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Vom Ende einer Geschichte

Vom Ende einer Geschichte ist ein 2011 erschienener Roman des englischen Schriftstellers Julian Barnes. Im englischen Original lautet der Titel The Sense of …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Roman, Themen und Aufbau
  2. 2. Jugend, Freundschaft und verdrängte Schuld
  3. 3. Rückkehr der Vergangenheit
  4. 4. Literarische Gestaltung und Bezüge
  5. 5. Aufnahme und Verfilmung
  6. 6. Ausgaben

Roman, Themen und Aufbau

„Vom Ende einer Geschichte“ ist ein 2011 erschienener Roman des englischen Schriftstellers Julian Barnes; der Originaltitel lautet „The Sense of an Ending“. Im Mittelpunkt stehen geschönte und unzuverlässige Erinnerungen, mit denen Menschen ihre Vergangenheit erträglicher machen, sowie die Frage nach persönlicher Verantwortung. Der pensionierte Ich-Erzähler Anthony („Tony“) Webster zieht im Alter Bilanz und muss erkennen, dass seine bisherige Lebensgeschichte auf Verdrängung und Selbsttäuschung beruht.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Zunächst erzählt Tony von seiner Jugend und seinem später scheinbar ereignisarmen Leben. Im zweiten Teil führen ein Erbe und neue Dokumente dazu, dass er seine Erinnerungen überprüfen muss. Frühere Ereignisse erhalten dadurch eine andere Bedeutung. Der Roman wurde 2011 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet; 2015 zählten ihn 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen.

Jugend, Freundschaft und verdrängte Schuld

In der Schule gehört Tony mit Alex und Colin zu einer Clique, die Erwachsenen herablassend begegnet. Später schließt sich ihnen der hochbegabte Adrian Finn an. Adrian ist nachdenklicher und früh gereift, weil seine Mutter die Familie verlassen hat. Im Geschichtsunterricht erklärt Tony: „Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger“ (S. 24). Sein Lehrer ergänzt, Geschichte sei auch die Selbsttäuschung der Besiegten. Adrian entwickelt am Beispiel des Ersten Weltkriegs eine Verantwortungskette: Es gebe „eine Kette individueller Verantwortung“, die nicht so lang sei, dass jeder die Schuld einfach auf andere schieben könne (S. 19).

Nach dem Schulabschluss studiert Adrian mit einem Stipendium in Cambridge, Tony dagegen Geschichte in Bristol. Tony beginnt eine Beziehung mit Veronica. Er empfindet sie als anspruchsvoll und sexuell distanziert. Bei einem Wochenende mit ihrer Familie fühlt er sich von Veronica, ihrem Vater und ihrem Bruder herablassend behandelt. Nur Veronicas Mutter ist freundlich und warnt ihn davor, sich von Veronica etwas gefallen zu lassen. Später trennt Tony sich von Veronica.

Als Adrian und Veronica Tony mitteilen, dass sie nun ein Paar sind, antwortet er zunächst kühl. Danach schreibt er jedoch einen verletzenden Brief, beschimpft beide und verweist Adrian auf Veronicas Mutter. Den genauen Wortlaut verdrängt Tony später und beschreibt seine Reaktion rückblickend deutlich harmloser.

Nach seinem Studium verbringt Tony einige Zeit in den USA. Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass Adrian Selbstmord begangen hat. Adrian hatte erklärt, das Leben sei ein Geschenk, das man zurückgeben könne; dann sei es die moralische Pflicht des Menschen, entsprechend den Folgen dieser Entscheidung zu handeln (S. 62). Tony heiratet später Margaret. Die ruhige Ehe wird geschieden, und sein weiteres Leben bis zur Pensionierung verläuft weitgehend ereignislos.

Rückkehr der Vergangenheit

Im Alter erhält Tony die Nachricht, dass Veronicas Mutter gestorben ist und ihm 500 Pfund sowie Adrians Tagebuch vermacht hat. Das Tagebuch befindet sich jedoch bei Veronica. Sie übergibt Tony nur die Fotokopie einer Seite. Darauf untersucht Adrian erneut eine Verantwortungskette und notiert eine Gleichung, die offenbar Beziehungen zwischen Tony, Adrian, Veronica, Veronicas Mutter und einem unbekannten „b“ darstellt. Die Seite endet unvollständig mit: „Zum Beispiel, wenn Tony …“ (S. 110).

