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Was ist Autorität?

Der Essay bildet eine der wichtigsten Stationen in einem in den 1930er Jahren entstandenen Diskurs, dessen Teilnehmer sich – in expliziter Abgrenzung sowohl von …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernthese und Begriffsbestimmung
  2. 2. Von Platon zur christlichen Kirche
  3. 3. Konservative, liberale und moderne Perspektiven
  4. 4. Funktionalisierung und Erziehung
  5. 5. Entstehung, Wirkung und Ausgaben

Kernthese und Begriffsbestimmung

Was ist Autorität? ist ein Essay von Hannah Arendt über die Bedeutung und den politischen Verlust von Autorität. Arendt will den Autoritätsbegriff nicht neu definieren, sondern einen in der Philosophiegeschichte bereits entwickelten, in der Gegenwart aber unklar gewordenen Begriff rekonstruieren. Ihr Ausgangspunkt ist die Kritik daran, dass Autorität in den Sozialwissenschaften häufig mit Macht, Gewalt oder Zwang gleichgesetzt wird.

Autorität ist nach Arendt nicht Zwang. Zwar treten Autorität, Macht, Gewalt und Zwang jeweils mit einem Anspruch auf Gehorsam auf, doch daraus folgt nicht, dass Autorität eine Form des Zwangs ist. Arendt veranschaulicht den Fehlschluss mit dem Vergleich: Wenn man mit einem Schuhabsatz und mit einem Hammer einen Nagel einschlagen kann, ist der Schuhabsatz deshalb kein Hammer.

Autorität schließt den Gebrauch jeglichen Zwanges aus. Arendt formuliert: „[…] wo Gewalt gebraucht wird, um Gehorsam zu erzwingen, hat Autorität immer schon versagt.“ Gewalt ist für sie nie legitim, Macht kann legitim oder illegitim sein, während autoritäre Herrschaft ihre Autorität immer durch den Bezug auf eine Quelle legitimiert, die nicht von den aktuell Herrschenden geschaffen wurde. Solche Quellen können etwa das Naturrecht, die Gebote Gottes oder uralte Bräuche sein.

Autorität beruht auf einer hierarchischen Ordnung. Deren Legitimität erkennen sowohl die befehlende als auch die gehorchende Seite an; beide behalten den ihnen in dieser Ordnung zugewiesenen, unveränderten Platz. Autorität ist deshalb nicht mit Überzeugen vereinbar. In egalitären Ordnungen versucht man, durch Argumente auf das Verhalten anderer einzuwirken. Argumentieren setzt Autorität außer Kraft.

Von Platon zur christlichen Kirche

Arendt verfolgt die Geschichte der Autoritätsidee zunächst im antiken Griechenland und im antiken Rom. Platon entwickelte im 4. Jahrhundert v. Chr. eine theoretische Grundlage, die in Griechenland selbst jedoch nicht praktisch angewendet wurde. Angesichts der politischen Krise der Athener Polis suchte er eine Herrschaftsform, die weder auf Überredung noch auf Gewalt beruhte. Als Modelle dienten ihm private Hierarchien, etwa zwischen Steuermann und Passagieren, Arzt und Patienten, Hirte und Herde oder Herr und Sklaven. Die Gehorchenden folgen dabei, weil der Befehlende überlegene Sachkunde besitzt oder einer anderen Kategorie von Lebewesen angehört. Platon näherte sich damit dem späteren Autoritätsbegriff und schlug eine utopische Herrschaft des Gesetzes beziehungsweise der Vernunft vor, deren Repräsentant der Philosoph sein sollte.

Aristoteles ging davon aus, dass in jedem Gemeinwesen bestimmte natürliche Hierarchien bestehen. In der privaten Sphäre hielt er Herrschaft für notwendig, um das Überleben und den Fortbestand der Gattung zu sichern. Die politische Sphäre sollte dagegen eine Gemeinschaft von Gleichen und der Freiheit zum „Gut-Leben“ sein. Trotzdem wollte auch Aristoteles eine Form von Autorität in die Polis einführen und verwies auf die Unterscheidung zwischen Älteren und Jüngeren. Arendt hält dieses Beispiel für ungeeignet, weil erzieherische Autorität nicht mit politischem Herrschen gleichzusetzen sei und Politik es mit bereits erzogenen Erwachsenen zu tun habe. Die Griechen konnten Platons und Aristoteles’ Anregungen nach Arendt nicht in die politische Praxis übertragen, weil sie Autorität nur aus der nicht-politischen Sphäre kannten.

Im Römischen Reich wurde Autorität erstmals zu einer politischen Praxis; dort entstand auch das Wort. „Autorität“ leitet sich von augere, „vermehren“, ab. Vermehrt wird die Gründung, also das Fundament, das die Ahnen gelegt haben. Die Römer verehrten besonders die Gründer Roms und betrachteten die Ahnen als höchste Autorität. Dadurch konnte Autorität einen erzieherischen Charakter annehmen.

