Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Sokratische Methode
Als sokratische Methode wird in philosophiegeschichtlicher und didaktischer Fachliteratur eine Vorgehensweise im Diskurs bezeichnet, die Platon in einer …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und zentrale Merkmale
Die sokratische Methode ist eine Form des philosophischen Gesprächs, die Platon in seinen literarisch gestalteten Dialogen vorführt. Sokrates tritt darin meist als Hauptsprecher auf. Die von Platon und anderen Sokratikern verfassten fiktiven Gespräche mit Sokrates werden sokratische Dialoge genannt.
Im Mittelpunkt stehen zwei miteinander verbundene Aspekte: die gemeinsame Suche nach Erkenntnis und ein didaktisches Vorgehen, bei dem Lernende nicht einfach belehrt werden. Durch gezielte Fragen sollen sie eigene Irrtümer erkennen und ihr Erkenntnispotenzial aktivieren.
Für die Erkenntnissuche sind drei Merkmale besonders wichtig:
- Gesucht wird eine korrekte Definition, die die wirkliche Natur des Untersuchungsgegenstands genau beschreibt.
- Mit dem sokratischen Elenchos werden unzureichend begründete Behauptungen und untaugliche Definitionsvorschläge geprüft und widerlegt.
- Ein gesamtes Gedankengebäude wird daraufhin untersucht, ob seine einzelnen Aussagen miteinander vereinbar, also stimmig, sind.
Definitionen als Ausgangspunkt
Das Definieren von Allgemeinbegriffen ist ein Hauptanliegen des platonischen Sokrates, besonders auf dem Gebiet der Ethik. Typische Fragen lauten „Was ist Tapferkeit?“ oder „Was ist Frömmigkeit?“. Die Frage „Was ist X?“ verlangt dabei keine frei vereinbarte Worterklärung im modernen Sinn. Sie zielt vielmehr auf eine objektiv richtige Bestimmung dessen, was die Natur oder das Wesen von X tatsächlich ausmacht.
Für jeden Untersuchungsgegenstand wird eine einzige schlechthin richtige Definition vorausgesetzt. Bezeichnet der Begriff eine Eigenschaft, muss die Definition genau das erfassen, was alle Träger dieser Eigenschaft – und nur sie – zu solchen macht. Eine Definition der Tapferkeit soll daher ausdrücken, was in jedem tapferen Menschen vorhanden ist und bewirkt, dass er tapfer ist. Wer diese Definition kennt, kann nicht nur erkennen, wer tapfer ist, sondern auch verstehen, warum dies der Fall ist. Eine ungefähre Vorstellung von Tapferkeit ist zwar ohne Definition möglich; philosophisches Verständnis setzt für Sokrates jedoch Definitionswissen voraus.
Umstritten ist, ob dieses Definitionswissen nach Auffassung des platonischen Sokrates jedem anderen Wissen über den Gegenstand vorausgehen muss. Das Problem lässt sich so ausdrücken: Wer nicht weiß, was F ist, könnte weder wissen, ob ein bestimmtes x ein Fall von F ist, noch ob F eine Eigenschaft P besitzt. Bei der Suche nach der Definition von F greift Sokrates aber selbst auf Beispiele von F zurück und setzt damit bereits voraus, dass diese Beispiele richtig erkannt wurden. Für diese Schwierigkeit werden in der Forschung unterschiedliche Lösungen vorgeschlagen.
Prüfung durch den Elenchos
Der sokratische Elenchos ist die prüfende Widerlegung von Aussagen. „Elenchos“ kann allgemein jede Widerlegung einschließlich einer nur scheinbaren Widerlegung durch Fehlschlüsse bezeichnen. Im sokratischen und platonischen Zusammenhang meint „Elenktik“ dagegen eine Rechenschaft über die Grundlagen einer Position. Sie soll von Scheinwissen befreien und eine Annäherung an die Wahrheit ermöglichen.
Der typische Ablauf besteht aus vier Phasen:
- Sokrates fragt, wie ein Begriff zu definieren ist: „Was ist X-heit?“ Der Gesprächspartner gibt eine erste Antwort.
- Sokrates stellt weitere relevante Fragen. Die Antworten dienen als Prämissen, also als Voraussetzungen, aus denen sich Folgen für die erste Definition ergeben.
- Er zeigt, dass diese Prämissen mit der ursprünglichen Antwort unvereinbar sind.
- Wenn die Prämissen richtig sind, kann die erste Definition nicht stimmen. Der Gesprächspartner muss sie ändern, eine neue Antwort versuchen oder seine Ratlosigkeit eingestehen.
Logisch beweist dieses Verfahren nicht unbedingt, dass die erste Definition an sich falsch ist. Es zeigt zunächst nur, dass sie nicht mit den akzeptierten Prämissen zusammenpasst. Diese Prämissen werden im Dialog nicht selbst auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Die Gesprächspartner halten sie gewöhnlich für offensichtlich richtig, während Sokrates einer ausdrücklichen Festlegung ausweicht.
