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The Phantom Public

Hauptaussage der Monographie ist, dass die inhaltliche und deliberative Definition der Demokratie als Partizipation der einzelnen Bürger eine Idealisierung sei, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernaussage
  2. 2. Historischer Zusammenhang
  3. 3. Kritik am demokratischen Bürgerideal
  4. 4. Rolle der Öffentlichkeit
  5. 5. Wichtige Zitate
  6. 6. Bewertung und Wirkung

Kernaussage

„The Phantom Public. A sequel to “Public Opinion”“, deutsch „Die imaginäre Öffentlichkeit. Eine Fortsetzung von „Die öffentliche Meinung““, ist eine Publikation des US-amerikanischen Journalisten und Medienkritikers Walter Lippmann aus dem Jahr 1925. Das Buch untersucht die Rolle der politischen Öffentlichkeit in der Demokratie und stellt eine deutlich skeptische These auf: Die Vorstellung, dass einzelne Bürgerinnen und Bürger durch informierte Beteiligung den demokratischen Willensbildungsprozess bestimmen, sei eine Idealisierung.

Lippmann vertritt einen demokratischen Elitarismus. Damit ist gemeint, dass nicht die breite Bevölkerung den politischen Prozess kompetent steuert, sondern eine Funktionselite aus Experten, Beratern und politisch handelnden Personen. Diese Experten beeinflussen Politik durch Beratung und durch Steuerung der öffentlichen Meinung. Die Öffentlichkeit, die in der Demokratietheorie als Trägerin des Volkswillens erscheint, existiere nach Lippmann nur als Vorstellung, Illusion, Mythos oder „Phantom“.

Carl Bybee fasste Lippmanns Sicht so zusammen: Die Öffentlichkeit sei für Lippmann eine Fiktion, und Regierung sei vor allem ein Verwaltungsproblem, das möglichst effizient gelöst werden solle. Die Bevölkerung könne dann weiter ihren individuellen Zielen nachgehen.

Historischer Zusammenhang

Lippmanns Einschätzung entstand vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, an der er selbst beteiligt war, und angesichts des Aufstiegs Benito Mussolinis. Diese Erfahrungen zeigten ihm, wie stark öffentliche Meinung manipuliert werden konnte. Schon in seinem früheren und bekanntesten Werk „Public Opinion“ von 1922 hatte er solche Fragen behandelt. „The Phantom Public“ ist im Untertitel ausdrücklich als Fortsetzung dieses Werks gekennzeichnet.

Das Buch wurde teilweise als kalt, pessimistisch und zynisch wahrgenommen. Es löste deshalb Missstimmung und Verunsicherung aus und blieb lange Zeit eher wenig beachtet. Trotzdem gilt es als eine der klarsten und aufschlussreichsten Darstellungen Lippmanns. In seiner Kritik an demokratischen Grundannahmen geht es noch weiter als „Public Opinion“.

Eine wichtige Reaktion kam von John Dewey mit „The Public and its Problems“ aus dem Jahr 1927. Dewey stimmte Lippmanns Diagnose der Lage in vielen Punkten zu, widersprach aber teilweise seinen Lösungen. Für Dewey war Demokratie nicht grundsätzlich fiktiv. Sie sei in der medial geprägten Massengesellschaft zeitweise „verfinstert“, könne aber wieder sinnvoll funktionieren. Voraussetzung sei, dass Bürger bildbar seien und an öffentlichem Diskurs teilnehmen könnten, wenn dafür ein geeigneter kommunikativer Rahmen geschaffen werde.

Kritik am demokratischen Bürgerideal

Lippmann kritisiert das Verständnis von Öffentlichkeit, das er in der zeitgenössischen Demokratietheorie sieht. Diese Theorie setze angeblich einen souveränen, umfassend kompetenten Bürger voraus. Er wendet sich gegen mehrere Vorstellungen vom „Volk“: Es sei weder ein Über-Individuum mit einheitlichem Willen und Bewusstsein noch ein Organismus aus vielen Zellen, kein Steuerungsmechanismus, keine klar beschreibbare Körperschaft mit festen Zugehörigkeitsregeln, keine Verkörperung universeller und interesseloser Wahrnehmung und keine moralische Instanz.

Stattdessen nennt Lippmann die Öffentlichkeit ein „bloßes Phantom“ und eine Abstraktion. Sie sei Teil einer falschen Philosophie, die von einer mystischen Vorstellung von Gesellschaft ausgehe. Demokratietheorien würden so tun, als könne die Öffentlichkeit öffentliche Angelegenheiten kompetent steuern und als sei die Arbeit der Regierung Ausdruck des Volkswillens. Genau diese Annahme hält Lippmann für wirklichkeitsfern.

Sein Gegenmodell unterscheidet zwischen zwei Rollen: Akteuren und Zuschauern, auch Insidern und Outsidern. Akteure können „exekutiv“, also sachgerecht und politisch kompetent handeln, weil sie die wichtigen Sachverhalte eines Problems verstehen. Zuschauer haben diese Handlungsfähigkeit nicht. Entscheidend ist: Niemand besitzt in allen Bereichen die Kompetenz, die der Mythos vom demokratischen Bürger voraussetzt. Menschen können je nach Thema einmal Insider und ein anderes Mal Outsider sein.

