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Ir sult sprechen willekomen

Ir sult sprechen willekomen ist eine strophische Dichtung Walthers von der Vogelweide. Thematisch gehört sie weder völlig dem Minnesang noch der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Grundidee
  2. 2. Überlieferung und Aufbau
  3. 3. Inhalt der Strophen I und II
  4. 4. Lob auf Land, Sitten und Frauen
  5. 5. Die umstrittene sechste Strophe
  6. 6. Deutungsfragen und spätere Bearbeitung

Einordnung und Grundidee

„Ir sult sprechen willekomen“ ist eine strophische Dichtung Walthers von der Vogelweide. Das Lied ist ungewöhnlich, weil es thematisch weder eindeutig zum Minnesang noch eindeutig zur Sangspruchdichtung gehört. Minnesang ist höfische Liebeslyrik; Sangspruchdichtung ist stärker auf öffentliche Aussage, Belehrung, Lob oder Kritik gerichtet. Walther vermischt hier beide Register, die in der Lyrik des 12. und 13. Jahrhunderts sonst meist deutlich getrennt sind.

Das Dichter-Ich stellt in der ersten Strophe seinen eigenen Auftritt dar: Es tritt wie ein Sangspruchdichter oder Spielmann auf, der angeblich unerhörte Neuigkeiten, mittelhochdeutsch „mære“, bringt. Zugleich fordert es für diese Mitteilung einen Lohn. Dieser Lohn ist hier nicht Geld oder Besitz, sondern ein „gruoz“, also ein Gruß. Dadurch verbindet das Lied die öffentliche Rolle des Vortragenden mit der höfischen Situation, in der Anerkennung und Gruß eine wichtige Bedeutung haben.

Überlieferung und Aufbau

Das Lied ist in der hier gezeigten Form in keiner Handschrift genau so überliefert. Neben dialektalen Unterschieden schwanken vor allem Reihenfolge und Anzahl der Strophen. Die Überlieferung zeigt also, dass der Text nicht in einer einzigen festen Gestalt erhalten ist.

Die Handschrift A bietet die Strophen I bis V, also ohne Strophe VI. Handschrift C ordnet die Strophen als I, II, V, III, IV, VI. Handschrift E hat I, II, IV, V, III. Handschrift L enthält nur Strophe I, Zeile 1–7. Handschrift Uxx enthält I, II, IV und von V nur die erste Zeile. Diese Unterschiede sind wichtig, weil besonders Strophe VI die Deutung verändert: Ohne sie kann man das Lied eher als Begrüßungslied für einen Hof verstehen; mit ihr tritt stärker die Rolle des Minnesängers hervor.

Inhalt der Strophen I und II

In Strophe I fordert der Sprecher das Publikum auf: „Ir sult sprechen willekomen“, also „Ihr sollt ‚Willkommen‘ sprechen“. Er bezeichnet sich als denjenigen, der Neuigkeiten bringt. Alles, was die Zuhörenden bisher gehört hätten, nennt er „gar ein wint“, also etwas Geringes oder Nichtiges. Wenn sein Lohn gut sei, wolle er vielleicht etwas sagen, das den Zuhörenden angenehm sei. Die Strophe inszeniert den Sprecher selbstbewusst und spielerisch: Er bringt Nachrichten, verlangt aber zuerst Anerkennung.

In Strophe II wendet er sich an die „tiuschen frouwen“, die deutschen Damen. Er will ihnen Neuigkeiten sagen, damit sie der ganzen Welt noch besser gefallen. Dafür verlangt er keinen großen Lohn. Weil sie ihm zu „hêr“, also zu hoch oder vornehm, seien, bittet er nur darum, dass sie ihn „schône“ grüßen. Hier wird das Thema Lohn aus Strophe I höfisch umgedeutet: Der Sänger verlangt nicht materielle Bezahlung, sondern den schönen Gruß der Damen.

Lob auf Land, Sitten und Frauen

In Strophe III berichtet der Sprecher, er habe viele Länder gesehen und dort die Besten kennengelernt. Trotzdem könne er sein Herz nicht dazu bringen, dass ihm „fremeder site“, also fremde Lebensart oder fremde Sitten, gefielen. Er stellt die Frage, was es ihm helfen würde, wenn er Unwahres behauptete. Die zentrale Aussage lautet: „tiuschiu zuht gât vor in allen“, also deutsche Zucht, Erziehung, Sitten, Ausbildung oder gutes Benehmen seien besser als alle anderen.

