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Unica Zürn

Unica Zürn (* 6. Juli 1916 in Berlin-Grunewald als Nora Berta Unika Ruth Zürn; † 19. Oktober 1970 in Paris) war eine deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Literarisches Werk
  3. 3. Zeichnungen und Bildsprache
  4. 4. Bücher und Gesamtausgabe
  5. 5. Ausstellungen, Vertonungen und Ehrung

Person und Bedeutung

Unica Zürn (geboren am 6. Juli 1916 in Berlin-Grunewald als Nora Berta Unika Ruth Zürn, gestorben am 19. Oktober 1970 in Paris) war eine deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin. Ihr Werk verbindet autobiografisch geprägte, häufig fragmentarische Prosa mit poetischen Texten und surrealistischen Zeichnungen. Besonders bedeutend sind ihre 123 Anagramm-Gedichte: Dabei werden aus den Buchstaben eines vorhandenen Wortes oder Satzes neue Wörter und Sätze gebildet. In ihren literarischen und visuellen Arbeiten geht es unter anderem um Liebesbeziehungen, Krankheit, Behandlung, Gewalt, Körper, Verformung sowie um die Zerstörung und anschließende Rekonstruktion von Bedeutung.

Zürn wuchs in einer Villa in Berlin-Grunewald auf. Sie verließ das Gymnasium mit 15 Jahren vor der Reifeprüfung, um als Schreibkraft zu arbeiten. Von 1934 bis 1942 war sie bei der Ufa beschäftigt, zunächst als Sekretärin und Archivarin, später als Dramaturgin für Werbefilme. Von 1949 bis 1955 schrieb sie Geschichten für Hörspiele und Berliner Zeitungen. In dieser von ihr als produktiv empfundenen Zeit entstanden zwischen 1945 und 1955 insgesamt 132 Geschichten und acht Hörspiele. Außerdem ließ sie sich vom Maler Alexander Camaro in die Grundlagen des Zeichnens einweisen.

1953 lernte sie Hans Bellmer kennen und folgte ihm nach Paris. Dort begann sie zu zeichnen und Anagramme zu verfassen. Ab 1957 hatte sie Kontakte zu den Pariser Surrealisten Hans Arp, André Breton, Marcel Duchamp, Max Ernst und Henri Michaux und arbeitete an surrealistischen Prosastücken. 1959 nahm sie an der documenta II in Kassel in der Abteilung Graphik teil.

Anfang der 1960er Jahre brach bei Zürn eine paranoide Schizophrenie aus. Sie hielt sich deshalb 1960/61 in den Wittenauer Heilstätten Berlin und von September 1961 bis März 1963 im Centre hospitalier Sainte-Anne in Paris auf. Weitere Krankenhausaufenthalte, halluzinatorische Perioden und lange Depressionen folgten. Während dieser Zeiten entstanden mehrere Hefte mit Zeichnungen. Im Sommer 1970 verbesserte sich ihr Zustand in der offenen psychiatrischen Klinik Château de la Chesnaie de Chailles erstmals deutlich. Nach einer Beurlaubung am 18. Oktober nahm sie sich am 19. Oktober 1970 das Leben, indem sie aus dem Fenster ihrer und Bellmers Wohnung sprang. Ihre gemeinsame Grabstelle befindet sich auf dem Cimetière du Père-Lachaise, Division 9.

Literarisches Werk

Zürns bekannteste Schriften und Kunstwerke entstanden zwischen 1950 und 1970. Nach ihrem Umzug nach Paris konnte sie offener über häusliche Gewalt, Abtreibung und sexuellen Missbrauch schreiben. Ihr literarisches Werk wurde zu Lebzeiten wenig beachtet. Es umfasst einerseits autobiografisch geprägte, oft fragmentarische Prosa und andererseits poetische Texte, insbesondere die Anagramm-Gedichte.

