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Essstörung

Eine Essstörung ist eine psychische Störung, bei der die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“ eine zentrale Rolle spielt.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und medizinische Einordnung
  2. 2. Anorexie, Bulimie und Binge-Eating
  3. 3. Weitere Formen und Probleme im Kindesalter
  4. 4. Behandlung
  5. 5. Häufigkeit und gesundheitliche Zusammenhänge
  6. 6. Erklärungsansätze und Vorbeugung

Definition und medizinische Einordnung

Eine Essstörung ist eine psychische Störung, bei der die gedankliche und emotionale Beschäftigung mit Essen eine zentrale Rolle spielt. Sie betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängt meist mit psychosozialen Problemen sowie der Einstellung zum eigenen Körper zusammen. Die Übergänge zwischen normalem und krankhaftem Essverhalten sind fließend: Eine besondere Ernährung aus religiösen oder ideologischen Gründen ist nicht automatisch eine Essstörung. Entscheidend sind unter anderem zwanghafte Gedanken, Leidensdruck, Kontrollverlust, gesundheitliche Folgen und Beeinträchtigungen des Alltags.

Die drei bekanntesten Hauptformen sind Binge-Eating-Störung, Bulimia nervosa und Anorexia nervosa; in dieser Reihenfolge treten sie auch am häufigsten auf. Die Formen sind nicht immer klar voneinander abgrenzbar. Merkmale können sich vermischen, und Betroffene können von einer Form in eine andere wechseln. Frauen sind verstärkt betroffen. Chronische Essstörungen können durch Unterernährung, Mangelernährung oder Adipositas lebensgefährliche körperliche Schäden verursachen. Bei Frauen können Störungen des Menstruationszyklus bis zur Amenorrhoe, dem dauerhaften Aussetzen der Menstruation, auftreten.

Die Diagnostik erfolgt durch Befragungen und Fragebögen. Untergewicht, Übergewicht und Adipositas werden unter anderem mit dem Body-Mass-Index und weiteren Kennzahlen beurteilt. In der seit 2022 gültigen ICD-11 gehören zu den „Fütter- oder Essstörungen“: Anorexia nervosa (6B80), Bulimia nervosa (6B81), Binge-Eating-Störung (6B82), Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme (6B83), Pica (6B84), Ruminations-Regurgitationsstörung (6B85), sonstige näher bezeichnete Fütter- oder Essstörungen (6B8Y) und nicht näher bezeichnete Fütter- oder Essstörungen (6B8Z).

Anorexie, Bulimie und Binge-Eating

Anorexia nervosa, auch Magersucht oder Anorexie, ist durch ein signifikant niedriges Körpergewicht oder eine rasche Gewichtsabnahme gekennzeichnet. Betroffene halten das niedrige Gewicht durch eingeschränkte Nahrungsaufnahme und Verhaltensweisen wie Fasten, die Auswahl kalorienarmer Lebensmittel, extensiven Sport oder Binge-Eating/Purging aufrecht. Purging bezeichnet dabei Maßnahmen, mit denen aufgenommene Nahrung beziehungsweise eine befürchtete Gewichtszunahme ausgeglichen werden soll. Aufgrund einer Körperschemastörung nehmen Betroffene ihr niedriges Gewicht oder ihre schmale Körperform fälschlicherweise als normal oder sogar als übermäßig wahr. Mögliche Folgen sind Unterernährung, Muskelschwund und Mangelernährung; langfristig können Osteoporose und Unfruchtbarkeit entstehen. 5 bis 15 % der Betroffenen sterben, meist nicht durch Verhungern, sondern durch Infektionen des geschwächten Körpers oder durch Suizid.

Bulimia nervosa, auch Bulimie oder Ess-Brech-Sucht, ist durch häufige, wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet. Dabei erleben Betroffene einen subjektiven Kontrollverlust. Um eine Gewichtszunahme zu verhindern, setzen sie wiederholt unangemessene Kompensationsmaßnahmen ein, etwa selbst herbeigeführtes Erbrechen, den Missbrauch von Abführmitteln oder Einläufen sowie übermäßigen Sport. Mögliche Folgen sind Störungen des Elektrolyt-Stoffwechsels, Entzündungen der Speiseröhre, Zahnschäden und Mangelerscheinungen. Ein gestörter Elektrolythaushalt kann das Herz schädigen und im schlimmsten Fall zu Herzversagen und Tod führen, insbesondere bei gleichzeitigem Untergewicht.

Bei der Binge-Eating-Störung treten häufige Essanfälle mindestens einmal pro Woche über mehrere Monate auf. Während einer Episode essen Betroffene deutlich mehr oder anders als üblich und können subjektiv weder aufhören noch Menge und Art der Lebensmittel begrenzen. Die Anfälle verursachen oft erheblichen Stress sowie Schuld- oder Ekelgefühle. Anders als bei Bulimie gibt es keine regelmäßigen Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen oder exzessiven Sport. Daher kann die Störung zu Übergewicht oder Adipositas führen. Sie kann das persönliche, familiäre, soziale oder berufliche Leben erheblich beeinträchtigen.

