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Renaturierung
Unter Renaturierung wird die Rückführung vor allem von landwirtschaftlich oder industriell genutzten Flächen und Gewässern in einen naturnahen Zustand …
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Kernidee und Ziele
Renaturierung bedeutet die Rückführung vor allem von landwirtschaftlich oder industriell genutzten Flächen und Gewässern in einen naturnahen Zustand. Sie unterscheidet sich von Rekultivierung: Rekultivierung zielt grundsätzlich auf eine wirtschaftliche Nutzung, Renaturierung dagegen auf naturnahe Lebensräume.
Als wissenschaftlicher Bereich gehört Renaturierung zur Renaturierungsökologie, einer Teildisziplin der Umweltwissenschaften. Sie befasst sich mit Theorie und Praxis der Habitat-Wiederherstellung, also der Wiederherstellung von Lebensräumen. Betroffen sein können landwirtschaftliche Flächen, Meliorationsgebiete, aufgegebene Industrie- und Verkehrsanlagen oder Bergbaufolgelandschaften. Ziel ist ein Ökosystem, das sich langfristig möglichst ohne menschliche Hilfe regeneriert und selbst erhält. In der Schweiz wird die Renaturierung von Flüssen und Bächen auch Revitalisierung genannt.
Standards und Bedeutung
Die Society for Ecological Restoration (SER) ist die internationale Fachgesellschaft für Renaturierung. Ihre Standards nennen acht Prinzipien: Renaturierungen sollen Interessensvertreter einbeziehen, besonders lokale Gruppen; unterschiedliches Wissen nutzen, also Praxiswissen, traditionelles und lokales Wissen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse; sich an natürlichen Referenzökosystemen orientieren und zugleich globalen Wandel berücksichtigen; Regenerationsprozesse von Ökosystemen unterstützen; mit Vision, klaren Zielen, Teilzielen und messbaren Indikatoren arbeiten; das höchstmögliche praktikable Regenerationsniveau anstreben; in großem Maßstab Landschaftseffekte verbessern; und Teil eines Kontinuums von Wiederherstellungstätigkeiten sein, von der Reduzierung von Beeinträchtigungen bis zur vollen Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme.
Renaturierung ist für Mensch und Natur wichtig, weil naturnahe Flüsse und Bäche die Hochwassergefahr für Anwohner verringern können. Zugleich steigt die Lebensqualität, wenn vielfältige Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen. Solche Lebensräume spielen auch beim Abbau umweltbelastender Stoffe wie Abwasser oder Dünger eine Rolle. In Deutschland begannen erste Renaturierungsmaßnahmen in den 1970er-Jahren, zunächst vor allem zur Erhaltung oder Wiederherstellung ökologischer Vielfalt in Auenlandschaften und Fließgewässern. Später wurde stärker darauf gesetzt, der Natur in Schutzzonen mehr Eigendynamik zu lassen; das erwies sich als günstiger und in seinen positiven Effekten besser nachweisbar.
Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000 fordert umfangreiche Renaturierungs- und Verbesserungsmaßnahmen, weil nahezu alle Gewässer strukturell und ökologisch als stark beeinträchtigt gelten. Neben Wasserqualität werden der ökologische Zustand, Biodiversität und Klimaschutz wichtiger. Moore gelten dabei besonders als bedeutend, weil ihr Erhalt und ihre Renaturierung zum Natur-, Umwelt- und Klimaschutz beitragen.
Gewässer, Auen und Feuchtgebiete
Bei Fließgewässern soll Renaturierung die Eigenschaften von Flussbett und Ufer als Lebensraum wiederherstellen. Bei begradigten oder kanalisierten Flussläufen können unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeiten geschaffen werden, damit ursprüngliche Tier- und Pflanzenarten wieder Lebensräume finden. Damit eine niedrigere Strömungsgeschwindigkeit nicht die Hochwassergefahr erhöht, wird meist der Fließquerschnitt vergrößert, etwa durch flachere Böschungen oder eine Verbreiterung des Flusslaufs. Maßnahmen sind zum Beispiel Mäandrierung, also ein stärker geschwungener Flusslauf, Kiesbänke, Flussteilungen, Inseln und Eisvogel-Wände. In Städten kann auch die Offenlegung unterirdisch kanalisierter Gewässer die Lebensqualität verbessern.
