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Bernhard Waldenfels

Zentrale Themen seines Schreibens sind Frage und Antwort sowie phänomenologische Studien zur Erfahrung, Fremdheit bzw. Alterität und Leiblichkeit.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und philosophischer Ansatz
  2. 2. Fremdheit, Ordnung und Erfahrung
  3. 3. Ausbildung und akademischer Weg
  4. 4. Wichtige Schriften
  5. 5. Auszeichnungen

Bedeutung und philosophischer Ansatz

Bernhard Waldenfels (* 17. März 1934 in Essen; † 23. Januar 2026 in München) war ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer. Er gilt als einer der wichtigsten Denker der deutschsprachigen Phänomenologie seiner Zeit. Phänomenologie untersucht, wie Menschen Dinge, andere Menschen und die Welt erfahren. Waldenfels entwickelte eine responsive, also auf Antwort bezogene und leiblich verankerte Phänomenologie. Im Mittelpunkt stehen Frage und Antwort, Erfahrung, Fremdheit beziehungsweise Alterität sowie Leiblichkeit.

Sein Denken knüpft an Edmund Husserl, Martin Heidegger und Alfred Schütz an und bezieht besonders neuere französische Philosophie ein, darunter Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Emmanuel Levinas. Waldenfels machte diese französischen Ansätze im deutschsprachigen Raum bekannter und übersetzte zentrale Werke Merleau-Pontys ins Deutsche. Nach Lambert Wiesing arbeitete er Merleau-Pontys Bedeutung für eine phänomenologische Bildtheorie heraus: Diese setzt bei der Beziehung zwischen dem Sichtbarmachen in Bildern und dem Sichtbarwerden in der Anschauung an.

Fremdheit, Ordnung und Erfahrung

Ein Hauptthema Waldenfels’ ist die Ordnungsschwundstufe der Moderne. Den Begriff des Fremden untersucht er über die Frage, wie Ordnungen funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Das Fremde ist dabei das Außerordentliche: etwas, das innerhalb einer bestimmten Ordnung nicht sagbar, denkbar oder erfahrbar ist und dort keinen Platz findet.

Fremdheit besteht daher stets nur in Beziehung zu einer Ordnung. Unterschiedliche Ordnungen erzeugen unterschiedliche Formen des Fremden. Waldenfels formuliert dies mit Bezug auf Foucault so: „So viele Ordnungen, so viele Fremdheiten. Das Außer-ordentliche begleitet die Ordnung wie ein Schatten.“ Seine Arbeiten fragen damit nach den Bedingungen und Möglichkeiten, Fremdes zu verstehen, ohne es einfach in das bereits Bekannte einzuordnen. Seine phänomenologischen Werke wurden unter anderem ins Englische, Französische, Italienische, Japanische, Spanische, Türkische, Serbokroatische und Russische übersetzt.

Ausbildung und akademischer Weg

Waldenfels studierte Philosophie, Psychologie, klassische Philologie, Theologie und Geschichte in Bonn, Innsbruck, München und Paris. 1959 promovierte er in München mit Das sokratische Fragen: Aporie, Elenchos, Anamnesis. 1960/61 legte er das Staatsexamen in Griechisch, Latein und Geschichte ab. Während eines Studienaufenthalts in Paris von 1960 bis 1962 studierte er bei Paul Ricoeur und Maurice Merleau-Ponty; beide beeinflussten sein Denken stark.

1967 habilitierte er sich in München mit Das Zwischenreich des Dialogs: sozialphilosophische Untersuchungen in Anschluss an Edmund Husserl. Nach Tätigkeiten als Lehrer sowie als Universitätsdozent und außerordentlicher Professor in München wurde er 1976 ordentlicher Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Dort forschte und lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1999. Von 1975 bis 2016 war er Herausgeber der Philosophischen Rundschau. Er war Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung und hatte zahlreiche Gastprofessuren, etwa in Rotterdam, Paris, New York, Rom, Prag, Wien und Hongkong.

Seit 2009 besteht an der Universität Freiburg das Bernhard Waldenfels-Archiv. Waldenfels schenkte der Universität seinen umfangreichen Vorlass.

Wichtige Schriften

Zu seinen zentralen Büchern gehören Das sokratische Fragen (1961), Das Zwischenreich des Dialogs (1971), Phänomenologie in Frankreich (1983), Ordnung im Zwielicht (1987), Der Stachel des Fremden (1990), Einführung in die Phänomenologie (1992), Antwortregister (1994) und die vierbändige Reihe Studien zur Phänomenologie des Fremden: Topographie des Fremden (1997), Grenzen der Normalisierung (1998), Sinnesschwellen (1999) und Vielstimmigkeit der Rede (1999).

Weitere für seine Themenfelder typische Arbeiten sind Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes (2000), Bruchlinien der Erfahrung (2002), Phänomenologie der Aufmerksamkeit (2004), Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden (2006), Ortsverschiebungen, Zeitverschiebungen: Modi leibhaftiger Erfahrung (2009), Sozialität und Alterität: Modi sozialer Erfahrung (2015), Erfahrung, die zur Sprache drängt (2019) und Globalität, Lokalität, Digitalität. Herausforderungen der Phänomenologie (2022). Als Editor und Übersetzer gab er unter anderem Werke von Maurice Merleau-Ponty und Edmund Husserl heraus.

Auszeichnungen

Waldenfels erhielt 2012 die Ehrendoktorwürde der Universität Rostock, 2017 den Sigmund-Freud-Kulturpreis, 2021 den mit 50.000 Euro dotierten Dr.-Leopold-Lucas-Preis und 2024 die Ehrendoktorwürde der Università degli Studi di Cagliari.

Der Dr.-Leopold-Lucas-Preis wurde ihm für ein Schaffen verliehen, das „die Bedingungen und Möglichkeiten des Verstehens von Fremdem auslotet“. Die Jury hob seinen Versuch hervor, einen phänomenologischen Diskurs zu entwickeln, der beschreiben kann, wie sich Fremdes im instabilen und pluralistischen Terrain der Erfahrung offenbart und erkennbar bleibt.

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