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Struwwelpeter
Struwwelpeter (auch Der Struwwelpeter) ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 und zugleich …
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Werk, Bedeutung und Entstehung
„Struwwelpeter“ beziehungsweise „Der Struwwelpeter“ ist ein Bilderbuch des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844; zugleich heißt so seine Titelfigur. Das seit 1845 gedruckte Werk erzählt in gereimten Bildergeschichten meist von Kindern, deren unvorsichtiges oder verbotenes Verhalten drastische Folgen bis hin zum Tod hat. Es gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern, wurde in zahlreiche Sprachen übertragen und prägte Ausdrücke wie „Zappelphilipp“, „Suppenkaspar“ und „Hanns Guck-in-die-Luft“.
Hoffmann entwarf das Buch im Dezember 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn Carl. Da er kein altersgerechtes Bilderbuch fand, gestaltete er selbst ein Schreibheft. Freunde überzeugten ihn später von einer Veröffentlichung; besonders wichtig war dabei der Verleger Zacharias Löwenthal, später Carl-Friedrich Loening. Die Erstausgabe erschien 1845 unter Hoffmanns Pseudonym Reimerich Kinderlieb und trug den Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren“. Der Artikel macht zur Umbenennung unterschiedliche Angaben: Im Abschnitt zur Entstehung wird die 4. Auflage von 1847 genannt, im Abschnitt zur Überlieferung dagegen die dritte, ebenfalls 1847 erschienene Auflage. Seit 1858 erschienen veränderte Darstellungen; 1861 erhielt die Titelfigur ihr heutiges Aussehen.
Figuren und zentrale Geschichten
Die kürzeste Erzählung handelt vom Struwwelpeter selbst. Peter lässt sich fast ein Jahr lang weder Haare noch Nägel schneiden und wird deshalb als ungepflegt verspottet. Hoffmann bezeichnete ihn auch als „ungeleckten Bären“.
Die übrigen Geschichten verbinden Fehlverhalten, Warnung und Folge auf unterschiedliche Weise:
- Der „bitterböse Friederich“ quält Tiere, bis ihn ein großer Hund tief ins Bein beißt.
- Paulinchen spielt trotz der Warnungen ihrer Katzen Minz und Maunz mit Zündhölzern. Ihr Haar fängt Feuer, und sie verbrennt bis auf die Schuhe. Die Geschichte reagierte auf eine damals neue Gefahr: Streichhölzer erleichterten das Feuermachen so stark, dass auch Kinder sie benutzen konnten. Der historische Titel „Feuerzeug“ bezeichnete allgemein Hilfsmittel zum Feuermachen.
- Drei Jungen verspotten einen Schwarzen wegen seiner Hautfarbe. „Nikolas“ taucht sie zur Strafe in ein Tintenfass, sodass sie noch schwärzer werden. In der Neuausgabe von 1859 ersetzte Hoffmann Arabesken durch Davidsterne, möglicherweise als Hinweis auf die bedrückende Lage der Frankfurter Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
- Konrad lutscht trotz des Verbots seiner Mutter weiter am Daumen. Daraufhin schneidet ihm ein Schneider mit einer übergroßen Schere beide Daumen ab.
- Der Suppen-Kaspar verweigert seine Suppe und verhungert innerhalb weniger Tage. Die Geschichte von 1844 gilt als erste literarische Beschreibung der Magersucht; Hoffmann machte damit als Arzt und Psychiater das Krankheitsbild der Anorexia nervosa einem breiten Publikum bekannt.
- Zappel-Philipp kann am Tisch nicht still sitzen, kippelt mit dem Stuhl und reißt beim Sturz Tischdecke und Mahlzeit zu Boden.
- Hanns Guck-in-die-Luft schaut auf dem Schulweg zum Himmel, rennt zunächst einen Hund um und fällt danach samt Schulmappe ins Wasser.
- Der fliegende Robert verlässt trotz Sturm das Haus und wird von Wind und Regenschirm fortgetragen.
Eine Ausnahme bildet die Geschichte vom wilden Jäger: Sie handelt nicht von einem unartigen Kind, sondern von einer „verkehrten Welt“. Ein Hase nimmt dem Jäger die Flinte ab, besiegt damit die stärkere Autorität und lässt ihn in einen Brunnen fallen. Der Vorspruch des Buches beginnt mit „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind“ und steht gewöhnlich auf der Rückseite.
Deutungen und Kritik
Die klinische Psychologie und Jugendpsychiatrie beziehen einige Figuren auf psychiatrische Krankheitsbilder. Zappel-Philipp gilt dabei als volkstümliches Symbol einer Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität; ADHS wurde im deutschsprachigen Raum deshalb teilweise „Zappelphilipp-Syndrom“ genannt. Hanns Guck-in-die-Luft wird dagegen gelegentlich als verträumter Typ einer Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität verstanden. Der böse Friederich kann als Beispiel für eine Störung des Sozialverhaltens gelesen werden. Solche neueren Deutungen sind mögliche Lesarten und keine im Buch gestellten Diagnosen.
Kritisiert wird vor allem die Erziehung durch Angst, Strafe und abschreckende Gegenbeispiele. Karl Ernst Maier zufolge lässt sich das Werk heute nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit als Haus- und Erziehungsbuch verwenden wie früher. Einwände richten sich gegen die negativen Verhaltensmodelle, eine „repressive Strafpädagogik“ und die autoritär-dogmatische Form der ethischen Erziehung. Teilweise gilt das Prinzip „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ als Beispiel Schwarzer Pädagogik, also einer Erziehung mit Einschüchterung, Gewalt oder Demütigung. Andere Leser verstehen die drastischen Geschichten eher als Schwarzen Humor und Satire. Die Bewertung ihrer Wirkung auf Kinder bleibt daher umstritten.
