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Deutscher Humanismus

Deutscher Humanismus ist die Bezeichnung einer intellektuellen Bewegung der Renaissance, die sich im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland ausbreitete.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Entstehung
  2. 2. Verbreitung durch Bildung und Übersetzung
  3. 3. Humanistische Studien an Universitäten
  4. 4. Blütezeit und nationale Selbstdeutung
  5. 5. Kunst und Bibelhumanismus

Kernidee und Entstehung

Deutscher Humanismus bezeichnet eine intellektuelle Bewegung der Renaissance, die sich im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland ausbreitete. Zunächst übernahmen deutsche Gelehrte Ideen des italienischen Renaissance-Humanismus. Im Mittelpunkt stand die Erschließung der kulturellen Überlieferung der Antike, also der Texte, Sprachen und Bildungsformen der griechisch-römischen Welt. Später entwickelte sich daraus auf deutschem Boden eine eigenständige Richtung, die teilweise stark von einem Bewusstsein für eine eigene kulturelle Identität geprägt war.

Erste Kontakte mit humanistischen Ideen nördlich der Alpen entstanden auf den großen kirchlichen Reformkonzilien in Konstanz (1414–1418) und Basel (1431–1449), zunächst aber ohne breite Wirkung in Deutschland. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden humanistische Ideen im deutschen Sprachraum stärker aufgegriffen. Wichtige Themen waren die Erneuerung oder Neueinführung von Grammatik, Rhetorik, Poesie, Moralphilosophie, Naturphilosophie, Geographie sowie antiker und neuerer Geschichte. Diese Themen orientierten sich an italienischen Vorbildern, wurden aber an deutsche Verhältnisse angepasst.

Eine Schlüsselrolle spielte Enea Silvio de’ Piccolomini, ein italienischer Humanist, der vor seiner Wahl zum Papst von 1443 bis 1455 als Diplomat und Sekretär Kaiser Friedrichs III. in Wien tätig war. Er wurde zur Leitfigur früher humanistischer Netzwerke in Mitteleuropa. Erste Zentren waren vor allem Fürstenhöfe mit ihren Kanzleien, etwa der Kaiserhof Friedrichs III. sowie Höfe in Heidelberg, Eichstätt, Landshut und Stuttgart, außerdem Reichsstädte wie Augsburg. Besonders wichtig waren Deutsche, die in Italien Jura oder Medizin studiert hatten und von dort antike und humanistische lateinische Texte mitbrachten.

Verbreitung durch Bildung und Übersetzung

Der deutsche Humanismus blieb anfangs ein Phänomen einzelner Eliten, verbreitete sich aber durch Briefe, Reden, Textsammlungen und Übersetzungen. Frühe deutsche Humanisten wie Gregor Heimburg oder Martin Mair verwendeten in Briefen und Reden einen neuen, an humanistischen Vorbildern orientierten Kommunikationsstil. Die Textsammlung des Thomas Pirckheimer zeigt beispielhaft, wie Bildungsinhalte übernommen wurden.

Übersetzungen antiker und italienischer Autoren ins Deutsche spielten von Anfang an eine große Rolle. Beispiele dafür sind Niklas von Wyle und Heinrich Steinhöwel. Dadurch wurde der Kreis der Deutschen, die mit antiken Stoffen und Ideen vertraut waren, rasch größer.

Viele der ersten Deutschen, die in Italien mit dem Humanismus in Kontakt gekommen waren, übernahmen nach ihrer Rückkehr einflussreiche politische Funktionen. Sie engagierten sich für Reformen in Kirche und weltlicher Herrschaft. Dazu gehörten fürstliche Räte wie Gregor Heimburg, Martin Mair, Heinrich Stercker und Johannes Cuspinian sowie Bischöfe wie Johann II. von Werdenberg in Augsburg, Johann III. von Eych und Wilhelm von Reichenau in Eichstätt.

Humanistische Studien an Universitäten

Die studia humanitatis waren der humanistische Bildungsbereich, der sich besonders auf Sprache, Literatur, Rhetorik, Geschichte und moralische Bildung stützte. Einer der ersten Deutschen, die den italienischen Humanismus an deutschen Universitäten lehrten, war Peter Luder. Er hatte lange in Italien gelebt, dort Kontakte geknüpft und war Schüler von Guarino da Verona gewesen. 1456 kam er auf Einladung von Pfalzgraf Friedrich I. nach Heidelberg.

In Heidelberg hielt Luder eine programmatische Rede zur Empfehlung der studia humanitatis. Sie gilt als erste Rede dieser Art an einer deutschen Universität und als Initialzündung des Humanismus in Deutschland. Deshalb gilt das Jahr 1456 als Schlüsseldatum des deutschen Humanismus. Später nutzte Luder diese Rede auch an anderen Universitäten, an denen er lehrte. In Erfurt und Leipzig war er weniger erfolgreich. Bedeutend wurde sein Schüler Hartmann Schedel, der die Schedelsche Weltchronik herausbrachte.

Auch an der 1460 gegründeten Universität Basel wurden studia humanitatis gelehrt. 1464 wurde Peter Anton von Clapis dort Lehrer, ging aber bald nach Heidelberg. 1468 kehrte Luder nach einer medizinischen Promotion in Padua in den deutschsprachigen Raum zurück und wurde in Basel sein Nachfolger. Auch an den im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts gegründeten Universitäten Freiburg (1457), Ingolstadt (1472), Tübingen (1477) und Mainz (1477) wurden neben traditionellen Fächern humanistische Stoffe gelehrt, zunächst oft in untergeordneter Position.

