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Waldheide
Durch den NATO-Doppelbeschluss wurden die Pershing IA ab 1984 durch Raketen des Typs Pershing II ersetzt. Karte der Waldheide nach ihrer Renaturierung. 1985 …
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Überblick, Lage und Bedeutung
Die Waldheide ist eine rund 50 Hektar große Lichtung im Heilbronner Stadtwald. Sie liegt etwa vier Kilometer ostsüdöstlich des Stadtzentrums an den Grenzen zu Weinsberg und Untergruppenbach, rund 310 m ü. NN und damit etwa 150 Meter über der Stadt. Das ungefähr einen Kilometer lange und 500 Meter breite Gelände befindet sich auf einer weitgehend ebenen, durch widerstandsfähigen Schilfsandstein gebildeten Stufe am Rand der Heilbronner Berge.
Die Waldheide war zunächst Weide- und Ackerland, seit 1883 militärischer Übungsplatz und später ein Standort amerikanischer Atomraketen. Besondere Bedeutung erhielt sie durch einen Raketenunfall mit drei Toten am 11. Januar 1985. Dieser löste eine breite Debatte über die Sicherheit des Pershing-Raketensystems aus und verstärkte die Friedensbewegung. Nach dem Abzug der US-Armee wurde das Gelände renaturiert und dient heute wieder als Naherholungsgebiet.
Erschlossen wird die Waldheide über die Kreisstraße 9550, die dort Donnbronner Straße heißt. Einzelne Fahrten der Heilbronner Stadtbuslinie 1 verkehren mittwochs, samstags und sonntags von April bis Oktober bis zur Waldheide.
Vom Exerzierplatz zur amerikanischen Militäranlage
Bis ins 19. Jahrhundert hieß das Gelände Angerweide und wurde als Weide- und Ackerfläche genutzt; später wurde es teilweise aufgeforstet. Nachdem Heilbronn 1883 erneut württembergische Garnisonsstadt geworden war, ließ die Stadt für einen Exerzierplatz zunächst 400 mal 400 Meter beziehungsweise 16 Hektar roden. 1890 wurde der Platz deutlich vergrößert, 1907 umfasste er 32 Hektar. Außerhalb der militärischen Übungen durfte ihn auch die Bevölkerung nutzen.
Von 1918 an diente die Waldheide zeitweise als Schafweide sowie als beliebtes Ausflugs-, Sport- und Veranstaltungsgelände. Seit den frühen Jahren der Weimarer Republik setzte sich der Name Waldheide durch. 1935 machte die Wehrmacht das Gelände erneut zum Exerzierplatz. Zusätzlich beanspruchte sie zwischen 1934 und 1938 insgesamt 416 Hektar Stadtwald als Truppenübungsplatz.
Nach der Stationierung von rund 2000 US-Soldaten in Heilbronn Ende 1951 nutzten die US-Streitkräfte die Waldheide ab 1953 als Flugplatz. Später wurden die Start- und Landebahn befestigt und im Süden ein Munitionsdepot gebaut. In den 1960er Jahren diente das Gelände hauptsächlich als Hubschrauberlandeplatz. Überlegungen zum Ausbau als ziviler Flughafen wurden verworfen, weil dafür der Galgenberg hätte abgeholzt werden müssen. Bis 1976 fanden Flugtage und deutsch-amerikanische Freundschaftstage statt.
Pershing-Stützpunkt und politische Auseinandersetzung
Im Oktober 1974 begann der Ausbau zu einer abgeschirmten Raketenstellung mit Zäunen, Wachtürmen, festen Unterkünften für 250 Mann, Werkstätten und gebunkerten Garagen. Die Anlage wurde am 2. Februar 1977 an die US-Armee übergeben; die Baukosten betrugen 18 Mio. DM. Offiziell galt sie als Ausbildungsstätte, tatsächlich lagerten dort atomar bestückte Pershing-IA-Raketen. Eine Batterie mit neun Raketen befand sich ständig in Quick Reaction Alert, also in unmittelbarer Abschussbereitschaft. Die Raketen gehörten zum 3. Bataillon des 84. Artillerieregiments und damit zur 56th Field Artillery Brigade.
