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Vogelspinnen
Die Vogelspinnen (Theraphosidae) sind eine Familie der Vogelspinnenartigen (Mygalomorphae), einer Unterordnung der Webspinnen (Araneae).
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Einordnung und Verbreitung
Vogelspinnen (Theraphosidae) sind eine Familie der Vogelspinnenartigen (Mygalomorphae), einer Unterordnung der Webspinnen (Araneae). Sie gehören zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda), zum Unterstamm der Kieferklauenträger (Chelicerata) und zur Klasse der Spinnentiere (Arachnida). Stand Juli 2024 umfasst die Familie 168 Gattungen und 1101 Arten in 12 Unterfamilien.
Vogelspinnen leben vor allem in tropischen bis subtropischen Klimazonen. Die Art Theraphosa blondi gilt mit bis zu 12 Zentimetern Körperlänge und einer Spannweite von bis zu 28 Zentimetern als größte bisher beschriebene Vogelspinne.
Die Systematik ist nicht abgeschlossen: Neue Arten werden beschrieben, ältere Arten revidiert und Verwandtschaftsverhältnisse neu bewertet. Neue Arten und Revisionen werden meist anhand morphologischer Merkmale, also des Körperbaus, untersucht. Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Arten, Gattungen und Unterfamilien werden dagegen heute fast ausschließlich mit molekulargenetischen Untersuchungen erforscht.
Die 12 Unterfamilien und ihre im Artikel genannten Verbreitungsgebiete sind:
- Aviculariinae: Niederkalifornien, Karibik, Mittel- und Südamerika
- Eumenophorinae: Arabische Halbinsel und Afrika
- Harpactirinae: Afrika
- Ischnocolinae: Europa, Afrika, Naher Osten, Arabische Halbinsel, Indien, Karibik, Mittel- und Südamerika
- Ornithoctoninae: Indien und Südostasien
- Poecilotheriinae: Indien und Sri Lanka
- Psalmopoeinae: Karibik, Mittel- und nördliches Südamerika
- Selenocosmiinae: Indien, Sri Lanka, Südostasien und Australien
- Selenogyrinae: Afrika und westliches Indien
- Stromatopelminae: Afrika
- Theraphosinae: Nord-, Mittel- und Südamerika
- Thrigmopoeinae: Indien
Körperbau und wichtige Organe
Der Körper der Vogelspinne ist in Vorderkörper und Hinterleib gegliedert. Der Vorderkörper (Prosoma) besteht aus dem zusammengewachsenen Kopf- und Bruststück. Auf seiner Oberseite liegt der Carapax oder Peltidium, auf der Unterseite das Sternum. Vorn befinden sich Mundöffnung, Beißklauen und Taster; seitlich sitzen die vier Laufbeinpaare. Eine Vertiefung auf der Oberseite, die Thoraxgrube, wird in Bestimmungsschlüsseln zur Unterscheidung von Gattungen verwendet. Über den Petiolus ist der Vorderkörper mit dem Hinterleib verbunden. Im Inneren liegt der Saugmagen, mit dem verflüssigte Nahrung aufgesaugt wird.
Jedes der vier Laufbeinpaare besteht aus sieben Segmenten: Hüfte (Coxa), Schenkelring (Trochanter), Schenkel (Femur), Knie (Patella), Schiene (Tibia), Mittelfuß (Metatarsus) und Fuß (Tarsus). Bei erwachsenen Männchen einiger Gattungen, zum Beispiel Grammostola, Psalmopoeus und Avicularia, können am Schienensegment des ersten Beinpaares Schienbeinhaken (Tibiaapophysen) vorhanden sein. Sie können bei der Paarung die Beißklauen des Weibchens blockieren und den Vorderkörper des Weibchens anheben; sie kommen jedoch nicht immer zum Einsatz.
Die Taster (Pedipalpen) ähneln den Laufbeinen, besitzen aber nur sechs Segmente, weil der Mittelfuß fehlt. An den Tasterenden erwachsener Männchen befinden sich die im Ruhezustand eingeklappten Bulbi, die männlichen Geschlechtsorgane. Jungtiere und Weibchen verwenden die Taster wie ein fünftes Laufbeinpaar. Ein erwachsenes Männchen trommelt mit den Tastern, um ein Weibchen aufmerksam zu machen. Ein paarungsbereites Weibchen kann ebenfalls trommeln; bei manchen Arten werden auch das erste und zweite Beinpaar eingesetzt.
Die Beißklauen (Cheliceren) schlagen gerade nach unten und leicht nach innen. Diese parallel zur Längsachse ausgerichtete, orthognathe Stellung unterscheidet die Vogelspinnenartigen von den meisten echten Webspinnen (Araneomorphae). Beim Beutefang dringen die Klauen in das Opfer ein. Durch einen feinen Kanal wird Gift injiziert; die Giftdrüse liegt im basalen Glied der Beißklauen. Das Gift zersetzt zugleich den Körper der Beute, sodass die Spinne die verflüssigte Nahrung aussaugen kann.
