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Tränen des Vaterlandes
Tränen des Vaterlandes ist ein Alexandriner-Sonett von Andreas Gryphius. Es ist „eines der bekanntesten Barockgedichte“, „das wahrscheinlich berühmteste …
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Werk und Fassungen
„Tränen des Vaterlandes“ ist ein Alexandriner-Sonett von Andreas Gryphius über die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges. Es zählt zu den bekanntesten Barockgedichten und ist Teil des schulischen und universitären Kanons. Die Überschrift der Ausgabe letzter Hand von 1663 lautet „Thränen des Vaterlandes / Anno 1636“; das Jahr verweist vermutlich auf die Entstehung mitten im Krieg.
Erstmals erschien das Gedicht 1637 im polnischen Lissa als eines der „Lissaer Sonette“, damals unter dem Titel „Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes“. Eine stark überarbeitete Fassung wurde 1643 gedruckt; weitere Ausgaben folgten 1650, 1657 und 1663. Die Deutung bezieht sich meist auf die Fassung von 1663. Während die Fassung von 1637 am Ende ausdrücklich Straßburg und die Hungersnot nennt, verallgemeinert die spätere Fassung die Aussage und setzt den Verlust des „Seelen Schatz[es]“ als Schlussgedanken stärker hervor.
Form und Sprechweise
Das Gedicht besteht aus 14 Alexandrinern, also Versen mit einer regelmäßigen Zäsur, einem Einschnitt, nach der sechsten Silbe. Es hat zwei Quartette mit je vier Versen und zwei Terzette mit je drei Versen. Das Reimschema lautet in den Quartetten „abba abba“, in den Terzetten „ccd eed“.
Die Verse mit a- und d-Reimen sind dreizehnsilbig und haben weibliche Reime; die mit b-, c- und e-Reimen sind zwölfsilbig und haben männliche Reime. Der erste Vers wird durch den Einschub „ja mehr denn gantz“ zum Alexandriner geformt. Trotz der strengen Regelmäßigkeit entsteht Bewegung: rasche Aufzählungen stehen neben längeren, verlangsamten Sätzen. Binnenreime wie „Schweiß / Fleiß“ und „Rathauß / Grauß“, Alliterationen wie „Schantz und Stadt“ sowie Enjambements, also Satzfortsetzungen über das Versende hinweg, verstärken den Klang.
Die Überschrift lässt zunächst vermuten, das Vaterland selbst spreche und klage. Das anfängliche „Wir“ bezieht die Lesenden jedoch unmittelbar ein. Nach einer Deutung spricht keine eindeutig festlegbare Einzelperson oder Personifikation, sondern ein reales kollektives „Wir“. „Thränen“ erinnert für Zeitgenossen zugleich an den griechischen Threnos, die Totenklage.
Kriegselend in den Quartetten
Das erste Quartett beginnt mit dem Satz: „WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!“ Das „Wir“ kann Schlesien meinen, wahrscheinlich steht es aber für Deutschland. „Verheeret“ bezeichnet sowohl das völlige Zerstörtsein als auch die verursachenden Kriegsheere. Die logisch unmögliche Steigerung „mehr denn gantz“ kündigt an, dass der Schaden über das Sichtbare hinausgeht.
Danach folgen anonym bleibende Täter und Waffen: „Der frechen Völcker Schaar“, „die rasende Posaun“, „Das vom Blutt fette Schwerdt“ und „die donnernde Carthaun“. Sie haben „aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret“: Nicht nur Besitz, sondern die materiellen Grundlagen des Lebens und die Ergebnisse menschlicher Arbeit sind vernichtet.
Das zweite Quartett zählt die Folgen auf. Türme, Kirche und Rathaus stehen für Schutz, geistliches Leben und weltliche Ordnung; die „Starcken“ werden erschlagen, die „Jungfern“ geschändet. Wohin das kollektive „Wir“ auch blickt, herrschen „Feuer / Pest / und Tod“, die „Hertz und Geist durchfähret“. Die Bildhäufungen drücken Erregung und Überforderung aus, während die ruhigeren Sätze die Ohnmacht gegenüber einem allgegenwärtigen Elend zeigen. Begriffe wie Posaune, Schwert sowie Feuer, Pest und Tod erinnern an die Offenbarung des Johannes und an die apokalyptischen Reiter.
