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Wattenmeer (Nordsee)
Naturnahe Küstenschutzmaßnahmen können bei der Klimaanpassung helfen. Dazu zählen neben harten Bauwerken wie Küstensperrwerke, regulierende Eingriffe wie …
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Überblick und Gezeitenlandschaft
Das Wattenmeer der Nordsee ist eine von den Gezeiten geprägte Küstenlandschaft zwischen Den Helder in den Niederlanden und Skallingen in Dänemark. Es ist etwa 11.500 km² groß, rund 500 km lang und bis zu 40 km breit. Etwa 30 % liegen unter niederländischer, 60 % unter deutscher und ungefähr 10 % unter dänischer Hoheit. Als Watt bezeichnet man den Meeresboden, der bei Niedrigwasser trockenfällt. Bei Hochwasser wird er wieder überflutet; zwischen einem Hoch- und einem Niedrigwasser liegen durchschnittlich sechs Stunden und zwölf Minuten. Das Wasser fließt vor allem durch Priele, also natürliche Rinnen im Watt, ab und zu.
Das vor etwa 7500 Jahren entstandene Gebiet ist das größte Wattenmeer der Welt und eines der letzten großräumigen Gezeitenökosysteme mit weitgehend ungestörten natürlichen Prozessen. Seine hohe Primärproduktion – die Bildung organischer Stoffe durch Pflanzen und Algen – macht es zu einer bedeutenden Nahrungsquelle, Kinderstube für Fische und Raststätte für Zugvögel.
Das Wattenmeer gliedert sich in drei Zonen: Die sublitorale Zone bleibt dauerhaft unter Wasser und umfasst unter anderem Gezeitenströme und Seegatten zur offenen Nordsee. Die eulitorale Zone ist das eigentliche Watt zwischen Niedrig- und Hochwasserlinie; hier liegen beispielsweise Muschelbänke und Lebensräume des Wattwurms. Die supralitorale Zone liegt über dem mittleren Tidehochwasser, wird aber bei Springtiden oder Sturmfluten überschwemmt und umfasst besonders die Salzwiesen.
Entstehung, Teilräume und Sedimentation
Das Wattenmeer ist eine geologisch junge, durch die Eiszeiten geformte Landschaft. Besonders Ablagerungen der Saale-Eiszeit aus Ton, Sand und Kies prägen den Untergrund. Während der Saalevereisung lag der Meeresspiegel schätzungsweise 120 Meter, während der Weichselvereisung etwa 100 Meter niedriger als heute. Das Gewicht der Gletscher drückte Skandinavien nach unten und hob das Gebiet der heutigen südlichen Nordseeküste an. Seit dem Abschmelzen des Eises, ungefähr seit 10.000 v. Chr., hebt sich Skandinavien wieder, während die südliche Nordseeküste absinkt. Zusammen mit dem steigenden Meeresspiegel schuf dies die Voraussetzungen für das Wattenmeer.
Im südlichen Wattenmeer zwischen Den Helder, Ems und Wesermündung liegt das Watt hinter den aus Sandbänken entstandenen West- und Ostfriesischen Barriereinseln. Diese schützen die Küste vor Brandung, sodass sich Schlick und Sand ablagern können. Inseln und Sandbänke verändern sich fortlaufend: Bant und Buise verschwanden, während Memmert und die Kachelotplate entstanden.
Im zentralen Wattenmeer zwischen Weser, Elbe, Eider und Eiderstedt gehen Flussmündungen, Watt und Nordsee unmittelbar ineinander über. Inseln und Hochsande wie Neuwerk, Trischen und der Große Knechtsand bilden nur eine lückenhafte Barriere. Die Sandbänke sind sehr beweglich und verlagern sich teilweise mehrere Meter pro Jahr ostwärts.
Das nördliche Wattenmeer reicht von Eiderstedt bis Blåvand. Es liegt im Schutz der Nordfriesischen Geestkern- und Marscheninseln, die ursprünglich zum Festland gehörten und durch Sturmfluten abgetrennt wurden. Die dänischen Wattenmeerinseln sind dagegen flache, aus Sandbänken entstandene Barriereinseln.
