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Wandrers Nachtlied
Wandrers Nachtlied ist der Titel zweier Gedichte Johann Wolfgang von Goethes, die zu seinen berühmtesten gehören: Der du von dem Himmel bist von 1776 und …
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Gegenstand und Einordnung
Wandrers Nachtlied ist der Titel zweier Gedichte Johann Wolfgang von Goethes: Der du von dem Himmel bist von 1776 und Über allen Gipfeln von 1780. Beide gehören zu Goethes berühmtesten Gedichten. Goethe druckte Über allen Gipfeln erstmals 1815 in Band I seiner Werke. Dort standen beide Texte untereinander auf einer Seite: Das ältere trug den Titel Wandrers Nachtlied, das jüngere die Überschrift Ein gleiches, also ein weiteres Nachtlied des Wanderers. In dieser Form erschienen sie auch in der Vollständigen Ausgabe letzter Hand von 1827.
Steht das Gedicht Über allen Gipfeln allein, ist die Überschrift Wandrers Nachtlied sinnvoll. Inhaltlich verbinden beide Texte die Erschöpfung eines Menschen mit der Hoffnung auf Ruhe und Frieden. Der Wanderer ist dabei nicht nur eine beliebige literarische Figur; besonders im ersten Gedicht wird angenommen, dass Goethe auch von sich selbst spricht.
Gebet um Frieden und Erquickung
Das 1776 entstandene Gedicht richtet sich an ein Wesen „von dem Himmel“. Dieses stillt alle Freud und Schmerzen beziehungsweise in der späteren Druckfassung alles Leid und Schmerzen. Wer „doppelt elend“ ist, wird „doppelt mit Erquickung“ gefüllt. Das lyrische Ich erklärt, es sei des Treibens müde, und fragt, was all die Qual und Lust beziehungsweise „all der Schmerz und Lust“ solle. Der Schluss ist eine Bitte: „Süßer Friede, / Komm, ach komm in meine Brust!“
Goethes Handschrift hat sich zwischen seinen Briefen an Charlotte von Stein erhalten. Sie trägt die Notiz „Am Hang des Ettersberg, d. 12. Feb. 76“. Für die Ausgabe von 1789 änderte Goethe den zweiten und den sechsten Vers. Aus „Alle Freud und Schmerzen“ wurde „Alles Leid und Schmerzen“, aus „all die Qual und Lust“ wurde „all der Schmerz und Lust“. Die Änderungen wirken sprachlich ungewöhnlich und wurden als nicht unbedingt regelkonform beurteilt.
Die persönliche Bedeutung wird durch Goethes Briefe und seine Autobiographie gestützt. Am 23. Februar 1776 schrieb er Charlotte von Stein, er habe ruhig und leicht geschlafen, sei glücklich aufgestanden und habe erstmals seit vierzehn Tagen mit freiem Herzen die Sonne begrüßt. In Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit berichtet er außerdem, dass er nach der Trennung von Friederike Brion im August 1771 Beruhigung nur unter freiem Himmel gefunden habe. Wegen seines Umherschweifens sei er „der Wanderer“ genannt worden.
Hans-Jörg Knobloch deutet das Gedicht an Charlotte von Stein als „Briefgedicht“ und sogar als „Versuch einer Verführung“. Erst die Bearbeitung für den Druck habe die sehr persönliche Situation in ein allgemein verständliches Gebet um Frieden verwandelt. Goethe schrieb Herder, er wolle die „allzu individuellen und momentanen Stücke genießbar machen“. Der Eingangsvers erinnert außerdem an Zinzendorfs Lied Das Gebet des HErrn aus dem sogenannten Ebersdorfer Gesangbuch, das Goethes Vater besaß.
Ruhe über dem Kickelhahn
Über allen Gipfeln schrieb Goethe wahrscheinlich am Abend des 6. September 1780 mit Bleistift an die Holzwand einer Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Er hatte sich dort auf dem höchsten Berg des Reviers von der Stadt, den Klagen und der „Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen“ zurückgezogen. Der überlieferte Text lautet:
„Ueber allen Gipfeln Ist Ruh', In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur! Balde Ruhest du auch.“
Die ursprüngliche Inschrift ist nicht erhalten. Deshalb ist ungewiss, ob sie in jeder Einzelheit mit der später veröffentlichten Fassung übereinstimmte. Frühe Abschriften oder Mitschriften von Johann Gottfried Herder und Luise von Göchhausen haben in Vers 1 „Über allen Gefilden“ und in Vers 6 „Die Vögel“. Auch eine Fotografie von August Linde aus dem Jahr 1869 zeigt „Vögel“ statt „Vögelein“, aber bereits „Gipfeln“ statt „Gefilden“. Möglich ist, dass spätere Erneuerungen oder Übermalungen die ursprünglichen Wörter verändert hatten.
Eine nicht von Goethe autorisierte Erstveröffentlichung erschien in Joseph Rückerts anonymem Artikel Bemerkungen über Weimar in der Zeitschrift Der Genius der Zeit im September 1800. Diese Fassung enthielt „Über allen Wipfeln“, „in allen Zweigen hörst du keinen Hauch“ und am Ende „schläfst du auch“. Dieselbe Version erschien im Februar 1801 in The Monthly Magazine und am 20. Mai 1803 in Kotzebues Berliner Zeitung Der Freimüthige; dort wurden die Vögel zu „Vöglein“.
