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Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern

„Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ ist eines der bedeutendsten Werke des Theologen Friedrich Daniel Schleiermacher.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern des Werks
  2. 2. Entstehung und Aufbau
  3. 3. Religion als Anschauung und Gefühl
  4. 4. Bildung, Kirche und Gemeinschaft
  5. 5. Vielfalt der Religionen
  6. 6. Einflüsse, Aufnahme und Wirkung

Kern des Werks

„Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ ist ein bedeutendes Werk des Theologen Friedrich Daniel Schleiermacher. Es erschien 1799 und begründete seinen Ruf als „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“. Das Buch gilt als zentrales religionsphilosophisches Werk der Frühromantik und prägte den Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts nachhaltig.

Schleiermacher will zeigen, was Religion ihrem Wesen nach ist. Sein Grundgedanke lautet: Religion ist nicht zuerst Lehre, Moral oder Philosophie, sondern „Gefühl und Anschauung des Universums“. Religion ist für ihn eine eigene „Provinz im Gemüthe“. Sie lässt sich nicht einfach durch Regeln für gutes Handeln, durch Beweise über Gott oder durch kirchliche Dogmen erklären. Entscheidend ist das unmittelbare religiöse Erleben, in dem der Mensch das Endliche als Teil des Unendlichen wahrnimmt.

Das Werk ist in fünf Reden gegliedert. Schleiermacher spricht darin ein fiktives Publikum gebildeter Religionsverächter an. Themen sind die Verteidigung der Religion, ihr Wesen, religiöse Bildung, religiöse Gemeinschaft und die Vielfalt der Religionen.

Entstehung und Aufbau

Das Buch wurde erstmals 1799 anonym im Berliner Unger Verlag veröffentlicht. Schleiermacher erklärte seine Anonymität damit, dass viele Leser Religion und Metaphysik nicht trennen könnten und ihm deshalb keinen echten Eifer für Religion zutrauen würden. Im Messekatalog zur Ostermesse war das Werk zunächst als „Über die Religion. Reden an die aufgeklärten Verächter derselben“ angekündigt, erschien aber erst im Juni unter dem endgültigen Titel. Die erste Auflage umfasste 312 Seiten Text.

Den Anstoß zum Schreiben erhielt Schleiermacher von Friedrich Schlegel. Erste Notizen verweisen auf den Spätsommer 1798. Während der Arbeit berichtete Schleiermacher besonders Henriette Herz brieflich von seinem Fortschritt. Er fürchtete staatliche Zensur, weil Teile der Reden als zu atheistisch gelten könnten. Diese Sorge bestätigte sich nicht. Am 15. April 1799 vollendete er das Werk nach einer durchwachten Nacht. 1803 gab er offen zu, der Verfasser zu sein, nachdem er schon 1801 öffentlich als solcher bezeichnet worden war.

Zu Schleiermachers Lebzeiten erschienen drei weitere Auflagen. Die Ausgaben von 1806 und 1821 wurden teilweise stark überarbeitet; unter anderem wurde die spinozistische Prägung abgemildert, und 1806 wurde „Anschauung“ mehrfach durch „Gefühl“ ersetzt. 1821 fügte Schleiermacher jeder Rede Erläuterungen hinzu, um einen stärkeren Bezug zur „Glaubenslehre“ herzustellen. Die dritte Auflage von 1831 brachte vor allem stilistische Korrekturen.

Religion als Anschauung und Gefühl

Die zweite Rede ist die zentrale und längste Rede des Buches. Schleiermacher bestimmt Religion hier als „Anschauen des Universums“. Sie ist weder Moral noch Metaphysik. Mit Metaphysik meint der Artikel theoretische Philosophie und Kants Transzendentalphilosophie. Moral betrifft das Handeln, Metaphysik das Denken; Religion gehört für Schleiermacher aber weder zum einen noch zum anderen Bereich.

Religion darf daher nicht bloß als Mittel für gesellschaftliche Ordnung verstanden werden und liefert auch keinen direkten Erkenntnisgewinn. Spekulationen darüber, ob es einen Gott gibt, gehören für Schleiermacher nicht zum Kern der Religion. Ebenso ist Religion nicht zuerst ein Antrieb zum Handeln. Seine Formel lautet: „Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“ Auch der Satz „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ fasst diese Auffassung zusammen.