Weitere Formen und Probleme im Kindesalter

Beim Pica-Syndrom essen Menschen gezielt nicht zum Verzehr geeignete Stoffe, beispielsweise Erde, Stärke, große Mengen Eis, Papierschnipsel, Ton, Tafelkreide oder Kot. Pica tritt gehäuft bei Menschen mit geistiger Behinderung, Entwicklungsstörungen oder Demenz auf; auch Schwangere können betroffen sein. Die Häufigkeit ist unbekannt. Folgen können Vergiftungen, Unterernährung, Verstopfung und Infektionen sein. Weil Babys und Kleinkinder ihre Umwelt mit dem Mund erkunden, soll die Diagnose erst ab einem Alter von zwei Jahren und unter Berücksichtigung des geistigen Entwicklungsstands gestellt werden.

Bei der vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung vermeiden oder beschränken Betroffene bestimmte Lebensmittel oder das Essen insgesamt stark. Anders als bei Anorexie stehen weder ein verzerrtes Körperbild noch der Wunsch nach Gewichtsabnahme im Vordergrund. Folgen können Mangelernährung, Untergewicht, Wachstumsstörungen und sozialer Rückzug von gemeinsamen Mahlzeiten sein. Die Störung beginnt häufig in der frühen Kindheit, kann aber auch erstmals bei älteren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen auftreten.

Bei der Ruminations-Regurgitationsstörung wird Nahrung nach dem Essen wiederholt hochgewürgt, erneut gekaut und wieder geschluckt oder ausgespuckt, jedoch nicht in der Art des Erbrechens. Das Verhalten lässt sich nicht durch körperliche Erkrankungen wie Reflux oder Pylorusstenose erklären, tritt mindestens mehrmals pro Woche auf und hält mindestens mehrere Wochen an. Auch diese Diagnose soll erst ab zwei Jahren gestellt werden.

Orthorexia nervosa bezeichnet ein möglicherweise krankhaftes Gesund-Essen. Betroffene beschäftigen sich täglich mehrere Stunden zwanghaft mit Vitaminen, Nährwerten und der Auswahl vermeintlich erlaubter Lebensmittel. Die Auswahl wird zunehmend kleiner; mögliche Folgen sind Unterernährung, Mangelernährung und soziale Isolation. Teilweise besteht Angst vor als ungesund angesehenen Lebensmitteln. Ob Orthorexie ein eigenständiges Krankheitsbild ist, ist in klinischer Psychologie und Psychiatrie umstritten; sie ist weder in ICD-11 noch DSM-5 aufgenommen.

Anorexia athletica bezeichnet eine zu geringe Energiezufuhr in Verbindung mit übermäßigem Sport und hohem Energieverbrauch. Mögliche Folgen sind Osteoporose, Knochenbrüche und Amenorrhoe. Sie gilt nicht als eigenständiges Krankheitsbild, sondern wird als „Sonstige näher bezeichnete Anorexia nervosa“ nach ICD-11 beziehungsweise „Other Specified Feeding or Eating Disorder“ nach DSM-5 eingeordnet.

Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder können außerdem Fütter- und Essprobleme zeigen, ohne die Kriterien der bekannten Essstörungen zu erfüllen. Die ICD-11 führt dafür unter anderem Ernährungsprobleme beim Neugeborenen (KD32), Erbrechen beim Neugeborenen (KD3C), Ernährungsprobleme im Säuglings- und Kleinkindalter (MG43.30) und Ernährungsprobleme im Kindesalter (MG43.31) auf.

Behandlung

Die Behandlung folgt meist einem multimodalen Ansatz, bei dem mehrere Verfahren miteinander verbunden werden. Im Mittelpunkt steht gewöhnlich eine Psychotherapie; eingesetzt werden können kognitive und psychodynamische Verfahren. Bei manchen Störungen sind familientherapeutische Programme sinnvoll. Bei Kindern und Jugendlichen gehören Beratung und Psychoedukation der Eltern immer dazu. Psychoedukation bedeutet, Betroffene und Angehörige verständlich über die Erkrankung und den Umgang damit zu informieren.

Weitere Maßnahmen sind ein Ernährungsprotokoll, bei bestimmten Störungen regelmäßiges Wiegen und Unterstützung bei einer ausgewogenen Ernährung. Zusätzlich können Medikamente hilfreich sein; bei Anorexie und Bulimie werden Antidepressiva eingesetzt. Selbsthilfegruppen ermöglichen es, aus den Erfahrungen anderer Ursachen und Abläufe besser zu erkennen und neue Einstellungen sowie Verhaltensweisen zu stabilisieren. Eine Teilnahme ist vor, während oder nach einer Therapie möglich. Food Addicts In Recovery Anonymous und Overeaters Anonymous orientieren sich am Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker.