Sedimentation bedeutet, dass sich im Wasser transportierte Teilchen absetzen. Flüsse wie Ems, Weser, Elbe und Eider sowie Meeresströmungen liefern ständig Material. Die Flut dauert nur etwa 85 % so lange wie die Ebbe und strömt deshalb kräftiger: Sie trägt mehr Sediment ins Watt, als die langsamere Ebbe wieder entfernt. Über 90 % der Ablagerungen bestehen aus relativ grobem Sand; der kleinere feinkörnige Anteil stammt unter anderem aus dem Rhein-Maas-Delta, dem Ärmelkanal und der offenen Nordsee. Je nach Korngröße entstehen Sandwatt, Mischwatt und Schlickwatt. Rund 40 % der Gesamtfläche sind eulitoral; davon bestehen 76 % aus Sandwatt, 18 % aus Mischwatt und 6 % aus Schlickwatt. Knapp die Hälfte ist sublitoral und 8 % supralitoral.
Hydrologie, Klima und Meeresspiegelanstieg
Eine beständige Strömung verläuft vom Ärmelkanal nach Nordosten und verteilt Wasser und Sedimente im Wattenmeer. Gezeitenströme verbinden es mit der offenen Nordsee und verzweigen sich in kleinere Priele. In den Tidenströmen zwischen Inseln werden bis zu 1,8 Meter pro Sekunde erreicht. Der Tidenhub, also der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, nimmt von Westen nach Osten und von Norden nach Süden zu. Er beträgt bei Den Helder 1,3 Meter, bei Cuxhaven 2,82 Meter und bei Bremerhaven 3,38 Meter. In Hamburg verstärkt der Trichtereffekt der Elbe ihn auf 3,60 Meter.
Das Gebiet liegt in der gemäßigten Klimazone. Prägend sind warmes Atlantikwasser, Westwinde, häufige Nebellagen und meist kurze Stürme von weniger als vier Stunden. Eine Vereisung ist selten. Die Niederschlagsmenge reicht von 200 bis 400 mm im niederländischen Wattenmeer über 400 bis 600 mm im deutschen und dänischen Bereich bis zu 800 bis 1000 mm in der Elbmündung.
Durch die globale Erwärmung steigen Meeresspiegel und Wassertemperaturen; zugleich verändern sich Artenvorkommen und Lebensweisen. Für den Fortbestand des Watts ist entscheidend, ob die Sedimentablagerung mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt hält. Steigt das Watt schnell genug an, können Inseln und Halligen ihre Schutzwirkung behalten. Steigt das Wasser zu schnell, wird das Watt dauerhaft überspült und verliert ökologische und küstenschützende Funktionen. Studien bewerten die Entwicklung teilweise unterschiedlich; die meisten kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass manche Bereiche derzeit erstaunlich widerstandsfähig sind und teilweise schneller anwachsen als der Meeresspiegel. Der Deutsche Wetterdienst nennt einen durchschnittlichen Anstieg von annähernd 1,7 mm jährlich für die Nordsee und 2,7 mm jährlich an der nordfriesischen Küste.
Zur Anpassung dienen Küstensperrwerke, Sandvorspülungen, doppelte Deichsysteme und Tidepolder. In Tidepolder wird gezielt Meerwasser eingelassen, damit sich Sedimente ablagern und unbewohnte Niederungen mit dem Meeresspiegel mitwachsen können.
Lebensräume, Pflanzen und Tiere
Das Wattenmeer ist das größte zusammenhängende Feuchtgebiet Europas. Es enthält 60 % der europäischen und nordafrikanischen Wattflächen sowie Europas größte zusammenhängende Salzwiesen. Etwa 2500 marine und 2300 teilweise landgebundene Arten nutzen das Gebiet; 250 Tierarten sind endemisch, kommen also nur hier vor. Wechselnde Wasserstände, Salzgehalte und Temperaturen verlangen starke Anpassungen. Besonders Mikro- und Meiofauna – sehr kleine, im Sediment lebende Tiere – sind artenreich, während wenige größere Tierarten in sehr großen Individuenzahlen auftreten.
