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Vor dem Sturm (Roman)

Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13 ist der Titel eines historischen Romans von Theodor Fontane über den Beginn der preußischen Befreiungskriege …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Roman, Thema und gesellschaftliches Panorama
  2. 2. Weihnachten im Oderbruch und die Familienkonflikte
  3. 3. Berlin, politische Entscheidungen und Kathinkas Flucht
  4. 4. Landsturm, Niederlage und Abschluss der Handlung
  5. 5. Erzählweise, Literatur und Verhältnis zur Wirklichkeit
  6. 6. Entstehung und Veröffentlichung

Roman, Thema und gesellschaftliches Panorama

„Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13“ ist Theodor Fontanes erster Roman. Der historische Roman spielt nach Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug und unmittelbar vor den preußischen Befreiungskriegen gegen die französische Besatzung. Im Zentrum stehen die fiktiven Familien Vitzewitz-Pudagla und Ladalinski. Wichtigster Schauplatz ist Hohen-Vietz im Oderbruch; weitere Handlungsorte sind benachbarte Dörfer und Gutshöfe sowie Berlin.

Der Roman verbindet zahlreiche Einzelhandlungen zu einem breiten Bild der preußischen Gesellschaft. Er zeigt Adel, Amtsträger, Pastoren, Justizbeamte, Offiziere, Bauern, Berliner Handwerker, Bedienstete und Arme. Dabei behandelt er politische und persönliche Konflikte: den Streit über den richtigen Zeitpunkt des Befreiungskampfes, den Gegensatz zwischen Gehorsam und Gewissen, nationale Zugehörigkeit, Standesunterschiede, Liebe und familiäre Pflichten.

Weihnachten im Oderbruch und die Familienkonflikte

Am Weihnachtsabend 1812 reist der 22-jährige Jurastudent Lewin von Vitzewitz aus Berlin zu seinem Vater Berndt und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Renate nach Hohen-Vietz. Der Rückzug von Napoleons Truppen aus Russland weckt Hoffnungen auf einen Aufstand. Berndt möchte einen Landsturm, also eine örtliche bewaffnete Truppe, bilden. Schulze Kniehase lehnt eigenmächtiges Handeln ohne königlichen Befehl ab. Berndt und Pfarrer Othegraven stellen dagegen Land, Gewissen und den Mut, für die eigene Überzeugung zu sterben, über blinden Gehorsam.

Das Dorfleben ist von Aberglauben und Vorzeichen geprägt. Geschichten über Matthias’ Geist, rote Stoppeln als Kriegszeichen und die Prophezeiung „Und eine Prinzessin kommt ins Haus, da löscht ein Feuer den Blutfleck aus“ begleiten die Handlung. Die Händlerin und Kartenlegerin Hoppenmarieken nutzt die Ängste der Dorfbewohner, wird aber später zu einer entscheidenden Helferin. Nach mehreren Überfällen stellt Berndt einen Suchtrupp auf. Dieser fasst Muschwitz und Rosentreter, zwei einheimische Verbrecher; die zunächst als Hehlerin verdächtigte Hoppenmarieken kommt durch Lewins Fürsprache frei.

Marie, die als zehnjähriges Zirkuskind nach Hohen-Vietz kam und von den Kniehases adoptiert wurde, steht im Mittelpunkt der Standesfrage. Obwohl Gräfin Amelie Pudagla theoretisch an die Gleichheit der Menschen glaubt, will sie Marie wegen ihrer Herkunft nicht als Renates Begleiterin aufnehmen. Othegraven hält den Menschen für wichtiger als den gesellschaftlichen Rang und macht Marie einen Heiratsantrag. Marie lehnt ehrlich ab, weil ihr Herz ihm gegenüber schweigt; insgeheim liebt sie Lewin.

Auf Schloss Guse lebt Berndts verwitwete Schwester Amelie, die sich dem Ancien Régime und der französischen Kultur verbunden fühlt. Ihr frankophiler Guser Kreis steht Berndts preußischem Patriotismus gegenüber. Berndt berichtet dort, dass Staatskanzler Hardenberg seinen Aufstandsplan abgelehnt habe: Die Regierung hoffe auf eine diplomatische Lösung und wolle warten, bis Napoleon weiter geschwächt sei. Ein Streit über Lemierres und Schillers Tell-Dramen verdeutlicht die Gegensätze zwischen Amelie und Berndt. Amelie bevorzugt Lemierre; Berndt verteidigt Schiller als „Dichter seines Volkes“.