Bleibt eine ambulante Behandlung erfolglos, ist meist eine stationäre oder teilstationäre Behandlung nötig. Bei Magersucht kann eine stationäre Aufnahme lebenserhaltend sein, wenn kritisches Untergewicht erreicht ist oder körperliche Folgeschäden drohen, etwa durch zu geringe Flüssigkeitszufuhr oder häufiges Erbrechen. Betroffene stehen einer Behandlung allerdings oft ablehnend oder ambivalent gegenüber.

Über- und Untergewicht sind zugleich eigenständige Krankheitsbilder. In über 95 % aller Fälle beruhen sie auf einer falschen Energiebilanz zwischen Essen und Bewegung.

Häufigkeit und gesundheitliche Zusammenhänge

Nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit erkranken im Laufe ihres Lebens von 1.000 Mädchen und Frauen durchschnittlich etwa 28 an einer Binge-Eating-Störung, 19 an Bulimia nervosa und 14 an Anorexia nervosa. Bei Jungen und Männern sind es etwa 10, 6 beziehungsweise 2 von 1.000.

Eine Studie des Robert Koch-Instituts von 2003 bis 2006 mit mehr als 17.000 Teilnehmenden im Alter von 11 bis 17 Jahren berichtete bei fast 30 % der Mädchen und 15 % der Jungen Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Fettsucht. Kinder aus sozial benachteiligten Familien waren fast doppelt so häufig betroffen wie Kinder aus der oberen sozialen Schicht. Eine österreichische Studie von 2006 zu Models stellte bei 11,4 % der Befragten essgestörtes Verhalten fest; mehr als 40 % hielten zum Untersuchungszeitpunkt eine Diät.

Adipositas ist in einem Teil der Fälle Folge einer Essstörung. Nach der im Artikel wiedergegebenen WHO-Zahl leben weltweit rund eine Milliarde Menschen mit starkem Übergewicht; bei Fortsetzung des Trends werde die Zahl der übergewichtigen Menschen innerhalb der nächsten 10 Jahre auf 1,5 Milliarden steigen.

Bei gesunden Menschen wird das Essverhalten durch das Zusammenspiel von Hunger beziehungsweise Appetit und Sättigung reguliert. Essstörungen beeinträchtigen häufig die Energiebilanz: Eine dauerhaft höhere Energiezufuhr als der Verbrauch führt zu Übergewicht, eine dauerhaft zu geringe Zufuhr im Verhältnis zum Verbrauch zu Mangelernährung. Fehlernährung kann Vitamin- und Mineralmangel sowie Störungen des Elektrolythaushalts verursachen. Bei Energiemangel kann der Körper seinen Stoffwechsel begrenzt anpassen, vorhandene Vorräte effizienter nutzen und Energie einsparen.

Erklärungsansätze und Vorbeugung

Der Psychologe Daniel Goleman deutet Essstörungen im Rahmen des Konzepts der emotionalen Intelligenz als Ausdruck mangelhafter emotionaler Bildung. Er verweist auf eine Langzeitstudie von Gloria Leon mit 900 Highschool-Schülerinnen in den 1990er Jahren. Als starke Prädiktoren für spätere Anorexie oder Bulimie zeigten sich mangelnde Resilienz, also geringe psychische Widerstandskraft, und eine gestörte emotionale Selbstwahrnehmung. Später erkrankte Mädchen reagierten bereits Jahre zuvor auf kleinere Probleme mit unangemessen negativen Gefühlen, konnten sich schlecht beruhigen, verstanden ihre Gefühle nicht ausreichend und konnten sie nicht wirksam steuern. Trafen diese Merkmale mit Unzufriedenheit über den eigenen Körper zusammen, entwickelte sich Anorexie oder Bulimie. Einen mitverursachenden Einfluss stark kontrollierender Eltern, von Sexualangst oder vermindertem Selbstwertgefühl bestätigte die Studie nicht. Goleman vermutet außerdem, dass manche übergewichtige Menschen zu viel essen, weil sie Angst, Wut und Hunger nicht ausreichend unterscheiden können.

Die Familientherapeutin Wendy Mogel empfiehlt zur Vorbeugung, die kindliche Nahrungsaufnahme weniger zwanghaft zu überwachen und stattdessen Genuss und gemeinsame Mahlzeiten zu fördern. Nach ihrer Darstellung können starke Einteilungen in gute und schlechte Lebensmittel, Sorgen vor Über-, Unter- oder Fehlernährung und die gleichzeitige Ablehnung von Zwang den Esstisch zu einem Ort emotionaler Auseinandersetzungen machen. Als Gegenmodell betont sie Mäßigung, Freude und Selbstbeherrschung. Familien sollen Mahlzeiten gemeinsam vorbereiten, ohne Ablenkung zusammen essen, Gespräche und gute Tischsitten pflegen und besondere Anlässe mit gemeinsamen Mahlzeiten begehen.

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