Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Tschebyscheffsche Ungleichung

In der tschebyscheffschen Ungleichung wird die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zufallsvariable mehr als einen vorgegebenen Schwellenwert von ihrem Erwartungswert …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernaussage und Definition
  2. 2. Güte der Abschätzung
  3. 3. Varianten und Verallgemeinerungen
  4. 4. Beispiele und Anwendungen
  5. 5. Beweisidee und Einordnung

Kernaussage und Definition

Die tschebyscheffsche Ungleichung ist ein grundlegender Satz der Stochastik. Sie schätzt die Wahrscheinlichkeit dafür ab, dass eine reelle Zufallsvariable X stärker als ein vorgegebener Schwellenwert von ihrem Erwartungswert abweicht. Dazu benötigt man keine bestimmte Verteilungsannahme; endliche Varianz genügt. Deshalb ist die Ungleichung auch für Verteilungen anwendbar, die sich deutlich von der Normalverteilung unterscheiden.

Sei μ := E(X) der Erwartungswert und σ² := Var(X) die endliche Varianz von X. Für jede reelle Zahl k > 0 gilt:

P(|X − μ| ≥ k) ≤ σ²/k².

Die Wahrscheinlichkeit einer Abweichung von mindestens k ist also höchstens die Varianz geteilt durch k². Für das komplementäre Ereignis folgt:

P(|X − μ| < k) ≥ 1 − σ²/k².

Mit dieser zweiten Form kann man eine Mindestwahrscheinlichkeit dafür angeben, dass X im Intervall (μ − k, μ + k) liegt. Die Ungleichung wird auch Tschebyscheff-Ungleichung oder Bienaymé-Tschebyscheff-Ungleichung genannt.

Güte der Abschätzung

Die Schranke ist scharf: Es gibt Zufallsvariablen, bei denen Gleichheit erreicht wird. Ein Beispiel ist eine diskrete Zufallsvariable mit

P(X = 0) = 1 − p, P(X = −a) = P(X = a) = p/2,

wobei a eine echt positive reelle Zahl und p ∈ (0, 1) ist. Für diese Zufallsvariable gilt μ = E(X) = 0 und σ² = Var(X) = a²p. Daher lautet die Ungleichung

P(|X| ≥ k) ≤ a²p/k².

Für k = a gilt auf beiden Seiten p, denn P(|X| ≥ a) = p.

Im Allgemeinen sind die Abschätzungen jedoch eher grob. Für k ≤ σ sind sie sogar trivial, weil der rechte Ausdruck σ²/k² dann mindestens 1 ist und Wahrscheinlichkeiten stets höchstens 1 betragen. Die Tschebyscheffsche Ungleichung bleibt trotzdem nützlich, weil sie einfach zu berechnen ist und ohne Kenntnisse über die konkrete Verteilung von X auskommt.

Varianten und Verallgemeinerungen

Ist σ von Null verschieden und λ > 0, setzt man k = λσ. Dadurch erhält man die häufig verwendete Form

P(|X − μ| ≥ λσ) ≤ 1/λ².

Eine sinnvolle, nichttriviale Abschätzung liefert diese Form nur für λ > 1. Für 0 < λ ≤ 1 ist sie trivial. Falls σ > 0, gelten für positive reelle k beziehungsweise λ außerdem die strikteren Ungleichungen

P(|X − μ| > k) < σ²/k²

beziehungsweise

P(|X − μ| > λσ) < 1/λ².

Die Ungleichung lässt sich auf höhere Momente verallgemeinern. Für einen Maßraum (Ω, Σ, ν), eine messbare Funktion f: Ω → R₀⁺ sowie ε, p ∈ R⁺ gilt

ν({x | f(x) ≥ ε}) ≤ (1/εᵖ) ∫Ω fᵖ dν.

Dies folgt daraus, dass das Integral von fᵖ über ganz Ω mindestens so groß ist wie das Integral über die Menge, auf der f ≥ ε gilt. Auf dieser Menge ist fᵖ mindestens εᵖ. Die ursprüngliche Tschebyscheffsche Ungleichung erhält man mit ν = P, f = |X − μ| und p = 2.

Es gibt außerdem eine mehrdimensionale Erweiterung. Ist X = (x¹, ..., xⁿ) eine n-dimensionale Zufallsvariable, die auf den Mittelpunkt (μ(x¹) / ... / μ(xⁿ)) zentriert wurde, gilt in der angegebenen Notation

1 − P((x¹, ... , xⁿ)C⁻¹(x¹, ... , xⁿ)ᵀ ≤ k²) ≤ n/k².

Eine weitere Anwendung der Verallgemeinerung führt zur exponentiellen Tschebyscheff-Ungleichung. Für X ∼ P und a ∈ R gilt

P(X ≥ a) ≤ infₚ∈R⁺ E(eᵖX)/eᵖᵃ.

Dabei ist M_X(p) = E(eᵖX) die momenterzeugende Funktion von X. Auf Summen unabhängiger und identisch verteilter Zufallsvariablen angewandt, ist diese Ungleichung ein entscheidender Schritt im Beweis der Chernoff-Ungleichung.

Beispiele und Anwendungen

Hat die Länge von Wikipedia-Artikeln den Erwartungswert 1000 Zeichen und die Standardabweichung 200 Zeichen, wählt man k = 400. Dann gilt

P(|X − 1000| < 400) ≥ 1 − 200²/400² = 0,75 = 75 %.

Mit mindestens 75 % Wahrscheinlichkeit liegt die Länge somit zwischen 600 und 1400 Zeichen.

