Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Tulpenmanie
Die Tulpenmanie wird als die erste verhältnismäßig gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte angesehen. Sie wird auch metaphorisch zur …
Inhalt5 Abschnitte
Kern der Tulpenmanie
Die Tulpenmanie bezeichnet eine Phase im Goldenen Zeitalter der Niederlande, in der Tulpenzwiebeln zu Spekulationsobjekten wurden. Tulpen waren seit ihrer Einführung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begehrte Pflanzen wohlhabender und gebildeter Kreise. In den 1630er Jahren stiegen die Preise einzelner Zwiebeln stark an; Anfang Februar 1637 brach der Markt abrupt zusammen.
Sie gilt als erste vergleichsweise gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte und dient oft als Bild für riskante oder scheinbar irrationale Finanzentwicklungen. Umstritten ist jedoch, ob es sich tatsächlich um eine Massenmanie mit schweren Folgen für die gesamte niederländische Wirtschaft handelte. Neuere Erklärungen betonen begrenzte Teilnehmerkreise, rechtliche Rahmenbedingungen und die Besonderheiten des Handels.
Tulpen als Liebhaber- und Zuchtobjekt
Tulpen wurden in den Niederlanden zunächst vor allem von Gelehrten, wohlhabenden Bürgern und Adligen als Liebhaberei kultiviert. Diese liefhebbers tauschten Pflanzen und Wissen in privaten Gärten. Ansehen beruhte auf Pflanzenkenntnis, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Seltene Tulpen wurden aber zunehmend auch gekauft und verkauft.
Die Vermehrung begrenzte das Angebot: Aus Samen brauchten Tulpen sieben bis zehn Jahre bis zur Blüte. Deshalb wurden meist Tochterzwiebeln verwendet. Nach der Blüte entstehen diese an der Mutterzwiebel; die Zwiebeln werden im Sommer aus der Erde genommen und im September oder Oktober wieder eingepflanzt.
Besonders begehrt waren mehrfarbig gemusterte Tulpen. Man unterschied unter anderem Couleren, also einfarbige rote, gelbe oder weiße Tulpen, Rozen mit violetter oder lila Zeichnung auf weißem Grund sowie Bizarden mit roter, brauner oder violetter Zeichnung auf gelbem Grund. Das sogenannte Brechen, die Musterung der Blütenblätter, entstand durch das Tulpenmosaikvirus. Es wird durch Blattläuse und infizierte Tochterzwiebeln übertragen. Da die Ursache erst 1924 entdeckt wurde, waren solche Farbveränderungen für Züchter damals unberechenbar. Gebrochene Tulpen waren zudem schwächer, anfälliger und weniger farbstabil. Zwischen 1630 und 1650 kannte man etwa 800 namentlich unterschiedliche Sorten. Im Zentrum der Spekulation standen besonders gestreifte, geflammte oder gesprenkelte Sorten wie Semper Augustus, von der kein Exemplar erhalten ist.
Handelsformen und Risiko
Während der Sommermonate wurden gerodete Zwiebeln auf Spotmärkten unmittelbar gehandelt. Daneben verkauften Händler Zwiebeln, die noch in der Erde lagen und erst nach der nächsten Blüte ausgegraben werden sollten. Solche Terminverträge hielten die Parteien notariell oder auf Papierstreifen, den coopcedullen, fest; oft vermittelte ein seghsman die Bedingungen.
Bezahlt wurde gewöhnlich erst bei Übergabe der ausgegrabenen Zwiebeln. Damit wurde der Handel spekulativ: Beim Vertragsabschluss war ungewiss, ob und wie die Tulpe blühen würde. Deshalb hieß er auch windhandel. Zur Darstellung erwarteter Sorten dienten Tulpenbücher mit Aquarellen, Gouachen oder Kupferstichen; von ihnen sind 45 Exemplare erhalten.
Gehandelt wurde meist in Kollegs, Treffen in Herbergen und Schankhäusern. Dort bewertete man Sorten und schloss Geschäfte. Zwiebeln wurden einzeln oder nach Gewicht verkauft, besonders in asen: Ein Aes entsprach 0,048 Gramm. Käufer zahlten 2,5 Prozent des Verkaufspreises, höchstens drei Gulden, als wijnkoop für Bewirtung und Trinkgelder. Wer aus laufenden Verhandlungen ausstieg, schuldete rouwkoop, ein Bußgeld. Unbedingte Termingeschäfte waren rechtlich problematisch, weil die Generalstaaten sie 1610 sowie erneut 1621, 1630 und 1636 untersagten; die Verträge waren daher nicht einklagbar, wurden aber auch nicht ausdrücklich verfolgt.