Veronica lässt Tony außerdem seinen damaligen Brief lesen. Er ist über die Bosheit seiner eigenen Worte ehrlich entsetzt. Die Vergangenheit kehrt wie die Gezeitenwelle des Severn zurück, die Tony früher mit Freunden beobachtet hatte: Bei diesem Naturphänomen strömt Wasser entgegen der gewöhnlichen Fließrichtung den Fluss hinauf. Dieses Bild ist ein Leitmotiv, also ein wiederkehrendes bedeutungstragendes Motiv des Romans. Tony empfindet tiefe Reue. Er möchte sie wieder in eine klar bestimmbare Schuld verwandeln, um Vergebung erlangen zu können, erkennt aber, dass dies unmöglich ist.

Schließlich führt Veronica Tony zu einer Gruppe von Menschen mit Behinderung. Tony findet mühsam heraus, dass einer von ihnen Adrians Sohn ist. Dessen Mutter ist jedoch nicht Veronica, sondern Veronicas Mutter; das „b“ in Adrians Gleichung steht für „Baby“. Tony betrachtet erneut die Verantwortungskette und sieht darin seinen eigenen Anfangsbuchstaben. Er erinnert sich, dass er Adrian in seinem verletzenden Brief auf Veronicas Mutter verwiesen hatte. Adrians offenen Satz „Zum Beispiel, wenn Tony …“ ergänzt er für sich zu „… nicht Tony gewesen wäre“ (S. 110). Damit erkennt er, dass seine Worte möglicherweise Teil einer Kette von Folgen waren, deren Tragweite er lange verdrängt hatte. Zugleich bleibt die genaue Verteilung der Verantwortung offen.

Literarische Gestaltung und Bezüge

Der englische Titel greift den Titel der 1967 veröffentlichten Studie „The Sense of an Ending“ des Literaturwissenschaftlers Frank Kermode auf. Kermode untersuchte darin, wie Menschen apokalyptische Ereignisse verarbeiten und wie Schriftsteller die Erschütterungen ihrer Zeit deuten. Wichtig ist bei ihm die Peripetie, also der tragische Wendepunkt einer Handlung.

Barnes’ Roman erinnert in seinem Aufbau an eine antike Tragödie. Die Nachricht der Anwältin über Tonys Erbe bildet die Peripetie: Sie verändert sein Leben und setzt die Aufdeckung der Katastrophe in Gang. Wie in Sophokles’ analytischem Drama „König Ödipus“ ist das entscheidende Unheil bereits geschehen. Der Protagonist muss es nachträglich aufklären und gerät durch seine eigenen Nachforschungen immer tiefer in die Tragödie.

Bei einem Treffen liest Veronica eine nicht näher bezeichnete Novelle von Stefan Zweig. Der Bezug passt zur Handlung, weil auch Zweigs Figuren häufig auf tragische Weise daran gehindert werden, ihr Glück zu verwirklichen, und schließlich resignieren.

Aufnahme und Verfilmung

Die zeitgenössische Kritik bewertete das Buch überwiegend positiv. Hervorgehoben wurden besonders Barnes’ erzählerische Ökonomie, die genaue Verbindung der Motive und die moralische Tiefe. Die FAZ bezeichnete das 182 Seiten lange Werk als Novelle und als eines der herausragenden Bücher der Saison. Die Zeit nannte es elegant, konzentriert und nachdenklich; die NZZ sah Adrians Tod als Herzstück des Romans. Die Jury des Man Booker Prize unter dem Vorsitz von Stella Rimington würdigte das Buch im Oktober 2011 als „fast archetypisches Buch“, das „zur Menschheit des 21. Jahrhunderts“ spreche.

BBC, FilmNation Entertainment und Origin Pictures produzierten eine Verfilmung unter der Regie von Ritesh Batra nach einem Drehbuch von Nick Payne. Jim Broadbent spielte Tony, Charlotte Rampling Veronica. Die Dreharbeiten fanden von September bis Oktober 2015 in London und Bristol statt. Premiere war am 2. Januar 2017 beim Palm Springs International Film Festival; der Kinostart folgte am 10. März 2017 in den USA, am 14. April 2017 im Vereinigten Königreich und am 14. Juni 2018 in Deutschland. Rotten Tomatoes verzeichnete 74 % positive Kritiken bei einer Durchschnittswertung von 6,3 von 10 Punkten.

Susanne Ostwald kritisierte in der NZZ, die stärkere Ausarbeitung der Frauenfiguren schwäche die zentrale Erzählsituation. Besonders das harmonische Filmende entferne sich vom Roman, der mit dem beunruhigenden Satz „There is great unrest“ endet.

Ausgaben

Die englische Originalausgabe erschien 2011 bei Jonathan Cape in London unter dem Titel „The Sense of an Ending“ (ISBN 978-0-224-09415-3). Die deutsche Übersetzung von Gertraude Krueger erschien ebenfalls 2011 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln unter dem Titel „Vom Ende einer Geschichte“ (ISBN 978-3-462-04433-1).

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