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Überflusswirtschaft

Als Überflusswirtschaft (engl. Post-scarcity) bezeichnet man einen Wirtschaftszustand, in dem die meisten Güter mit minimalem menschlichen Aufwand in fast …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Voraussetzungen
  2. 2. Technische Modelle der Produktion
  3. 3. Grenzen und Rohstoffversorgung
  4. 4. Marxistische und anarchistische Vorstellungen

Begriff und Voraussetzungen

Eine Überflusswirtschaft (englisch: Post-scarcity) ist ein Wirtschaftszustand, in dem die meisten Güter mit minimalem menschlichem Aufwand in fast unendlichem Angebot bereitgestellt werden können. Dann kann jede Nachfrage befriedigt werden. Der sonst zentrale Konflikt zwischen unbegrenzten Bedürfnissen der Wirtschaftssubjekte und begrenzt verfügbaren Ressourcen prägt die Wirtschaft nicht mehr.

Vollständige Knappheitsfreiheit ist dafür nicht erforderlich. Es kann weiterhin bedingte Knappheit geben, solange alle Mitglieder der Gesellschaft ihre Grundbedürfnisse ohne großen Aufwand erfüllen und außerdem einen erheblichen Teil ihrer Wünsche nach Waren und Dienstleistungen verwirklichen können.

Voraussetzung wäre eine unbegrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen oder eine unbegrenzt mögliche Umwandlung von Ressourcen, etwa durch Replikatoren. Das könnte Ressourcen näherungsweise unbegrenzt verfügbar machen. Da dieser grundlegende Faktor bisher nicht gegeben ist, gilt die Überflusswirtschaft als Utopie. Einen ideologischen Gegensatz bildet die Stationäre Wirtschaft.

Technische Modelle der Produktion

Zukunftsforscher verstehen unter „post-scarcity“ beziehungsweise Postknappheit häufig Volkswirtschaften, in denen automatische Manufaktur alle Waren im Überfluss herstellen könnte. Als Mittel werden autonome mobile Roboter genannt. Dies wäre jedoch nur möglich, wenn genügend Rohstoffe und Energie vorhanden sind.

Auch spekulative Nanotechnik wie molekulare Assembler oder Nanofabriken könnte Waren anhand entsprechender Anweisungen im Überfluss produzieren, wiederum nur bei ausreichenden Rohstoffen und Energie. Für die nähere Zukunft wird außerdem vermutet, dass die Automatisierung körperlicher Arbeit durch Industrieroboter zu einer Überflusswirtschaft führen könnte.

Ein weiteres Modell beruht auf vielseitigem Rapid Prototyping und hypothetischen autoreplikativen 3D-Druckern wie RepRap. Autoreplikativ bedeutet, dass eine Maschine weitere Maschinen ihrer Art herstellen kann. Adrian Bowyer, Erfinder des RepRap, behauptet: Der Verkaufspreis solcher Maschinen werde langfristig die Preisuntergrenze nicht überschreiten. Denn jeder Käufer könne unendlich viele weitere Maschinen auf den Markt bringen; dadurch werde der Preis auf ein Minimum gedrückt. Entsprechendes gelte für Produkte, die mit diesen Maschinen hergestellt werden können.

Grenzen und Rohstoffversorgung

Auch bei voll automatisierter Produktion bliebe die Warenmenge durch begrenzte Rohstoffe und Energie sowie durch Industrieauswirkungen auf die Umwelt eingeschränkt. Befürworter technologischen Überflusses setzen deshalb auf stärkere Nutzung erneuerbarer Energien und mehr Recycling. Damit sollen Energie- und Rohstoffengpässe vermieden und Umweltschäden möglichst gering gehalten werden.

Solarenergie wird dabei als zunehmend wichtig dargestellt, weil die Kosten für Solarzellen sinken und künftig weiter sinken könnten, besonders wenn autoreplikative Maschinen sie herstellen würden. Diskutiert werden zudem Rohstoffe aus dem All: Asteroidenbergbau könnte einer Knappheit von Metallen wie Nickel entgegenwirken. Anfangs wäre dafür möglicherweise menschliche Arbeit nötig; später könnten autoreplikative Maschinen den Abbau übernehmen. Der Investitionsaufwand würde sich dann auf eine solche Maschine begrenzen, während die Zahl möglicher Kopien nur von den benötigten Rohstoffen abhinge.

Marxistische und anarchistische Vorstellungen

Karl Marx erwartete im später „Maschinenfragment“ genannten Abschnitt seiner Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, dass eine postkapitalistische Gesellschaft mit zunehmender Automatisierung viel weniger Arbeitskraft zur Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse benötigen würde. Schließlich höre „die Surplusarbeit der Masse“ auf, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein (Grundrisse VI, S. 601). Surplusarbeit bezeichnet hier Mehrarbeit, also Arbeit über die notwendige Arbeit hinaus. Die frei werdende Zeit sollte Wissenschaft, Kunst und kreativen Tätigkeiten dienen.

Marx stellt dem Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft, der auf der Ausbeutung fremder Mehrarbeit und Akkumulation beruhe, eine postkapitalistische Gesellschaft gegenüber, in der „die freie Entwicklung der Individualitäten“ möglich werde. Notwendig sei die „Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum“; die dadurch frei gewordene Zeit und die geschaffenen Mittel sollten der künstlerischen, wissenschaftlichen und anderen Ausbildung der Individuen entsprechen. In seiner Vorstellung einer kommunistischen Gesellschaft führe der durch Automatisierung erzeugte Reichtum zur freien Distribution von Gütern. Sozialismus sei die Vorstufe: Er ersetze kapitalistische Akkumulation durch Vergesellschaftung und ermögliche über Automatisierung und zunehmend freie Distribution den voll entwickelten Kommunismus.

Murray Bookchin entwarf in seiner Essaysammlung Post-Scarcity Anarchism von 1971 eine auf sozialer Ökologie, libertärem Kommunalismus und dem Reichtum fundamentaler Ressourcen beruhende Volkswirtschaft. Er vertrat die These, postindustrielle Gesellschaften könnten sich zu Postknappheitsgesellschaften entwickeln. Dies ermögliche die Erfüllung sozialer und kultureller Potentialitäten, die in Überflusstechnologie latent seien. Bookchin kritisierte zugleich, dass die durch technischen Fortschritt des 20. Jahrhunderts erweiterte Industrie Profit auf Kosten von Menschen und ökologischer Nachhaltigkeit verfolge. Akkumulation sei nicht mehr als Voraussetzung der Befreiung zu betrachten; Staat, sozialer Status und politische Parteien seien vielmehr Hindernisse im Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse.

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