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Écriture automatique
Der französische Ausdruck Écriture automatique (dt.: Automatisches Schreiben, Automatischer Text) bezeichnet eine Methode des Schreibens, bei der Bilder, …
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Definition und Zweck
Écriture automatique, auf Deutsch „Automatisches Schreiben“ oder „Automatischer Text“, ist eine Schreibmethode, bei der Bilder, Gefühle, Gedanken und sprachliche Einfälle möglichst unmittelbar wiedergegeben werden. Das kritische Ich soll dabei nicht eingreifen: Absicht, logische Planung und bewusste Sinnkontrolle werden so weit wie möglich ausgeschaltet. Entscheidend ist die Authentizität des Einfalls.
Geschrieben wird klassischerweise von Hand. Möglich sind vollständige Sätze, Satzstücke, Wortketten oder einzelne Wörter. Verstöße gegen Orthografie, Grammatik und Interpunktion gelten nicht unbedingt als Fehler, sondern können erwünscht sein. Die Surrealisten verstanden dieses Verfahren als schriftstellerische Form der freien Assoziation und als Grundlage experimenteller Literatur und einer neuen Poesie.
Psychologischer Ursprung
Der französische Psychotherapeut Pierre Janet prägte den Begriff um 1889 im Zusammenhang mit therapeutischen Versuchen. Patienten sollten im Halbschlaf, in Trance oder unter Hypnose schreiben, damit unbewusste Inhalte ins Bewusstsein gelangen konnten.
Janet führte das Verfahren als psychologische Behandlungsmethode ein. Der unbewusst gesteuerte Schreibfluss sollte neue Ideen, neue Kombinationen von Ideen und Assoziationen hervorbringen. Dadurch sollten unbewusste Eindrücke und Erlebnisse verarbeitet werden. Darüber hinaus kann automatisches Schreiben den Einstieg in einen Text erleichtern und beim Abbau von Schreibblockaden helfen.
Methode im Surrealismus
Die Pariser Surrealisten um André Breton und Philippe Soupault übernahmen die Methode in den 1920er Jahren für die Literatur. Im Unterschied zu Janets Therapie sollte sie nicht Krankheiten heilen, Psychogramme erstellen oder Persönlichkeitsspaltungen überwinden. Stattdessen wurden unbewusste, traumhafte und spontane Eingebungen zur Grundlage einer neuen Form von Kreativität erklärt. Der entstehende Text sollte sich sowohl einem planvollen Aufbau als auch nachträglicher, zensierender Korrektur entziehen.
Die Surrealisten knüpften dabei an die Psychoanalyse Sigmund Freuds an. Freud verwendete die freie Assoziation als „verbale Zauberleiter“ zu den Quellen des Unbewussten. Auch Traum- und Hypnose-Experimente spielten eine Rolle. In der Zeitschrift Littérature erschienen regelmäßig Traumprotokolle, darunter Berichte über Séancen, bei denen René Crevel, Robert Desnos und Benjamin Péret in Trance redeten, schrieben und zeichneten.
Praktische Regeln und literarische Beispiele
André Breton definierte die Écriture automatique als „Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft“. Das Schreiben soll dem Denken unmittelbar und unzensiert folgen. Als günstig galt der Zustand kurz nach dem Aufwachen: Noch im Halbschlaf sollten die an der „Schwelle des Traums“ entstehenden Sätze sofort notiert werden.
Im ersten surrealistischen Manifest von 1924 gab Breton praktische Anweisungen: Man soll sich bequem hinsetzen, den Geist auf sich selbst konzentrieren und einen möglichst passiven oder empfänglichen Zustand einnehmen. Anschließend soll man schnell und ohne vorgefasstes Thema schreiben, sodass keine Zeit zum Nachdenken, Zurückhalten oder Korrigieren bleibt. Man fährt fort, solange man möchte. Droht der Schreibfluss wegen einer zu bewusst oder logisch wirkenden Stelle abzubrechen, soll die Willkür wiederhergestellt werden, etwa indem man einen beliebigen Buchstaben – Breton nennt als Beispiel immer den Buchstaben „l“ – zum Anfangsbuchstaben des nächsten Wortes bestimmt.