Zu den wichtigen Veröffentlichungen gehören Hexentexte (1954), ein Buch aus Anagrammgedichten und Zeichnungen, sowie Dunkler Frühling und Der Mann im Jasmin. Bei den Jahresangaben zu diesen Werken gibt der Artikel unterschiedliche Angaben: Dunkler Frühling wird im Abschnitt zu den literarischen Arbeiten mit 1967 genannt, im Werkverzeichnis mit Hamburg 1969; Der Mann im Jasmin erscheint einmal mit 1971 und im Werkverzeichnis mit Frankfurt am Main u. a. 1977.

Dunkler Frühling ist eine Art Entwicklungsroman. Im Mittelpunkt stehen die ersten sexuellen Begegnungen einer jungen Frau und die ersten Anzeichen ihrer psychischen Erkrankung. Der Text enthält archetypische Figuren: einen idealisierten Vater, eine geächtete Mutter und ein problembeladenes Mädchen mit masochistischen Tendenzen. Der Tod der Protagonistin wird möglicherweise vorausblickend angedeutet; am Ende springt sie aus dem Schlafzimmerfenster in den Tod. Zürns Erzählungen bestehen häufig aus inneren Dialogen und zeigen eine Aggression gegenüber dem weiblichen Körper.

Zeichnungen und Bildsprache

Zu Zürns visuellen Arbeiten gehören Ölmalerei, Aquarelle, Skizzen, Tintenzeichnungen und Postkarten. Zwar schuf sie in den frühen 1950er Jahren einige Malereien, doch arbeitete sie vor allem mit Tinte, Bleistift und Gouache. Ihre fantastischen, präzise ausgeführten Bilder zeigen imaginäre Pflanzen, Chimären und amorphe humanoide Formen. Diese Formen können mehrere Gesichter besitzen, die aus verzerrten Körpern hervorgehen. Augen treten häufig auf; komplizierte, sich wiederholende Markierungen prägen die Zeichnungen.

Gewalt und Verformung kennzeichnen sowohl den Herstellungsprozess als auch die fertigen Bilder. Zürn verstand das Zeichnen als Schöpfungsprozess, der von einer Zerstörung oder Dekonstruktion der Form abhängt und das Bild dadurch transformiert. Diese Methode steht in Beziehung zu ihren Anagrammen: Wie beim wiederholten Schichten von Linien werden dort vorhandene Buchstaben neu geordnet, sodass neue Bedeutungen entstehen.

Ein Beispiel ist Untitled von 1965. Auf der 65 × 50 cm großen Zeichenfläche liegen sich wiederholende und überlappende menschliche Köpfe. Runde Linien erzeugen zahlreiche veränderbare Porträts. Zürn verwendete vor allem Tinte und Gouache. Die Gesichter verändern sich, verschmelzen miteinander und erscheinen in unterschiedlichen Größen und Ausdrucksformen. Durch die Schichtung entsteht eine monströse Einheit. Da Augen, Nasen, Lippen und Augenbrauen immer neue Kombinationen bilden, lässt sich die Anzahl der dargestellten Personen nicht eindeutig bestimmen.

1953 stellte Zürn ihre automatischen Zeichnungen erstmals in der Pariser Galerie Le Soleil dans la Tête aus. Die Ausstellung besuchten unter anderem André Breton, Man Ray, Hans Arp, Joyce Mansour, Victor Brauner und Gaston Bachelard; die Arbeiten wurden gut aufgenommen. Zürn bewarb ihre visuellen Arbeiten dennoch weiterhin kaum aktiv. Deshalb zirkulierten sie außerhalb von Privatsammlungen, Auktionen, Galerielagern und nationalen Archiven nur wenig. Laut Suleiman gehört Zürn zu den wenigen Frauen, die mit dem Surrealismus verbunden werden.

