Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Werturteilsstreit

Der Streit wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vor allem zwischen den Mitgliedern des Vereins für Socialpolitik geführt. Hauptkontrahenten waren Max …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung des Werturteilsstreits
  2. 2. Ausgangslage: Wissenschaft, Politik und Sozialreform
  3. 3. Schmoller und Webers Verständnis wissenschaftlicher Wertfreiheit
  4. 4. Die Debatte von 1909 und Schmollers Reaktion
  5. 5. Nachwirkungen

Gegenstand und Bedeutung des Werturteilsstreits

Der Werturteilsstreit war ein Methodenstreit in der deutschen Soziologie und Nationalökonomie. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die Sozialwissenschaften normative, also verbindliche Aussagen darüber treffen sollen, welche politischen Maßnahmen richtig sind. Umstritten war außerdem, ob politische Handlungen wissenschaftlich gerechtfertigt werden können.

Der Streit wurde vor allem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg im Verein für Socialpolitik geführt. Die wichtigsten Kontrahenten waren Max Weber, Werner Sombart und Gustav Schmoller. Die Debatte von 1909 trug wesentlich zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bei. Manchmal wird auch die Auseinandersetzung zwischen Kritischer Theorie und Kritischem Rationalismus in den 1960er Jahren als „Zweiter Werturteilsstreit“ bezeichnet; üblicher ist dafür jedoch die Bezeichnung Positivismusstreit.

Ausgangslage: Wissenschaft, Politik und Sozialreform

Im engeren Sinn bezog sich der Streit auf die Sozialpolitik. Es ging um die Frage, was objektive Wissenschaft für die Politik leisten kann: Kann sie allgemein verbindliche Werte, Werturteile oder „Sollens“-Sätze aufstellen, aus denen politische Forderungen abgeleitet werden?

Im Verein für Socialpolitik standen sich zwei Richtungen gegenüber. Jüngere Wissenschaftler wie Max Weber und Werner Sombart vertraten die Auffassung, Wissenschaft könne aus sich heraus kein Werturteil begründen. Forschung müsse deshalb von wertender Betrachtung getrennt werden. Die Kathedersozialisten bezogen dagegen die Stellungnahme zu gesellschaftspolitischen Problemen, etwa zur sozialen Frage, in ihre wissenschaftliche Tätigkeit ein. Die Auseinandersetzung hatte bereits etwa 20 Jahre vor 1909 begonnen. Ein Beleg dafür ist ein Aufsatz von Lujo Brentano aus dem Jahr 1896, der etwa 15 Jahre später unter dem Titel „Ueber Werturteile in der Volkswirtschaftslehre“ erneut veröffentlicht wurde.

Die Bezeichnung „Kathedersozialismus“ war polemisch und bezeichnete Hochschullehrer, die dem Sozialismus tatsächlich weitgehend ablehnend gegenüberstanden. Gustav Schmoller sah eine umfassende staatliche Sozialpolitik als Möglichkeit, eine Revolution zu verhindern. Nach seiner Auffassung entstand eine Revolution notwendig aus dem Ungleichgewicht gesellschaftlicher Klassen. Stabilität sollte durch ein Gleichgewicht der am Produktionsprozess beteiligten Gruppen erreicht werden. Maßstab war die Eigentumsverteilung; angestrebt werden sollte nicht Gleichheit, da Schmoller von einer „natürlichen Ungleichheit“ der Menschen überzeugt war, sondern Gerechtigkeit. Neben einer konservativen, auf Klassenausgleich und Staatswohl gerichteten Richtung unterscheidet Dieter Lindenlaub eine liberale Richtung, die Einzelrecht und individuelle Freiheit betonte. Beide sahen jedoch den Staat als wichtigsten Träger sozialer Maßnahmen.

Der Verein für Socialpolitik war 1873 gegründet worden, um die Gesellschaft durch soziale Reformen auf friedlichem Weg umzubilden und dadurch einer Revolution vorzubeugen. Ab 1878 verfolgte auch Bismarck sozialpolitische Ziele. Die Sozialpolitik sollte unter anderem der nationalen Integration dienen. Hans-Ulrich Wehler deutet Bismarcks Politik als „Sozialversicherung statt Sozialreform“ und meint, sie habe einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbau eher verhindern wollen. Nach Bismarcks Regierungszeit ab 1890 wurde die Sozialpolitik fortgesetzt. Zwischen Staat und Arbeiterschaft entstand teilweise eine neue Form der Partnerschaft. Sozialpolitik blieb jedoch ein „Element deutscher Staatsräson“ und diente möglicherweise weiterhin auch der Schwächung der Arbeiterbewegung.