1977 war die Waldheide einer von fünf Pershing-Standorten in Westdeutschland. Jeder Standort verfügte über 36 Raketen. Im Krisenfall sollten die nicht unmittelbar abschussbereiten Raketen in vorbereitete Waldstellungen verlegt und von mobilen Werfern gestartet werden.
Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 sah vor, bei einem Scheitern der Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt Pershing IA durch atomar bestückte Pershing-II-Mittelstreckenraketen zu ersetzen. Dadurch geriet die Waldheide stärker in die Öffentlichkeit. Seit 1983 fanden Ostermärsche, Menschenketten, Blockaden und Demonstrationen statt; am Ostermarsch 1983 nahmen 30.000 Menschen teil. Obwohl die Heilbronner Stadtverwaltung öffentlich erklärte, über die dort gelagerten Waffen nicht informiert zu sein, räumte der frühere Oberbürgermeister Manfred Weinmann später ein, von der Stationierung gewusst zu haben und zur Verschwiegenheit verpflichtet gewesen zu sein.
Nach dem Nachrüstungsbeschluss des Bundestages vom 22. November 1983 wurde am 30. März 1984 die erste Batterie mit neun Pershing-II-Raketen von Mutlangen auf die Waldheide verlegt. Bis 1985 waren insgesamt 108 Pershing II in Mutlangen, auf der Waldheide und in der Lehmgrube einsatzbereit. Am 19. Juli 1984 erklärte der Heilbronner Gemeinderat die Stationierung mit 19 zu 18 Stimmen aus kommunaler Sicht für unerwünscht.
Raketenunfall und Ursache
Am 11. Januar 1985 gegen 14 Uhr explodierte bei einer Routineübung die erste Stufe einer Pershing-II-Rakete. Rund zwei Dutzend Soldaten montierten die einzelnen Teile in einem Zelt auf einem mobilen Werfer. Als die erste Stufe aus ihrem Transportbehälter gehoben wurde und dessen Metallträger berührte, brannte sie explosionsartig ab und barst seitlich.
Zwei Soldaten starben am Unfallort, ein dritter auf dem Weg ins Krankenhaus. Außerdem gab es sechs Schwer- und sieben Leichtverletzte; insgesamt nennt der Artikel 16 Verletzte. Raketenteile und Treibstoff wurden bis zu 125 Meter weit geschleudert. Das etwa 3000 °C heiße Feuer zerstörte das Montagezelt, die Zugmaschine und zwei weitere Fahrzeuge. Die zweite Raketenstufe wurde durch Hitze beschädigt, geriet aber nicht in Brand. Abschussbereite Atomraketen standen ungefähr 250 Meter entfernt. Weil die US-Armee weder genügend notärztliche Hilfe noch eine ausreichende Brandbekämpfung bereitstellen konnte, mussten zivile Rettungsdienste und die Heilbronner Berufsfeuerwehr eingreifen. Ein passender Katastrophenschutzplan existierte nicht.
Der Untersuchungsbericht vom 15. November 1985 führte den Unfall auf elektrostatische Aufladung zurück. Bei −7 °C und sehr trockener Luft lud sich der aus Kevlar bestehende Mantel der Raketenstufe durch den triboelektrischen Effekt auf, also durch Ladungstrennung infolge von Kontakt und Bewegung. Beim Berühren einer Stahlstrebe floss die Ladung plötzlich ab. Dadurch entzündete sich der Festtreibstoff aus HTPB als Stützsubstanz, Ammoniumperchlorat als Oxidator und Aluminium als Reduktionsmittel. Der reguläre Zünder war unbeschädigt geblieben.
Als technische Konsequenz erhielten die Raketen einen antistatischen Anstrich; außerdem wurden die Erdungsvorschriften überarbeitet. Zusätzliche Kevlarplatten sollten vor Sabotage durch Beschuss schützen.