Bücher und Gesamtausgabe

Das Werkverzeichnis nennt folgende selbstständige Veröffentlichungen und Ausgaben: Hexentexte (Berlin 1954), Dunkler Frühling (Hamburg 1969), Der Mann im Jasmin (Frankfurt am Main u. a. 1977), Im Staub dieses Lebens (Berlin 1980), Das Weiße mit dem roten Punkt (Berlin 1981), Das Haus der Krankheiten (Berlin 1986), Les jeux à deux (Berlin 1989) und Orakel und Spektakel (Berlin 1990). Gemeinsam mit Hans Bellmer veröffentlichte Zürn außerdem Lettres au docteur Ferdière (Paris 1994).

Die Gesamtausgabe erschien beim Verlag Brinkmann & Bose in Berlin. Sie umfasst Band 1 Anagramme (1988, ISBN 3-922660-30-4), Band 2 Prosa 1 (1989, ISBN 3-922660-31-2), Band 3 Prosa 2 (1991, ISBN 3-922660-32-0), Band 4,1 Prosa 3 (1991, ISBN 3-922660-43-6), Band 4,2 Prosa 4 (1998, ISBN 3-922660-49-5), Band 4,3 Anmerkungen, Briefe, Dokumente (1999, ISBN 3-922660-70-3), Band 5 Aufzeichnungen (1989, ISBN 3-922660-33-9) und Band 6 Briefe, Dokumente, Hörfunk (2001, ISBN 3-922660-72-X). Die ISBN der Gesamtausgabe lautet 3-922660-34-7.

Ausstellungen, Vertonungen und Ehrung

Zu den Ausstellungskatalogen gehören Unica Zürn: Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen (Galerie Brusberg, Hannover 1967), Unica Zürn: Bilder 1953–1970 (Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 1998, ISBN 3-922660-71-1), Unica Zürn: Alben (Berlin 2009, ISBN 978-3-940048-06-6) und Unica Zürn – Camaro – Hans Bellmer. In Berlin: Arbeiten der 40er bis 60er Jahre (Berlin 2016, ISBN 978-3-940048-26-4). 1967 waren parallel zu einer Bellmer-Ausstellung der Kestnergesellschaft in Hannover Arbeiten Zürns in der Galerie Brusberg zu sehen.

Mehrere Komponisten vertonten Anagrammgedichte oder Texte Zürns. Bernhard Arndt schuf Anagramme. Unsuk Chins Kalá (2000) für Sopran, Bass, gemischten Chor und Orchester verwendet unter anderem Texte von Unica Zürn; die Uraufführung fand am 9. März 2001 in der Göteborger Konzerthalle mit Piia Komsi, Martin Snell, den Göteborger Symphonikern, deren Chor und Péter Eötvös statt. Genannt werden daraus die Sätze Der Tod ist die Sehnsucht meines Lebens und Die Zeit ist das Brot von dem wir uns nähren.

Uwe Strübings Sechs Unicate für V. D. (op. 37; 1998) ist ein Liedzyklus für Sopran und Klavier nach Anagrammen Zürns; die Uraufführung fand am 5. Oktober 2000 in Schwandorf statt. Die sechs Titel lauten Ich weiss nicht, wie man die Liebe macht, Werde ich dir einmal begegnen?, Stille Wasser sind tief, Dans ta lumière, dans ton ampleur, dans ton horreur, Und scheert ihr Rosenbaertlein ab und Ich weiss, wie man die Wollust macht. Burkhard Stangls Drei Lieder (1994) für drei Frauenstimmen und Ensemble wurden am 26. Oktober 1994 in Wien uraufgeführt. Iris Drögekamp und Thomas Weber realisierten 2014 das Hörspiel Das Haus der Krankheiten mit Musik des Kammerflimmer Kollektiefs für den SWR.

Rainer Werner Fassbinders Filmdrama Despair – Eine Reise ins Licht (1978) ist neben Antonin Artaud und Vincent van Gogh auch Unica Zürn gewidmet. Oskar Pastior bildete aus ihrem Namen das Anagramm „Unica Zuern – Azur in nuce“ („Himmelsblau in einer Nußschale“).

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