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Wirtschaftschemie
Wirtschaftschemie ist ein Studienfach mit den kombinierten Ausbildungszielen Betriebswirtschaft (BWL) und Chemie, das die Belegung von Studienmodulen in …
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Grundidee und Bedeutung
Wirtschaftschemie ist ein interdisziplinäres Studienfach, das Chemie und Betriebswirtschaftslehre (BWL) verbindet. Studierende belegen Module aus beiden Bereichen und lernen, chemische Sachverhalte ebenso wie betriebswirtschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten. Das Fach reagiert seit Ende der 1990er Jahre auf den Bedarf der chemischen Industrie an naturwissenschaftlich qualifizierten Beschäftigten mit fundierten Managementkenntnissen.
Die Verbindung beider Disziplinen ist besonders an den Schnittstellen zwischen naturwissenschaftlicher Arbeit und wirtschaftlichen Entscheidungen wichtig. Dazu gehören Forschung und Entwicklung, Produktion, Marketing und Vertrieb, Controlling sowie Nachhaltigkeitsmanagement.
Wirtschaftschemie wird an sieben deutschen Universitäten angeboten: Düsseldorf, Kaiserslautern, Ulm, Kiel, Münster, Regensburg und Clausthal. Hinzu kommen die Universität Zürich in der Schweiz und die Hochschule Fresenius in Idstein als deutsche Fachhochschule.
Studienmodelle und Hochschulen
Die Studiengänge unterscheiden sich in Dauer und Aufbau. Kaiserslautern, Ulm, Regensburg und Clausthal bieten sechssemestrige Bachelorstudiengänge mit 180 ECTS-Punkten und anschließende viersemestrige Masterstudiengänge mit 120 ECTS-Punkten an. In Düsseldorf und Kiel dauert der Bachelor sieben Semester und umfasst 210 ECTS-Punkte; der konsekutive, also unmittelbar darauf aufbauende Master dauert drei Semester und umfasst 90 ECTS-Punkte. Münster bietet ausschließlich einen viersemestrigen Masterstudiengang an. Die Universität Zürich nennt sechs Semester für den Bachelor und drei weitere Semester für den Master. An der Hochschule Fresenius wird seit 2013 ein fünfsemestriger Masterstudiengang angeboten.
Beim „Bändermodell“ werden Chemie und Wirtschaftswissenschaften im Bachelor und Master parallel gelehrt und miteinander verknüpft. Dieses Modell findet sich in Düsseldorf, Kaiserslautern, Ulm, Kiel, Regensburg und Clausthal. Beim „konsekutiven Modell“ folgt auf einen Chemie-Bachelor, eventuell mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt, ein Master in Wirtschaftschemie; dieses Modell gibt es in Kaiserslautern und Münster. Das Studium ist örtlich zulassungsbeschränkt; an manchen Hochschulen besteht zeitweise ein örtlicher Numerus clausus.
In Düsseldorf werden beide Fächer seit 1998 vom ersten Semester an nahezu gleichgewichtig unterrichtet. Abschlussarbeiten können chemisch, wirtschaftswissenschaftlich oder kombiniert ausgerichtet sein. Nach dem Master ist eine Promotion zum Dr. rer. nat. in Chemie oder zum Dr. rer. pol. in Wirtschaftswissenschaft möglich.
Am RPTU-Standort Kaiserslautern wird seit 1998 der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen mit Studienrichtung Chemie angeboten. Daneben existiert ein sechssemestriger Chemie-Bachelor mit Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften: Die Grundlagen entfallen überwiegend auf Chemie und zu 20 Prozent auf Wirtschaftswissenschaften. Darauf baut ein viersemestriger Master in Wirtschaftschemie auf.
In Ulm überwiegt im Bachelor der chemische Anteil. Studierende wählen zwischen dem Schwerpunkt „Chemiewirtschaft“, einer Mischung aus Chemie und Wirtschaftswissenschaften oder einer stärker chemischen Ausrichtung. Der Schwerpunkt Chemiewirtschaft führt ausschließlich in den Master Wirtschaftschemie; mit den beiden anderen Varianten kann eine Zulassung zum Master Chemie möglich sein. Umgekehrt erlaubt ein Chemie-Bachelor keinen direkten Übergang in den Ulmer Master Wirtschaftschemie. Dieser umfasst spezielle Wirtschaftschemie-Veranstaltungen, ein Forschungspraktikum und ein dreimonatiges Berufsfeldpraktikum in der Industrie.
Münster besitzt als einzige deutsche Hochschule ein eigenes Institut für Wirtschaftschemie. Der Master setzt ein Studium mit mindestens 90 Credits in Chemie voraus. In den ersten beiden Semestern werden sechs wirtschaftswissenschaftliche Pflichtmodule belegt, im dritten Semester Wahlpflichtmodule aus dem Chemie-Master. Im vierten Semester folgt eine Masterarbeit, entweder als Praxisarbeit mit einem Unternehmen der Chemieindustrie oder als theoretische Arbeit am Institut.
In Zürich werden Chemie und BWL vom ersten Semester an parallel gelehrt; besondere Mastermodule behandeln wirtschaftliche Probleme der Chemiebranche. In Idstein folgen auf vier Semester Chemie im fünften Semester wirtschaftliche Zusatzkenntnisse für die Berufspraxis. Regensburg führte den Bachelor 2017 und den Master 2020 ein. Der Clausthaler Bachelor besteht seit 2021 und verbindet chemische Grundlagen einschließlich Elektrochemie und Technischer Chemie mit Unternehmensforschung, Makroökonomik, Produktionswirtschaft, Marketing und internationaler Wirtschaftschemie. Seit dem Wintersemester 2024/25 kann sich dort der Master Wirtschaftschemie anschließen.