Schmoller und Webers Verständnis wissenschaftlicher Wertfreiheit

Schmoller hatte sich bereits 1893 für eine Begrenzung wissenschaftlicher Wertungen ausgesprochen. Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit könnten nicht als isolierte oberste Prinzipien verwendet werden, aus denen sich das richtige Handeln mit strenger Logik deduzieren lasse. Sie seien vielmehr „Leitsterne und Zielpunkte“, die in richtiger Verbindung gutes Handeln anleiten, aber keine empirischen Wahrheiten darstellten. Wissenschaft könne die „unumstößliche Wahrheit“ umso eher erreichen, je weniger sie ein Sollen lehre. Ein Sollen ergebe sich für Schmoller nur aus dem „Zusammenhang des Ganzen“.

Max Weber formulierte seine Position bereits 1904 im „Objektivitäts-Aufsatz“. Für eine Erfahrungswissenschaft könne es niemals Aufgabe sein, „bindende Normen und Ideale“ zu ermitteln und daraus praktische Rezepte abzuleiten. Allgemein gültige letzte Ideale als praktischer Generalnenner seien nicht nur praktisch unlösbar, sondern „in sich widersinnig“.

Weber lehnte jedoch nicht die Beschäftigung mit Werten ab. Werte können Gegenstand empirischer Forschung sein, ihre Gültigkeit kann die empirische Wissenschaft aber nicht beweisen. Die Wissenschaft muss zwischen Zwecken, also Wertentscheidungen, und Mitteln zur Erreichung dieser Zwecke unterscheiden. Sie kann beurteilen, ob ein Mittel für einen gegebenen Zweck geeignet ist, ob ein Zweck unter bestimmten historischen Bedingungen erreichbar oder sinnvoll ist, welche weiteren Folgen ein Mittel hat, ob Zwecke innerlich widerspruchsfrei sind und auf welche verborgenen „letzten“ Zwecke sie zurückgehen. Die Entscheidung, welche Folgen vorzuziehen sind, bleibt eine Wertfrage.

Auch die Auswahl eines Forschungsthemas beruht nach Weber auf Werten, nämlich auf dem Forschungsinteresse. Deshalb ist die Bezeichnung einer vollständig „wertfreien“ Wissenschaft missverständlich. Gemeint ist nur, dass wissenschaftliche Methoden die Gültigkeit von Werten nicht beweisen können. Weber unterschied außerdem die Funktionen von Wissenschaftler und Politiker: Wissenschaftler sollen geeignete Mittel und Folgen untersuchen; über die Zwecke entscheidet die Politik. Ein Wissenschaftler darf sich politisch engagieren, muss seine politischen Werte dann aber als Politiker und nicht als Wissenschaftler vertreten. Der Versuch, Werte mit wissenschaftlichen Mitteln zu ermitteln, bezeichnete Weber als „Erschleichung“ und als methodisch unseriös.

Die Debatte von 1909 und Schmollers Reaktion

Die eigentliche Debatte begann am 29. September 1909 bei einer Diskussion des Vereins für Socialpolitik. Werner Sombart wandte sich gegen Eugen von Philippovichs Gleichsetzung von volkswirtschaftlicher Produktivität und Volkswohlstand. An einem Kirchenbau zeigte Sombart, dass die Bewertung einer Handlung von subjektiven Wertungen abhängt: Für einen gläubigen Menschen kann der Bau einer Kirche den Wohlstand fördern, für einen Atheisten kann er eine Verschwendung sein. Sombart zufolge kann Wissenschaft feststellen, welche praktischen Folgen unter welchen Voraussetzungen eintreten. Praktische Forderungen oder Normen kann sie jedoch nicht objektiv aufstellen. Gerade die unterschwelligen Wertungen wissenschaftlicher Untersuchungen führten dazu, dass verschiedene Wissenschaftler aus ähnlichen Untersuchungen unterschiedliche politische Forderungen ableiteten.

Max Weber kritisierte anschließend Robert Liefmann, dessen scheinbare Zustimmung zu Sombart in seinen Begriffen „Wohlstand“ und „Produktivität“ nach Webers Einschätzung vor allem Unternehmerinteressen voraussetzte. Weber griff seine Thesen aus dem „Objektivitäts-Aufsatz“ erneut auf und empfahl, den unklaren Produktivitätsbegriff „in den Orkus zu werfen“.