Die frühen Humanisten verstanden sich häufig als exklusive Gruppe. Dazu passten sichtbare Merkmale wie humanistische Schriftbilder. Für Aufzeichnungen nutzten sie oft humanistische Schreibschriften nach italienischen Vorbildern; für Inschriften entstanden Formen wie humanistische Kapitalis und Renaissance-Kapitalis, die an antike und italienische Vorbilder anknüpften.

Blütezeit und nationale Selbstdeutung

Um 1500 erreichte der deutsche Humanismus eine Blüte. Die ersten herausragenden Vertreter eines eigenständigen Humanismus, der sich von italienischen Vorbildern löste, waren Rudolf Agricola († 1485) und Konrad Celtis († 1508). Celtis war der erste bedeutende neulateinische Dichter in Deutschland. Neulatein bezeichnet das Latein der Neuzeit, das in Wissenschaft, Dichtung und Bildung weiterverwendet wurde. Celtis stand im Zentrum eines großen Netzes von Kontakten und Freundschaften. Durch die Gründung von Gelehrtengemeinschaften, sogenannten sodalitates, in mehreren Städten stärkte er den Austausch unter Humanisten.

Der 1486 gewählte deutsche König Maximilian I. förderte die humanistische Bewegung aus politischen Gründen. In Wien gründete er 1501 ein humanistisches Poetenkolleg mit Celtis als Leiter. Es gehörte zur Universität und hatte vier Lehrer für Poetik, Rhetorik, Mathematik und Astronomie. Als Abschluss war kein traditioneller akademischer Grad vorgesehen, sondern eine Dichterkrönung.

Zu den Wortführern um 1500 gehörten unter anderem Konrad Peutinger, Willibald Pirckheimer, Johannes Aventinus, Jakob Wimpheling, Johannes Reuchlin, Ulrich von Hutten und Beatus Rhenanus. Ulrich von Hutten vertrat besonders deutlich einen kämpferischen politischen Humanismus, der humanistische Gelehrsamkeit mit patriotischen Zielen und kulturpolitischem Nationalismus verband. In der nächsten Generation nahm Philipp Melanchthon eine herausragende Stellung ein. Er wurde Praeceptor Germaniae, also „Lehrmeister Deutschlands“, genannt. Er prägte Schul- und Universitätsorganisation im protestantischen Raum nachhaltig und beeinflusste Martin Luther im Sinne humanistischer Werte.

Ein wichtiges Thema war das Deutschenlob. Damit meinten Humanisten die Würdigung von Tugenden, die als typisch deutsch galten: Treue, Tapferkeit, Standhaftigkeit, Frömmigkeit und Einfachheit, lateinisch simplicitas, im Sinne von Unverdorbenheit und Natürlichkeit. Anfangs wurden diese Eigenschaften den Deutschen von italienischen Gelehrten zugeschrieben, später übernahmen deutsche Universitätsredner sie als Selbsteinschätzung. Humanisten betonten den deutschen Besitz des Kaisertums, lateinisch imperium, und damit einen Vorrang in Europa. Sie behaupteten außerdem, der Adelsstand sei deutschen Ursprungs und die Deutschen seien Italienern und Franzosen moralisch überlegen. Auch die Erfindung der Buchdruckerkunst wurde als deutsche Kollektivleistung gepriesen. Der Anspruch auf nationale Überlegenheit wurde zwar theoretisch auf alle Deutschen bezogen, tatsächlich dachten die Humanisten dabei vor allem an die Bildungselite.

Kunst und Bibelhumanismus

Viele deutsche Humanisten interessierten sich wie italienische Humanisten für den Wiederaufstieg der bildenden Künste und versuchten sich teilweise selbst im Zeichnen. Konrad Celtis arbeitete zum Beispiel mit Albrecht Dürer zusammen. Das Projekt Germania illustrata, eine geographische, historiographische und ethnologische Beschreibung Deutschlands, blieb unvollendet, doch seine Vorstudien wirkten stark nach. Humanistische Impulse prägten auch die neuartige Landschaftsmalerei Albrecht Altdorfers. Die große Malerwerkstatt Lucas Cranachs stand ebenfalls in enger Verbindung mit humanistischen Intellektuellen.

Ein weiterer wichtiger Bereich war der Bibelhumanismus. Er verband das humanistische Ziel des direkten Zugangs zu den Quellen, lateinisch ad fontes, mit der Bibel. Dazu gehörte eine philologische und textkritische Beschäftigung mit der Bibel sowie mit antiker christlicher und jüdischer Literatur. Philologie meint die genaue Untersuchung von Sprache und Textüberlieferung; Textkritik versucht, überlieferte Textfassungen zu prüfen und möglichst zuverlässig zu erschließen.

Mehrere deutsche Theologen wurden Hebraisten, also Gelehrte mit besonderen Kenntnissen des Hebräischen. Johannes Reuchlin, Sebastian Münster und Johann Böschenstein schrieben Abhandlungen über hebräische Akzente und Rechtschreibung. Reuchlin hatte unter anderem in Konstantinopel bei Manuel Chrysoloras Griechisch und Hebräisch gelernt und trug wesentlich zur Verbreitung von Hebräischkenntnissen unter deutschen Theologen bei. Im Streit um die Dunkelmännerbriefe setzten sich deutsche Humanisten mit konservativen scholastischen Gegnern auseinander. Scholastik bezeichnet hier die ältere, an mittelalterlichen Schultraditionen orientierte Gelehrsamkeit.

Reuchlins bedeutendster Schüler war Philipp Melanchthon. Melanchthon und andere evangelische Humanisten wie Johannes Bugenhagen nutzten den Humanismus für Zwecke der Reformation. Erasmus von Rotterdam, ein niederländischer Humanist, war auch in Deutschland einflussreich. Er verfolgte eine andere Richtung: Er wollte der zunehmenden konfessionellen Polarisierung durch humanistische Ideale entgegenwirken.

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