Bachelorstudium
Für ein universitäres Wirtschaftschemie-Studium wird meist die allgemeine Hochschulreife, also das Abitur, verlangt. An der Fachhochschule ist der Zugang auch mit der Fachhochschulreife möglich. Zusätzliche Anforderungen bestehen grundsätzlich nicht. Hilfreich sind Fremdsprachenkenntnisse sowie praktische Erfahrungen und Auslandserfahrungen. Entscheidend ist das Interesse an chemischen und wirtschaftlichen Fragestellungen.
Der Bachelor soll dazu befähigen, im Labor wissenschaftlich zu arbeiten und betriebswirtschaftliche Probleme zu analysieren. Je nach Hochschule dauert er sechs Semester mit 180 ECTS-Punkten oder sieben Semester mit 210 ECTS-Punkten. Im integrativen Modell werden Chemie und Wirtschaftswissenschaften über die gesamte Studienzeit parallel und nahezu gleichgewichtig vermittelt. Laborpraktika lassen den Chemieanteil zeitlich größer erscheinen, inhaltlich ist jedoch ein Gleichgewicht vorgesehen.
Die chemische Ausbildung umfasst Grundlagen der Anorganischen, Organischen und Physikalischen Chemie. In Laborpraktika sammeln die Studierenden Erfahrungen mit der Analyse und Synthese, also der Untersuchung und Herstellung chemischer Verbindungen. Mathematik und Physik ergänzen diese Grundlagen. Vertiefungs- und Wahlpflichtmodule bereiten auf selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten und Forschen vor.
In den Wirtschaftswissenschaften gehören BWL, Volkswirtschaftslehre (VWL) und spezialisierte Teilgebiete zum Lehrplan. Behandelt werden unter anderem Absatz und Beschaffung, Produktion und Logistik, Rechnungswesen, Finanz- und Wertmanagement sowie Statistik. Je nach Universität wählen Studierende zwei oder mehr Schwerpunktmodule. Mögliche Spezialisierungen sind beispielsweise Controlling, Finanzierung und Investition, Marketing oder Umweltmanagement. Dabei lernen die Studierenden auch, wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen und spezielle wirtschaftschemische Aufgaben zu untersuchen.
Das Bachelorstudium endet im sechsten oder siebten Semester mit einer Abschlussarbeit über ein eng abgegrenztes chemisches oder wirtschaftswissenschaftliches Thema.
Master und früheres Diplom
Der Master vertieft die im Bachelor erworbenen Kenntnisse und führt die ausgewogene Verbindung von Chemie und BWL fort. Voraussetzung ist normalerweise ein Bachelor of Science in Wirtschaftschemie oder ein gleichwertiger Abschluss. Manche Universitäten verlangen mindestens die Note „gut“ oder zusätzliche Industriepraktika; maßgeblich sind die jeweiligen Eignungsfeststellungsordnungen.
Nach einem sieben Semester langen Bachelor folgt ein dreisemestriger Master, nach einem klassischen sechssemestrigen Bachelor ein viersemestriger Master. Wahlpflichtmodule ermöglichen eine individuelle Fächerkombination. Im dritten beziehungsweise vierten Semester wird das Studium mit einer chemischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Masterarbeit beendet. Selbstständiges und intensives Arbeiten ist wegen des hohen wissenschaftlichen Niveaus erforderlich. Empfohlen werden Sprach- und Zusatzkurse, Auslandsaufenthalte und Industriepraktika, um Forschung, Praxis und Unternehmensprozesse der chemischen Industrie kennenzulernen.
Diplomstudiengänge in Wirtschaftschemie wurden im Wintersemester 2006/07 letztmals angeboten und laufen aus. Ihre Regelstudienzeit betrug zehn Semester; der Abschluss ist dem Master of Science gleichwertig, war aber anders gegliedert. Das viersemestrige Grundstudium endete in der Regel mit zwei BWL-Prüfungen sowie drei Chemieprüfungen in Anorganischer, Organischer und Physikalischer Chemie. Im sechssemestrigen Hauptstudium wurden beide Fächer vertieft und durch Wahlfächer ergänzt. Zur Diplomprüfung gehörten gleichgewichtig zwei betriebswirtschaftliche und zwei chemische Fachprüfungen sowie eine Diplomarbeit mit fachbezogenem oder fachübergreifendem Thema.
Berufliche Einsatzgebiete
Wirtschaftschemikerinnen und Wirtschaftschemiker sind für Tätigkeiten an den Schnittstellen von Chemie und BWL qualifiziert. Beschäftigungsmöglichkeiten bestehen besonders in der chemischen Industrie und in verwandten Branchen wie der Pharma- und Mineralölindustrie sowie in der Unternehmensberatung. Dort erfordern viele Aufgaben sowohl naturwissenschaftliches Verständnis als auch wirtschaftliche Entscheidungsfähigkeit.
Durch Wahlfächer und individuelle Schwerpunkte besitzen Absolventinnen und Absolventen eine breite Ausbildung und zugleich vertieftes Wissen in ausgewählten Gebieten. Mögliche Arbeitsfelder sind Forschung und Entwicklung, Beschaffung, Logistik, Produktion, Controlling, Marketing, Vertrieb, Kundendienst, Personalwesen und Unternehmenskommunikation. Ihre besondere Qualifikation liegt darin, chemisches Fachwissen mit Managementkompetenzen zu verbinden. Damit können sie an den zunehmend komplexen und miteinander verzahnten Wertschöpfungsprozessen der Chemiewirtschaft mitwirken.