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1. Sinfonie (Mahler)
Zur Musik · 1. Satz: Langsam. Schleppend. Wie ein Naturlaut – Im Anfang sehr gemächlich · 2. Satz: Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell · 3. Satz: Feierlich und …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Entstehung
Gustav Mahlers 1. Sinfonie in D-Dur ist ein viersätziges Orchesterwerk. Den zeitweiligen Beinamen „Titan“ zog Mahler später zurück. Sie entstand von Januar bis März 1888 in Leipzig; Vorarbeiten reichen bis 1884 zurück. Anregungen erhielt Mahler aus seinem Liederzyklus Lieder eines fahrenden Gesellen von 1885.
Mahler schwankte zunächst zwischen einer sinfonischen Dichtung und einer Sinfonie. Eine ursprünglich geplante Zweiteilung und der zusätzliche, zunächst zweite Satz Blumine entfielen. 1889 erklang das Werk in Budapest noch als Sinfonische Dichtung in zwei Teilen. Erst die Drucklegung von 1899 legte die heute bekannte viersätzige Form fest. Programmatische Titel und ein ausführliches Programm gab Mahler später auf, weil sie das Publikum nach seiner Erfahrung auf falsche Wege führten.
Besetzung und erster Satz
Das Orchester umfasst unter anderem 4 Flöten, 4 Oboen, 4 Klarinetten, 3 Fagotte, 7 Hörner, 5 Trompeten, 4 Posaunen, Basstuba, Pauken mit zwei Spielern, Perkussion, Harfe und Streicher.
Der erste Satz ist ein stark variierter Sonatenhauptsatz, also eine Form mit Vorstellung, Verarbeitung und Wiederkehr musikalischer Gedanken. Seine über 60 Takte lange Einleitung beruht auf einem Orgelpunkt, einem liegen bleibenden Ton, auf A in sieben Oktaven. Fragmenthafte „Naturlaute“ erscheinen; die abfallende Quarte wird zum Urmotiv des ganzen Werkes. Die Exposition entwickelt nur ein Thema: Mahler übernimmt es aus Ging heut morgen übers Feld. Die Durchführung verarbeitet vor allem Einleitungsmotive. Nach einer verkürzten Reprise endet der Satz in einer jubelnden Coda; zugleich wird das Hauptthema des Finales vorbereitet.
Ländler und Trauermarsch
Der zweite Satz ist ein kräftiger, klar gebauter Ländler, ein österreichischer Volkstanz. Er beginnt mit der fallenden Quarte in den tiefen Streichern. Sein Thema greift Elemente des Hauptthemas des ersten Satzes auf. Das lyrische Trio kontrastiert mit dem derben Ländler: Auf ein Hornmotiv folgen eine Streichermelodie und ein kantabler, also gesanglicher, Walzer der Celli. Zum Schluss kehrt der Ländler kürzer und stärker instrumentiert wieder.
Der dritte Satz in d-Moll verwandelt den Volkslied-Kanon „Frère Jacques“ in einen Trauermarsch; verwendet wird die in Teilen Österreichs gesungene Mollvariante. Die Musik wirkt zunächst wie ein langsam heranziehender Zug, zugleich aber grotesk und ironisch. Klezmerartige Motive aus der jüdischen Musikwelt bilden einen plötzlichen Kontrast im ersten Trio. Das zweite Trio zitiert die „Lindenbaum“-Passage aus Die zwei blauen Augen von meinem Schatz. Danach kehrt der Trauermarsch abrupt in es-Moll zurück und verklingt im unheimlichen Pizzicato, also gezupften Spiel, der Bässe im pianissimo.
Finale und musikalischer Stellenwert
Auch das Finale folgt stark verändert der Sonatenhauptsatzform. Es beginnt äußerst hektisch und dynamisch mit einem wilden Orchestermotiv. Daraus entsteht das im ersten Satz vorbereitete Haupt- oder Heldenthema in f-Moll. Ein inniges zweites Thema in Des-Dur beruhigt den Satz. In der Durchführung wird das Hauptthema fragmenthaft verarbeitet und zunächst leise nach Dur gewendet. Nach mehreren Steigerungen erklingt es jubelnd in C-Dur; seine choralartige Erweiterung erscheint vollständig. Schließlich führt ein lange errungener Durchbruch nach D-Dur zur Apotheose, dem feierlichen Höhepunkt: Blechbläser spielen einen Choral, und ein hymnenartiges Tutti beendet die Sinfonie. Hornisten spielen das Schlussthema in vielen Aufführungen stehend.
Die Sinfonie zeigt bereits typische Merkmale von Mahlers Musik: volkstümliche Melodien, ironische Verfremdung, collageartige Motivschichten, schroffe Themenverarbeitung und starke Gegensätze. Das auf eine erlösende Schlussapotheose ausgerichtete Finale wurde für spätere Sinfonien wichtig. Paul Bekker formulierte 1921: „Alle Sinfonien Mahlers sind Finalsinfonien“. Zugleich steht das Werk durch seine klassische Viersätzigkeit und die für Mahler vergleichsweise moderate Besetzung noch nahe bei Beethoven sowie Brahms/Bruckner. Eine spätere, weitergehende Erweiterung von Chromatik und Tonalität ist hier kaum vorhanden.
Aufführungen und Wirkung
Die erste Aufführung leitete Mahler am 20. November 1889 in Budapest, wo er Direktor der Königlich-Ungarischen Oper war. Die Reaktionen reichten von Begeisterung bis zu Entrüstung und Häme. Karl Kraus berichtete von einer „heftige[n] Schlacht“ zwischen „Mahlerfreunde[n] und Mahlerhasser[n]“. Das Neue Pester Journal sprach Mahler die Fähigkeit zum Sinfoniker ab; Pesti Hírlap lobte die ersten drei Sätze und kritisierte das Finale.
Die Uraufführung in der endgültigen Form als reine Sinfonie fand am 16. März 1896 in Berlin statt. Eduard Hanslick kritisierte besonders das „Schreckensfinale“, bezeugte jedoch auch enthusiastischen Beifall vor allem junger Zuhörer. Heute wird die 1. Sinfonie häufig gespielt. Innerhalb von Mahlers Sinfonien gilt sie als eines der klassisch-romantischsten Werke und als Vorläufer seiner bedeutenderen späteren Sinfonien.