Steigerung und offene Schlusspointe
Im ersten Terzett wird das Kriegselend noch gesteigert: Durch „Schantz und Stadt“ rinnt frisches Blut, und die Flüsse fließen wegen der vielen Leichen nur noch langsam. Dieses extreme Bild ist ein überlieferter Topos, also ein traditionelles literarisches Bild, und keine bloße beobachtete Wirklichkeit. Zugleich bindet die Angabe „Dreymal sind schon sechs Jahr“ es an die Geschichte: Seit dem Kriegsbeginn 1618 sind 18 Jahre vergangen. Die Aufteilung in dreimal sechs lässt die Dauer besonders lang wirken. Eine mögliche zusätzliche Deutung verbindet die dreifache Sechs mit der Zahl 666 aus der Offenbarung und damit mit einem Krieg als Werk der Hölle; dies bleibt eine mögliche, nicht zwingende Lesart.
Das zweite Terzett setzt überraschend ein: „Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod“. Es nennt Pest, Brand und Hungersnot, bevor der letzte Vers den Höhepunkt bildet: „Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.“ Welcher „Seelen Schatz“ genau gemeint ist – christlicher Glaube, Konfession, Seele oder das Gute im Menschen –, bestimmt das Gedicht nicht. Diese beabsichtigte Unbestimmtheit fordert zur Deutung auf. Wahrscheinlich können damit nach einer Forschungsthese auch die Zwangsmaßnahmen zur Rekatholisierung Schlesiens 1628 gemeint sein.
Die Fassung von 1637 verweist dabei mit „Du Straßburg weist es wol“ auf konkrete Hungersnot. Ob hier ein Setzerfehler für Augsburg vorliegt, wurde vermutet. Dagegen ist eine Hungerkatastrophe in Straßburg 1636 und 1637 historisch belegt. Die spätere Fassung streicht diesen lokalen Hinweis und macht die Aussage über Krieg und seelischen Verlust allgemeiner.
Vorbilder und Deutungen
Das Gedicht greift auf literarische Vorbilder zurück. Eine deutsche Übersetzung von Justus Lipsius’ „De Constantia Libri Duo“ schilderte Kriegsverwüstung und riet im Geist der Stoa zu Mut und Standhaftigkeit. Besonders deutlich wirkt Martin Opitz’ 1621 verfasstes und 1633 veröffentlichtes Versepos „Trostgedichte in Widerwertigkeit deß Krieges“ nach. Von ihm übernimmt Gryphius unter anderem Bilder von Posaunen, Kanonen, zerstörten Kirchen, geschändeten Frauen, Blut und von Leichen verstopften Flüssen. Er verdichtet diese Elemente jedoch zu einem neuen, sehr konzentrierten Sonett.
Die Forschung hebt unterschiedliche Seiten hervor: den realistischen Bezug auf Kriegserfahrungen, die apokalyptische Bildsprache, die christlich-allgemeinmenschliche Aussage und die mögliche konfessionelle Anklage. Eine wichtige Deutung versteht die strenge Form als geistige Ordnung gegen das Chaos des Krieges. Eine andere betont, der Krieg sei nicht nur ein einzelnes historisches Ereignis, sondern ein Beispiel für Vanitas, die Vergänglichkeit und Bedrängnis des menschlichen Lebens.
Rhetorisch entwickelt das Sonett seine Aussage stufenweise: Der erste Vers stellt die „Verheerung“ als Thema vor. Die folgenden Verse erklären und erweitern sie durch immer stärkere Bilder von Zerstörung, Blut, Leichen und Kriegsdauer. Der Schluss bündelt alles in der Klage über den schwersten Verlust, den „Seelen Schatz“. Als Threnos endet das Gedicht nicht mit Trost, sondern mit einer untröstlichen, düsteren Klage.