Überlieferung und internationale Verbreitung
Das Urmanuskript von 1844 mit dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder“ befindet sich seit 1902 im Germanischen Nationalmuseum. Die Universitätsbibliothek Frankfurt besitzt eine umfangreiche Sammlung von Ausgaben und Bearbeitungen, darunter deutsche Ausgaben von 1845 bis in die Gegenwart.
Vom Buch sind mehr als 540 Auflagen erschienen. Es wurde verfilmt, vertont, in Blindenschrift veröffentlicht und in sehr viele Sprachen übersetzt. Die klassische englische Übersetzung von Mark Twain trägt den Titel „Slovenly Peter“. Eine Ausgabe überträgt den Text in 25 deutsche Mundarten; außerdem existieren lateinische und sogar mittelhochdeutsche Nachdichtungen.
Auch außerhalb des Buches blieb der Stoff präsent. 1955 entstand in der Bundesrepublik Deutschland der Film „Der Struwwelpeter“. Zu den musikalischen Bearbeitungen gehören Norbert Schultzes 1937 uraufgeführtes Ballett, Kurt Hessenbergs „Struwwelpeter-Kantate“ von 1949, Cesar Bresgens szenische Kantate von 1953 und Siegfried Köhlers Liederzyklus „Der Struwwelpeter“ op. 31 von 1968. Die Rockbands Rammstein und Knorkator griffen einzelne Geschichten auf. Die groteske „Junkopera“ „Shockheaded Peter“ von Phelim McDermott und Julian Crouch mit Musik von Martyn Jacques wurde am 31. März 1998 in Leeds uraufgeführt; ihre deutschsprachige Erstaufführung fand am 10. November 2000 in Hamburg statt.
Seit 1977 besteht in Frankfurt am Main ein Struwwelpeter-Museum, das dem Werk und Heinrich Hoffmann gewidmet ist. Sonderausstellungen behandelten seine Kulturgeschichte unter anderem in Oberhausen, Dortmund-Marten und im Museum Obere Saline. Ein 1994 errichteter Struwwelpeter-Park in Bad Tabarz erinnert daran, dass Hoffmann dort von 1884 bis 1894 seine Sommerfrische verbrachte. Briefmarken der Bundesrepublik zeigten 1994 mehrere Figuren des Buches und 2009 Hans Guck-in-die-Luft mit einem der schwarzen Buben.
Adaptionen und Parodien
Bearbeitungen des Werkes heißen „Struwwelpetriaden“. Sie entstanden schon kurz nach der Erstveröffentlichung und übernehmen meist Reimform, Figuren oder Aufbau des Originals, um neue Erziehungsfragen, gesellschaftliche Konflikte oder politische Ereignisse darzustellen. Bereits 1848 erklärten die „Fliegenden Blätter“ den unangepassten Langhaarigen zum Revolutionär.
Frühe Beispiele sind Henry Ritters „Der politische Struwwelpeter“ von 1849 über die Deutsche Revolution 1848/49, „Die Struwwelsuse“ von 1850, der anonyme „Militär-Struwwelpeter“ von 1877 und Carl Heinrich Stratz’ makabre medizinische Parodie „Kurzer gynaekologischer Struwelpeter“, erstmals 1882 veröffentlicht. „Struwelliese“ von etwa 1890 übertrug das Muster auf Mädchenfiguren, die jedoch nicht sterben, sondern nach Unfällen gerettet werden und sich bessern. Der 1895 anonym erschienene „Ägyptische Struwwelpeter“ verlegte den Stoff ins alte Ägypten.
Politische Satiren nutzten die allgemein bekannten Geschichten besonders häufig. Fried Stern kritisierte 1914 im „Struwwelpeter von heute“ die inzwischen überholten Erziehungsvorstellungen. Während der Weltkriege wurden Figuren auf politische Gegner übertragen: „Struwwelhitler“ von Robert und Philip Spence erschien 1941 und machte unter anderem Hitler zum Zappelphilipp, Mussolini zu Hanns Guck-in-die-Luft und Josef Stalin zum Nikolas. Robert Colling-Pyper und Margaret Stavridi veröffentlichten 1943 in Britisch-Indien „Schicklgrüber – Der Anti-Hitler-Struwwelpeter“. Eckart und Rainer Hachfeld bezogen „Der Struwwelpeter neu frisiert“ 1969 auf die westdeutsche Politik der Großen Koalition. F. K. Waechters „Antistruwwelpeter“ von 1970 wandte sich gegen gesellschaftliche Tabus und repressive Erziehung.
Andere Fassungen aktualisierten die Gefahrenwelt. „Die Struwwelliese“ von 1950 warnte etwa vor Elektrizität und Autoverkehr. Das DDR-Buch „So ein Struwwelpeter“ von 1970 behandelte unter anderem übermäßigen Fernsehkonsum und milderte die Strafen; der „SuperStruwelpeter“ von 1993 nahm weitere Gegenwartsprobleme auf. Moderne Comicfassungen von 2009 behandelten staatlich unterdrückte Aufsässigkeit oder neue kindliche „Unsitten“ wie Unachtsamkeit im Straßenverkehr und Chaos im Kinderzimmer. „Der Cyber-Peter“ von 2013 machte aus Hanns Guck-in-die-Luft einen „Hanns-Guck-auf-den-Bildschirm“. Am 6. Juni 2018 zeigte das ZDF „Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“, eine in die Gegenwart versetzte Interpretation. Die Vielzahl politischer, pädagogischer, sprachlicher, musikalischer und zeichnerischer Neubearbeitungen zeigt, wie stark die Grundmuster und Figuren des Originals in der Kultur verankert sind.