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Tiervergessenheit
Tiervergessenheit ist ein Begriff, der die systematische Ausblendung, Abwertung oder Marginalisierung von Tieren in moralischen, ethischen, religiösen, …
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Begriff und zentrale Merkmale
Tiervergessenheit bezeichnet die systematische Ausblendung, Abwertung oder Marginalisierung von Tieren in moralischen, ethischen, religiösen, gesellschaftstheoretischen und politischen Debatten. Tiere werden dabei nicht als eigenständige, moralisch zu berücksichtigende Lebewesen und Subjekte in die Verständigung über gemeinsame Werte und Normen moderner Gesellschaften einbezogen. Der Begriff wird unter anderem in Philosophie, Soziologie, Theologie, Sozialwissenschaften, Linguistik und Tierethik verwendet.
Tiervergessenheit ist eine kritisch-analytische Kategorie. Sie beschreibt anthropozentrische Denk- und Praxisformen, also Formen, in denen der Mensch den Maßstab bildet. Inhaltliche Nähe besteht zum Anthropozentrismus und zur Kritik des Speziesismus, der Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art. Der Begriff verbindet normative Reflexion mit der empirischen Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen, die Tiere marginalisieren.
Zu den wichtigsten Merkmalen gehören:
- Tiere werden als Kontrast zum Menschen dargestellt. Dadurch wird der Mensch normativ aufgewertet und das Tier abgewertet.
- Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier erscheint hierarchisch und durch Herrschaft und Verfügung geprägt. Tiere werden vor allem als Ressourcen oder Nutzobjekte verstanden.
- Sowohl religiöse als auch säkulare Denkformen können Tiervergessenheit hervorbringen. Religiöse Menschenbilder und säkulare Vorstellungen von der besonderen Vernunft des Menschen können Gewalt gegenüber Tieren teilweise legitimieren.
- Eine theologische Ausprägung zeigt sich in menschenzentrierten Auslegungen von Schöpfung und Gottesebenbildlichkeit.
Philosophische, theologische und gesellschaftliche Debatten
Die philosophische Diskussion untersucht die ethischen, theologischen und kulturwissenschaftlichen Gründe für die systematische Ausblendung von Tieren. Simone Horstmann betont, dass nicht nur eine vermeintliche „Tiervergessenheit der Theologie“ festgestellt werden sollte. Wichtiger sei es, die Strukturen und Motive der strategischen Ausblendung und Abwertung anderer Tiere zu rekonstruieren. Ihr Ansatz zielt auf eine „Rekonstruktion zur Dekonstruktion eines religiösen Speziesismus“: Die Gründe für die Gewalt von Religionen gegenüber Tieren sollen verstanden und anschließend konstruktive Verbindungen zwischen religiösen und tierethischen Positionen entwickelt werden. Tiervergessenheit erscheint damit nicht bloß als Unwissenheit oder Blindheit, sondern als kulturell, religiös und politisch motivierte Ausblendung.
Henrike Herdramm beschreibt eine „Tiervergessenheit der Theologie“ und sieht in Dogmatik und Ethik eine Leerstelle im Hinblick auf Tiere. Der von Simone Horstmann herausgegebene Sammelband „Religiöse Gewalt an Tieren“ untersucht interdisziplinär das Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Nikolaus German berichtet über innerkirchliche Initiativen gegen eine „Menschenversessenheit und Tiervergessenheit“. Franz von Assisi und Albert Schweitzer werden dabei als Vorbilder genannt.
In der Soziologie kritisiert Rainer E. Wiedenmann, dass klassische Gesellschaftstheorien Tiere nicht als relevante soziale Akteure berücksichtigen. Arnold Arluke untersucht den Zusammenhang zwischen Tierquälerei und zwischenmenschlicher Gewalt. Seine Graduation Hypothesis besagt, dass Tiermisshandlung in Kindheit und Jugend ein „Einstiegsdelikt“ sein kann, das mit späterer Gewalt gegen Menschen korreliert. Die Forschung macht dadurch praktische gesellschaftliche Folgen sichtbar. Arluke fasst den Zusammenhang so zusammen: „Wie wir andere Kreaturen behandeln, verrät immer, wie wir Menschen uns selbst – und unsere Gesellschaft – sehen.“
In der Tierlinguistik wird Tiervergessenheit als Bestandteil einer anthropozentrisch geprägten Sprachwissenschaft behandelt. Untersucht wird, wie Tiere in sprachlichen und medialen Praktiken als kommunikative Akteure dargestellt werden. Pamela Steen analysiert Mensch-Tier-Kommunikation im Rahmen der Human-Animal Studies und ordnet ihre Arbeiten in diesen Forschungskontext ein.