Am 27. August 1831 besuchte Goethe den Kickelhahn zum letzten Mal. Der Berginspektor Johann Christian Mahr führte ihn zu der Bleistiftinschrift, die mit „D. 7. September 1780 Goethe“ datiert war. Goethe las die Verse, weinte und sagte: „Ja: warte nur, balde ruhest du auch!“ Anschließend blickte er in den Wald und bat zum Aufbruch. In einem Brief an Carl Friedrich Zelter vom 4. September 1831 erinnerte Goethe an die Inschrift, nannte dabei jedoch als Datum „7. September 1783 [sic!]“. Weil die Schrift stark beschädigt war, wurde sie bald darauf von Goethe selbst oder von Oberforstmeister von Fritsch erneuert.
Deutungen und Rezeption
Über allen Gipfeln wurde als Feier einer universellen Ruhe verstanden. Dem Goethe-Kult um den Entstehungsort entsprach die Verehrung des Gedichts. Die Hütte wurde bereits 1838 auf Wanderkarten als Goethehäuschen bezeichnet. Sie brannte 1870 ab und wurde 1874 wiederaufgebaut. Lindes Fotografie von 1869 dokumentiert den Zustand der Inschrift unmittelbar vor ihrer Zerstörung; neben Übermalungen und Kritzeleien sind auch Sägespuren zu sehen, weil ein Tourist den Text aus der Wand schneiden wollte.
Dem Gedicht wurden vor allem drei Bedeutungen zugeschrieben: Es gilt als Abendlied, das an den Tod gemahnt, als Naturgedicht und als Gedicht über die Stellung des Menschen im Kosmos. Diese Deutungen werden durch die Anordnung der Elemente gestützt: Auf die unbelebten Gipfel folgen die belebten Wipfel und Vögel, die bereits ruhig sind; danach steht der Mensch, der noch unruhig ist, aber Schlaf und Tod erwartet. Die Reihenfolge Gestein, Pflanze, Tier, Mensch erinnert an die Entwicklung der Evolution. Zugleich bewegt sich der Blick von der Ferne der Gipfel über den Wald bis in die innersten Gedanken des Menschen. Sigrid Damm bezeichnete das Gedicht deshalb als Goethes „vielleicht vollendetster Roman über das Weltall“.
Franz Schubert vertonte Der du von dem Himmel bist am 5. Juli 1815 als op. 4/3 (D 224), veröffentlicht 1821 und Johann Ladislaus Pyrker von Felsö-Eör gewidmet. Über allen Gipfeln vertonte Schubert um 1823 als Opus 96 Nr. 3 (D 768). Ernst Bloch bezog sich 1967 in seiner Rede Widerstand und Friede auf das Gedicht und verstand dessen Frieden als eine höhere, utopische Form. Im April 2000 wurden in der Hütte drei Glastafeln mit dem Original und 15 Übersetzungen angebracht. Außerdem wurde der Text im Soundtrack des Films Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat verwendet.
Parodien und Weiterverarbeitungen
Die große Bekanntheit von Über allen Gipfeln führte zu zahlreichen Parodien und literarischen Bearbeitungen:
- Christian Morgensterns Fisches Nachtgesang aus den Galgenliedern von 1905 besteht nur aus metrischen Zeichen. Diese erinnern laut Martin Beheim-Schwarzbach an das Auf- und Zuschnappen eines Karpfenmauls.
- Joachim Ringelnatz lässt Das Abendgebet einer erkälteten Negerin aus Kuttel Daddeldu von 1920 mit einer verfremdeten Version der Schlusszeilen enden: „Drüben am Walde / Kängt ein Guruh – – / Warte nur balde / Kängurst auch du.“
- In Karl Kraus’ Tragödie Die letzten Tage der Menschheit erscheint in der 13. Szene des zweiten Akts ein Wanderers Schlachtlied zum Ersten Weltkrieg. Es ersetzt Goethes Schluss durch eine Anspielung auf Hindenburg und den Fall Warschaus.
- Bertolt Brechts Liturgie vom Hauch aus der Hauspostille von 1927 parodiert das Gedicht als Darstellung von Hunger, Gewalt und politischer Unterdrückung. Der Refrain kehrt Goethes Ruhe in „Unruh“ um; am Ende bringt die Oktoberrevolution in Gestalt eines „großen roten Bären“ eine weitere Wendung.
- Die seit 1960 verbreitete Geschichte eines angeblich aus dem Japanischen über das Französische zurückübersetzten „Japanischen Nachtlieds“ gilt wahrscheinlich als parodistische Mystifikation. Eine Primärquelle für die behauptete deutsche Literaturzeitschrift wurde nie gefunden.
- Georges Perec und Eugen Helmlé simulieren in dem 1968 für den Saarländischen Rundfunk produzierten, 47 Minuten langen Hörspiel Die Maschine die systematische Analyse des Gedichts durch einen Computer. Auslassungen, Umstellungen und Umformulierungen erzeugen zahlreiche scheinbar computergenerierte Parodien.
- Ernst Jandl übernahm in ein gleiches Goethes Text mit veränderter Kleinschreibung und Interpunktion und formte das Sprachmaterial in ÜBE! zu einem Lautgedicht um. Beide Texte erschienen 1970 in der Gedichtsammlung der künstliche baum.
- Spätere Bearbeitungen finden sich in Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt von 2005, in Walter Moers’ Die Stadt der Träumenden Bücher, in Andreas Okopenkos Sennenlied von 1983 und im Asterix-Band 28 Asterix im Morgenland. Sie übertragen Goethes Muster jeweils in erzählerische, fantastische, ironische oder komische Zusammenhänge.