Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Surfmusik
Die Surfmusik (von englisch surf „Brandung“, durch Erweiterung surfing „Wellenreiten“) war eine in den frühen 1960er Jahren in Kalifornien entstandene, …
Inhalt6 Abschnitte
Einordnung und Merkmale
Surfmusik, auch Surf Sound, Surf Rock oder Surf Music, entstand Anfang der 1960er Jahre in Kalifornien als überwiegend instrumentale Variante des Rock ’n’ Roll. Sie wurde durch das damals populäre Wellenreiten und die kalifornische Jugendkultur geprägt. Eine einheitliche typische Surfmusik gab es jedoch nicht: Instrumentale oder vokale Musik bildete ein Grundgerüst, das mit unterschiedlichen populären Themen verbunden werden konnte.
International bekannt wurde das Genre vor allem durch die Beach Boys. Diese unterschieden sich mit ihren mehrstimmigen Gesangsharmonien deutlich von der instrumentalen Surfmusik. Bekannte Instrumentaltitel waren Pipeline der Chantays (1962) und Wipe Out der Surfaris (1963). Jan and Dean erreichten 1963 mit Surf City Platz 1 der Charts. Dick Dale und die Del-Tones hatten mit Miserlou (1962) einen lokalen Hit; Dales stakkatohaftes Spiel auf einer Fender Stratocaster wurde vielfach nachgeahmt. Ab 1964 verdrängten der Erfolg der Beatles und die British Invasion die Surfmusik weitgehend.
Musikalische Wurzeln
Die Surfmusik ging aus dem instrumentalen Rock ’n’ Roll hervor, der in den USA gegen Ende der 1950er Jahre immer beliebter wurde. Wichtige frühe Stücke waren Green Mosquito von den Tune Rockers, der 12-Takt-Blues Rumble von Link Wray, Rebel-’Rouser von Duane Eddy und Tequila von den Champs (1958). Duane Eddy prägte besonders den Twang: einen oft kopierten Gitarrenklang mit Reverb- und Tremoloeffekten. Mit Rebel-’Rouser erreichte er im Juli 1958 Platz 6 der US-Charts; bis 1962 folgten 15 weitere Top-40-Hits.
Instrumentaler Rock ’n’ Roll war stilistisch vielfältig. Rhythm-and-Blues-orientierte Gruppen standen neben Country-, Rockabilly- und anderen Einflüssen. Saxophon und Tasteninstrumente wie die Orgel wurden eingesetzt, doch die Gitarre dominierte. Seit 1959 verbreitete sich diese Musik besonders stark. Auch in Europa entstanden Erfolge: Die Shadows hatten im Juli 1960 mit Apache einen britischen Hit, Jørgen Ingmann erreichte mit einer Coverversion im Januar 1961 Platz 2 in den USA, und die Tornados gelangten im August 1962 mit Telstar als erste britische Rock-’n’-Roll-Band auf Platz 1 in Amerika.
Surfboom und kalifornische Szene
Der Aufstieg der Musik hing eng mit dem Surfboom zusammen. Im Januar 1960 erschien The Surfer, die erste ausschließlich dem Wellenreiten gewidmete Zeitschrift. Herausgeber John Severson verband darin Fotos und Material aus seinem Film Surf, den er 1958 bis 1959 auf Hawaii gedreht hatte. Dokumentarfilmer wie Bud Browne und Bruce Brown sowie Hollywoodfilme wie Gidget (1959), Where the Boys Are (1960), Beach Party (1963) und Surf Party (1964) machten „Strand, Sonne und Surfen“ populär. Besonders Gidget trug mit Fortsetzungen, Fernsehserie und Spin-off zur Verbreitung bei.
Aus einer kleinen Szene mit eigener Sprache und Kleidung wurde in den 1950er Jahren die beliebteste Wassersportart Amerikas. An den Stränden Südkaliforniens kamen an Wochenenden bis zu 30.000 Surfer zusammen. Dort liefen bei Strandpartys unter anderem Honky Tonk von Bill Doggett (1956) und Guitar Boogie von Arthur Smith (1958). Regionale Instrumentalgruppen entwickelten die Szene weiter: Moon Dawg der Gamblers (1960), Mr. Moto der Belairs (1961) und Stick Shift der Duals (1961). Stick Shift erreichte Platz 25 der US-Billboard-Charts und verband Musik mit Motorgeräuschen sowie einer Polizeisirene. Direkte Bezüge zum Surfen hatten Surfer’s Stomp der Marketts (1961, 1962 neu aufgelegt) und Surfin’ der Beach Boys (Dezember 1961).
Produzenten, Bands und Chart-Erfolge
Die Beach Boys setzten von Beginn an auf Gesang und wurden von den mehrstimmigen Arrangements afroamerikanischer Doo-Wop-Gruppen beeinflusst. Sie übten Stücke der Coasters und besonders der Four Freshmen. Ihr Titel 409 bezog sich auf den Chevrolet-V8-Motor und griff wie Stick Shift die Hot-Rod-Szene samt Motorgeräuschen auf.
