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Über die ästhetische Erziehung des Menschen

Über die ästhetische Erziehung des Menschen ist eine 1795 erschienene Abhandlung Friedrich Schillers in Briefform, die sich mit Kants Ästhetik und dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Frage
  2. 2. Gesellschaftskritik und Aufgabe der Kunst
  3. 3. Grundtriebe, Schönheit und ästhetisches Spiel
  4. 4. Ästhetischer Zustand und moralische Freiheit
  5. 5. Entwicklung und ästhetischer Staat
  6. 6. Einordnung, Wirkung und heutige Bedeutung

Gegenstand und zentrale Frage

Friedrich Schillers Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ erschien 1795 in Briefform. Sie verbindet eine Auseinandersetzung mit Immanuel Kants Ästhetik mit der Frage, warum die Französische Revolution nicht die versprochene Humanität hervorbrachte. Schiller wendet sich sowohl gegen das Zwangsdiktat einer einseitigen Vernunft als auch gegen die Willkür ungezügelter Sinne und Triebe. Weder die Herrschaft eines aristokratischen Staates noch die Schreckensherrschaft des Volkes verwirklicht für ihn Freiheit.

Seine Grundthese lautet, dass der Mensch „nur durch die Schönheit zur Freiheit“ gelangen kann. Politische und moralische Freiheit lassen sich nicht einfach durch Gesetze oder Vernunftbefehle erzwingen. Zuerst muss der Charakter des einzelnen Menschen veredelt werden. Das soll die ästhetische Erziehung leisten: Sie spricht Sinnlichkeit und Vernunft zugleich an und führt beide in ein ausgewogenes Verhältnis.

Der Gegensatz zeigt sich in zwei Fehlformen. Beim „Wilden“ beherrschen die Gefühle die Grundsätze; beim „Barbaren“ zerstören die Grundsätze die Gefühle. Ein freier und humaner Mensch entsteht dagegen erst, wenn Empfinden und Denken, Natur und Vernunft sowie Körper und Geist zusammenwirken.

Gesellschaftskritik und Aufgabe der Kunst

Schiller sieht den modernen Fortschritt zwiespältig. Wissenschaft, Staatsordnung, Arbeitsteilung und Spezialisierung entwickeln sich weiter, doch der einzelne Mensch kann häufig nur einen Teil seiner Anlagen entfalten. Die Trennung von Wissenschaften, Kirche und Staat, Gesetzen und Sitten sowie die Einteilung in Stände zerstören die mögliche Einheit von Körper und Geist. Der Mensch wird „zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft“. Der Theoretiker erhält ein „kaltes Herz“, weil er das Ganze zergliedert; der Geschäftsmann ein „enges Herz“, weil er nicht über seinen begrenzten Bereich hinausschaut. Diese Entwicklung ist nach Schiller nicht einfach rückgängig zu machen und bleibt „eine Aufgabe für mehr als ein Jahrhundert“.

Aufklärung verlangt „Sapere aude“, also „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Doch dem arbeitenden Volk fehlt wegen seiner Not die Kraft, während Staat und Priestertum ihre Macht nicht abgeben wollen. Deshalb genügt Verstandesbildung nicht: „Der Weg zu dem Kopf“ müsse „durch das Herz“ geöffnet werden.

Das Werkzeug zur Verbesserung der politischen Verhältnisse ist für Schiller die schöne Kunst. Wie die Wissenschaft soll sie gegenüber menschlicher Willkür ihre Ziele „Wahrheit und Schönheit“ bewahren. Der Künstler soll nicht den Interessen seiner Zeit folgen, sondern mit „standhaftem Muth“ die Richtung zum Guten weisen. Zweckgebundene und bloß repräsentative Kunst lehnt Schiller ab.

Allerdings führt die tatsächlich erfahrene Schönheit nicht automatisch zu Freiheit und Tugend. Historische Beispiele zeigen für Schiller, dass verfeinerter Geschmack auch mit dem Verlust politischer Freiheit und heroischer Tugenden verbunden sein kann. Deshalb sucht er eine Schönheit, die nicht bloß auf Erfahrung beruht, sondern sich als „notwendige Bedingung der Menschheit“ bestimmen lässt.

Grundtriebe, Schönheit und ästhetisches Spiel

Schiller beschreibt den Menschen durch das Verhältnis von etwas Bleibendem und etwas Veränderlichem: „Person“ beziehungsweise Persönlichkeit und Geist stehen dem wechselnden „Zustand“ beziehungsweise der Materie gegenüber. Die Zeit ermöglicht es, unterschiedliche Zustände auszubilden. Der Mensch soll seinem Körper Geist verleihen und seinem Geist durch die Sinne Wirklichkeit und körperlichen Halt geben.