In der Römischen Republik lag die Autorität beim Senat, während die politische Macht beim Volk und später beim Kaiser lag. Der Senat besaß weder Befehlsmacht noch Gewaltmittel, doch seine Ratschläge galten aufgrund der Autorität der Senatoren als bindend. Im religiösen Bereich entsprachen dem Senat die Auspizien und die Auguren. Auch den römischen Göttern wurde Autorität, aber keine Macht über die Menschen zugeschrieben. Autorität und Tradition waren eng verbunden, weil die Alten als der Vergangenheit besonders nahe galten. Arendt stützte sich dabei unter anderem auf Theodor Mommsen und dessen Beschreibung der Auctoritas senatus als Mittelding zwischen Ratschlag und Befehl.

Die christliche Kirche übernahm nach dem Untergang des Römischen Reiches, gefördert durch Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert, das politische und geistige Erbe Roms. Die Auferstehung Christi wurde zum Eckstein einer neuen Gründung. Die Apostel galten nun nicht nur als Zeugen, sondern auch als Gründer, von denen die Kirche ihre Autorität durch die Weitergabe ihres Zeugnisses als Tradition bezog. Die Kirche verband den römischen politischen Autoritätsbegriff, der auf eine Gründung in der Vergangenheit verwies, mit griechischer Philosophie und transzendenten Maßstäben. Nach Arendt beruhte die Dauer sowohl des etwa 1 ½ Jahrtausende bestehenden Römischen Reiches als auch des Christentums auf der „Trinität von Religion, Autorität und Tradition“. Die katholische Kirche ist für Arendt die einzige gesellschaftliche Institution, in der Autorität auch in der Gegenwart noch wirksam ist.

Konservative, liberale und moderne Perspektiven

Arendt grenzt sich sowohl von konservativen als auch von liberalen Auffassungen ab. Der Konservatismus beruft sich auf „Autorität überhaupt“, will aber meist eine bestimmte Autorität wiederherstellen, um Gefahren einer zügellosen Freiheit abzuwenden. Nach Arendt versucht nur der Konservatismus, das Modell der Erziehung durch Autorität unmittelbar auf die Politik zu übertragen. Diese Position hält sie für weniger verbreitet, aber schädlicher, weil aus ihr die Gefahr entstehen könne, eine Ersatzautorität in Form einer Zwangsherrschaft zu schaffen.

Der Liberalismus betrachtet die moderne Geschichte als Fortschrittsgeschichte. Er erwartet, dass der Abbau von Autorität zu mehr Freiheit führt, und setzt Autorität, Macht und Gewalt häufig gleich, weil er davon ausgeht, dass jede Macht korrumpiert. Dabei übersieht er nach Arendt die Unterschiede zwischen einer autoritär eingeschränkten Freiheit, der tyrannischen Abschaffung politischer Freiheit und der totalitären Beseitigung jeder Spontaneität. Tyrannei und totalitäre Herrschaft sind keine Formen von Autorität. Ein autoritär geleitetes Gemeinwesen beschränkt Freiheit zwar; wollte es sie vollständig abschaffen, würde es zur Tyrannei und verlöre damit seine eigene Substanz. Arendt bezweifelt außerdem, dass der Bedeutungsverlust von Autorität automatisch einen Gewinn an Freiheit bedeutet, da auch der überlieferte Freiheitsbegriff an Bedeutung verliere.

Machiavelli ist für Arendt der wichtigste neuzeitliche politische Denker in diesem Zusammenhang, weil er als Einziger der Gründung eine zentrale politische Bedeutung gab. Niccolò Machiavelli (1469–1527) beschäftigte sich besonders mit der Revolution als einer neuen Form der Gründung. Aus Kritik an der politisch korrumpierten Kirche wollte er die römische Erfahrung durch die Gründung eines geeinten Italiens wiederbeleben. Anders als die Römer, deren Gründung in der Vergangenheit lag, betrachtete er das Gründen als zukünftiges politisches Ziel, für das auch Terror und Gewalt gerechtfertigt werden könnten. Arendt sieht darin eine Vorahnung der modernen Krise der Verbindung von Autorität, Tradition und Religion.

Gegen Machiavellis Programm wendet Arendt ein, dass im 20. Jahrhundert alle Revolutionen entweder in totalitärer Herrschaft oder in Tyrannei geendet hätten. Keine habe eine neue Autorität geschaffen; durchgesetzt habe sich die Gewalt. Als Ausnahme nennt sie die Amerikanische Revolution des 18. Jahrhunderts, die zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten führte und eine „erstaunliche Stabilität“ ihrer politischen Struktur zeigte.

Der Autoritätsverlust besteht nach Arendt in einem „radikale[n] Zweifel“ an der Legitimität von Autorität überhaupt, nicht nur an der Legitimität einzelner Herrscher. Gemeinsam mit Tradition und Religion bildet Autorität eine erschütterte Trias. Totalitäre Bewegungen wie Nationalsozialismus, italienischer Faschismus und Stalinismus zerstörten die alten Autoritäten nach Arendt nicht ursprünglich, sondern nutzten das durch deren Verlust entstandene Vakuum geschickt aus.

