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Verbraucherinformatik
Sie beschäftigt sich systematisch und methodisch mit der digitalen Transformation der Gesellschaft und den Auswirkungen auf Verbraucher und deren …
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Kern und Ziel des Fachgebiets
Verbraucherinformatik ist ein Teilgebiet der Verbraucherwissenschaften und ein Nachbargebiet der Wirtschaftsinformatik. Sie untersucht systematisch und methodisch, wie die digitale Transformation die Gesellschaft, Verbraucher und Konsumpraktiken verändert. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Informations- und Kommunikationstechnologien gestaltet und in den Alltag eingebettet werden können.
Zentrale Ziele sind die technische Unterstützung von Haushaltsökonomien, die Stärkung digitaler Souveränität und der Verbraucherschutz bei digitalen Produkten und Dienstleistungen. Digitale Souveränität bedeutet, dass Verbraucher digitale Systeme kompetent, selbstbestimmt und informiert nutzen können. Außerdem sollen Datenschutz und Nachhaltigkeit bei neuen, digital gestützten Konsummöglichkeiten gefördert werden.
Die Forschung betrachtet Wünsche, Verhalten und Strategien von Verbrauchern im Umgang mit digitalen Angeboten. Daraus sollen Empfehlungen für die Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und deren Rahmenbedingungen abgeleitet werden. Dafür verbindet die Verbraucherinformatik klassische und digitale Verbraucherforschung mit Informationstechnologie. Sie nutzt theoretische Grundlagen aus angewandter Informatik, Rechts-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie Wirtschafts- und Verhaltenspsychologie.
Abgrenzung und Interdisziplinarität
Die Verbraucherwissenschaften beschäftigen sich schon länger mit Digitalisierung, IT-Sicherheit, Datenschutz und digitaler Souveränität. Beispiele sind Fragen zum „gläsernen Verbraucher“, zur sozio-technischen Innovation der Prosumption oder zum Consumer Scoring. Aus diesem Themenfeld hat sich erst in den letzten Jahren ein eigenes Forschungsfeld entwickelt: die Verbraucherinformatik.
Sie stellt Problemlagen in den Mittelpunkt, die früher unter dem Begriff „digitale Verbraucherforschung“ diskutiert wurden, und verbindet sie mit methodischen Vorgehensweisen der Informatik. Im Unterschied zur Wirtschaftsinformatik, die traditionell betriebliche Informationssysteme betrachtet, richtet die Verbraucherinformatik den Blick auf Privatpersonen und Privathaushalte. Sie fragt danach, wie Informationssysteme bedarfsgerecht für Verbraucher gestaltet werden und wie Verbraucher sie kompetent nutzen können.
Das Fach ist stark interdisziplinär. Es verbindet Elemente der angewandten Informatik, etwa Wirtschaftsinformatik, Mensch-Computer-Interaktion, Informationssicherheit und Umweltinformatik, mit Kultur- und Sozialwissenschaften, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Verhaltens- und Konsumpsychologie. Die Verbraucherinformatik versteht sich deshalb als gestaltungsorientierte Querschnittsforschung. „Gestaltungsorientiert“ bedeutet hier, dass Forschung nicht nur beschreibt, sondern auch zur besseren Entwicklung digitaler Systeme und Rahmenbedingungen beitragen soll.
Konsumfelder und digitale Veränderung
Durch die zunehmende Digitalisierung betreffen verbraucherinformatische Themen fast alle Konsum- und Bedarfsfelder. Genannt werden Einkaufen, Finanzen, Wohnen, Gesundheit, Ernährung und Mobilität. Die Verbraucherinformatik geht dabei nicht davon aus, dass Digitalisierung ein einzelner, abgeschlossener Untersuchungsgegenstand ist. Vielmehr beeinflusst und verändert sie schrittweise alle Bereiche des Konsums.
Das ist für Verbraucher besonders wichtig, weil digitale Systeme immer stärker in alltägliche Entscheidungen eingebunden sind. Apps, Plattformen, smarte Geräte und digitale Dienstleistungen prägen, wie Menschen einkaufen, kommunizieren, wohnen, sich fortbewegen oder Gesundheits- und Ernährungsangebote nutzen. Die Verbraucherinformatik untersucht diese Veränderungen aus der Sicht der Verbraucher und fragt, welche Unterstützung, welche Regeln und welche technischen Gestaltungen notwendig sind.
Probleme und Forschungsaufgaben
Ein wichtiger Hintergrund des Fachgebiets ist die Verbreitung von „smarten“ Geräten und digitalen Dienstleistungen, also Smart Devices und Smart Services, in Privathaushalten. Sie verändern Verbraucherpraktiken sowie private Konsum- und wirtschaftliche Produktionsprozesse in großem Umfang. Dieser Wandel wird nicht als vorübergehender Trend verstanden, sondern als zentrales Strukturmerkmal des 21. Jahrhunderts.
Digitale Technik bringt vereinfachte Kommunikations-, Informations- und Konsummöglichkeiten mit sich, erzeugt aber auch neue gesellschaftliche Herausforderungen. Verbraucher werden im Alltag mit immer mehr Apps, Systemen und Services konfrontiert. Durch die Informationsflut und die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Systemen entsteht hohe Komplexität. Deshalb wird es wichtiger, diese Systeme kompetent in den eigenen Alltag zu integrieren.
Zugleich treten Datenschutz- und Haftungsfragen, nachhaltige Verbrauchspraktiken und ein zunehmender Digital Divide stärker hervor. Digital Divide bezeichnet Unterschiede im Zugang zu digitalen Technologien und in der Fähigkeit, sie zu nutzen. Die Verbraucherinformatik will Konzepte und Verfahren entwickeln, um solche Probleme zu bearbeiten. Dabei soll ein Perspektivwechsel stattfinden: Nicht nur die Rolle als Nutzer oder Kunde von Unternehmen zählt, sondern die individuellen und kollektiven Lebenswelten der Verbraucher sollen umfassend betrachtet werden.
