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Stadt ohne Namen (Kurzgeschichte)

Stadt ohne Namen (englisch The Nameless City) ist der Titel einer phantastischen Horrorgeschichte des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft, die im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Bedeutung
  2. 2. Expedition in die Ruinenstadt
  3. 3. Die unterirdische Zivilisation
  4. 4. Entstehung und Vorbilder
  5. 5. Veröffentlichung und Beurteilung

Werk und Bedeutung

„Stadt ohne Namen“ (englisch „The Nameless City“) ist eine phantastische Horrorgeschichte des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft. Er schrieb sie im Januar 1921; im November 1921 wurde sie erstmals im Amateurmagazin „Wolverine“ gedruckt. Die Erzählung führt einen namenlosen Archäologen in eine uralte Ruinenstadt im Inneren der arabischen Wüste. Unter der Stadt entdeckt er die Spuren einer hoch entwickelten Zivilisation reptilienartiger Wesen.

Das Werk ist besonders bedeutsam, weil darin erstmals Abdul Alhazred erscheint, der „wahnsinnige Araber“ und spätere Verfasser des fiktiven „Necronomicons“. Mit den Wandmalereien, Fresken und Reliefs einer scheinbar untergegangenen Zivilisation nimmt die Geschichte außerdem Elemente des späteren Kurzromans „Berge des Wahnsinns“ vorweg.

Expedition in die Ruinenstadt

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Archäologe. Im kalten Mondschein erreicht er die „verfallen und stumm“ im Inneren der Arabischen Wüste liegende Stadt ohne Namen. Araber und Scheichs meiden den Ort, der bereits vor der Gründung von Memphis und Babylon bestanden haben soll. Der Erzähler erinnert sich an die Abdul Alhazred zugeschriebenen Verse: „Das ist nicht tot, was ewig liegt, / Bis daß die Zeit den Tod besiegt.“

Erst in der Morgendämmerung betritt er die Stadt. Zwischen den Ruinen fallen ihm ungewöhnliche und beunruhigende architektonische Proportionen auf. Am nächsten Tag legt er einen vom Sand bedeckten Eingang frei. Dahinter findet er einen unterirdischen Tempel, der so niedrig ist, dass ein Mensch darin nicht aufrecht gehen kann. Einfache Symbole und primitive Altäre lassen ihn vermuten, dass dort einst eine fremdartige Rasse grausame Riten vollzogen haben könnte.

Trotz der einbrechenden Nacht setzt er seine Untersuchung fort. In einem größeren Tempel entdeckt er Spuren alter Malerei und einen engen Tunnel. Über eine scheinbar endlose, steile Treppe steigt er tief hinab. Er zwängt sich durch einen niedrigen Gang, während seine Fackel erlischt. In der Dunkelheit denkt er an Texte und Aussprüche Abdul Alhazreds, an Zeilen aus dem „L’Image du monde“ des Walther von Metz sowie an Lord Dunsany und Thomas Moore.

Die unterirdische Zivilisation

Eine schwache Phosphoreszenz, also ein ohne erkennbare Wärme entstehendes Leuchten, macht in einem Gang sargähnliche Holzkisten mit Glasfronten sichtbar. Der Erzähler folgt einem Lichtschimmer und gelangt in eine kunstvoll ausgestattete Halle mit zahlreichen Wandmalereien. In den Kisten liegen mumifizierte Wesen in kostbaren Gewändern. Ihre nicht klassifizierbaren, grotesken Körper erinnern teils an Krokodile, teils an Seehunde.

Aus den Fresken rekonstruiert der Archäologe die Geschichte dieser Wesen: Kriege, kulturellen Aufstieg über das Niveau Ägyptens und Chaldäas hinaus und schließlich den Verfall ihrer Zivilisation. Er hält die Bilder zunächst für Allegorien, also sinnbildliche Darstellungen, und vergleicht sie mit der Kapitolinischen Wölfin. Beunruhigend erscheinen ihm die zunehmende Grausamkeit gegenüber der Außenwelt und die körperliche Verkümmerung der dargestellten Menschen, während die reptilienartigen Wesen als „heilige Reptilien“ auftreten.

Am Ende der Halle öffnet sich hinter einem Tor kein weiterer Raum, sondern ein leuchtender, scheinbar endloser Abgrund. Der Anblick wirkt, als blicke man „vom Gipfel des Mount Everest auf ein Meer sonnenbestrahlten Nebels“. Bald hört der Erzähler einen anschwellenden Ton. Zugleich entsteht ein heftiger Sturm, der in kreischendes Geheul übergeht. Er klammert sich am Boden fest, um nicht in den Abgrund gerissen zu werden, und wiederholt Alhazreds Lied. In der Kakophonie, einem schrillen Gemisch unharmonischer Geräusche, glaubt er sprachliche Formen und Flüche zu erkennen. Schließlich sieht er eine heranrasende Horde: Es sind die kriechenden Reptilien der Stadt ohne Namen. Wie er dem Abgrund entkommt, bleibt unklar; später weiß er nur noch, dass ihn ein unbekannter „Höllenengel“ ins Leben zurückgeführt habe.

