Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Victoriasee
Der Victoriasee (auch Viktoriasee, Victoria Nyanza, Nam Lolwe, Nnalubaale, Ukerewe) liegt in Ostafrika und ist Teil der Staaten Tansania, Uganda und Kenia.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Lage
Der Victoriasee liegt in Ostafrika auf 1135 m Höhe und gehört zu Tansania, Uganda und Kenia. Er ist der größte See Afrikas, nach dem Kaspischen Meer und dem Oberen See der drittgrößte See der Erde sowie nach dem Oberen See der flächenmäßig zweitgrößte Süßwassersee. Seine Oberfläche wird mit 68.800 bis 68.870 km² angegeben und entspricht ungefähr der Fläche Bayerns oder Irlands. Er ist 337 km lang, 250 km breit und besitzt eine etwa 3450 km lange Küstenlinie. Tansania hat 49 % der Seefläche, Uganda 45 % und Kenia 6 %. Im Jahr 2007 lebten an seinen Ufern etwa 30 Millionen Menschen.
Der See wird im Westen vor allem vom Kagera-Nil gespeist. Sein Abfluss ist im Norden der Victoria-Nil, der über Kyoga-Nil, Albert-Nil, Bahr al-Dschabal und Weißen Nil in den Nil und schließlich ins Mittelmeer fließt. Der Victoriasee gilt deshalb als Quelle des Victoria-Nils, aber nicht als Nilquelle. Bedeutende Orte am Ufer sind Entebbe, Mwanza, Jinja und Kisumu.
Die Region ist mit durchschnittlich 1015 mm Niederschlag pro Jahr relativ regenreich. 85 % des Seewassers stammen unmittelbar aus Niederschlägen und 15 % aus Zuflüssen wie Kagera, Nzoia, Sio und Yala. Zugleich ist die Verdunstung sehr hoch; sie entspricht 85 % des aus dem See abfließenden Wassers. Weite Teile des Ufers sind von Papyrussümpfen gesäumt. Die größte Insel ist die 560 km² große Insel Ukerewe vor dem Südufer.
Entstehung und Einzugsgebiet
Der Victoriasee ist erdgeschichtlich jung und vermutlich weniger als eine Million Jahre alt. Vor 14.700 Jahren trocknete er zuletzt vollständig aus. Einer Theorie zufolge entwässerte das Gebiet ursprünglich nach Westen in den Kongo. Durch einen tektonischen Bruch wurden die Ränder der Bruchkanten angehoben; dadurch entstand das Becken, das sich später mit Wasser füllte.
Als Hinweis auf diese Entwicklung gilt der Katonga: In seinem Flussbett bildete sich eine neue Wasserscheide, sodass er heute nach Westen in den Georgsee und nach Osten in den Victoriasee entwässert. Auch die Koki-Seen fließen bei Hochwasser noch nach Westen in den Kagera ab. Weitere Hinweise liefern die Flüsse Nkusi und Kafu. Kagera und Ruizi kehrten während dieser Entwicklung ihre Fließrichtung um.
Das Einzugsgebiet, also die gesamte Fläche, aus der Wasser in den See gelangt, erstreckt sich über Burundi, Ruanda, Uganda, Kenia und Tansania. Seine Größe wird je nach Quelle mit 192.000 bis 197.446 km² angegeben; andere Übersichtsangaben nennen 193.000 oder 260.000 km². Für die detaillierte Aufstellung ergibt sich bei einem gesamten Zufluss von 778,3 m³/s eine Fläche von 197.446 km². Der Kagera besitzt mit 59.682 km² das größte Teileinzugsgebiet und liefert mit 260,9 m³/s rund 33,5 % des Zuflusses. Danach folgt der Nzoia mit 115,3 m³/s beziehungsweise 14,8 %.
Aufstauung und Wasserstand
Durch den bei Jinja am Victoria-Nil errichteten Owen-Falls-Damm wurde der natürliche See in einen Stausee umgewandelt. Der Damm wurde 1954 fertiggestellt. Das aufgestaute „Victoria Reservoir“ überflutete den ursprünglichen See und die nördlich seines ehemaligen Nordufers gelegenen Owen- und Ripon Falls.
Bei Vollstau liegt die Wasseroberfläche auf 1134 m Höhe. Für die maximale Tiefe werden unterschiedliche Werte von 81 m oder 85 m genannt; als durchschnittliche Tiefe erscheinen 45 m, in den Übersichtsdaten dagegen 40 m. Die Aufstauung vergrößerte das Volumen um 204,8 km³ auf insgesamt 2750 km³; eine weitere Übersichtsangabe nennt 2760 km³.