Auen, Auwälder und Bruchwälder sind wichtige Biotope und natürliche Überschwemmungsflächen. Seit 2009 wurde in Deutschland der Zustand wassernaher Biotope erfasst. Dabei zeigte sich, dass zwei Drittel der ursprünglichen Überschwemmungsflächen der Flüsse bei Hochwasser nicht mehr geflutet werden können. An Donau, Elbe, Rhein und Oder sind in manchen Bereichen 80 bis 90 Prozent der Überflutungsflächen nicht mehr erreichbar. Wichtige Maßnahmen sind Rückbau oder Schlitzung von Deichen und Dämmen, Rückverlegung von Deichen landeinwärts, Entgradigung von Flüssen, Entfernung von Uferverbau, Belassen oder Einbringen von Totholz und die schrittweise Wiederansiedlung typischer Tier- und Pflanzenarten.
Stehende Gewässer umfassen auch künstliche Teiche. Eine Ganzseestudie zeigte, dass Renaturierung von Baggerseen durch neue Flachwasserbereiche und mehr Struktur durch Totholz positive Auswirkungen auf viele Organismengruppen wie Fische und Libellen hat. Flachwasserzonen sind für viele Fischarten wichtige Laichplätze und Schutzräume für Jungfische.
Feuchtwiesen sind gehölzfreie Biotope auf feuchten bis nassen Standorten. Sie sind durch Entwässerung und Umwandlung in Acker- oder Weideland fast völlig verschwunden. Periodisch überschwemmte Auenwiesen bieten Vögeln und Insekten Lebensraum und speichern große Wassermengen, wodurch sie zum Hochwasserschutz beitragen. Maßnahmen sind Wiedervernässung, Schaffung von Überflutungsflächen, Bodenvorbereitung, Entbuschung, Einsaat typischer Pflanzen und Ausgleichszahlungen an Landwirte.
Moore, Klima und Arten
Moore speichern große Mengen CO₂ und leisten deshalb einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Torfabbau und Entwässerung haben viele Moore zerstört oder stark beschädigt. Noch intakte Hochmoore stehen wegen ihrer Gefährdung überwiegend unter Naturschutz, werden aber durch Nährstoffeinträge aus Landwirtschaft und Luft geschädigt; dies kann zu Eutrophierung führen, also zu einer Überversorgung mit Nährstoffen.
In Deutschland werden weiterhin Moore entwässert und jährlich 10 Millionen Kubikmeter Torf gestochen, davon rund 90 Prozent in Niedersachsen. Bei der Moorrenaturierung soll Wiedervernässung den Wasserhaushalt wiederherstellen. Auf nassen Standorten können sich moortypische Pflanzen und Tiere wieder ansiedeln. Durch torfbildende Pflanzen ließe sich die Funktion der Moore langfristig wiederherstellen. Für den Wiederaufbau der Moore in Niedersachsen wird eine Dauer von etwa 6.000 Jahren veranschlagt. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz könnten durch Wiedervernässung aller trockengelegten Moore in Deutschland jährlich bis zu 35 Mio. Tonnen CO₂ gespeichert werden.
Auch Tiere können zur Renaturierung beitragen. Der Biber staut durch seine Bautätigkeit Fließgewässer an und ermöglicht dadurch vielen weiteren Arten die Ansiedlung. Deshalb gilt er in manchen Gewässerschutzprojekten als Leitart. In Bayern gelang ab 1969 die Auswilderung und Wiederansiedlung von Bibern, nachdem sie dort bereits 100 Jahre ausgerottet waren. Ein weiterer Ansatz ist Rewilding: Dabei werden ehemals in einer Region vorkommende große Tiere wieder eingeführt, zum Beispiel große Weidetiere wie der Wisent, um die Entstehung von Feuchtwiesen zu begünstigen.