Dazu wirken zwei Grundtriebe:

• Der „sinnliche Trieb“, später auch Stoff- oder Sachtrieb genannt, bindet den Menschen an Körper, Materie und Zeit. Er verlangt Veränderung und gibt der Zeit Inhalt. Die mit Inhalt erfüllte Zeit heißt „Empfindung“.

• Der „Formtrieb“ strebt nach Freiheit vom Körper, Harmonie, Beständigkeit und Identität. Er verleiht den Empfindungen Gesetzmäßigkeit in Form von „Wahrheit“ und „Recht“.

Die Kultur muss sowohl das Gefühlsvermögen als auch das Vernunftvermögen ausbilden. Keiner der beiden Triebe darf den anderen beherrschen, denn beide bedingen einander. Ihre Verbindung leistet der „Spieltrieb“. Er vereinigt das Leben des sinnlichen Triebs mit der Gestalt des Formtriebs zur „lebenden Gestalt“. Diese lebende Gestalt ist Schönheit in ihrer weitesten Bedeutung und das Objekt des ästhetischen Spiels. Schillers berühmte Formulierung lautet: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Im ästhetischen Spiel erlebt er zugleich „höchste Ruhe“ und „höchste Bewegung“.

Schiller unterscheidet das nicht aus Erfahrung abgeleitete „Idealschöne“ von der Schönheit der Erfahrung. Letztere erscheint als „schmelzende Schönheit“, die beide Grundtriebe vereint, und als „energische Schönheit“, die deren Kräfte stabilisiert. Beide müssen zusammenwirken: Überwiegt die schmelzende Schönheit, drohen „Weichlichkeit und Entnervung“; überwiegt die energische, drohen „Wildheit und Härte“.

Ästhetischer Zustand und moralische Freiheit

Der ästhetische Zustand liegt zwischen Sinnlichkeit und Vernunft. Beim „angespannten Menschen“ soll Schönheit Harmonie wiederherstellen, beim „abgespannten“ Energie. Ist ein Grundtrieb vorherrschend, steht der Mensch entweder unter dem „Zwange der Empfindungen“ oder dem „Zwange von Begriffen“. Schönheit verbindet Empfinden und Denken, ohne deren Unterschied aufzuheben: Sie füllt die Kluft zwischen ihnen nicht aus, ermöglicht aber den Übergang.

Der Mensch beginnt sein Leben unter der Vorherrschaft des sinnlichen Triebs. Damit sich Freiheit entwickeln kann, muss er zunächst einen „Null“-Zustand der „Bestimmungslosigkeit“ erreichen. Dieser bedeutet nicht bloße Leere, sondern „ästhetische Bestimmbarkeit“: Der Mensch ist weder körperlich noch geistig einseitig festgelegt und dadurch für unterschiedliche Möglichkeiten offen. Aus der „leeren Unendlichkeit“ wird im ästhetischen Zustand eine „erfüllte Unendlichkeit“.

Die ästhetische Kultur ist nicht unmittelbar zweckgebunden: Sie entdeckt keine Wahrheiten und erfüllt keine Pflichten. Sie gibt dem Menschen jedoch die Würde und innere Freiheit, die ihn zu Wahrheit und moralischem Handeln befähigen. In diesem Idealzustand kann er leichter von Ruhe zu Bewegung, vom Ernst zum Spiel, von Nachgiebigkeit zum Widerstand und vom abstrakten Denken zur Anschauung wechseln. Vollständig erreicht der reale Mensch diesen Zustand nie; möglich ist nur eine größtmögliche Annäherung durch echte Kunst. Diese muss zunächst den sinnlichen „Stoff“ des Menschen ansprechen und kann anschließend auf seine Form einwirken.

Ästhetische Erziehung ist somit die Voraussetzung, um „den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen“. Sie veredelt seinen Charakter so, dass moralisches Handeln nicht als äußerer Zwang erscheint. Harmonie und das Wohl der Allgemeinheit werden der „edeln Seele“ zum inneren Bedürfnis und zum Ausdruck ihrer Würde.

Entwicklung und ästhetischer Staat

Schiller unterscheidet drei aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen:

• Im „physischen Zustand“ ist der Mensch der Macht der Natur ausgeliefert.

• Im „ästhetischen Zustand“ wird er von dieser Naturmacht frei.

• Im „moralischen Zustand“ beherrscht er die Natur nach vernünftigen Grundsätzen.

Eine erst schwach entwickelte Vernunft kann weiterhin von sinnlichen Interessen getäuscht werden. Besonders die „sinnliche Selbstliebe“, die nur den eigenen Vorteil kennt, verhindert moralisches Handeln für alle. Auch eine Religion, die auf erniedrigender Furcht statt auf erhebender Ehrfurcht beruht, verfehlt für Schiller die ideale Bestimmung des Menschen.