Die Bedeutung dieses Vorgehens ist umstritten. Nach der „konstruktivistischen“ Deutung von Gregory Vlastos soll der Elenchos zu einem positiven Ergebnis führen und eine Antwort als richtig oder falsch erweisen. Vlastos räumt allerdings ein, dass dabei die Wahrheit der Prämissen nicht geprüft wird. Er nimmt an, Sokrates habe sie bis zum Beweis des Gegenteils für wahr halten können, weil sie auch zu seinem eigenen, bislang nicht als widersprüchlich widerlegten System gehörten. Nach der „nichtkonstruktivistischen“ Interpretation von Hugh Benson beweist Sokrates dagegen nicht die Falschheit einer einzelnen Antwort. Er zeigt nur, dass das Gesamtkonzept des Gesprächspartners unstimmig ist, und veranlasst ihn dadurch, es zu verändern.
Lernen durch Hebammenkunst
Die didaktische Seite der Methode heißt Mäeutik oder Maieutik, auf Deutsch „Hebammenkunst“. Im Dialog Theaitetos vergleicht Sokrates sein Vorgehen mit der Tätigkeit seiner Mutter, die Hebamme war: Wie eine Hebamme Frauen bei der Geburt hilft, unterstützt er Seelen dabei, eigene Einsichten hervorzubringen.
Der Gesprächspartner wird nicht direkt belehrt. Stattdessen soll er durch geeignete Fragen irrige Vorstellungen beseitigen und den tatsächlichen Sachverhalt selbst entdecken. Sokrates behauptet daher, kein Wissen weiterzugeben, sondern lediglich „Geburtshilfe“ zu leisten, wenn eine Seele gleichsam schwanger und bereit ist, eine Erkenntnis zu „gebären“. Platon stellt dies als Alternative zur herkömmlichen Vermittlung dar, bei der Lehrstoff weitergegeben und eingeübt wird.
Nach Sokrates besteht der wichtigste Teil dieser Kunst allerdings nicht in einer bloßen Fragetechnik. Entscheidend ist seine Fähigkeit einzuschätzen, welche „schwangeren“ Seelen wertvolle Erkenntnisse hervorbringen können und welche nur Untaugliches „gebären“ würden. Auf dieser Grundlage wählt er aus, wem er Geburtshilfe leistet.
Historische Unsicherheit und heutige Anwendungen
Ob die sokratische Methode tatsächlich auf den historischen Sokrates zurückgeht, ist stark umstritten. Der Ausdruck selbst kommt in den antiken Quellen nicht vor, sondern stammt aus neuzeitlichen philosophiegeschichtlichen Darstellungen. In Platons Apologie des Sokrates verweist Sokrates bei seiner Verteidigung im Jahr 399 v. Chr. jedoch auf seine „gewohnte Weise“ der Argumentation. Im Theaitetos beschreibt er die Mäeutik. Aristoteles nennt im 4. Jahrhundert v. Chr. zwei Errungenschaften, die dem historischen Sokrates mit Recht zuzuschreiben seien: eine heranführende Art der Herleitung, also eine Form induktiver Argumentation, und das Definieren von Allgemeinbegriffen.
Eine überzeugende Rekonstruktion der Philosophie des historischen Sokrates gilt heute dennoch als unmöglich. Es ist unklar, ob Aristoteles unabhängige Informationen besaß oder nur Platons Darstellung kannte. Einige Forscher bezweifeln sogar, dass Sokrates über eine systematische und theoretisch begründete Methode verfügte. Vielleicht besaß er zwar einen starken Willen, Unwissenheit zu verringern, und eine besondere Art der Definitionssuche, aber keine ausformulierte Theorie oder feste Folge methodischer Schritte. Auch ist umstritten, ob die Metapher der Hebammenkunst von Sokrates selbst oder von Platon stammt; einige Indizien sprechen für einen historischen Ursprung. Die meisten Forscher verwenden weiterhin Ausdrücke wie „sokratische Methode“, erkennen aber an, dass viele Einzelheiten ungeklärt sind.
In der modernen Didaktik bezeichnet „sokratisches Gespräch“ meist einen fragend-entwickelnden Unterricht. Lehrpersonal und Schülerschaft erschließen den Stoff interaktiv durch Fragen und Antworten, statt ihn ausschließlich in einem Lehrervortrag zu behandeln.
Auch die kognitive Verhaltenstherapie verwendet den sokratischen Dialog. Der Therapeut hinterfragt kognitive Verzerrungen und versucht mit „naiven“ Fragen, negative Grundannahmen des Patienten sichtbar zu machen. Er vermittelt keine eigenen Lösungsansätze, sondern hilft dem Patienten, Widersprüche in seinen Überzeugungen selbst zu entdecken. Dadurch werden seine kognitiven Schemata verunsichert und Veränderungen möglich. Dieses Verfahren ist häufig bei depressiven Störungen angezeigt.