Mit „Universum“ meint Schleiermacher nicht einfach nur die sichtbare Welt. Der Begriff wird in der Forschung unterschiedlich erklärt: Ulrich Barth versteht ihn als Verschränkung von Gottes- und Weltidee, Potepa eher als Umschreibung der ewigen Welt oder der Ganzheit der Welt. Religiös wird dieses Universum für den Menschen erst, wenn es in Beziehung zu ihm tritt und ihn innerlich berührt.

Religion entsteht nach Schleiermacher in der unmittelbaren Verbindung von Anschauung und Gefühl. Im Endlichen soll der religiöse Mensch das Unendliche wahrnehmen: „alles Einzelne als einen Theil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen“. Die Vorstellung eines personalen Gottes ist dabei nicht notwendig, sondern nur eine besondere Weise, das Universum anzuschauen. Schleiermacher verweist positiv auf Spinoza, der wegen der Formel „Deus sive Natura“ mit Pantheismus verbunden wird, also mit der Vorstellung, Gott sei in allem Seienden zu finden.

Wichtige Orte religiöser Anschauung sind Natur, Naturgesetze, Menschheit und Geschichte. Besonders die Menschheit wird wichtig, weil der Mensch nach Schleiermacher die Welt nur anschauen und Religion haben kann, wenn er die Menschheit „in Liebe und durch Liebe“ gefunden hat. Der Geschichte weist er eine herausragende Stellung zu: „Geschichte im eigentlichsten Sinn ist der höchste Gegenstand der Religion“.

Bildung, Kirche und Gemeinschaft

In der dritten Rede entwickelt Schleiermacher eine religiöse Bildungslehre. Religiöse Bildung bedeutet bei ihm nicht, dass man Religion einfach unterrichten kann. Anschauen, Kunstgefühl und Urteilskraft lassen sich nicht direkt beibringen. Religion ist nach Schleiermacher im Menschen angelegt: „Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder anderen“. Wenn dieser Sinn nicht unterdrückt wird, entwickelt er sich bei jedem auf eigene Weise.

Schleiermacher kritisiert Erziehungsideale der Aufklärung, wenn sie nur Nutzen, Vernunft und praktisches Handeln gelten lassen. Stilles Beschauen, Phantasie und das Streben nach dem Unendlichen würden dadurch verdrängt. In der Begeisterung von Kindern für Übernatürliches und Phantastisches sieht er erste Regungen der Religion. Am Ende verbindet er Religion eng mit Kunst: Beide stehen nebeneinander wie verwandte Kräfte.

In der vierten Rede geht es um religiöse Gemeinschaft, Kirche und Priestertum. Wenn Religion vorhanden ist, muss sie nach Schleiermacher auch „gesellig“ sein. Menschen, die religiös berührt sind, haben ein Bedürfnis, sich darüber auszutauschen. In diesem Austausch kann jeder zugleich Priester und Laie sein: Priester ist, wer eigene religiöse Erfahrung mitteilt; Laie ist, wer zuhört. So wird der religiöse Sinn vertieft und ausgearbeitet.

Schleiermacher unterscheidet diese wahre religiöse Gemeinschaft von den bestehenden Großkirchen. Diese hält er oft für Orte, an denen Menschen ohne echte Religion nach Religion suchen und sich passiv von Priestern erfüllen lassen wollen. Starre Lehrsätze und geistlose Riten können nach seiner Ansicht religiöse Individualität hemmen. Dennoch haben bestehende Kirchen eine Berechtigung, wenn sie Suchende mit Menschen wahrer Religion verbinden. Dafür müssten Priester selbst echte religiöse Erfahrung besitzen. Schleiermacher fordert deshalb eine radikale Trennung von Kirche und Staat, damit kirchliche Ämter nicht durch staatliche Privilegien an ungeeignete Personen gelangen.

Vielfalt der Religionen

In der fünften Rede erklärt Schleiermacher, warum es viele Religionen gibt. Kein Mensch kann die ganze Religion besitzen, denn „der Mensch ist endlich und die Religion ist unendlich“. Jeder Mensch hat nur eine bestimmte Anschauung des Universums. Deshalb ist die Mehrheit der Religionen für Schleiermacher im Wesen der Religion selbst begründet.

Diese Pluralität führt zu einem Anspruch auf Toleranz. Jede religiöse Anschauung steht für sich und ist nicht von einer anderen abhängig. Wer wahre Religion besitzt, wünscht nach Schleiermacher deshalb auch einen toleranten Umgang zwischen den Religionen.