Eine weitere direkte Folgerung lautet: Für jede reelle Zufallsvariable mit Mittelwert μ und endlicher Standardabweichung σ liegt X mit Wahrscheinlichkeit mindestens 1/2 im Intervall

(μ − √2σ, μ + √2σ),

denn man setzt k² = 2σ².

Für Anwendungen auf relative Häufigkeiten sei ein Ereignis bei einem einzelnen Versuch mit Wahrscheinlichkeit p gegeben und werde n-mal wiederholt. Tritt es k-mal ein, ist k binomialverteilt mit Erwartungswert np und Varianz np(1 − p). Die relative Häufigkeit k/n hat daher den Erwartungswert p und die Varianz p(1 − p)/n. Für ε > 0 folgt

P(|k/n − p| ≥ ε) ≤ p(1 − p)/(ε²n) ≤ 1/(4ε²n).

Für die zweite Abschätzung wird √(p(1 − p)) ≤ 1/2 verwendet. Diese Formel ist ein Spezialfall des Schwachen Gesetzes der großen Zahlen: Die relativen Häufigkeiten konvergieren stochastisch gegen den Erwartungswert. Die Tschebyscheffsche Ungleichung liefert hier nur eine grobe Schranke; die Chernoff-Ungleichung verbessert sie quantitativ.

Weitere Anwendungen sind der Beweis des Schwachen Gesetzes der großen Zahlen, der Schluss von der Lᵖ-Konvergenz einer Funktionenfolge auf Konvergenz im Maß sowie die Aussage, dass für einen Median m stets |μ − m| ≤ σ gilt.

Beweisidee und Einordnung

Für einen direkten Beweis betrachtet man das Ereignis A_k = {ω ∈ Ω | |X − μ| ≥ k} und die Indikatorfunktion 1_Ak. Für jedes ω gilt

|X(ω) − μ|² ≥ k²1_Ak(ω).

Liegt ω nicht in A_k, ist die rechte Seite 0. Liegt ω in A_k, ist die linke Seite nach Definition mindestens k². Mit der Monotonie des Erwartungswertes folgt daher

σ² = Var(X) = E(|X − μ|²) ≥ E(k²1_Ak) = k²P(A_k) = k²P(|X − μ| ≥ k).

Durch Teilen durch k² erhält man die Tschebyscheffsche Ungleichung. Häufig wird sie auch als Spezialfall der Markow-Ungleichung eingeführt, indem man Y = |X − μ| und h(x) = x² setzt.

Die Ungleichung wurde 1867 von Pafnuti Lwowitsch Tschebyschow für diskrete Zufallsvariablen bewiesen. Ein allgemeinerer Beweis war bereits 1853 von Irénée-Jules Bienaymé veröffentlicht worden; deshalb werden beide Namen verwendet. Verwandte Resultate sind unter anderem die Markow-, Cantelli-, Chernoff-, Hoeffding-, Jensen-, Kolmogorow-, Burkholder- und Doob-Ungleichung sowie die Ungleichungen von Ljapunow, Hájek und Rényi und Ottaviani-Skorokhod.

Weiterlesen

Ungleichung Eine Ungleichung ist ein Gegenstand der Mathematik, mit dem Größenvergleiche formuliert und untersucht werden können. Jede Ungleichung besteht aus zwei … Stochastik Statistik · Daten, Stichprobe, Grundgesamtheit, Häufigkeit (absolute, relative), Merkmal, Merkmalsausprägung · Häufigkeitsverteilung, Stabdiagramm, Kreisdiagramm, … Zufallsvariable Beispiele für reelle Zufallsvariablen sind die Augensumme von zwei geworfenen Würfeln und die Gewinnhöhe in einem Glücksspiel. Zufallsvariablen können aber auch … Erwartungswert Der Erwartungswert beschreibt für eine Zufallsvariable mit endlich vielen Funktionswerten das mit der Wahrscheinlichkeit des Auftretens gewichtete arithmetische … Varianz (Stochastik) Mathematisch wird sie definiert als die mittlere quadratische Abweichung einer reellen Zufallsvariablen von ihrem Erwartungswert. Sie ist das zentrale Moment … Reelle Zahl Die reellen Zahlen bilden einen in der Mathematik bedeutenden Zahlenbereich. Er ist eine Erweiterung des Bereichs der rationalen Zahlen, womit die Maßzahlen … Normalverteilung Ihre Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion wird auch Gauß-Funktion, gaußsche Normalverteilung, gaußsche Verteilungskurve, Gauß-Kurve, gaußsche Glockenkurve … Moment (Stochastik) Im Spezialfall der Cauchy-Verteilung existiert also nicht einmal das erste Moment (der Erwartungswert), das ist auch bei der Lévy-Verteilung der Fall. Wahrscheinlichkeitstheorie Bedingte Wahrscheinlichkeit. Bearbeiten. Unter einer bedingten Wahrscheinlichkeit versteht man die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Ereignisses A … Schwaches Gesetz der großen Zahlen Das schwache Gesetz der großen Zahlen ist eine Aussage der Wahrscheinlichkeitstheorie, die sich mit dem Grenzwertverhalten von Folgen von Zufallsvariablen … Funktionenfolge Eine Funktionenfolge ist eine Folge, deren einzelne Glieder Funktionen sind. Funktionenfolgen und ihre Konvergenzeigenschaften sind für alle Teilgebiete der … Median (Stochastik) Der Median, auch Zentralwert genannt, ist in der Stochastik ein Lagemaß für Wahrscheinlichkeitsverteilungen und Verteilungen von Zufallsvariablen.