Die relativ kleinen Augen sitzen nahe beieinander auf dem Augenhügel. Der Sehsinn ist nur schwach ausgebildet. Hauptaugen nehmen Bilder und Farben wahr und helfen beim Erkennen der Beute; Nebenaugen nehmen Bewegungen wahr.
Der Hinterleib (Opisthosoma oder Abdomen) ist der empfindlichste Körperteil. Er besitzt kein durchgängiges Exoskelett. Nicht vollständig ausgehärtete Tergite und Sternite sind durch weichhäutige Pleuren verbunden, sodass sich der Hinterleib nach einer Mahlzeit ausdehnen kann. An seiner Fülle lässt sich der Ernährungszustand erkennen. Stürze aus relativ geringer Höhe können tödlich sein, wenn der Hinterleib aufplatzt und die Spinne verblutet. Im Hinterleib liegen unter anderem das schlauchförmige Herz, die Geschlechtsorgane, zwei Buchlungenpaare und Teile des Darms.
Am Hinterleibsende liegen der Darmausgang und zwei Paar Spinnwarzen: ein großes und ein kleines Paar. Die fingerförmigen Spinnwarzen bestehen aus drei beweglichen Gliedern. Drüsen an ihnen erzeugen Spinnenseide, die unter anderem für den Kokonbau, zum Auskleiden der Wohnhöhle und bei der Nahrungsaufnahme verwendet wird.
Fortpflanzung und Entwicklung
Die Entwicklung verläuft in drei Abschnitten: Zeit im Kokon mit Ei und Larve, Nymphe und Imago, also erwachsenes Tier.
Für den Kokon spinnt das Weibchen einen Teppich aus Spinnenseide und legt darauf die Eier ab. Während der Ablage passieren die Eier die Samentaschen, in denen das Sperma gespeichert ist, und werden besamt und befruchtet. Das Weibchen bedeckt die Eier mit Spinnenseide und formt daraus zusammen mit der Unterlage den Kokon. Häufig kommen weitere Seidenlagen hinzu; bei Arten mit Brennhaaren werden oft auch diese in den Kokon eingewoben. Das Muttertier bewacht den Kokon.
Im Kokon schlüpfen aus den Eiern Larven. Die erste Larvenform wird wegen ihres Aussehens als „Ei mit Beinen“ bezeichnet. Vorder- und Hinterkörper sind bereits erkennbar; vom Vorderkörper gehen vier Beinpaare und das Tasterpaar ab, außerdem ist der Augenhügel sichtbar. Nach einer Häutung entsteht die Larve II, die einer Spinne schon sehr ähnlich sieht. Beißklauen und Spinnwarzen sind ausgebildet. Larven nehmen normalerweise keine Nahrung auf; beobachtet wurde jedoch, dass sie gelegentlich unbefruchtete Eier oder schwächere Geschwister aussaugen.
Noch im Kokon häuten sich die Larven zu Nymphen. Das Muttertier öffnet den Kokon meistens erst danach, manchmal aber auch früher. Gelegentlich frisst es den Kokon in dieser Entwicklungsphase, vermutlich weil die Bewegungen der Nymphen den Fressreiz auslösen, während das Muttertier während der Bewachung meist keine Nahrung aufnimmt. Frisch gehäutete Nymphen bleiben zunächst beim Kokon. Die Dauer dieser Entwicklung hängt von der Art und der Temperatur ab.
Nymphen werden in der Terraristik auch Spiderlings oder umgangssprachlich Fresshäute genannt. Das erste Nymphenstadium heißt erste Fresshaut. Nach jeder Häutung steigt die Nummer: 1. FH, 2. FH, 3. FH und so weiter. Bis zur Geschlechtsreife ist je nach Art eine unterschiedliche Zahl von Häutungen erforderlich. Anfangs liegen zwischen den Häutungen etwa vier bis acht Wochen; später werden die Abstände größer. Männchen werden häufig früher erwachsen.
Je nach Art ist ein Tier nach einem Jahr, etwa bei Psalmopoeus cambridgei, oder erst nach sieben bis zehn Jahren, etwa bei der Mexikanischen Rotknie-Vogelspinne (Brachypelma smithi), erwachsen. Temperaturen beeinflussen das Wachstum: Bei 28–32 °C wachsen und häuten sich die Tiere schneller, bei 20–24 °C dauert die Entwicklung wegen des reduzierten Stoffwechsels wechselwarmer Tiere länger. Für die genannten Tiere gelten 24–28 °C als optimale Haltungstemperatur; die optimale Temperatur ist jedoch artspezifisch. Arten aus höheren Lagen bevorzugen kühlere, Arten aus Savannen oder Wüsten höhere Temperaturen.
