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Fremdsprachenlehr- und -lernforschung

In der persönlichen Rekonstruktion des Lernstoffs zeigt sich, was davon vom Lerner verstanden wurde und was nicht. Aufgrund des besonderen Verhältnisses von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Ziel und Forschungsfragen
  2. 2. Natürlicher und schulischer Spracherwerb
  3. 3. Bezugswissenschaften und Entwicklungsmodelle
  4. 4. Schulische Ziele und integrierter Unterricht
  5. 5. Kommunikative Kompetenz und Textbildung
  6. 6. Unterrichtsanalyse und Professionalisierung

Gegenstand, Ziel und Forschungsfragen

Die schulische Fremdsprachenlehr- und -lernforschung (SFLLF) untersucht den natürlichen und den institutionellen, besonders den schulischen, Erwerb von Sprachen im Lebenslauf. Im Mittelpunkt steht meist das Lernen einer Fremd- oder Zweitsprache (L2). Die Forschung vergleicht natürliche und schulisch gesteuerte Lernwege, beschreibt altersabhängige Erwerbsverläufe und sucht nach Regelmäßigkeiten und Unterschieden. Als integrative angewandte Wissenschaft soll sie Erkenntnisse aus verschiedenen Fachgebieten mit der Unterrichtspraxis verbinden. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass seine Aussagen nicht hinreichend durch Belege abgesichert sind.

Vier Perspektiven bestimmen die Untersuchung: die Aufnahme- und Verarbeitungskompetenz des Lernenden, die Vermittlungskompetenz von Eltern und Lehrenden, die Bedeutung und Appellstruktur des Lernstoffs sowie die Passung dieser Faktoren und deren Wirkung auf Behalten und Vergessen. Dabei werden Ontogenese, also die persönliche Entwicklung über die Lebensspanne, und Aktualgenese, die Entstehung eines aktuellen Lern- oder Erkenntnisvorgangs, gemeinsam betrachtet.

Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1986 ins Leben gerufene Forschungszweig fragt insbesondere, ob schulische Maßnahmen das Lernverhalten breitenwirksam verbessern können. Ein einheitliches Strategietraining erreicht wegen der unterschiedlichen Lernenden und des großen Lernumfangs nicht alle Schüler. Als erstrebenswert gilt daher ein Wechsel zwischen Instruktion, Ko-Konstruktion und Konstruktion: Lehrende geben Anleitung, Experten unterstützen Novizen beim gemeinsamen Aufbau von Wissen, und Lernende arbeiten zunehmend selbstständig. Das Fach Deutsch als Fremdsprache entwickelte sich seit Ende der 1960er Jahre; Erkenntnisse der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung bezogen sich zunächst vor allem auf Erwachsene.

Natürlicher und schulischer Spracherwerb

Natürlicher Spracherwerb findet überwiegend beiläufig in einem soziokulturellen Lebenszusammenhang statt. Institutionelles Lernen vermittelt dagegen ausgewähltes Welt- und Sprachwissen kontrolliert, methodisch und systematisch. Es strukturiert und filtert Inhalte und passt sie an die Möglichkeiten der Lernenden sowie an gesellschaftliche und kulturelle Bedürfnisse an. Je nach Schulart bestehen unterschiedliche Bedingungen; frühkindliche Bildung, allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen müssen deshalb jeweils gesondert betrachtet werden.

Die SFLLF untersucht Lernende als Individuen und berücksichtigt unter anderem Alter, Vorwissen, Begabung, Lerntyp und Lernstil. Außerdem fragt sie, wie Lernstoff und Vermittlungsweg zu diesen Merkmalen passen. Monolinguale und bilinguale Ausgangslagen können sehr verschieden sein: Manche Lernende wachsen mit einem Dialekt auf und erwerben später die Hochsprache, andere verwenden zu Hause und in ihrer Umgebung unterschiedliche Dialekte oder lernen neben einer hochsprachlichen Muttersprache eine Fremdsprache. Offen bleibt laut Artikel unter anderem, wie die Qualität der Erstsprache (L1) die natürliche oder institutionell gelernte L2 beeinflusst.

Mit dem Schuleintritt verändert sich das Lernen grundlegend. Neben den in der Kindheit vorherrschenden impliziten, also weitgehend unbewussten Lernformen gewinnen explizite, bewusste Lernformen an Bedeutung. Schüler werden exemplarisch in abgegrenzte Bereiche des Weltwissens eingeführt, betrachten Sprache systematisch und erlernen Techniken des selbstständigen und gemeinsamen Lernens.

Sprachstandserhebungen im vierten Lebensjahr und vor dem Schuleintritt zeigen dem Artikel zufolge in manchen Bevölkerungsgruppen problematische Entwicklungen, besonders bei einem Teil der Immigranten. Gleichzeitig verlangt die europäische Mobilität sprachlich und situativ handlungsfähige Personen. Daraus entsteht für Schulen eine Spannung: Sie sollen einerseits schulisches Scheitern verhindern und andererseits leistungsstarke Schüler auf anspruchsvolle Aufgaben vorbereiten.