Strophe IV konkretisiert dieses Lob räumlich: „Von der Elbe unz an den Rîn / und her wider unz an Ungerlant“ nennt ein Gebiet von der Elbe bis zum Rhein und zurück bis an die ungarische Grenze. Dort seien wohl die Besten, die der Sprecher in der Welt kennengelernt habe. Wenn er gutes Benehmen, „guot gelâz“, und gutes Äußeres, „lîp“, beurteilen könne, dann wolle er bei Gott schwören, dass hier die Frauen besser seien als anderswo die Damen.

Strophe V fasst das Preisgedicht zusammen. Deutsche Männer seien „wol gezogen“, also wohlerzogen, und die Frauen seien wie Engel beschaffen. Wer sie schmähe, betrüge sich selbst. Wer „tugent“ und „reine minne“, also Tugend und reine Liebe, suche, solle in „unser lant“ kommen, denn dort sei „wünne vil“, große Wonne. Der Sprecher wünscht, lange in diesem Land leben zu dürfen.

Die umstrittene sechste Strophe

Strophe VI verändert die Perspektive. Der Sprecher spricht von einer Frau, der er lange gedient habe und der er immer weiter gern dienen wolle. Er gebe sie nicht auf, obwohl sie ihm viel Leid antue und ihm Herz und Sinn verletze. Gott möge ihr vergeben, dass sie sich an ihm versündige; vielleicht könne sie sich danach noch bekehren.

Diese Strophe kann so verstanden werden, dass der Dichter nun ganz in der Rolle des Minnesängers aufgeht. Die „frouwe“ wäre dann die geliebte Dame, der der Sänger dient. Der Artikel weist aber darauf hin, dass eine naive direkte Deutung schwierig ist: Der Sänger würde sich dann so darstellen, als sei er lange fort gewesen und verlange nun, dass die Dame ihm während dieser Zeit treu geblieben sei. Eine andere Deutung versteht die „frouwe“ der sechsten Strophe als Metapher für den Wiener Hof, dem Walther treu bleiben will, obwohl er bei der Bitte um ein festes Engagement immer wieder abgewiesen wird. Das Lied ohne Strophe VI, wie in Handschrift A, könnte man sich auch als Begrüßungslied für den Hof König Philipps vorstellen.

Deutungsfragen und spätere Bearbeitung

Kontrovers diskutiert wird, ob Walthers Preislied ein politischer Text aus der Frühgeschichte europäischer Nationalgefühle ist oder ob man die „Nationalgefühle“ um 1200 nicht mit denen des 19. Jahrhunderts vergleichen darf. Gegen die Vergleichbarkeit argumentiert Reichert: Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts ziele auf Grenzen eines Territorialstaates, etwa „Von der Maas bis an die Memel“ im „Lied der Deutschen“ von Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Walther dagegen denke nicht territorialistisch; „von der Elbe bis an den Rhein“ liege auf beiden Seiten innerhalb des deutschen Sprachraums. Nach dieser Deutung gehe es Walther vor allem um die Ablehnung einer französisierenden literarischen Mode, wie sie besonders Reinmar von Hagenau gepflegt habe.

Seit Kircher 1973 wird stärker berücksichtigt, dass Walther offenbar auf einen direkten Angriff des Provenzalen Peire Vidal reagiert. Peire Vidal hatte nach schlechten Erfahrungen mit den Ministerialen Heinrichs VI. die Deutschen pauschal beschimpft. Im Artikel wird aus Peire Vidals Lied 37 zitiert, die Deutschen seien seiner Meinung nach „ungebildet und grob“, ihre Sprache klinge „wie Hundegebell“. Außerdem habe Peire Vidal die Provence als Land „Von der Rhone bis nach Vence und vom Meer bis zur Durance“ übermäßig gepriesen. Walthers Lied kann daher auch als Gegenrede zu solcher Abwertung verstanden werden.

Eine spätere Neuinterpretation ist das Stück „Willkommen“ der deutschen Folkgruppe Ougenweide aus dem Jahr 1976. Es basiert auf Walthers Lied.

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