Nach der Reifehäutung ist die Spinne adult. Für Männchen ist dies die letzte Häutung. Weibchen häuten sich weiter, meist etwa einmal im Jahr, bei alten Tieren etwa alle zwei Jahre. Männchen erkennt man häufig an den Bulbi und bei vielen Arten zusätzlich an Schienbeinhaken. Bei Weibchen ist die Reifehäutung äußerlich schwer festzustellen; sicher erkennbar ist die Geschlechtsreife erst, wenn ein Kokon gebaut wurde. Die Spermathek ist bereits bei weiblichen Nymphen vorhanden und ermöglicht eine Geschlechtsbestimmung. Sie wird bei jeder Häutung mitgehäutet und wächst das ganze Leben mit. Eine Ausnahme bilden Sickius longibulbi und Encyocratella olivacea, deren Weibchen keine Spermathek besitzen.
Die Geschlechtsöffnung liegt an der Unterseite des Hinterleibs und heißt Epigastralfurche. Beim Männchen tritt dort Samenflüssigkeit aus, die auf ein zuvor zwischen zwei Gegenständen gesponnenes Spermanetz abgegeben wird. Das Männchen nimmt sie anschließend mit Pumpbewegungen der Bulbi auf. Bei der Paarung führt es die Bulbi in die Epigastralfurche des Weibchens ein. Das Weibchen speichert das Sperma in der Spermathek; beim späteren Kokonbau werden die Eier bei der Ablage besamt. Die Spermathek wird mit jeder Häutung erneuert, sodass das Weibchen danach wieder unbefruchtet ist.
Beute und Abwehr
Vogelspinnen fressen grundsätzlich Tiere, die sie überwältigen können. Typische Beute sind größere Insekten wie Grillen, Schaben und Heuschrecken. Außerdem gehören Tausendfüßer und Skorpione zum Beutespektrum. Große Arten erbeuten gelegentlich kleine Echsen und kleine Nagetiere, selten auch kleine Gift- oder andere Schlangen. Nestjunge oder kranke Vögel können überwältigt werden; gesunde Vögel gehören trotz des Namens nur selten zur Beute.
Zu den natürlichen Feinden zählen Wegwespen, in Amerika beispielsweise Pepsis formosa. Mancherorts fressen auch Hundertfüßer und Skorpione Vogelspinnen. Kleine räuberische Wirbeltiere wie afrikanische Mangusten erbeuten sie gelegentlich. Wanderameisen greifen auf ihren Beutezügen auch Spinnen an, die nicht fliehen können.
Einige neuweltliche, also amerikanische, Vogelspinnen besitzen Brennhaare auf dem Hinterleib. Diese Haare haben Widerhaken. Bei einer Störung werden sie mit schnellen Bewegungen der Hinterbeine auf den Feind geschleudert; dieses Verhalten heißt Bombardieren. Die Haare können sich auch bei Berührung lösen und am Angreifer haften bleiben. In Augen und Schleimhäuten können sie Entzündungen verursachen, auf der Haut unangenehmen Juckreiz und bei wiederholtem Kontakt allergische Reaktionen auslösen. Gattungen der Unterfamilie Theraphosinae, etwa Brachypelma, Grammostola und Theraphosa, besitzen solche Brennhaare; bei Psalmopoeus fehlen sie. Avicularia streift die Haare nicht aktiv ab, sondern streckt den Hinterleib entgegen. Einige Avicularia-Arten spritzen einem vermeintlichen Angreifer Kotflüssigkeit entgegen.
Bedeutung für den Menschen
Ein Biss der meisten Vogelspinnen ist für Menschen trotz der Größe der Tiere schmerzhaft, aber normalerweise harmlos, sofern keine allergische Reaktion auftritt. Die Folgen werden häufig mit einem Bienen- oder Wespenstich verglichen; dies gilt jedoch nicht für alle Arten. Bei Arten der asiatischen Gattung Poecilotheria sowie bei manchen afrikanischen Arten, beispielsweise Pterinochilus murinus und Stromatopelma calceatum, können Bisse selten von Muskelkrämpfen und Benommenheit begleitet sein. Diese Beschwerden können mehrere Tage anhalten.
Häufig kann eine Sekundärinfektion auftreten, die durch zahlreiche Keime an den Cheliceren ausgelöst wird. Außerdem können die im Vergleich zu anderen Spinnengruppen sehr langen Giftklauen tiefe und schmerzhafte Wunden verursachen.
In einigen Gegenden Südamerikas und Asiens werden Vogelspinnen als Lebensmittel genutzt. In Kambodscha werden sie beispielsweise gebraten als Street Food verkauft. Die Tiere stammen entweder aus Wildfang oder werden eigens für den Verzehr gezüchtet.