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Tarnung (Biologie)
Wird das visuelle (das äußerlich sichtbare) Erscheinungsbild eines Tieres zur Tarnung genutzt, bezeichnet der Fachmann dieses Aussehen als Tarntracht.
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Grundidee und evolutionäre Funktion
Tarnung oder Krypsis ist bei Tieren ein Vorgang oder Zustand, der darauf zielt, andere Lebewesen durch irreführende Signale zu täuschen. Sie kann das Risiko verringern, von Fressfeinden entdeckt zu werden. Beutegreifer können sich ebenfalls tarnen, damit potenzielle Beute sie später wahrnimmt (Angriffstarnung). Die Täuschung kann sich gegen das Auge, das Ohr oder den Geruchssinn richten. Das sichtbare, zur Tarnung genutzte Aussehen heißt Tarntracht.
Tarnung ist eine im Verlauf der Stammesgeschichte erworbene Fähigkeit, unter bestimmten Umständen möglichst ähnliche Signale wie die Umgebung zu senden. Eine Studie von 2025 erläuterte, dass besonders die Räubergemeinschaft beeinflusst, ob Tarnung oder Aposematismus – auffällige Warnfarben gegenüber Fressfeinden – erfolgreich ist: Bei starker Konkurrenz unter Räubern war Tarnung erfolgreicher. In hellen Lebensräumen waren getarnte Beutetiere jedoch besser sichtbar und wurden häufiger angegriffen als Tiere mit klassischen Warnfarben. Wo Tarnung verbreitet war, lernten Räuber zudem besser, sie zu erkennen.
Verschmelzen mit der Umgebung
Somatolyse bedeutet, dass ein Lebewesen durch Musterung und oft auch durch zur Umgebung passende Farben mit dieser verschmilzt. Struktur und Färbung lassen die Körperkontur scheinbar verschwinden. Das schützt meist vor Feinden oder hilft Beutegreifern, etwa Löwen, ihre Beute erst spät entdecken zu lassen.
Die schwarz-weißen Streifen von Zebras können zwar auffällig wirken, schützen aber nach Studien von 2012, 2014 und 2019 vor stechenden Fliegen: Pferdebremsen wurden von braunen Modellen zehnmal stärker angelockt als von schwarzen Modellen mit weißen Streifen; beige Modelle lockten sie doppelt so häufig an wie schwarz-weiß gestreifte. Die Streifen irritieren offenbar beim Landen. Eisbären und junge Sattelrobben sind im Schnee und Eis farblich getarnt. Bei Tierläusen fand man 2010 auf weißen Vögeln eher weißhäutige, auf dunklen Vögeln eher dunkelhäutige Läuse; das Putzen der Wirte bewirkte offenbar diesen Selektionsdruck.
Auch Körperränder sind wichtig: Schmetterlings-Attrappen mit gemusterten Flügelrändern „überlebten“ in einem Experiment länger als innen gemusterte Attrappen, selbst bei blau-rosa Färbung auf einer moosbewachsenen Eiche. Gefleckte Ränder lösen die Körperkontur unabhängig vom Untergrund auf. Weitere Beispiele sind durchscheinende Quallen und Garnelen, grüne Raupen, Fische mit Streifen ähnlich den Schattenmustern gewellten Wassers sowie rote Riff-Fische, die in der Tiefe blau-grau erscheinen, weil Rotlicht stark herausgefiltert wird.
Tarnung kann auch Verhalten einbeziehen: Rohrdommeln bewegen sich im Schilf sehr langsam, richten ihre besser getarnte Vorderseite zur Gefahr aus, verharren mit gestrecktem Hals und nach oben gerichtetem Schnabel und wiegen sich bei Wind mit dem Schilf. Zitterspinnen versetzen ihr Netz in Schwingungen und sind dadurch für Fressfeinde nicht mehr sicher zu lokalisieren.
Dunkle Varianten und Gegenschattierung
Melanismus ist die besonders starke Einlagerung dunkler Pigmente, vor allem Melanin, in die Haut. Beim Birkenspanner veränderte sich Ende des 19. Jahrhunderts in englischen Industriegebieten das äußere Erscheinungsbild so stark, dass der Begriff Industriemelanismus entstand. Die Erklärung, wonach Luftverschmutzung die Häufigkeit heller und dunkler Varianten veränderte, ist heute umstritten.
Gegenschattierung, auch Konterschattierung, ist eine Anpassung von Tieren in dreidimensionalen Lebensräumen wie Luft, Wasser oder Bäumen. Licht fällt von oben: Ein einheitlich dunkles Tier wäre von unten vor dem hellen Himmel sichtbar, ein einheitlich helles von oben vor dunklem Untergrund. Deshalb sind viele Fische am Bauch deutlich heller als auf der Oberseite; auch viele Vögel und Säugetiere nutzen diese Tarnung.