Das Forschungsfeld untersucht daher Alltagspraktiken ganzheitlich und aus Verbrauchersicht. Einschlägige Institutionen der digitalen Verbraucherforschung sind unter anderem die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen. Speziell im Bereich Verbraucherinformatik werden das Forschungszentrum Verbraucher Markt und Politik (CCMP) der Zeppelin Universität sowie die Forschungsgruppe Verbraucherinformatik als Kooperation der Universität Siegen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg genannt.
Entstehung und wichtige Stationen
Für die Entstehung des Forschungsfeldes war die Gründung der Abteilung V: Verbraucherpolitik; Digitale Gesellschaft; Verbraucherrechtsdurchsetzung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz im Jahr 2013 zentral. Diese Abteilung befasst sich mit digitaler und nicht-digitaler Verbraucherforschung. Im Jahr 2014 setzte sie den Sachverständigenrat für Verbraucherfragen ein. Dieser beschäftigt sich besonders mit dem Leitthema „Verbraucher in der digitalen Welt“ und tritt für eine am Gemeinwohl orientierte Regulierung der digitalen Welt ein. Er soll Situationen und Entwicklungstendenzen, Fehlentwicklungen und Korrekturmöglichkeiten aufzeigen, Handlungsempfehlungen ableiten sowie Instrumente und Maßnahmen prüfen.
Ein wichtiger Schritt war ein Experten-Workshop am 30. April 2019. Er wurde vom Forschungszentrum Verbraucher, Markt und Politik (CCMP) der Zeppelin Universität unter Federführung von Lucia Reisch, der Vorsitzenden des SVRV, durchgeführt. In Kooperation mit dem ConPolicy-Institut für Verbraucherpolitik Berlin und dem European University Institute (EUI) Florenz wurde im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg der bis dahin noch relativ undefinierte Begriff der Verbraucherinformatik mit Inhalt gefüllt. Dabei wurden zentrale Forschungsfragen definiert und eine erste Forschungsagenda entworfen. Der Workshop gilt deshalb als wegbereitender Grundstein für die Verbraucherinformatik.
Unter dem Titel „Verbraucherforschungsforum – Künstliche Intelligenz und Verbraucherpolitik: Chancen der Verbraucherinformatik“ ging es unter anderem um die Bedeutung von Verbraucherinformatik und Künstlicher Intelligenz für die Verbraucherpolitik, um bestehende Projekte und Initiativen, um die Gestaltung algorithmengestützter Angebote für die praktische Verbraucherpolitik sowie um Chancen und Risiken für Verbraucher.
Aus Sicht der Wirtschaftsinformatik war auch die 14. Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik wichtig. Sie fand vom 23. bis 27. Februar 2019 in Siegen statt und ist die größte deutschsprachige Fachveranstaltung in diesem Bereich. Dort wurden verbraucherinformatische Themen erstmals in einem eigenen Track behandelt. Der Fokus lag auf nachhaltigem IT-Management und IT-Unterstützung des Nachhaltigkeitsmanagements in Betrieben und Privathaushalten sowie auf nachhaltigem und digitalem Konsum.
Forschungsagenda und Institut
Auf der WI 2019 hielt Wolfgang Schuldzinski, Vorsitzender der Verbraucherzentrale NRW, eine Keynote zur Auswirkung der Digitalisierung auf Verbraucher. Er betonte besonders ethische, rechtliche und soziale Auswirkungen auf die individuellen Lebenswelten der Verbraucher. Diese sollten nicht nur als reine Konsumenten verstanden werden; ihre Interessen sollten im Zentrum stehen.
Ebenfalls auf der WI 2019 fand ein Grundlagen-Workshop unter Leitung von Gunnar Stevens von der Universität Siegen und Alexander Boden vom Fraunhofer FIT und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg statt. Ziel war die Vernetzung von Akteuren der Wirtschaftsinformatik mit Wissenschaftlern aus Verbraucher- und Umweltinformatik, Konsumgüterforschung, Kultur- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Verbraucherforschung. Außerdem sollte eine übergreifende Forschungsagenda für nachhaltige Verbraucherinformatik entwickelt werden.
Unter dem Titel „Digitaler Konsum: Herausforderungen und Chancen der Verbraucherinformatik“ wurden mehrere Themen behandelt: die empirische Untersuchung digitalisierter Konsumpraktiken, zum Beispiel in Wohnen, Mobilität und Ernährung; digitaler Verbraucher- und Datenschutz; digitale Souveränität und Informationsasymmetrien; theoretische und praktische Ansätze zur Förderung nachhaltigen Konsums; Modellierungsmethoden; sowie methodische Ansätze und Herausforderungen. Informationsasymmetrien bedeuten, dass eine Seite mehr oder bessere Informationen hat als die andere, etwa Anbieter gegenüber Verbrauchern.
Zum 1. Januar 2021 wurde an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg das bundesweit erste Institut für Verbraucherinformatik gegründet. Es soll zukünftig eine Graduiertenschule für Doktoranden bereitstellen. Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind „digitaler Konsum & Consumer Experience“, „Konsumenten-Informationssysteme & Consumer Analytics“, „Digitale Souveränität & Cyber-Security“ sowie „nachhaltiger Konsum“. Als konkrete Forschungsfelder werden „Mobilitätsansätze und multimodale Verkehrskonzepte“, „Digitale Trends rund um Ernährung und Gesundheit“, „Smart Home und Haushaltsdigitalisierung“, „Vorsorge Finanz-Management“ sowie „Shopping und Procurement“ genannt.