Schleiermacher zieht die positiven, also bestehenden und geschichtlichen Religionen, den natürlichen Religionen vor. Natürliche Religion erscheint ihm zu sehr mit Philosophie und Moral vermischt und zu unbestimmt. Positive Religionen haben dagegen eine zentrale Anschauung als Mittelpunkt. Hermann Fischer fasst dies so zusammen: „Religion ist immer nur als bestimmte vorhanden, weil die Anschauung des Universums immer nur in bestimmter Form möglich ist.“

Trotz der Gleichberechtigung vieler Religionen weist Schleiermacher dem Christentum eine besondere Stellung zu. Sein Mittelpunkt ist die Erlösung und Versöhnung, also die Verbindung zwischen Mensch und Gott beziehungsweise Mensch und Universum. Jesus Christus erscheint als Mittler, weil er Endliches und Unendliches in sich vereinigt. Daher nennt Schleiermacher das Christentum „die Religion der Religionen“. Gleichzeitig betont er am Ende, „nichts unchristlicher sei als Einförmigkeit zu suchen in der Religion“.

Einflüsse, Aufnahme und Wirkung

Das Werk ist stark vom geistigen Klima der Frühromantik und von der Herrnhuter Brüdergemeine geprägt. Schleiermacher griff in einen religionsphilosophischen Diskurs ein, der von zunehmender Abkehr von Religion geprägt war. Nach Potepa versuchte er ein „religionstheoretisches Modernisierungsprogramm“. Gegen die Aufklärung wendet er sich dort, wo sie Religion durch Rationalisierung verflacht und nur am Diesseits interessiert ist. Zugleich erkennt Ulrich Barth an, dass Schleiermacher auch die „epochale[] Emanzipationsleistung“ der Aufklärung achtet.

Wichtige Einflüsse sind außerdem Spinoza, Fichte, Goethe, Herder, Lessing und Platon. Spinozas Denken prägte besonders Schleiermachers Auffassung von Unendlichkeit und seine Distanz zu einem persönlichen Gottesbild. Fichtes Philosophie des Ichs beeinflusste die Betonung von Individualität. Aus dem Herrnhuter Pietismus stammen unter anderem die Bedeutung des persönlichen religiösen Erlebens, die Vorstellung von Kirche als Kommunikation über religiöse Erfahrungen und die zentrale Stellung Jesu Christi im Christentum.

Die zeitgenössische Rezeption war sehr unterschiedlich. Friedrich Schlegel äußerte sich überwiegend positiv, kritisierte aber fehlende Objektivität. Johannes Daniel Falk sprach abwertend von „Geschwätz“. Auch Hegel und Jean Paul reagierten gemischt. Viele Rezensenten lobten die Originalität, kritisierten aber die Trennung von Religion, Moral und Rationalität sowie Unklarheiten beim Religionsbegriff. Novalis würdigte das Werk besonders stark und nannte Schleiermacher den „Herzschlag der neuen Zeit“. Die Umstrittenheit hält laut Artikel bis heute an.

Im 19. Jahrhundert wurde die vierte Auflage zehnmal neu herausgegeben, doch zeitweise wurden die Reden von anderen Werken Schleiermachers verdrängt. Mit Rudolf Ottos Neuauflage der Urfassung 1899 gewann die Erstauflage im 20. Jahrhundert wieder große Bedeutung; sie erschien bisher in über 30 Auflagen. Besonders seit dem Zweiten Weltkrieg wurden die Reden erneut intensiv rezipiert.

In Schleiermachers Gesamtwerk sind die Reden seine erste Veröffentlichung und eines seiner bekanntesten Werke. Später folgten unter anderem „Monologen“ (1800), „Dialektik“ und „Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt“ (1821/22), die sogenannte „Glaubenslehre“. Die Reden beeinflussten unter anderem Fichte, Ludwig Feuerbach, Friedrich Max Müller, Nathan Söderblom und Rudolf Otto. Karl Barth kritisierte Schleiermacher scharf, erkannte aber seine Bedeutung an: „An die Spitze einer Theologie der neusten Zeit gehört und wird für alle Zeiten gehören der Name Schleiermacher und keiner neben ihm.“ Nach Ulrich Barth trugen die Reden und die Glaubenslehre stark zur Entstehung und Ausgestaltung des modernen Protestantismus bei.

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