Helligkeit und Farbe anpassen
Manche Tiere passen ihre Körperfarbe der Umgebung an. Chamäleons bewegen sich außerdem extrem langsam und schaukeln beim Gehen, wodurch sie im windbewegten Geäst schwerer auffallen. Schneehase, Hermelin und Alpenschneehuhn wechseln im Jahresverlauf ihre Färbung: Der Schneehase ist im Sommer grau-braun und im Winter weiß.
Kraken und Kalmare können ihre Hauttönung innerhalb weniger Sekunden ändern. Sepia officinalis nutzt gelbe, orangerote und dunkelbraune Chromatophoren, also veränderbare Farbzellen, und bewertet Helligkeitskontraste mit einem Rezeptortyp bei 492 nm Wellenlänge. Bei Gefahr kann sie eine dunkle Flüssigkeit ausstoßen, deren dichte Wolke die Flucht ermöglicht. Plattfische verändern Farbe und Zeichnung passend zu Kies oder Sand: Ihre Chromatophoren können sich ausdehnen oder zusammenziehen; das Auge steuert die Musterung.
Beim Zebrabärbling wird eine Larve innerhalb weniger Minuten heller, wenn sie aus dunkler in helle Umgebung schwimmt. Netzhautzellen senden dafür Signale an das Gehirn; ein aufhellendes Hormon steigt, ein verdunkelndes sinkt. Die Veränderliche Krabbenspinne kann binnen Stunden gelben Farbstoff einlagern oder abbauen und sich so gelben oder weißen Blüten anpassen. Bei der Raupe des Tomatenschwärmers sind bei ständig über 28 Grad Celsius grüne, bei niedrigeren Temperaturen nahezu schwarze Tiere beschrieben; Hormone sind dabei von der Außentemperatur abhängig.
Einige Tiere gleichen nicht ihre Farbe, sondern die Helligkeit an: Der Kleine Schwarze Dornhai gibt nach unten einen schwachen Lichtschimmer ab und verdeckt so seinen Schatten. Der Zwergtintenfisch Euprymna scolopes nutzt Leuchtbakterien im Mantel; er kann deren Lichtmenge aktiv an die Umgebungshelligkeit anpassen und nimmt die Helligkeit auch über sein Nervensystem wahr.
Verwechselbar statt unsichtbar
Mimese ist nicht klar von Somatolyse abzugrenzen. Bei Somatolyse soll das Tier möglichst unsichtbar werden. Bei Mimese bleibt es sichtbar, wird wegen Körperbau und Färbung aber mit Gegenständen seiner Umgebung verwechselt. Die Färbung kann die Umwelt nachahmen, ist im Unterschied zum Farbwechsel jedoch dauerhaft. Der Brombeer-Blattspanner sieht beispielsweise wie Vogelkot aus.
Zur chemischen Tarnung übernehmen Anemonenfische Schutzstoffe von Seeanemonen. Die Anemone unterscheidet sie dann nicht mehr von ihren eigenen Tentakeln; nach Entfernung der Stoffe werden die Fische genesselt. Totenkopfschwärmer dringen in Nester der Westlichen Honigbiene ein, weil sie chemische Substanzen abgeben. Raupen des Lungenenzian-Ameisenbläulings werden durch Stoffe in ihrer Haut von Roten Gartenameisen als eigene Jungtiere behandelt. Andere Wirbellose ahmen Ameisen-Pheromone nach, um Ameisen auf falsche Wege zu lenken oder in Brutkammern zu gelangen. Auch bestimmte Blattlaus-Parasitoide bleiben durch chemische Tarnung in von Ameisen geschützten Blattlauskolonien unentdeckt.
Tarnung durch Schall und weitere Mittel
Akustische Tarnung ist wegen des hohen technischen Aufwands im Freiland bisher seltener eindeutig belegt. Im Amazonasbecken imitierte eine Langschwanzkatze den Ruf junger Zweifarbentamarine und lockte dadurch erwachsene Tiere an. Raupen des Kreuzenzian-Ameisenbläulings riechen nicht nur wie Königinnen von Myrmica schencki, sondern erzeugen im Nest auch diesen Königinnen ähnliche Laute; Arbeiterinnen betrillerten Aufnahmen beider Laute gleichermaßen. Bei Bärenspinnern ahmt eine wohlschmeckende Art die Geräusche einer unschmackhaften nach, sodass Fledermäuse beide meiden. Bunaea alcinoe absorbiert Fledermaus-Ultraschall mit Haaren und Flügelschuppen. Schwebfliegen ähneln Wespen auch im Fluggeräusch: nachgewiesen wurden 147 gegenüber 150 Flügelschlägen pro Sekunde. Das Große Mausohr kann bei Gefahr wie eine Hornisse summen; eine Studie von 2022 wertete dies als ersten Beleg einer Tarnung im Zusammenspiel von Säugetieren und Insekten.
Weitere Formen verbergen etwa Kopf oder Fluchtrichtung: Manche Schmetterlinge besitzen eine fühlerartige Verlängerung am Hinterleib. Die asiatische Lackschildlaus Tachardia lacca bedeckt ihren Körper nach dem Saugen an Ficus-Blättern mit harzigem Sekret und wirkt dadurch wie ein Teil des Baumes.