Der Übergang von der physischen zur ästhetischen Stufe geschieht nicht automatisch. „Schönheit ist [...] das Werk der freien Betrachtung.“ Sie wird durch die Sinne empfunden und zugleich geistig erkannt; daher ist sie sowohl „unser Zustand“ als auch „unsere Tat“. Ästhetischer Schein ist „aufrichtig“ und „selbstständig“, wenn er keine Realität vortäuscht und für seine Wirkung nicht von ihr abhängig ist. Der Mensch soll das Schöne in der Natur genießen, ohne es zu begehren, und nachahmende Kunst bewundern, „ohne nach einem Zwecke zu fragen“.

Körperliche Not und anstrengungsloser Überfluss erschweren den ästhetischen Zustand. Eine schöne Seele kann sich dort entwickeln, wo „Tätigkeit zum Genuss“ und „der Genuss zur Tätigkeit führt“. Sind unmittelbare Bedürfnisse befriedigt, wird zunächst physisches und schließlich ästhetisches Spiel möglich. Die Einbildungskraft vollzieht dabei mithilfe des Geistes den „Sprung zum ästhetischen Spiele“.

Das gesellschaftliche Ziel ist der „ästhetische Staat“. In ihm gelten „schöner Umgang“ und „schöner Ton“; Freiheit wird durch Freiheit gegeben. Weil Harmonie im Individuum entsteht, soll sie sich auch auf die Gesellschaft übertragen. Das Allgemeinwohl wird zum inneren Bedürfnis, die Leibeigenschaft verschwindet und alle Menschen werden freie Bürger mit gleichen Rechten. Schiller versteht ästhetische Erziehung damit zugleich als Erfahrung persönlichen Glücks und als Mittel gesellschaftlicher Veränderung.

Einordnung, Wirkung und heutige Bedeutung

Die Abhandlung führt in vier miteinander verbundene Bereiche: Bewusstseinsphilosophie, politische Theorie und Soziologie, Ästhetik sowie pädagogische Anthropologie. Bewusstseinsphilosophisch erscheint der Mensch als Doppelwesen aus Geist und Materie, Denken und Empfinden. Politisch erklärt Schiller das Scheitern der Französischen Revolution durch das unausgewogene Verhältnis von Natur und Vernunft. Ästhetisch untersucht er das Wesen und die Wirkung von Schönheit. Pädagogisch fragt er, welche Kräfte ausgebildet werden müssen, damit ein Mensch frei und moralisch handeln kann.

Für die pädagogische Deutung ist die sinnliche Wahrnehmung grundlegend. Noch bevor der Mensch in Worten und Kategorien denkt, nimmt er seine Umwelt körperlich wahr. Die Sinne verbinden Mensch und Umwelt, müssen aber angeregt und geübt werden. Wahrnehmung gilt dabei als ganzheitlicher, aktiver Vorgang; Sinne und Vernunft lassen sich nicht vollständig trennen. Dazu passt Schillers Satz aus dem 23. Brief: „Es gibt keinen anderen Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als dass man denselben zuvor ästhetisch macht.“

Politisch soll die Veredelung des Einzelnen langfristig das soziale Gefüge verändern. Wenn genügend Menschen den ästhetischen Zustand erreichen, kann ein Staat entstehen, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelebt werden. Ästhetische Erziehung soll junge Menschen deshalb ihrer sinnlichen Tätigkeit und ihres kulturellen Umfelds bewusst machen und sie zu empfindenden, verstehenden und urteilenden Erwachsenen entwickeln.

Die ästhetische Unterscheidung zwischen idealer, schmelzender und energischer Schönheit wird im Artikel als hypothetisch und schwer zu beurteilen bezeichnet. Moderne Kritik richtet sich außerdem gegen die Bewertung von Kunst allein als „schön“ oder „hässlich“, weil diese Kategorien subjektiv sind. In der Warenästhetik kann der „schöne Schein“ sogar zum Mittel manipulativer Täuschung werden. Das Schöne als Phänomen wird dadurch jedoch nicht grundsätzlich bestritten.

Die Texte gehen auf Briefe zurück, die Schiller von Februar bis Dezember 1793 an den Augustenburger Prinzen schrieb. Sie gingen beim Brand des Schlosses Christiansborg in Kopenhagen am 26. Februar 1794 verloren, worauf Schiller eine stark veränderte Neufassung erarbeitete. Die Briefe 1–9 erschienen im Januar 1795 im ersten Stück der „Horen“, die Briefe 10–16 im zweiten. Die Briefe 17–27 folgten im Juni 1795 im sechsten Stück unter dem Titel „Die schmelzende Schönheit“. 1801 erschien die Abhandlung als Buch im dritten Teil der „Kleineren prosaischen Schriften“.

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