeinflusst Pflanzen- und Tierwelt. Luftverschmutzung kann landwirtschaftliche Erträge senken: In Indien werden etwa 90 % des Ertragsrückgangs bei Weizen der direkten Wirkung kurzlebiger Schadstoffe wie Ruß und Ozon zugeschrieben.
Menschliche Treibhausgase verstärken den Treibhauseffekt. Die globale CO₂-Konzentration überschritt im März 2015 erstmals 400 ppm; ppm bedeutet Teilchen pro Million. Methan wirkt 25-mal stärker als CO₂ und trägt mit rund 20 % zum anthropogenen Treibhauseffekt bei. Sein Anstieg lag zwischen 2000 und 2006 bei etwa 0,5 Teilchen pro Milliarde jährlich und danach bei mehr als dem Zehnfachen. Das Treibhauspotenzial von Lachgas (Distickstoffmonoxid, N₂O) ist 298-mal größer als das von CO₂. FCKW und FKW können Teile der stratosphärischen Ozonschicht zerstören; über der Antarktis entsteht jährlich ein Ozonloch. Radioaktive Niederschläge von Kernwaffentests seit Juli 1945 hinterließen weltweit Radionuklide, die zuvor nicht auf der Erde existiert hatten. Kunststoff und Mikroplastik sammeln sich besonders in großen Meereswirbeln; Mikroplastik wurde auch in Organismen aus Tiefseegräben gefunden.
Kritik aus Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften richtet sich dagegen, dass „die Menschheit“ als einheitliche Ursache dargestellt werde. Umweltwirkungen und Macht sind jedoch sehr ungleich verteilt: Der Treibhausgasausstoß einzelner Menschen kann je nach Geburtsort um den Faktor 1.000 oder mehr variieren. Technische Eingriffe seien häufig durch wohlhabende weiße Männer im globalen Norden oder dortige Regierungen angestoßen worden, nicht durch demokratische Entscheidungen der gesamten Menschheit. Der Begriff könne daher Unterschiede etwa von Macht, Extraktivismus, imperialer Lebensweise und Geschlechterungleichheit verdecken. Als Gegenbegriffe oder Alternativen werden unter anderem Phallozän und eine neue Humanökologie genannt.
Erdwissenschaftlich wird kritisiert, dass es keinen scharf und weltweit gleich definierbaren Anfang gebe. Menschen griffen auf verschiedenen Kontinenten zu verschiedenen Zeiten massiv in den Naturhaushalt ein; seit dem Ende der letzten Eiszeit nahmen die Eingriffe zudem schrittweise zu. Eine formale geologische Epoche benötigt jedoch einen GSSP beziehungsweise Golden Spike, also einen weltweit festgelegten Referenzpunkt in einer Gesteins- oder Sedimentschicht. Die Deutsche Stratigraphische Kommission hielt eine formale Einordnung für wenig sinnvoll und schlug vor, das Anthropozän eher im Feld der Geoethik als in stratigraphischen Tabellen zu behandeln.