Bedeutung in politischen Diskussionen
Politisch zeigt sich Tiervergessenheit daran, dass die Interessen von Tieren in Gesetzgebung, öffentlichen Debatten und politischen Programmen sichtbar bleiben oder ausgeblendet werden. In vielen europäischen Ländern ist der Tierschutz Teil größerer Auseinandersetzungen über Umwelt, Landwirtschaft und ethische Pflichten.
Belgien nahm 2024 den Tierschutz in seine Verfassung auf. Dort wurde die verpflichtende Berücksichtigung des Wohlergehens von Tieren als „sentient beings“ festgeschrieben. Dies kann politische Prioritäten verschieben und Tierschutzverbände stärken.
In Deutschland wird regelmäßig über den politischen Stellenwert des Tierschutzes diskutiert. Der Deutsche Tierschutzbund fordert, das Staatsziel Tierschutz im Grundgesetz ernster zu nehmen und bestehende Verpflichtungen konsequenter umzusetzen. Dazu zählen eine stärkere gesetzliche Verankerung und eine bessere Kontrolle von Tierwohlstandards, insbesondere in der Nutztierhaltung.
Auch außerhalb klassischer Parteien gibt es politische Initiativen. Der Tierpolitik Monitor dokumentiert und bewertet, wie Abgeordnete tierbezogene Anliegen vertreten. Dadurch werden Unterschiede zwischen Parteien und Mandatsträgern sowie mögliche Formen des Ignorierens von Tierfragen sichtbar. Die Aktion Partei für Tierschutz macht Tiere zu einem zentralen politischen Anliegen und fordert unter anderem die Abschaffung von Tierleid in landwirtschaftlichen Systemen sowie eine stärkere gesetzliche Absicherung von Tierwohl-Standards.
Im parlamentarischen Diskurs geht es um konkrete Verbesserungen des Tierschutzes, eine Reform des Tierschutzgesetzes, ein Verbandsklagerecht für Tierschutzverbände sowie die Haltung und den Schutz von Wildtieren. Ein Spannungsfeld zeigt sich beispielsweise bei der Regulierung von Wolfsbeständen. Hier treffen Naturschutz, Interessen von Weidetierhaltern und Forderungen von Tierschutzverbänden aufeinander. Tierschutzorganisationen starten außerdem anlassbezogene politische Initiativen und verbinden den Schutz von Tieren mit Themen wie Klima, Gesundheit und Ernährung.
Gesellschaftliche und ökologische Folgen
Tiervergessenheit hat Folgen für den Umgang mit Tieren, für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt:
- Gedankenloser Fleischkonsum wird begünstigt, weil Tiere nicht als eigenständige Lebewesen wahrgenommen werden. Dadurch wird der Verzicht auf Fleisch erschwert.
- In Nutztierhaltung und Tierindustrie kann sich strukturelle Gewalt und Ausbeutung gegenüber Tieren verfestigen.
- Das Bewusstsein für Tiere als gleichwertige Geschöpfe, also die Mitgeschöpflichkeit, geht verloren.
- Wissenschaftler warnen, dass die Vernachlässigung von Tieren das Risiko für Zoonosen, Pandemien und ökologische Schäden erhöht. Der One-Health-Ansatz betont die Verbindung von Tier-, Mensch- und Umweltgesundheit.
- Industrielle Tierhaltung, Landnutzungsprobleme und Biodiversitätsverlust tragen im Zusammenhang mit Tiervergessenheit zu globaler Erwärmung und Klimakrise bei.
- Das Shifting-Baseline-Syndrom bezeichnet die Entwicklung, dass ein bereits verschlechtertes Tierwohl oder der Rückgang von Tierpopulationen von der Gesellschaft als Normalzustand wahrgenommen wird. Dadurch werden Schutzmaßnahmen erschwert und ethische Blindheit verstärkt.
Die Folgen zeigen, dass Tiervergessenheit nicht nur eine theoretische oder sprachliche Frage ist. Sie beeinflusst Konsum, Institutionen, politische Entscheidungen, Gesundheitsrisiken und die Wahrnehmung ökologischer Veränderungen.
Möglichkeiten des Umgangs
Rituale können helfen, Gedankenlosigkeit beim Verzehr tierischer Produkte zu vermeiden. Sie machen die Beziehung zwischen Konsum und den betroffenen Tieren bewusster.
Ein weiterer Ansatz ist ein Bewusstseinswandel. Dafür sollen theologische und säkulare Traditionen kritisch untersucht werden, wenn sie Tiere abwerten oder ausblenden. Ziel ist es, respektvolle Mensch-Tier-Beziehungen zu fördern und Tiere als eigenständige, moralisch relevante Lebewesen in ethische, religiöse, gesellschaftliche und politische Überlegungen einzubeziehen.