Preisanstieg, Zusammenbruch und Konfliktlösung
Vollständige Preisdaten für 1630 bis 1637 fehlen; selbst gleiche Sorten erzielten je nach Handelsort und Handelsform unterschiedliche Preise. Sehr hohe Preise waren zunächst Ausnahmen. Semper Augustus kostete 1623 je Zwiebel 1.000 Gulden, 1624 1.200 Gulden und 1633 5.500 Gulden; 1637 wurden für drei Zwiebeln 30.000 Gulden geboten. Das Durchschnittsjahreseinkommen in den Niederlanden lag bei etwa 150 Gulden, teure Grachtenhäuser in Amsterdam kosteten rund 10.000 Gulden. Ende 1636 und Anfang 1637 stiegen auch andere Preise rasch: Groot Gepluymaseerde verteuerte sich vom 28. Dezember 1636 bis 12. Januar 1637 von 0,07 auf 0,15 Gulden je Aes; Switserts stieg von 125 auf 1.500 Gulden je Pfund.
Als Höhepunkt gilt die Weeskamer-Versteigerung am 3. Februar 1637 in Alkmaar. Für 99 Posten sollen rund 90.000 Gulden erzielt worden sein, doch einzelne Preise und Käufer sind nicht zuverlässig belegt. Zwei Tage später, am 5. Februar, fanden sich bei einer Wirtshausauktion in Haarlem keine Käufer zu den erwarteten Preisen. Der Markt brach landesweit zusammen; der Wert der Tulpen fiel geschätzt um mehr als 95 Prozent.
Am 23. Februar vereinbarten Händler aus zwölf Städten, Kaufverträge grundsätzlich gelten zu lassen, aber Käufe nach dem 30. November 1636 bis März gegen zehn Prozent Bußgeld annullierbar zu machen. Amsterdam unterzeichnete nicht, die Abmachung war nicht verbindlich und wurde nicht eingehalten. Der Hof van Holland entschied am 23. April 1637 zunächst, Verträge sollten gelten, Städte sollten Vermittlungen fördern und bei Vertragsbruch könne der Verkäufer erneut verkaufen; der erste Käufer müsse für eine Preisdifferenz einstehen. Haarlem schloss Streitfälle später weitgehend aus den Gerichten aus. Die endgültige Haarlemer Regelung vom 28. Mai 1638 erlaubte die Annullierung gegen 3,5 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises.
Unterschiedliche Deutungen
Die traditionelle Deutung, besonders verbreitet durch Charles Mackays Buch Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds von 1841, beschreibt eine irrationale Massenmanie: Menschen aller Schichten hätten spekuliert, seien ruiniert worden und hätten die Wirtschaft geschädigt. Mackay stützte sich indirekt auf spätere Darstellungen sowie Pamphlete und Flugblätter von 1637. Diese waren oft religiös-moralische Kritik und warfen den Händlern Gotteslästerung, Gewinnsucht und Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung vor. Daher sind auch bekannte Anekdoten, etwa über den Tausch eines umfangreichen Warenkorbs gegen Viceroy, keine unproblematischen Belege.
Peter M. Garber vertritt eine marktrationale Erklärung. Er bezweifelt, dass die Manie einmalig oder gesamtwirtschaftlich bedeutend war, und verweist auf unterschiedlich starke Preisrückgänge bei Sorten sowie ähnliche Preisentwicklungen bei Hyazinthen im 18. Jahrhundert. Pestzeiten könnten nach ihm Risikobereitschaft und durch Erbschaften verfügbares Geld erhöht haben. Douglas French ergänzt, die Geldpolitik der Amsterdamer Wisselbank und die Kaperung der Spanischen Silberflotte am 17. September 1628 hätten mehr spekulativ nutzbares Geld bereitgestellt.
Earl A. Thompson widerspricht Garber beim Ausmaß des Preissturzes und nennt einen Rückgang von 99,999 Prozent. Er erklärt die hohen Preise durch die Erwartung einer Ausstiegsklausel: Käufer hätten Verträge bei Verlust gegen eine geringe Strafzahlung auflösen können. Der Preissturz sei außerdem durch Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg beeinflusst worden.
Anne Goldgar wertete Verkaufs- und Gerichtsakten aus Amsterdam, Haarlem und Enkhuizen aus. Sie fand Hinweise auf einen kleinen, überwiegend wohlhabenden städtischen Kreis von Händlern, nicht auf Beteiligung aller Schichten: 285 Personen in Haarlem, etwa 60 in Amsterdam und rund 25 in Enkhuizen. Nach ihrer Deutung war der Handel durch vertraute Netzwerke und Kollegs geordnet. Weil im Winter 1636/37 meist weder Zwiebeln noch Geld übergeben wurden, konnten viele Verträge widerrufen werden, ohne dass große Verluste entstanden. Goldgar findet nur vereinzelte Bankrotthinweise und keinen wirtschaftlichen Abschwung nach 1637. Die Tulpenmanie sei daher eher eine kulturelle Krise gewesen: Vertrauen in Markt, Zahlungsfähigkeit und vertrauensbasierten Handel wurde erschüttert.