Böden, Städte und Grenzen
Bei Böden umfasst Renaturierung und Sanierung die Verbesserung von Bodeneigenschaften, Reinigung oder Rekultivierung verunreinigter Böden. Bodenverdichtung verringert Wasserleitfähigkeit und Luftleitfähigkeit. Sie kann durch mechanische Lockerung, tief wurzelnde Pflanzen, Humusaufbau, weniger intensive Nutzung oder Nutzungspausen verbessert werden. Bei Schadstoffen wird eine deutliche Reduktion angestrebt; wenn andere Maßnahmen nicht helfen, kann Bodenaustausch nötig sein. Verfahren sind chemische Extraktion mit Lösungsmitteln, biologische Sanierung durch Bioremediation mit natürlichen Organismen und Adsorptionstechniken, die Schadstoffe chemisch verändern, etwa durch Änderung des pH-Werts.
Vegetation hilft bei der Bodensanierung. Auf Brachen kann sich Ruderalvegetation durch Samenausbreitung ohne menschliches Eingreifen ansiedeln. Diese Pionierpflanzen haben geringe Ansprüche und breiten sich schnell aus. Wenn unerwünschte Neophyten vorherrschen, können Maßnahmen gegen invasive Ausbreitung nötig sein. Geplante Bepflanzung kann zum Beispiel durch Eichen, Hainbuchen und Heckenlandschaften erfolgen, wenn ein naturnaher Wald und mehr biologische Vielfalt entstehen sollen.
In Bergbaufolgelandschaften sind die Umweltauswirkungen besonders groß. Deutsche Bergbauunternehmen müssen stillgelegte Flächen wiedernutzbar machen. Maßnahmen in der Lausitz sind etwa Pionierpflanzen, Aufforstung, Böschungsbegrünung, Flutung von Tagebauflächen zu Seen, Windkraftanlagen auf Abraumhalden sowie Naturschutz- und Naherholungsgebiete. Besonders schwierig sind Kalihalden wegen Versalzung sowie Halden aus dem Uranbergbau. In Sachsen wurden zwischen 1949 und 1990 über 1000 Gänge bis in 2000 m Teufe angelegt; nach 80.000 Tonnen Uran mussten Millionen Kubikmeter Halden saniert werden. Ziel war, die Strahlenbelastung auf weniger als ein Millisievert pro Jahr abzusenken. Bis 2021 investierte die Bundesrepublik über sechs Milliarden Euro in die Beseitigung von Uranbergbau-Altlasten in Sachsen und Thüringen.
Versiegelte Flächen verschärfen Hochwasser- und Hitzeprobleme. In Deutschland sind rund 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert oder anders versiegelt; in Stadtzentren kann es bis zu 100 Prozent sein. Entsiegelte und bewachsene Böden kühlen durch Verdunstung und nehmen Regenwasser auf. Landwirtschaftliche Böden leiden unter Schadstoffeinträgen und Verdichtung durch schwere Maschinen. Gegen Verdichtung helfen breitere Bereifung, geringerer Kontaktdruck, eine maximale Radlast von 10 t bei trockenem Boden und 6 t bei nassem Boden, Bearbeitung nur bei trockenem Boden, weniger Überfahrten, Erntereste, organischer Dünger, Zwischenfrüchte und geeignete Fruchtfolgen.
Renaturierung hat Grenzen. Degradierte Flächen lassen sich meist nicht vollständig in den Zustand vor dem Eingriff zurückversetzen. Biodiversität, Kohlenstoffkreislauf und Stickstoffkreislauf bleiben nach Renaturierung oft geringer als in ursprünglichen Ökosystemen. Renaturierung ersetzt deshalb nicht den vorbeugenden Schutz. Besonders Moore zeigen diese Grenze: Torfschichten wachsen etwa einen Millimeter im Jahr, weshalb abgetorfte Moore Tausende von Jahren benötigen, um wieder meterdicke Moorkörper zu bilden. Trotzdem ist es sinnvoll, Nutzung einzuschränken oder zu stoppen, damit weniger Treibhausgase freigesetzt werden.