Rudolf Goldscheid widersprach Sombart und Weber am entschiedensten. Auch er verlangte eine strikte Trennung zwischen wertfreier und wertender Betrachtung, hielt aber eine „normative Ökonomie“ für notwendig. Eine vollständig wertfreie Ökonomie sei nicht möglich. Daher müsse man die Wertvoraussetzungen offenlegen, bevor sich das Seinsollende „durch eine Hintertüre“ einschleiche. Goldscheid betonte außerdem, dass bereits die Auswahl wissenschaftlicher Themen auf „allgemeinen Wertvoraussetzungen“ beruhe, weil die Wissenschaft sonst der „Unendlichkeit der Probleme“ nicht Herr werden könne. Unklar blieb, ob Werte für ihn nur Voraussetzungen oder auch Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung waren. Weber stimmte lediglich der Bedeutung von Wertvoraussetzungen bei der Themenauswahl zu und lehnte Goldscheids übrige Folgerungen ab.

Schmoller reagierte auf Webers Kritik, indem er 1911 seine Position von 1893 überarbeitete. Er erklärte, die Ethik werde „mehr und mehr auch zu einer Erfahrungswissenschaft“, und unterschied neben subjektiven auch objektive Werturteile. Das objektiv Gute bilde sich im historischen Prozess zunehmend heraus. Schmoller verband damit erneut die Vorstellung eines Gemeinwohls und eines Ausgleichs zwischen Parteien und Klassen. Weber kritisierte diese Position scharf: Man dürfe sich wissenschaftlich nicht mit faktisch verbreiteten praktischen Überzeugungen begnügen, auch wenn sie durch gesellschaftliche Konvention entstanden seien.

Nachwirkungen

Der Werturteilsstreit löste zahlreiche weitere Veröffentlichungen aus. Auch ein Ausschuss des Vereins für Socialpolitik befasste sich mit der Auswahl wissenschaftlicher Probleme. Die schriftlichen Stellungnahmen wurden 1913 als Manuskript veröffentlicht. Darin befand sich die Urfassung von Max Webers 1918 gedrucktem „Wertfreiheits-Aufsatz“ auf den Seiten 83–120; eine Wiederveröffentlichung der Beiträge erfolgte 1996.

Christian von Ferber schrieb 1959, inzwischen gelte Webers Position in ihren Argumenten als die stärkere, selbst unter Vertretern einer „wertenden“ Nationalökonomie. Ob die moderne Wirtschaftswissenschaft diesem Anspruch vollständig entspricht, bleibt offen. Webers grundlegende Aufsätze beschäftigen die Methodenlehre der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften jedoch weiterhin. Dass sie zur Grundlegung der modernen Gesellschaftswissenschaft gehören, gilt heute als allgemein geteilter Konsens.

Weiterlesen

Soziologie In neuerer Zeit steht der soziale Wandel im Fokus von Modernisierungstheorien. ... soziale Verbände oder die Politik, selten aber nachhaltiger auch durch soziale … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Max Weber Mit Webers Namen sind die Protestantismus-Kapitalismus-These, das Prinzip der Werturteilsfreiheit, der Begriff Charisma, das Gewaltmonopol des Staates sowie die … Sozialpolitik Im staatlichen Bereich gehört die Sozialpolitik zu den ältesten Politikfeldern. Ihr primäres Ziel ist es, die soziale Lage benachteiligter Gruppen zu bessern, … Soziale Frage Die Kinderarbeit gibt es in der ländlichen Familienwirtschaft seit Menschengedenken, aber mit der Industrialisierung nahm sie im 18. und 19. Jahrhundert in … Volkswirtschaftslehre Ökonomische Modelle ... Besonders kritisiert wurden vor allem die vorherrschenden DSGE-Modelle, die als umfassende Makro-Modelle der Wirtschaft entwickelt wurden. Soziale Klasse Der Klassenbegriff ist vor allem in seinen polemisch-politischen Auswirkungen umstritten (siehe dazu verschiedene Definitionen von sozialer Ungleichheit). Otto von Bismarck Von 1862 bis 1890 – mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 – war er Ministerpräsident in Preußen, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des … Napoleon III. Charles-Louis-Napoléon Bonaparte (Napoleon III.), war der Sohn von Hortense de Beauharnais und Louis Bonaparte – Bruder Napoleons I. und König von Holland … Hans-Ulrich Wehler Hans-Ulrich Wehler (* 11. September 1931 in Freudenberg; † 5. Juli 2014 in Bielefeld) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer, 1970 bis 1971 als … Wertvorstellung Enthält eine Werteordnung einen alleinigen Anspruch auf Wahrheit, ist sie das Kennzeichen einer Ideologie. Individuelle Werte und Einstellungen untersucht die … Arbeit (Philosophie) Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die …