Amelie plant, Lewin mit Kathinka von Ladalinski und Renate mit deren Bruder Tubal zu verheiraten. Lewin liebt Kathinka, doch sie fühlt sich zum polnischen Grafen Jarosch Bninski hingezogen. Während Renate Treue und Innerlichkeit als deutsche Tugenden bezeichnet, verbindet Kathinka Polen mit Leidenschaft und Phantasie.

Berlin, politische Entscheidungen und Kathinkas Flucht

Mit Beginn des Jahres 1813 rückt die Befreiungspolitik in den Vordergrund. In Berliner Adelskreisen werden rechtliche, militärische und bündnispolitische Fragen diskutiert; bei Handwerkern und anderen Bürgern herrscht eine deutlich patriotische Stimmung. Berndt und Geheimrat Alexander von Ladalinski tragen Prinz Ferdinand ihren Landsturmplan vor. Der Prinz hält Preußen jedoch für militärisch zu schwach. Eine Volksbewaffnung könne wie in Frankreich im Chaos enden; vorerst sei selbst das Bündnis mit Napoleon das kleinere Übel.

Auf einer Soiree am 4. Januar trifft die Nachricht von Yorks Kapitulation und seinem Seitenwechsel von Frankreich zu Russland ein. Tubal verteidigt York gegen Bninskis Vorwurf des Treuebruchs: Es könne einen Widerstreit verschiedener Pflichten geben, bei dem jede Entscheidung einen bitteren Beigeschmack hinterlasse.

Kathinka erklärt ihrem Vater, dass sie Bninski liebt und keine Vernunftehe mit dem liebenswerten, aber träumerischen Lewin eingehen will. Ladalinski respektiert ihre Gefühle, verweigert jedoch die Zustimmung: Eine Ehe mit dem polnischen Nationalisten würde seine Stellung im preußischen Staatsdienst gefährden. Bninski stellt dem Vaterrecht das „natürliche Recht“ der persönlichen Neigung gegenüber. Kathinka geht schließlich ohne Zustimmung ihres Vaters mit ihm nach Polen, kehrt zum katholischen Glauben zurück und trennt sich damit dauerhaft von Vater, Bruder und früherem Umfeld. Lewin hatte ihre zweideutige Freundlichkeit zuvor als Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft missverstanden.

Landsturm, Niederlage und Abschluss der Handlung

Als Lewin von Kathinkas Flucht erfährt, bricht er auf dem Weg ins Oderbruch zusammen. Renate und Tante Schorlemmer pflegen ihn, bis er seinen Liebeskummer überwindet. Kurz darauf stirbt Amelie. Berndt vermutet, sie habe ihr eigenes Spiegelbild für die gefürchtete „schwarze Frau“ gehalten. Durch ihr Erbe wird Berndt reich; Renate soll später Schloss Guse erhalten.

Berndt hat inzwischen mit Generalmajor Bamme, Graf Drosselstein und Hauptmann von Rutze eigenmächtig das „Landsturmbataillon Lebus“ aufgestellt. Die veränderte Politik des Königs, der Mitte Januar seinen Hof nach Breslau verlegt, verhindert einen offenen Konflikt mit der Regierung. Lewin empfindet zugleich Mitleid mit den zerlumpten französischen Überlebenden des Russlandfeldzugs und zweifelt an einer rücksichtslosen Verfolgung.

Der Landsturm plant gemeinsam mit der Frankfurter Bürgerwehr, den französischen General Girard gefangen zu nehmen. Der russische Offizier Tschernitscheff verspricht einen unterstützenden Angriff. Zunächst gelingt die Aktion: Girard wird gefasst, die Oderbrücke wird gesperrt und der Landsturm besetzt die Stadt. Doch die russische Hilfe bleibt aus. Französische Soldaten errichten eine Ersatzbrücke, schlagen die Angreifer zurück und töten unter anderem den Bauernsohn Püschel und den Dichter Hansen-Grell. Othegraven und Lewin geraten in Gefangenschaft; Othegraven wird hingerichtet, Lewin in die Festung Küstrin gebracht. Berndt fragt sich daraufhin, ob ihn neben Vaterlandsliebe auch Ehrgeiz und Eitelkeit angetrieben haben.

Hoppenmarieken verschafft den Hohen-Vietzern Zugang zu Lewin und wirft ihm ein Hanfleinenknäuel ins Fenster. Mit dessen Hilfe zieht er eine Strickleiter hoch und entkommt. Bei der Flucht wird Tubal tödlich verwundet. Er bereut gegenüber Renate seine Unbeständigkeit und stirbt im wiedergewonnenen katholischen Glauben. Auch Hoppenmarieken wird nach der Rückkehr tot aufgefunden.