Entstehung und Vorbilder

„Stadt ohne Namen“ war Lovecrafts erstes im Jahr 1921 verfasstes Werk. Am 26. Januar schrieb er Frank Belknap Long, er habe die Geschichte „soeben abgeschlossen und getippt“. Nach Lovecrafts eigenen Angaben war er mit zwei ersten Ansätzen unzufrieden und fand erst beim dritten Versuch den passenden Ton.

Die Erzählung beruht nach seiner Aussage auf einem Traum. Ausgelöst worden sei dieser durch die Formulierung „Die stumme Schwärze des Abgrunds“ („the unreverberate blackness of the abyss“) aus Lord Dunsanys Kurzgeschichte „The Probable Adventure of the Three Literary Men“, die in der Sammlung „The Book of Wonder“ erschien. Lovecraft zitiert diese Wendung in seiner eigenen Geschichte.

Eine weitere Quelle war der Artikel „Arabia“ in der neunten Auflage der „Encyclopædia Britannica“. Lovecraft übertrug daraus Passagen in sein Anfang 1920 begonnenes „Commonplace Book“, ein Notizbuch für flüchtig festgehaltene „Ideen, Bilder und Zitate“, die er später literarisch verwenden wollte. Darunter befand sich eine Beschreibung Irems, einer im Koran erwähnten vorzeitlichen „Stadt der Säulen“. Sie soll vom letzten Despoten von ʿĀd, Shedad, in der Gegend von Hadramaut erbaut worden sein. Nach der Vernichtung ihrer Einwohner sei sie für gewöhnliche Menschen unsichtbar, könne aber gelegentlich von einem besonders begnadeten Reisenden gesehen werden.

Der Erzähler deutet an, die namenlose Stadt sei noch älter als Irem. Nach Sunand T. Joshi könnte dies den Abdul Alhazred zugeschriebenen Reim erklären: Möglicherweise begegneten bereits die Bewohner Irems an diesem selbst von den Sagen vergessenen Ort einem Grauen. Lovecrafts spätere Notizen zu seinem Traum schildern außerdem einen Mann, der in einer seltsamen unterirdischen Kammer eine Bronzetür aufzubrechen versucht und dabei von eindringendem Wasser überwältigt wird.

Veröffentlichung und Beurteilung

Lovecraft schätzte die Geschichte selbst sehr, doch zahlreiche Zeitschriften lehnten sie ab. Nach der Erstveröffentlichung im November 1921 erschien sie erst im Herbst 1936 wieder, kurz vor Lovecrafts Tod, und zwar im halbprofessionellen Magazin „Fanciful Tales“. Weitere Veröffentlichungen folgten im November 1938 in „Weird Tales“ und 1939 in der Sammlung „The Outsider and Others“ bei Arkham House. Die deutsche Übersetzung von Charlotte Gräfin von Klinckowstroem erschien 1973 im Sammelband „Stadt ohne Namen“ der Reihe „Bibliothek des Hauses Usher“; 1981 wurde sie in Band 52 der „Phantastischen Bibliothek“ bei Suhrkamp veröffentlicht.

Die literaturwissenschaftliche Bewertung fällt unterschiedlich aus. Sunand T. Joshi erklärt die lange Zeit bis zum Wiederabdruck mit der aus seiner Sicht minderen Qualität. Er kritisiert die überhitzte Sprache, unlogische Entwicklungen und ungeklärte Fragen: Der Text erkläre weder die Herkunft und ungewöhnliche Körperform der Kreaturen noch ihr Fortbestehen in der Tiefe. Auch begreife der Erzähler erst spät, dass die Wesen selbst die Stadt erbaut haben. Die Bedeutung der Erzählung liege vor allem darin, dass sie auf „Berge des Wahnsinns“ vorausweise. Dort griff Lovecraft zehn Jahre später das Szenario erneut auf und erklärte die ungewöhnlichen Wesen durch ihre außerirdische Herkunft.

Marco Frenschkowski urteilt positiver. Lovecraft habe dem bekannten Motiv archaischer Ungeheuer, die in einer Ruinenstadt überleben, durch sprachliche Verdichtung und die Namenlosigkeit des Ortes etwas Eigenständiges gegeben. Dadurch richte sich die Aufmerksamkeit auf Atmosphäre und Fremdartigkeit der in der Tiefe überlebenden Wesen; das Schicksal des menschlichen Beobachters werde nebensächlich. August Derleth übernahm die Stadt und weitere Elemente des Cthulhu-Mythos später in „Der Bewahrer des Schlüssels“ („The Keeper of the Key“) von 1951.

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