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Zwölf ethische Grundsätze der Bahai
Alle Religionen haben eine gemeinsame Grundlage. Die Bahai lehren, dass sich derselbe Gott in allen Religionen offenbart. Jede Religion habe zeitbezogene und …
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Einordnung und Grundidee
Die zwölf ethischen Grundsätze der Bahai fassen zentrale Leitgedanken der Lehren Bahāʾullāhs zusammen. ʿAbdul-Bahāʾ stellte sie 1912 besonders in seinen Ansprachen in Paris heraus. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts prägten sie die westliche Wahrnehmung der Bahai, die vor allem als humanitäre Friedensbewegung verstanden wurden. Spirituelle und philosophische Lehren Bahāʾullāhs, etwa über das Wesen der menschlichen Seele oder das Leben nach dem Tod, fanden erst in den letzten Jahrzehnten größere Beachtung.
Die zwölf Grundsätze sind keine im Wortlaut festgeschriebenen Gebote. ʿAbdul-Bahāʾ formulierte sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich. Die verbreitete Einteilung gibt daher eine sinngemäße Zusammenfassung wieder. Im Mittelpunkt stehen die Einheit der Menschheit, die selbstständige Suche nach Wahrheit, die Gleichwertigkeit der Religionen, die Verbindung von Religion und Vernunft sowie die Verpflichtung zu Frieden, Bildung und sozialer Gerechtigkeit.
Menschheit, Religion und selbstständiges Denken
Die gesamte Menschheit soll als Einheit betrachtet werden. Einheit und Vielfalt gelten dabei nicht als Gegensätze: Kulturelle Vielfalt wird begrüßt und gefördert, während alle Menschen und Religionen als Schöpfung derselben Gottheit verstanden werden. Bahāʾullāh formulierte: „Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“
Jeder Mensch muss die Wahrheit selbstständig erforschen. Der persönliche Glaube hängt ausschließlich von der einzelnen Person ab; deshalb gibt es keinen Klerus, der den Glauben vermittelt. Die Heiligen Schriften sollen von allen Gläubigen selbst gelesen und interpretiert werden. Dieses Menschenbild zielt auf Mündigkeit und Selbstbestimmtheit. In Gemeinden in Südamerika, Afrika und Indien wurden deshalb zahlreiche Alphabetisierungsprogramme, besonders für junge Frauen, eingerichtet.
Nach der Lehre der Bahai haben alle Religionen eine gemeinsame Grundlage. Derselbe Gott offenbart sich in allen Religionen. Jede Religion besitzt zeitbezogene und ewige Aspekte. So unterscheiden sich soziale Gebote, weil sie an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Kulturkreis angepasst sind. Der mystische Kern der Religionen gilt dagegen als immer gleich, auch wenn er in unterschiedliche Worte gefasst wird.
Religion soll Ursache von Einigkeit und Eintracht sein. Führt sie zu Zwietracht oder Gewalt, wird dies als Missbrauch der Religion betrachtet. Nach ʿAbdul-Bahāʾ wäre es besser, auf eine Religion zu verzichten, wenn sie Zwist und Uneinigkeit hervorbringt.
Religion muss außerdem mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen. Sie erklärt nach Auffassung der Bahai Zusammenhänge, die jenseits des wissenschaftlich Erfahrbaren liegen. Wissenschaft und Religion sollen sich daher ergänzen und einander nicht widersprechen. Religion ohne Wissenschaft führe zu Aberglauben, Wissenschaft ohne Religion zu Materialismus; beides wird abgelehnt.
Gleichberechtigung, Bildung und soziale Gerechtigkeit
Männer und Frauen sollen gleiche Rechte haben. Nach Auffassung der Bahai tritt die Menschheit mit der Offenbarung Bahāʾullāhs in ein neues Zeitalter ein, in dem „Gewalt ihr Gewicht verliert“ und „die männlichen und weiblichen Elemente der Kultur besser ausgeglichen sein werden“. Dieses neue Zeitalter soll weniger männlich und stärker von „weiblichen Leitbildern“ wie Intuition und Fürsorge geprägt sein.
Vorurteile jeder Art müssen abgelegt werden. Gemeint sind insbesondere rassistische und religiöse Vorurteile. Die Bahai vertreten beispielsweise keinen Erlösungsglauben, der Menschen in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilt.
Beide Geschlechter sollen die beste geistige und sittliche Bildung und Erziehung erhalten. Das bezieht sich nicht nur auf die Erziehung in der Familie, sondern auch auf eine allgemeine Schulpflicht. Wenn die vorhandenen Mittel nicht für alle Kinder ausreichen, sollen Mädchen bevorzugt werden, weil sie als „erste Erzieher der nächsten Generation“ gelten.
Auch die soziale Frage muss gelöst werden. ʿAbdul-Bahāʾ bezog sich damit 1912 auf die sozialpolitischen Probleme des Industriezeitalters und die daraus entstehenden gesellschaftlichen Spannungen. Die Bahai setzen sich wirtschaftlich und gesellschaftlich für Ausgleich und Gerechtigkeit im Globalisierungsprozess ein. Mit diesen Fragen befassen sich unter anderem Organisationen wie das European Bahá'í Business Forum.
Weltfrieden und internationale Zusammenarbeit
Der Weltfrieden soll verwirklicht werden. Für die Bahai ist er keine rein eschatologische Erwartung, also keine bloße Hoffnung auf ein zukünftiges Heilsgeschehen, sondern eine Aufgabe, die menschliches Bemühen erfordert. Weltfriede schließt Religionsfrieden und die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen unabhängig von Rasse oder Klasse ein. Als erste Schritte gelten Abrüstung und die Einrichtung eines Völkerbundes. 1985 richtete die Bahai-Gemeinde eine Friedensbotschaft an die Völker der Welt.
Zur weltweiten Verständigung soll eine Welthilfssprache und eine Einheitsschrift eingeführt werden. Bahāʾullāh betonte die Notwendigkeit einer Sprache, die von den Völkern der Erde gemeinsam gewählt wird und neben der jeweiligen Muttersprache erlernt werden soll. Innerhalb der Bahai-Gemeinde wird diese Funktion faktisch inzwischen von Englisch übernommen. Englisch wird im Bahai-Weltzentrum sowie als Konferenzsprache bei internationalen Tagungen verwendet.
Außerdem soll ein Weltschiedsgerichtshof eingerichtet werden. Die Bahai gehen trotz der Friedensprophezeiungen Bahāʾullāhs nicht davon aus, dass sich lokale und globale Konflikte von selbst lösen. Erforderlich seien daher nicht nur ein internationaler Gerichtshof, sondern auch eine international akzeptierte Polizei, die bei Bedarf berechtigt ist, in gewaltsame Konflikte friedensbewahrend einzugreifen. In den Heiligen Schriften Bahāʾullāhs wird eine weltweite, allumfassende Versammlung gefordert, an der die Herrscher und Könige der Erde teilnehmen. Sie sollen Mittel und Wege beraten, die den Grund zum „Größten Weltfrieden“ unter den Menschen legen.