Bezugswissenschaften und Entwicklungsmodelle

Zentrale Bezugswissenschaft ist die Psycholinguistik, also die Erforschung der mentalen Grundlagen von Sprachverarbeitung und Spracherwerb. Sie fragt, wie sich Sprache im Individuum und in der Menschheitsentwicklung ausbildet, wie Sprache die Entwicklung des Gehirns beeinflusst und ob sich frühkindlicher und späterer Erwerb in der neuronalen Vernetzung unterscheiden. Die Entwicklungsneuropsychologie untersucht dabei den Übergang von impliziten zu stärker expliziten Lernformen.

Weitere Bezugswissenschaften sind Kulturanthropologie, Psychoneurobiologie, Kognitions-, Lern- und Entwicklungspsychologie sowie Pädagogik. Für fortgeschrittene Lernende kommen Semiotik, Psychotextlinguistik, Literaturdidaktik, Landeswissenschaft und Medienwissenschaft hinzu. Genannt werden außerdem allgemeine Didaktik, Erziehungswissenschaft, Bildungstheorie, deskriptive und angewandte Linguistik, Soziolinguistik, Literatur-, Text- und Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichte. Personalisation, Enkulturation und Sozialisation gelten als miteinander verbundene Entwicklungsaufgaben.

Lernstoff wird nicht einfach übernommen, sondern persönlich rekonstruiert. Dabei zeigt sich, was ein Lernender verstanden und behalten hat. Forschungen zu typischen Lernschwierigkeiten verschiedener Sprachgruppen – beispielsweise Deutsch für Ausländer, Le Français – langue étrangère und Español para estranjeros – sollen bei der Planung von Lernprogressionen helfen. Eine Progression ordnet Lerninhalte so an, dass Schwierigkeiten verteilt und schrittweise bewältigt werden. Die Sprachverlustforschung untersucht entsprechend das Vergessen, das unter anderem aus mangelndem Verstehen und Behalten entsteht.

Dem Artikel zufolge fehlen differentielle Novizenmodelle, die Anfänger verschiedener Altersgruppen und Lernlagen getrennt beschreiben. Schulische Fremdsprachenlernende, Lernende in einem immersiven L2-Lebensumfeld und bilinguale Personen mit unvollständiger Sprachentwicklung seien nicht gleichzusetzen. Gefordert wird ein dynamisches, ganzheitliches bilinguales Anfängermodell, das körperliche, neuronale, psychische und soziokulturelle Prozesse berücksichtigt. Konnektionistische Expertenmodelle, die Wissen aus vernetzten Einzelprozessen „von unten nach oben“ erklären, sollen dadurch ergänzt werden. Die im Artikel vertretene Auffassung, KI-Programme und symbolische Computermodelle seien hierfür bisher zu reduktiv, gehört zu den nicht ausreichend belegten Aussagen des Textes.

Schulische Ziele und integrierter Unterricht

Das übergeordnete Ziel weiterführender Schulen ist nach Darstellung des Artikels ein möglichst breit wirksamer mehrsprachiger und transkultureller Standard nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen. Dazu soll ein Bestand mündlicher und schriftlicher Textsorten für bestimmte Situationen festgelegt werden. Die rezeptive Leistung, also das Verstehen gelesener oder gehörter Texte, wird dabei deutlich höher eingeschätzt als die produktive Leistung beim eigenen Sprechen und Schreiben.

Als schulisches Richtziel wird genannt, dass Lernende beim Eintritt in das Berufsleben nach Kindheit, Schule und Ausbildung die Leistungsschwelle C1 überschreiten sollen. Einige Autoren verlangen deshalb eine Erhöhung des bisherigen institutionellen Leistungsrahmens. Welche Ziele tatsächlich langfristig erreichbar sind, muss jedoch unter den jeweiligen schulischen Bedingungen geprüft werden.

Für den allgemeinbildenden Fremdsprachenunterricht wird vor allem aus Zeitgründen eine integrierte Sprach- und Sacharbeit gefordert. Sprachliche Mittel und inhaltliches Wissen werden dabei gemeinsam entwickelt. Zu den Hauptbereichen gehören eine funktional-kommunikative Grammatik beim Übergang vom Satz zum Text, die Bildung und Analyse von Texten, eine anthropologisch verstandene Landeskunde, Literatur sowie transversale Themen. Als Beispiele für solche von der Kultusministerkonferenz vorgeschlagenen Querschnittsthemen nennt der Artikel Friedenserziehung, Europa, Umwelterziehung und Werteerziehung.