Lewin erkennt nun, dass sich die rätselhaften Sprüche „Und kann auf Sternen gehen“ und „Und eine Prinzessin kommt ins Haus“ auf Marie beziehen. Ihr Zusammenbruch nach seiner Gefangennahme hat ihre Liebe offenbart. Lewin und Hirschfeldt schließen sich der regulären Armee an und kämpfen im Herbstfeldzug 1813. Lewin kehrt mit einer Narbe zurück und heiratet Marie im September in Bohlsdorf. Die Ehe zwischen einem Adligen und einer Bürgerlichen steht für ein neues Gesellschaftsbild: „Mensch ist Mensch.“ Beide bewirtschaften zunächst Guse und übernehmen nach Berndts Tod mit ihren zahlreichen Kindern Hohen-Vietz. Renate zieht in das Fräuleinstift „Kloster Lindow“, um sich der inneren Einkehr und Werken der Barmherzigkeit zu widmen. Rund fünfzig Jahre später betrachtet der Erzähler dort ihren Grabstein.

Erzählweise, Literatur und Verhältnis zur Wirklichkeit

Fontane wollte keinen spannungsorientierten Kriegsroman schreiben, sondern Land und Menschen schildern. Ein auktorialer Erzähler, der das Geschehen überblickt, verbindet die Familiengeschichten mit atmosphärischen Winterlandschaften, genauen Ortsbeschreibungen, historischen Ereignissen, Anekdoten und Spukgeschichten. Viele Vorgänge werden nicht unmittelbar gezeigt, sondern in Briefen, Tagebüchern, Berichten und Gesprächsrunden vermittelt. Bauern, Berliner Handwerker, Geistliche und Adlige äußern dabei ihre politischen Ansichten, Gewohnheiten und Wertvorstellungen.

Literarische Gespräche durchziehen besonders die ersten drei Bände. Lewin und seine Freunde tragen im Kastalia-Kreis Gedichte vor. Hansen-Grell bewundert Hölderlins Ode „An die Parzen“ und meint, bei Dichtung zähle Qualität mehr als Menge. Er fühlt sich der Romantik näher, schätzt aber zugleich die klassischen Formen. Lewin hört an der Berliner Universität Vorlesungen Fichtes. Gespräche über Schiller, Lemierre, Novalis, Tieck, Zinzendorf und Pastor Schmidt von Werneuchen zeigen unterschiedliche Vorstellungen von Kunst. Dr. Faulstich warnt, Bücher, Dichtung und Muße könnten glückliche Stunden, aber nicht das Glück selbst schaffen; dieses beruhe auf Frieden und innerem Gleichklang.

Die politische Grundlage des Romans bilden die Ereignisse von 1812/1813, doch Hauptfiguren, Wohnorte und ihre Beziehungen zu historischen Persönlichkeiten sind erfunden. Fontanes Beschreibung des Oderbruchs beruht auf eigenen Wanderungen und auf seinem 1863 veröffentlichten Buch „Das Oderland“. Anna Dorothea Hoppe wurde zum Vorbild für Hoppenmarieken, Major von Marwitz für Berndt von Vitzewitz. Für den Kastalia-Kreis diente die Berliner literarische Gesellschaft „Tunnel über der Spree“ als Vorlage. Fontane integrierte außerdem seine eigenen Gedichte „Hakon Borkenbart“ und „General Seydlitz“ in den Roman.

Entstehung und Veröffentlichung

Fontane entwickelte die Idee 1862 unter dem Arbeitstitel „Lewin von Vitzewitz“. Die ersten Kapitel entstanden im Winter 1873/1874; nach einer Unterbrechung setzte er die Arbeit 1876 fort. Ab dem 5. Januar 1878 erschien eine etwas gekürzte Fassung in 36 Teilen in der Leipziger Wochenzeitschrift „Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen“.

Bis Oktober 1878 war die vierbändige Buchausgabe fertig: „Hohen-Vietz“, „Schloß Guse“, „Alt-Berlin“ und „Wieder in Hohen-Vietz“. Der Verkauf begann im November 1878. Später erschienen einbändige Ausgaben mit fortlaufender Kapitelzählung. 1984 wurde der Roman unter dem Titel „Vor dem Sturm“ verfilmt.

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