Funktionalisierung und Erziehung

Arendt kritisiert die Neigung der Sozialwissenschaften zur Funktionalisierung. Damit ist gemeint, Begriffe und Ideen gleichzusetzen, wenn sie im gesellschaftlichen Prozess ähnliche Wirkungen haben. Die Sozialwissenschaften hätten dieses Denkmuster bei ihrer Emanzipation von den historischen Wissenschaften übernommen.

Ein Beispiel ist die verbreitete Gleichsetzung des Kommunismus mit einer „Religion“. Dabei wird nicht untersucht, was der Kommunismus über seine Ideologie oder seine Herrschaftsmethoden selbst aussagt, sondern nur, welche Funktion er erfüllt. Alles, was dieselbe Funktion hat oder dasselbe bewirkt, erscheint dann als dasselbe. Nach diesem Muster kann auch ein Gesetz als das definiert werden, was Gehorsam erzwingt, sodass alle Zwangsmaßnahmen mit Gesetzen gleichgesetzt werden. Die Verwechslung von Autorität und Zwang ist für Arendt daher kein bloßes Versehen, sondern ein strukturelles Problem.

Autorität ist für Arendt sowohl ein politisches als auch ein „präpolitisches“ Phänomen. In der Erziehung besteht sie vor allem im Verhältnis von Eltern und Kindern. Diese elterliche Autorität wurde in allen historisch bekannten Gesellschaften anerkannt und diente in der politischen Philosophie häufig als Modell für politische Herrschaft. Arendt nennt diese Übertragung „höchst fragwürdig“, weil politische Verhältnisse zwischen Erwachsenen nicht einfach aus dem Eltern-Kind-Verhältnis abgeleitet werden können.

Gleichzeitig hält sie die Tendenz, Autorität auch in der Erziehung vollständig abzuschaffen, für „außerordentlich radikal“. Kinder werden hilflos und hilfsbedürftig geboren und verfügen zunächst über einen defizienten Willen. Eltern, die jede Autorität ablehnen, verweigern nach Arendt ihre Verantwortung, das Kind in eine Welt einzuführen, die ihm neu und fremd ist.

Entstehung, Wirkung und Ausgaben

Der Essay entstand aus einem Vortrag, den Hannah Arendt für die internationale Konferenz des Congress for Cultural Freedom in Mailand vom 12. bis 17. September 1955 vorbereitete. Der Vortrag trug den Titel The Rise and Development of Totalitarianism and Authoritarian Forms of Government in the Twentieth Century. Er wurde als Konferenzpapier verteilt, aber nicht in dieser Form veröffentlicht. Seine drei Teile behandelten die Unterscheidung zwischen autoritärer, tyrannischer und totaler Herrschaft, die Kritik an der sozialwissenschaftlichen Funktionalisierung und die Begriffsbestimmung von Autorität. Die beiden ersten Teile erschienen 1956 als Authority in the Twentieth Century; der Essay über Autorität beruht auf dem dritten Teil.

Arendt verfasste vier inhaltlich leicht voneinander abweichende Fassungen: zwei auf Englisch und zwei auf Deutsch. Die erste deutsche Fassung erschien im Februar 1956 in Der Monat. Die für Zusammenfassungen zugrunde gelegte ausführlichere deutsche Fassung wurde 1957 im Sammelband Fragwürdige Traditionsbestände im Politischen Denken der Gegenwart veröffentlicht. Die englische Fassung What Was Authority? erschien 1958 in Nomos; die inhaltlich erweiterte Fassung What Is Authority? veröffentlichte Arendt 1961 in Between Past and Future. Eine deutsche Ausgabe erschien 1994 in Zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Der Essay steht in einem seit den 1930er Jahren geführten Diskurs über eine demokratische Autorität, der sich ausdrücklich von konservativen und fortschrittsoptimistischen liberalen Positionen abgrenzt. Carl J. Friedrich, der wie Arendt zur Totalitarismustheorie beitrug und sich seit 1935 mit Autorität beschäftigte, sah Autorität in der öffentlichen Verwaltung weiterhin wirksam und begrüßte sie, wenn sie mit Verantwortung verbunden war. Alexandre Kojève hatte bereits 1942 in La Notion d'autorité Überlegungen zur Neubegründung demokratischen Denkens im Zeichen der Autorität vorgelegt. Später griffen unter anderem Theodor Eschenburg, Leonard Krieger, Dolf Sternberger, Thomas Christiano und David Estlund diese Fragen auf. Martin Greiffenhagen schloss sich Arendts Gedanken 1961 in einem Aufsatz über Konservativismus an.

2015 äußerten Oliver Kohns, Martin Roussel und Till van Rahden Zweifel daran, dass ein von der römischen Auctoritas abgeleitetes Konzept angesichts seiner kaum belegbaren Nachwirkung in der Neuzeit zur Lösung gegenwärtiger Orientierungskrisen geeignet sei. Simone Rosa Miller sah Autorität im Sinne von Arendts Definition dagegen auch in der Gegenwart produktiv wirksam.

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