Reaktionen, Friedensbewegung und Abzug
Nach dem Unfall bestätigten offizielle Stellen erstmals die Stationierung von Pershing-II-Atomraketen auf der Waldheide. Damals waren 63 der vorgesehenen 108 Raketen installiert. Über das Risiko bestanden unterschiedliche Einschätzungen: Das Bundesverteidigungsministerium erklärte, die Bevölkerung sei zu keiner Zeit gefährdet gewesen. Wissenschaftler hielten zwar eine unbeabsichtigte atomare Explosion nicht für möglich, warnten aber vor einer möglichen Verteilung von Plutonium oder Tritium, falls ein naher Atomsprengkopf aufgeplatzt wäre.
Der Unfall verstärkte auch Zweifel an der Entwicklung des Systems: Die Entwicklungs- und Erprobungszeit war von 74 auf 52 Monate verkürzt worden, und die elektrostatische Empfindlichkeit des Treibstoffs bei niedrigen Temperaturen war nicht geprüft worden. Am 24. Januar 1985 verlangte der Heilbronner Gemeinderat einstimmig die unverzügliche Beseitigung des Standorts. In 30 von 46 Gemeinden der Region wurden ähnliche Beschlüsse gefasst.
Die Proteste erhielten breite Unterstützung. Am 2. Februar 1985 nahmen rund 10.000 Menschen an einem Schweigemarsch teil, am 8. April bildeten 15.000 Demonstrierende eine Menschenkette zur Waldheide. Es folgten weitere Blockaden, Mahnwachen und Aktionen des gewaltfreien Widerstands. Mit der Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987 endeten die Sitzblockaden.
Trotz des Widerstands wurde die Anlage ab Sommer 1985 für 55 Mio. DM stärker gesichert, unter anderem durch mehrere Zäune, NATO-Draht, Betonmauern und gepanzerte Wachtürme. Der INF-Vertrag von Ende 1987 verpflichtete die USA jedoch zum Abzug sämtlicher Pershing-II-Raketen. Eine sowjetische Delegation inspizierte die im Vertrag als Missile Operating Base Waldheide-Neckarsulm bezeichnete Anlage im Juli 1988. Die ersten neun Raketen wurden am 1. September 1988 abgezogen, die letzte am 26. April 1990. Am 10. August 1990 wurde das Heilbronner Bataillon aufgelöst; bis 1991 räumte die US-Armee das Gelände vollständig.
Renaturierung, Natur und Erinnerung
1992 kaufte die Stadt Heilbronn die Waldheide für 850.000 DM. Sie ließ fast alle Gebäude und Wege entfernen und entsiegelte neun Hektar Fläche. Die Bunker der früheren Alarmstellung wurden mit Erde bedeckt und sind heute als bewachsene Hügel sichtbar. Zwei Drittel des Landschaftsparks wurden am 20. Juli 1996 eröffnet, das nördliche Drittel 1997 fertiggestellt. Bis 1996 investierte die Stadt umgerechnet 2,5 Mio. Euro.
Auf dem kalkfreien, nährstoffarmen Verwitterungsboden des Schilfsandsteins entwickelte sich nach der Abholzung eine besondere Heidelandschaft. Ein 4,5 Hektar großer, während der US-Nutzung unversiegelt gebliebener Bereich wurde am 22. November 1994 als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen. Schafe beweiden ihn drei- bis viermal jährlich, damit die Landschaft offen bleibt. Dort wachsen unter anderem Heidekraut, Rundblättrige Glockenblume, Thymian, Deutscher Ginster, Purgier-Lein, Borstgras, Dreizahn und Blutwurz. In nassen Bereichen kommen Pfeifengras und Bleiche Segge vor. Die Fläche ist außerdem Rückzugsraum des Kleinen Heidegrashüpfers; in den Randhecken brütet der Neuntöter.
An der Unfallstelle erinnert seit Juni 1998 eine rekonstruierte Gedenktafel an die drei getöteten Soldaten. Die ursprüngliche Tafel war beim Abzug der US-Armee unter ungeklärten Umständen verschwunden. Jährlich finden um den 11. Januar und den 11. September Gedenkfeiern statt. Am Parkplatz Bei den drei Linden informieren zwei Betonwände mit einem Grundriss, einer Karte und einer Zeittafel über das Gelände. Das Theater Heilbronn erinnerte 2025 mit einem Rechercheprojekt an den 40. Jahrestag des Unglücks.