Im Wasser wachsen Algen und Seegräser. Die beiden Seegrasarten Zostera marina und Zostera noltii bedecken etwa 6000 Hektar in Schleswig-Holstein, 705 Hektar in Niedersachsen und 130 Hektar in den Niederlanden. Salzwiesen werden je nach Höhenlage unterschiedlich oft überflutet: In der fast täglich überfluteten Quellerzone wachsen vor allem Queller und Schlickgras. Es folgen Andelzone und Rotschwingelzone, in der seltenere Überflutungen größeren Artenreichtum ermöglichen. Strandquecke, Strandhafer und Strandroggen fangen und stabilisieren Sand und tragen dadurch zur Dünenbildung bei.
Etwa zehn bis zwölf Millionen Vögel ziehen durch das Wattenmeer. Für ungefähr 50 Arten der nördlichen Hemisphäre ist es unverzichtbar. Es dient als Brut-, Rast- und Mausergebiet. Rund 180.000 Brandgänse, mehr als 80 % des nordwesteuropäischen Bestands, mausern sich zwischen Juli und September überwiegend bei Trischen. Seit den 1990er Jahren gehen jedoch viele Zugvogelbestände zurück; als eine Ursache gilt der durch Muschelfischerei verursachte Rückgang ihrer Nahrung.
Typische Meerestiere sind Herzmuschel, Miesmuschel, Strandkrabbe, Nordseegarnele und Wattwurm. Die Pazifische Auster setzt die Miesmuschel zunehmend unter Druck. Das Watt ist eine wichtige Kinderstube für Fische: Hier wachsen beispielsweise 80 % der Nordsee-Schollen und 50 % der Seezungen auf. Dauerhaft leben vor allem kleinere Arten wie Aalmutter, Sandgrundel und Seeskorpion im Gebiet.
Die drei Meeressäuger sind Seehund, Kegelrobbe und Gewöhnlicher Schweinswal. Der Seehundbestand sank bis in die 1970er Jahre auf unter 3000 Tiere, erholte sich trotz zweier Staupe-Epidemien und wurde Ende 2021 auf 40.000 Tiere im gesamten Wattenmeer geschätzt. Die zuvor ausgerottete Kegelrobbe kehrte seit den 1980er Jahren zurück. Für die gesamte Nordsee werden etwa 230.000 Schweinswale angenommen; Mütter mit Kälbern häufen sich besonders westlich von Sylt.
Menschliche Eingriffe führten bei 144 Arten der Makrofauna und -flora zum Aussterben oder zu starken Bestandseinbrüchen. Als Hauptursachen nennt die trilaterale Rote Liste Lebensraumverlust mit 70,2 %, Jagd und Ausbeutung mit 54,4 %, Verschmutzung mit 8,8 % sowie Krankheiten und Klimawandel mit jeweils 1,8 %.
Besiedlung, Landgewinnung und Küstenschutz
Menschen lebten bereits im eiszeitlichen Doggerland, bevor das Wattenmeer entstand. Sichere Funde aus dem Watt stammen aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. Friesen besiedelten Nordfriesland seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. überwiegend vom Meer her. Seit ungefähr 1000 Jahren verändert der Mensch die Küste durch Besiedlung, Entwässerung und Deichbau besonders stark.
Zunächst lebten die Bewohner auf natürlichen Erhebungen, später auf künstlich aufgeschütteten Warften. Daraus entwickelten sich Ring-, Sommer- und Winterdeiche. Sie ermöglichten dauerhafte Besiedlung, erhöhten aber zugleich die Zahl gefährdeter Menschen und den Wert der bedrohten Güter. Katastrophen wie die Grote Mandränke von 1362 ließen Tausende Menschen ertrinken; Buchten wie Jadebusen und Dollart entstanden, Inseln und Siedlungen wie Rungholt versanken. Torfabbau, Entwässerung und unzureichende Deichpflege senkten das Land zusätzlich und vergrößerten die Schäden.
Mit Lahnungen wurde die Sedimentablagerung beschleunigt. Seit dem Mittelalter wurde ungefähr ein Drittel der Fläche eingedeicht und in Festland umgewandelt. Aus entsalzten Marschen entstanden Köge und Polder mit fruchtbaren Böden. Dämme, Sperrwerke und Großprojekte wie Hindenburgdamm, Rømø-Damm, IJsselmeer-Polder und Eidersperrwerk veränderten Strömung, Sedimentation und Lebensräume. Seit Ende des 20. Jahrhunderts dient Landgewinnung hauptsächlich dem Küstenschutz; neuere Köge enthalten große Naturschutzgebiete.