Brian Wilson schrieb 409 mit Gary Usher. Usher wurde ein führender Produzent von Surf- und Hot-Rod-Musik in Südkalifornien, arbeitete als Produzent, Autor, Co-Autor und gelegentlich Musiker und gründete Studioprojekte mit wechselnden Musikern. Sein erfolgreichstes Projekt waren die Hondells: Little Honda, eine Brian-Wilson-Komposition, erreichte 1964 Platz 9 der US-Billboard-Charts. Die Beach Boys kamen 1963 mit Surfin’ U.S.A., einer Note-für-Note-Kopie von Chuck Berrys Sweet Little Sixteen, und Surfer Girl in die Top Ten. Weitere Top-Ten-Hits waren Wipe Out, Pipeline, Surfin’ Bird der Trashmen (1963), Out of Limits der Marketts (1964) und Penetration der Pyramids (1964).
Anthony Hilder produzierte zahlreiche kalifornische Bands und verkaufte ihre Aufnahmen an verschiedene Plattenfirmen, oft auch für Sampler. Sein Geschäft beruhte vor allem auf dem Lizenzhandel mit Aufnahmebändern; dieselbe Aufnahme wurde teilweise an mehrere Labels verkauft. Bei seinen Produktionen wirkten professionelle Musiker wie Al Garcia und seine Rhythm beziehungsweise Soul Kings mit, wodurch etwa Sentinals und Centurians lateinamerikanische Einflüsse erhielten.
Autos, Jugendkultur und Grenzen des Genres
Südkalifornien besaß eine breite wohlhabende Mittelschicht. Neue Vorstädte, Autos und mehr Freizeit stärkten eine Jugend- und Freizeitindustrie. 1954 fuhren etwa von rund 100 Millionen Fahrzeugen weltweit die Hälfte auf amerikanischen Straßen. Teenager wurden damit zu einer wichtigen Zielgruppe für Modetänze und Musik. Die Fernsehshow American Bandstand, seit 1957 landesweit mit Dick Clark, stellte regelmäßig neue Tänze vor. Besonders erfolgreich war der Twist, den Chubby Checker mit The Twist (1960) popularisierte.
Daneben waren Car Songs über Autos, Rennen und Motorräder verbreitet. Beispiele sind Rocket “88” von Jackie Brenston (1951) über den Oldsmobile 88 und Maybellene von Chuck Berry (1955) vor dem Hintergrund eines Autorennens. Die Beach Boys veröffentlichten Little Deuce Coupe (1963) als ganzes Hot-Rod-Album, Dick Dale Checkered Flag (1963). Surfmusik und Hot-Rod-Musik standen daher in derselben kalifornischen Trendwelt, waren aber nicht dasselbe.
Die Öffentlichkeit verband Surfkultur häufig mit den kitschigen Stereotypen der Hollywood-Strandfilme. Surfer lehnten diese ab. Puristen der instrumentalen Surfmusik schlossen vokale Surfmusik konsequent aus dem Genre aus, obwohl vermutlich selbst in Kalifornien die vokale, von den Beach Boys vertretene Musik bevorzugt wurde.
Nachwirkung und Wiederbelebungen
Der dauerhafte Erfolg der Beach Boys und Wiederveröffentlichungen ihrer Platten hielten Surfmusik im Bewusstsein. Instrumentale Surfbands und Hot-Rod-Musik gerieten dagegen ab Mitte der 1960er Jahre überwiegend in Vergessenheit. Die Beach Boys etablierten einen regionalen Stil, der landesweit wahrgenommen wurde und besonders eng mit Kalifornien verbunden war.
Ein erstes Revival begann 1974: Capitol veröffentlichte das Doppelalbum Endless Summer mit Beach-Boys-Stücken von 1962 bis 1965. Es erreichte Platz 1 der US-Billboard-Charts; die erneut veröffentlichte Single Surfin’ U.S.A. kam auf Platz 37. Musiker griffen danach instrumentalen Rock ’n’ Roll und Surfmusik sehr unterschiedlich auf, von Ricky King bis zu Agent Orange, die Ende der 1970er Surfmusik mit Punk verbinden wollten. Die Barracudas erreichten mit Summer Fun 1980 Platz 37 der britischen Charts.
Rhino Records veröffentlichte 1982 die dreiteilige Reihe The History of Surf Music; ihr dritter Teil The Revival enthielt Surfbands aus den Jahren 1980 bis 1982, die aber keinen nennenswerten Erfolg hatten. Dick Dale veröffentlichte 1983 nach langer Zeit wieder ein Album. Man or Astro-man? griff ab 1992 den instrumentalen Rock ’n’ Roll als „Space-age Surf“ auf. 1994 machte der Erfolg des Films Pulp Fiction instrumentale Surfmusik erneut etwas populärer: Der Soundtrack enthielt Stücke der Tornadoes, Dick Dale, Centurians und Lively Ones.