Die Bezeichnung SFLLF soll verdeutlichen, dass schulischer Spracherwerb zugleich Lernprozess und Erzeugung sprachlicher Produkte ist. Lernende müssen Inhalte bearbeiten, obwohl ihre Ausdrucksmöglichkeiten in L2 begrenzt sind. Bereichsmethodiken können verwandte Sprachen oder gemeinsame Aufgaben wie Textbildung erfassen; wegen großer Unterschiede zwischen einzelnen Sprachen bleibt jedoch auch eine sprachspezifische Betrachtung sinnvoll. Diese untersucht Vermittlungswege unter anderem für Phonetik, Intonation, Semantosyntax, Syntax und Pragmatik.

Kommunikative Kompetenz und Textbildung

Kommunikative Kompetenz umfasst zentrale sprachliche Fähigkeiten, die auch als Schlüsselqualifikationen für das Berufsleben gelten. Bildungsstandards sollen Richtwerte liefern, die manche Lernende über- und andere unterschreiten. Nach Einschätzung des Artikels sind die bestehenden Standards jedoch noch unscharf. Unter Bezug auf die Gauß’sche Normalverteilung wird angenommen, dass stets ein Anteil der Schüler die Ziele nicht erreicht; genannt wird ein Bereich von ungefähr ±20 Prozent. Zugleich bleibt die Frage offen, für welche Populationen die jeweiligen Standards gelten sollen.

Als Reaktionen auf unterschiedliche soziokulturelle Voraussetzungen nennt der Artikel Sprachstandserhebungen, eine stärkere vorschulische Bildung und Elternberatung. Diskutiert wird außerdem ein früherer Beginn schulischer Erziehung, wie er in Frankreich oder Spanien ab dem dritten Lebensjahr vorkomme.

Der zentrale Gegenstand schulischen Sprachlernens ist die mündliche und schriftliche Textnutzung. In der Kindheit dominiert zunächst der Dialog. Durch Lesen begegnen Kinder bereits rezeptiv monologischen schriftlichen Texten; das eigenständige Verfassen verschiedener Textarten wird hauptsächlich in der Schule eingeübt. Schriftlichkeit verlangt die Beachtung sprachlicher Normen und verändert Wortschatz und Syntax. Textproduktion ist anspruchsvoll, weil mehrere sprachliche und inhaltliche Ebenen koordiniert werden müssen.

Die grundlegende Herstellung einer Textoberfläche verläuft laut Artikel international ähnlich. Sprachlich und stilistisch vollständig muttersprachliche Beherrschung sei für gewöhnliche spät beginnende L2-Lernende dagegen auch nach einem Universitätsstudium kaum erreichbar. Einzelne Regeln lassen sich kontrastiv, also durch den Vergleich von Ausgangs- und Zielsprache, vermitteln. Situativ flexible Sprechstile entstünden jedoch erst durch einen längeren Aufenthalt im Zielland.

Unterrichtsanalyse und Professionalisierung

Für die Professionalisierung von Lehrenden ist entscheidend, welche methodischen Maßnahmen und Übungsformen das Behalten fördern und den großen Verlust gelernten Wissens bis zum Schulende verringern können. Eine einfache Antwort ist nach Darstellung des Artikels nicht möglich, weil zahlreiche Faktoren der mentalen Verarbeitung zusammenwirken. Genannt werden unter anderem Alter, Geschlecht, Begabung, Interessen, Emotionalität, Lerntyp, Lernstil und Vorwissen. Einige Aussagen des Artikels über geschlechtsspezifische Gehirnstrukturen und deren Bedeutung für das Lernen werden nicht hinreichend belegt.

Das zentrale Werkzeug der Unterrichtsplanung ist die methodische Analyse. Sie stimmt die Merkmale der Lernenden mit den Eigenschaften des Lernstoffs und des Vermittlungswegs ab und wird nach dem Unterricht zur Überprüfung und Verbesserung herangezogen. Die didaktische Analyse untersucht, welche Eigenschaften des curricular festgelegten Lernstoffs das Lernen fördern oder hemmen. Die Lerngruppenanalyse erfasst Voraussetzungen wie Alter, Geschlecht, Lerntyp, Lernstil und Vorwissen. Gemeinsames Ziel dieser Analysen ist die Behaltensförderung.

Unterricht soll daher weder ausschließlich aus Anleitung noch ausschließlich aus selbstständigem Entdecken bestehen. Die SFLLF bevorzugt eine abgestimmte Rhythmisierung von Instruktion, unterstützter Ko-Konstruktion und eigenständiger Konstruktion. Dabei werden Lernziele, Inhalte, Lernende und Vermittlungsformen fortlaufend aufeinander bezogen. So soll die Forschung dazu beitragen, schulischen Fremdsprachenerwerb wirksamer zu planen, ohne die Unterschiede zwischen individuellen Entwicklungswegen, Sprachen und institutionellen Bedingungen zu übersehen.

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