Nach den Sturmfluten von 1953 in den Niederlanden und 1962 in Deutschland wurden Deiche begradigt, verbreitert und um mindestens einen Meter erhöht. Trotz höherer Wasserstände bei den Sturmfluten 1976 und 2007 gab es keine Todesopfer. Salzwiesen und Sandvorspülungen ergänzen den Deichschutz. Starre Küsten und abgedämmte Flussmündungen können den Tidenhub jedoch verstärken: An der Unterweser stieg er von 13 cm im Jahr 1882 auf 4,18 Meter im Jahr 2005.
Nutzung, Belastungen und Schutz
Dünger, Abwasser und Schadstoffe gelangen über Flüsse und Entwässerungsgräben ins Wattenmeer. Seit den 1950er Jahren stiegen die Nährstoffeinträge stark: Der Stickstoffanteil liegt heute ungefähr achtmal, die Primärproduktion fünf- bis sechsmal so hoch wie vor der Industrialisierung. Hinzu kamen Pestizide wie DDT, PCB, TBT und Schwermetalle.
Fischerei belastet Arten und Meeresboden. Von etwa 20 zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommerziell befischten Arten werden nur noch Nordseegarnelen und Miesmuscheln in größerer Zahl gefangen. Jährlich entnehmen Fischer der drei Staaten durchschnittlich 74.000 Tonnen Miesmuscheln und 34.000 Tonnen Herzmuscheln; Herzmuschelfang ist nur noch in den Niederlanden erlaubt. Überfischung beseitigte die Europäische Auster zwischen 1877 und 1920 aus dem Wattenmeer; in den 1950er Jahren wurden fast alle Riffe des Röhrenwurms Sabellaria spinulosa zerstört.
Das flache, strömungsreiche Gebiet mit wandernden Sandbänken ist für die Schifffahrt anspruchsvoll. Zugleich verlaufen wichtige Routen zu großen Häfen hindurch. Belastungen entstehen durch Lärm, verlorene Ladung, Öl und Chemikalien. Zwischen 1995 und 1999 gab es bei knapp 800.000 Schiffsbewegungen in der deutschen Nordsee 100 Zwischenfälle. Der schwerste bekannte Unfall im Wattenmeer war der Untergang der Pallas vor Amrum.
Auf der Mittelplate wird seit 1987 in 2000 bis 3000 Metern Tiefe Öl gefördert. 2010 betrug die Jahresproduktion rund 1,4 Millionen Tonnen. Seit 2005 wird das Öl über eine 10 km lange Pipeline nach Dieksand transportiert.
Etwa zehn Millionen Übernachtungsgäste und weitere 30 bis 40 Millionen Tagesausflügler besuchen die Region jährlich; ungefähr ein Drittel der Arbeitsplätze in den Küstengebieten hängt am Tourismus. Außerhalb besonders geschützter Zonen ist das Watt zugänglich, etwa für geführte Wattwanderungen.
Fast das gesamte Gebiet steht unter Schutz. Dänemark, Deutschland und die Niederlande gründeten 1978 das Wattenmeersekretariat; 1982 folgte die Gemeinsame Erklärung zum Schutz des Wattenmeers. Große Bereiche gehören zu Natura 2000 und zur Ramsar-Konvention. Die deutschen und niederländischen Nationalparkbereiche wurden 2009 UNESCO-Weltnaturerbe, das Hamburgische Wattenmeer folgte 2011, das dänische Wattenmeer und eine Erweiterung in Niedersachsen 2014. Die UNESCO führt es unter den Kriterien (viii), (ix) und (x), Referenznummer 1314. Zusätzlich ist es ein Particularly Sensitive Sea Area; MARPOL verbietet dort Schadstoffeinleitungen von Schiffen. Trotz dieser Maßnahmen gelten Biodiversität und Ökosystemleistungen durch Klimawandel und menschliche Nutzung weiterhin als gefährdet.