Rolle der Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit ist nach Lippmann meist ein „stummer Zuschauer im Hintergrund“. Die meisten Menschen interessierten sich vor allem für private Angelegenheiten und persönliche Beziehungen, nicht für die politischen Themen, die die Regierung beschäftigen. Über diese Themen wüssten sie im Allgemeinen auch nur wenig.

Trotzdem hat die Öffentlichkeit bei Lippmann eine bestimmte Aufgabe. In Momenten sozialer Unruhe oder wenn sich Politik nicht mehr an die Lage der Gesellschaft anpasst, soll sie die Ausübung der Staatsgewalt kontrollieren. Öffentliche Meinung reagiert auf politische Fehler, indem sie eine andere Regierung oder andere politische Akteure unterstützt. Diese Reaktion entsteht aber nicht vollständig aus eigener Analyse. Nach Lippmann wird die Öffentlichkeit von oppositionellen Insidern angeleitet, die die Lage besser analysieren und bewerten können.

Lippmann betont, dass öffentliche Meinung für ihn keine rationale Kraft sei. Sie argumentiere, untersuche, erfinde und verhandle nicht und führe selbst keine Lösung herbei. Ihre Macht gegenüber Insidern besteht darin, zu entscheiden, welche Gruppe besser geeignet erscheint, ein Problem zu lösen. Wenn Menschen zu den Absichten anderer Stellung nehmen, handeln sie als Öffentlichkeit. Diese Kontrolle willkürlicher Machtanwendung ist für Lippmann das Höchste, was man von der Öffentlichkeit erwarten kann.

Daraus ergibt sich sein bewusst elitärer Standpunkt. Er vertraut vor allem den Insidern, die Initiative zeigen, organisieren, verwalten und Probleme lösen. Diese Insider sollten nach seiner Auffassung weitgehend frei bleiben von der Einmischung unwissender und aufdringlicher Outsider.

Wichtige Zitate

Ein zentrales Zitat richtet sich gegen die Annahme allgemeiner politischer Kompetenz: „Diese verschiedenen Heilmittel, eugenische, pädagogische, ethische, basisdemokratische und sozialistische, gehen alle davon aus, dass entweder die Wähler von Natur aus kompetent sind, den Lauf der Dinge zu lenken, oder dass sie Fortschritte in Richtung auf dieses Ideal machen. Ich denke, Demokratie ist eine abwegige Idealvorstellung.“

Ein zweites Zitat fasst Lippmanns Unterscheidung von Insidern und Outsidern zusammen. Der entscheidende Unterschied sei der zwischen Insidern und Outsidern, weil ihr Bezug zu einem Problem völlig verschieden sei. Nur Insider könnten Entscheidungen treffen, nicht weil sie bessere Menschen seien, sondern weil sie so positioniert seien, dass sie verstehen und handeln könnten. Der Outsider sei ohne Kompetenz, ohne Relevanz und oft lästig, weil er versuche, „das Schiff vom trockenen Land aus zu navigieren“. Wichtig ist dabei Lippmanns Grundsatz, dass Kompetenz nur in Beziehung zu einer Funktion existiere: Menschen seien nicht allgemein „gut“, sondern nur für bestimmte Dinge geeignet, und nicht universell gebildet, sondern nur für bestimmte Angelegenheiten passend ausgebildet.

Bewertung und Wirkung

In der Rezeption wurde Lippmanns Theorie unterschiedlich bewertet. Eric Alterman sah 1999 den Hauptfehler in zwei unbegründeten Annahmen. Erstens setze Lippmann voraus, dass Experten politisch relevantes Spezialwissen mit wissenschaftlicher Wertneutralität gewinnen, weil Entscheidungsträger mit ihnen kooperieren. Alterman hält dagegen, dass daraus auch ein gegenseitig vorteilhafter Kuhhandel werden könne. Zweitens nehme Lippmann an, Experten würden von sich aus die Interessen der Outsider, also der Masse der Bevölkerung, erkennen und fördern. Das sei fraglich, weil diese Experten eng mit der herrschenden Politikerelite verbunden seien. Wenn eine dieser Annahmen falsch sei, könne der Experte statt eines Vertreters der Demokratie zu einem Komplizen ihrer Zersetzung werden.

Wilfred M. McClay betonte 1993 die anhaltende Aktualität des Werks und seine wachsende Bedeutung für die Zukunft. Für ihn war „The Phantom Public“ sogar wertvoller, weil gehaltvoller und aussagekräftiger als „Public Opinion“.

Bruno Latour verglich das Buch 2008 mit Machiavellis „Il Principe“. Lippmann sei für ihn ein „Prinz des 20. Jahrhunderts“, der modernen Leserinnen und Lesern eine Lektion in „strengem Realismus“ gebe. Besonders schmerzhaft sei Lippmanns Angriff auf die Idee von Volk, Öffentlichkeit und Repräsentation. Latour empfahl die Lektüre als „Entgiftungskur“, weil nach Lippmann gerade hochgeschätzte demokratische Glaubenssätze dazu beigetragen hätten, dass die Öffentlichkeit zu einem „Gespenst“ geworden sei.

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