Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Tradition (Geschichtswissenschaft)

Die Unterscheidung ist von der jeweiligen historischen Fragestellung abhängig, das bedeutet, dass dieselbe Quelle je nach Fragestellung Überrest oder Tradition …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Abgrenzung
  2. 2. Arten der Tradition
  3. 3. Aussagewert und Grenzen
  4. 4. Abhängigkeit von der Fragestellung und Quellenkritik

Begriff und Abgrenzung

In der Geschichtswissenschaft bezeichnet Tradition Informationen, die meist mündlich oder schriftlich mit der Absicht weitergegeben werden, Zeitgenossen und besonders die Nachwelt über die Gegenwart oder die Vergangenheit zu unterrichten. Nach der von Ernst Bernheim entwickelten Quellentypologie und -systematik bildet der Überrest den Gegenpart zur Traditionsquelle. Ein Überrest wurde ohne historiographische Überlieferungsabsicht, meist aus zeitgebundenen praktischen Gründen, hergestellt. Eine Rechnung etwa dokumentierte ursprünglich nur einen Geschäftsvorgang.

Arten der Tradition

Bernheim gliedert Traditionen in drei Hauptgruppen:

  • Mündliche Tradition: Lied und Erzählung, Sage, Legende, Anekdote, geflügeltes Wort und Sprichwort.
  • Schriftliche Tradition: Inschriften, genealogische Aufzeichnungen und ähnliche Listen, Annalen und Chroniken, Biographien, Memoiren sowie Flugschriften, Zeitungen und öffentliche Briefe.
  • Bildliche Tradition: Zeichnungen, Malerei und Skulpturen.

Zu den konkreten Traditionsquellen gehören außerdem Reden, Briefe, Berichte, Ergebnisprotokolle und Geschichtswerke früherer Historiker, die heute nicht mehr als Sekundärliteratur angesehen werden.

Aussagewert und Grenzen

In einer Traditionsquelle berichtet der Verfasser über Vergangenes oder Gegenwärtiges. Dabei wählt er Informationen aus, bewertet sie oder fasst sie zusammen. Ernst Bernheim bezeichnet Traditionsquellen zusammenfassend als „Berichte“.

Für heutige Historiker liegt der Vorteil darin, dass solche Quellen einen schnelleren Überblick über Geschehnisse ermöglichen. Zugleich geben sie Aufschluss über die Vorstellungen des Verfassers. Ihre Aussage kann jedoch fehlerhaft oder einseitig sein; möglicherweise verfasst der Autor den Bericht sogar in betrügerischer Absicht. Die Überlieferungsabsicht beeinflusst daher, wie das dargestellte Geschehen ausgewählt und beschrieben wird.

Abhängigkeit von der Fragestellung und Quellenkritik

Ob eine Quelle als Tradition oder als Überrest gilt, hängt von der jeweiligen historischen Fragestellung ab. Dieselbe Quelle kann deshalb unterschiedlich eingeordnet werden. Ein Denkmal ist bei der Frage nach dem Ereignis oder der Person, an die es erinnert, eine Traditionsquelle. Bei der Untersuchung der Memorialkultur der Epoche, in der es errichtet wurde, gilt es dagegen als Überrest.

Die Quellenkritik an Traditionsquellen verfolgt zwei Ziele. Erstens soll sie mithilfe von Textkritik und Formkritik die ursprüngliche Fassung rekonstruieren, etwa bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen oder Mythen. Zweitens soll sie Verfälschungen des überlieferten Geschehens erkennen, die durch die Überlieferungsabsicht oder durch Selbsttäuschung entstanden sein können. Dabei ist auch die Ideologiekritik von Bedeutung.

Lernvideos zu Tradition (Geschichtswissenschaft)

Weiterlesen