Nachdem Uganda 2002 ein zweites Wasserkraftwerk in diesem Gebiet in Betrieb genommen hatte, sank der Wasserspiegel. Im Jahr 2006 erreichte er einen Rekordtiefstand, wie er zuletzt 80 Jahre zuvor gemessen worden war. Von 2008 bis 2014 stieg der Wasserstand langsam wieder auf ein durchschnittliches Niveau.
Artenreichtum
Im Victoriasee leben neben Flusspferden mehr als 250 Fischarten. Besonders artenreich sind die Buntbarsche oder Cichliden. Dass in der relativ kurzen Zeit seit der letzten vollständigen Austrocknung so viele Arten entstanden, machte sie zu einem wichtigen Forschungsobjekt der Evolutionsbiologie.
Zu den heimischen Buntbarschen gehören zahlreiche Arten der Gattung Haplochromis sowie Astatoreochromis alluaudi, Oreochromis esculentus, Oreochromis variabilis und Pseudocrenilabrus multicolor victoriae. Viele Haplochromis-Arten gelten als gefährdet, kritisch gefährdet, wahrscheinlich ausgestorben oder in der Wildnis wahrscheinlich ausgestorben. Neben heimischen Arten wurden Buntbarsche wie Coptodon rendalli, Coptodon zillii, Oreochromis leucostictus und Oreochromis niloticus eingeführt.
Zu den Nicht-Cichliden gehören Karpfenfische, Salmler, Welse, Nilhechte und Zahnkarpfen. Beispiele sind der Karpfenfisch Rastrineobola argentea, die Welse Bagrus docmak und Clarias gariepinus, der Nilhecht Mormyrus kannume sowie der Äthiopische Lungenfisch Protopterus aethiopicus aethiopicus. Zu den eingeführten Arten zählen außerdem Gambusia holbrooki, der Guppy, der Europäische Aal, Schwarzbarsch, Forellenbarsch und Nilbarsch.
Ökologische Krise
In den 1960er Jahren wurde der Nilbarsch (Lates niloticus) gezielt als gebietsfremde, also allochthone Art angesiedelt. Als kommerziell nutzbarer Speisefisch sollte er die Fischwirtschaft fördern. Seine schnelle Vermehrung führte tatsächlich zu einem Aufschwung der exportorientierten Fischindustrie, hatte aber schwere ökologische und wirtschaftliche Folgen: Der Nilbarsch war für das Aussterben eines großen Teils der Buntbarscharten mitverantwortlich und ruinierte die einheimische Trockenfischindustrie. Im internationalen Handel wird er als „Viktoriabarsch“ angeboten. Durch starken Fang wurde inzwischen auch sein Bestand deutlich vermindert, wodurch andere Fischarten wieder mehr Lebensraum erhalten.
Ein zweites Problem ist die gebietsfremde Wasserhyazinthe, die große Wasserflächen überwuchert. 1995 waren 90 % der ugandischen Küste von ihr bedeckt. Eine konsequente Nutzung der Pflanze könnte nach Darstellung des Artikels zur ökologischen Entlastung beitragen.
Die dichte Besiedlung der Ufer verursacht außerdem starke Verschmutzung und Sauerstoffmangel. Der Global Nature Fund erklärte den Victoriasee deshalb zum „bedrohten See des Jahres 2005“. Laut einem 2018 veröffentlichten Bericht der International Union for Conservation of Nature (IUCN) ist ein Fünftel der 651 untersuchten Arten im Victoriaseebecken vom Aussterben bedroht. Von den 205 beschriebenen endemischen Arten, die nur in diesem Gebiet vorkommen, sind drei Viertel stark gefährdet.
Inseln und dokumentarische Darstellung
Zu den Inseln im Victoriasee gehören die Ssese-Inseln, Bugala, Ukerewe, Ukara, Mfangano Island, Rusinga Island, Pyramid Island und Migingo.
Der Dokumentarfilm Darwin’s Nightmare aus dem Jahr 2004 behandelt die Folgen der ökologischen und wirtschaftlichen Veränderungen mithilfe von Interviews mit Menschen aus der Region. Der 107 Minuten lange Film des Regisseurs Hubert Sauper ist eine französisch-belgisch-österreichische Koproduktion und wurde 2006 für einen Oscar nominiert.