Als erstes Werk der Écriture automatique gilt Les Champs magnétiques (Die magnetischen Felder) von Breton und Soupault aus dem Jahr 1919. Breton setzte das Verfahren später unter anderem in dem Prosatext Poisson solluble (Löslicher Fisch, 1924), im Gedicht Tournesol (1923) und in Le revolver à cheveux blancs (Der weißhaarige Revolver, 1932) ein. Im Roman Nadja (1928) erweiterte er es durch die assoziative Beschreibung realer Erlebnisse.
Verwandte künstlerische Verfahren
Das Cadavre Exquis ist ein von den Surrealisten entwickeltes Fortsetzungsspiel und ein visuelles Gegenstück zum automatischen Schreiben. Mehrere Personen ergänzen nacheinander einen Satz oder eine Zeichnung auf gefaltetem Papier, ohne die vorherigen Teile zu kennen. Dadurch soll das kritische Denken ausgeschaltet und die metaphorische Fähigkeit des Geistes freigesetzt werden. Der namensgebende Satzanfang lautet: Le cadavre-exquis-boira-le-vin-nouveau („Der köstliche-Leichnam-wird-den-frischen-Wein-trinken“).
In der bildenden Kunst gilt die von Max Ernst begründete Frottage, also das Durchreiben einer Oberflächenstruktur, als verwandtes Verfahren. Da der bewusste Einfluss möglichst ausgeschlossen wird, kann sie als bildnerisches Gegenstück zur Écriture automatique verstanden werden. Unica Zürn entwickelte mit ihrer Anagramm-Methode eine abgewandelte Form des automatischen Schreibens.
Vorläufer und spätere Anwendungen
Automatische Schreibweisen gab es bereits vor dem Surrealismus. Die Zürcher Dadaisten wiesen dem Zufall und einer assoziativen Sprechweise eine wichtige Rolle zu. 1917 verfassten Tristan Tzara, Walter Serner und Hans Arp gemeinsam automatische Zufallstexte, die als „Simultangedichte“ bezeichnet wurden. Dazu gehört der Gedichtzyklus Die Hyperbel vom Krokodilcoiffeur und dem Spazierstock. Arp arbeitete nach ähnlichen Prinzipien auch gemeinschaftlich in Literatur und bildender Kunst und betonte dabei die Absicht des Unpersönlichen.
Breton systematisierte damit eine Technik, für die der Artikel weitere Vorläufer nennt: Praktiken von Schamanen, Goethes in Dichtung und Wahrheit beschriebenes „nachtwandlerisches Dichten“, Texte Achim von Arnims sowie Lautréamonts Gesänge des Maldoror. Auch Gertrude Stein und Leon M. Solomon beschäftigten sich mit automatischen Niederschriften; ihr Aufsatz Normal Motor Automatism erschien 1896. Als noch ältere Parallele wird Philo von Alexandria genannt: Er beschrieb Ekstase als einen Zustand, in dem der Verstand, der „nous“, dem göttlichen „pneuma“ weicht.
Später wurde die Methode auch im Magischen Realismus und in der Neuen Sachlichkeit verwendet. Jack Kerouac entwickelte das automatische Schreiben weiter und schuf auf dieser Grundlage die Romane Unterwegs (1957) und Gammler, Zen und hohe Berge (1958). Er verstand Schreiben als spontane Wahrnehmungskonzentration und förderte diesen Zustand durch Zen-Meditation. In der amerikanischen Schreibbewegung lebt der Ansatz im Freewriting fort; auch das Clustering führt die Idee weiter. Der Comiczeichner Jean Giraud, bekannt als Moebius, bezeichnete sein improvisierendes Zeichnen unter Cannabiseinfluss als dessin automatique.