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Geschichte der Philosophie
Die Geschichte der Philosophie oder Philosophiegeschichte hat die Entwicklung des theoretischen Nachdenkens über die Welt und die in ihr herrschenden Prinzipien …
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Gegenstand, Bedeutung und Nutzen
Die Geschichte der Philosophie untersucht die Entwicklung des theoretischen Nachdenkens über die Welt und ihre Prinzipien – vom Beginn der europäischen Philosophie im antiken Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis zur Gegenwart. Philosophiegeschichtsschreibung stellt frühere Entwürfe nicht nur dar, sondern interpretiert sie in ihrem historischen Zusammenhang und fragt, was sich aus ihnen für die Gegenwart lernen lässt. Die Theorie der Philosophiegeschichte untersucht wiederum die Methoden, Kategorien und Bedeutung dieses historischen Zugangs.
Philosophische Grundfragen kehren immer wieder, obwohl sich Gesellschaft und wissenschaftliches Wissen verändern. Berühmt sind Immanuel Kants Fragen: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Deshalb spricht man von Philosophia perennis, einer „immerwährenden Philosophie“. Anders als die Einzelwissenschaften ersetzt Philosophie frühere Theorien nicht einfach durch neue. Ihre Erfahrungsbasis besteht wesentlich in den geschichtlich entwickelten Argumenten und Theorien. Gegenwärtiges Philosophieren muss frühere Antworten kennen, sie kritisch prüfen und sich von Alternativen abgrenzen.
Der Geschichtsbezug kann verschiedene Aufgaben erfüllen: Er informiert über Personen, Werke und Positionen; klärt Begriffe und Argumentationszusammenhänge; verfolgt wiederkehrende Probleme und unterschiedliche Antworten; fragt nach möglichem Fortschritt; und untersucht selbstkritisch die Entwicklung der Philosophiegeschichtsschreibung. Darstellungen können personen-, werk-, problem- oder epochenorientiert sowie dokumentarisch, polemisch, narrativ, argumentativ oder hermeneutisch sein. Hermeneutik bedeutet hier die auslegende Erschließung eines Textes in seinem Zusammenhang. Weil jede Darstellung bereits auswählt und interpretiert, sollten unterschiedliche Darstellungen und möglichst die Originaltexte verglichen werden.
Der Nutzen der Philosophiegeschichte ist umstritten. Karl Jaspers verstand ihre Lektüre als intellektuelles Gespräch, das eigenes Denken fördert; Hans-Georg Gadamer sah darin eine Weise des Philosophierens. Whitehead betonte, dass Unstimmigkeiten und ungelöste Fragen früherer Theorien neue Überlegungen anregen. Hegel hielt das gegenwärtige Denken nur aus seiner Entstehung heraus für verständlich. Schopenhauer warnte dagegen vor verkürzenden Darstellungen und verlangte das Studium der Originalwerke. Vittorio Hösle suchte einen Mittelweg zwischen geschichtsblinder Philosophie und einer gelehrten Philosophiehistorie ohne systematische Perspektive. Wahrheit müsse trotz der Geschichtlichkeit philosophischer Positionen möglich bleiben.
Anfänge und historische Überlieferung
Der Anfang der Philosophie hängt davon ab, wie „Philosophie“ definiert wird. Diogenes Laertios verwies auch auf persische Magier, babylonische und assyrische Chaldäer, indische Gymnosophisten sowie keltische Druiden. In üblichen Darstellungen der abendländischen Philosophie beginnt Philosophie jedoch in den griechischen Kolonien um 600–500 v. Chr. Der „Übergang vom Mythos zum Logos“ bezeichnet den Versuch, Naturerscheinungen nicht mehr durch willkürliche Handlungen von Göttern, sondern durch allgemeine Gesetze und Mechanismen zu erklären. Als beispielhaft gilt die Thales von Milet zugeschriebene Vorhersage einer Sonnenfinsternis im Jahr 585 v. Chr.
Karl Jaspers unterschied historische Anfänge des methodischen Denkens von bleibenden Ursprüngen des Philosophierens: Staunen, Zweifel und das Bewusstsein menschlicher Verlorenheit in Grenzsituationen. Seine „Achsenzeit“ bezeichnet eine ungefähr gleichzeitige geistige Aufbruchbewegung in mehreren Kulturräumen. Die moderne interkulturelle Philosophie betont darüber hinaus die fortwährende Verflechtung der Kulturen und hält eine starre Trennung von okzidentaler und orientalischer Philosophie für überholt.
Schon in der Antike wurden frühere Lehrmeinungen gesammelt. Hippias von Elis verfasste im 5. Jahrhundert v. Chr. die erste bekannte Darstellung vorsokratischer Philosophie. Im Peripatos, der Schule des Aristoteles, entstanden besonders durch Theophrast systematische Sammlungen. Diogenes Laertios verband Lehren, Biografien und Anekdoten; trotz methodischer Schwächen ist sein Werk wegen zahlreicher Zitate eine wichtige Quelle. Cicero trug außerdem zur Überlieferung und zum lateinischen philosophischen Vokabular bei. Viele antike Schriften gingen jedoch verloren, weshalb das heutige Bild lückenhaft und möglicherweise verzerrt ist.
Für das Mittelalter ist die Quellenlage reicher, aber auch hier ist die Erschließung unvollständig. Eine Schrift, über die Martin Heidegger promovierte und die damals Johannes Duns Scotus zugeschrieben wurde, gilt heute als Werk des Thomas von Erfurt. Die seit 1950 geplante kritische Scotus-Ausgabe sollte 100 Bände umfassen, war aber 60 Jahre später erst teilweise erschienen. Solche Fälle zeigen, wie stark historische Erkenntnisse von Zuschreibungen, Editionen und philologischer Arbeit abhängen.
Methoden und Deutungsmodelle
Philosophen verwenden die Geschichte häufig zur Entwicklung eigener Positionen. Aristoteles behandelte seine Vorgänger nicht bloß historisch, sondern interpretierte und transformierte ihre Gedanken als Grundlage seines Systems. Kant stellte seine kritische Philosophie als Mittelweg zwischen Empirismus und Rationalismus sowie als Antwort auf Dogmatismus und Skeptizismus dar. Hegel deutete die gesamte Philosophiegeschichte als Lernprozess, der auf sein eigenes System zuläuft. Heidegger nutzte frühere Metaphysik kritisch als Geschichte fortschreitender „Seinsvergessenheit“. Solche Zugänge können produktiv sein, bergen aber die Gefahr, vergangene Denker nach dem eigenen System umzuformen.
Ein zweites Modell versteht Geschichte als Weg der Vernunft. Giambattista Vico deutete Kulturgeschichte als allmähliches Zu-sich-Kommen der Vernunft. Kant nahm eine Entwicklung der Menschheit zu einem vernünftigen „Weltstand“ und als regulative Idee einen republikanischen Staat im ewigen Frieden an. Hegel betrachtete Philosophiegeschichte als notwendige, dialektische Entfaltung von Vernunft und Freiheit: Frühere Systeme werden nicht einfach abgelegt, sondern als Momente in ein umfassenderes Denken aufgenommen. Für ihn ist Philosophiegeschichte deshalb selbst Philosophie.
Romantiker wie Hamann, Herder, Novalis und Schlegel wandten ein, Vernunft allein erfasse die geschichtliche Wirklichkeit nicht. Geschichte müsse auch poetisch, intuitiv und in ihrer organischen Entwicklung verstanden werden. Schelling sah die Philosophie als lebendige, niemals abgeschlossene Einheit verschiedener Systeme. Der Historismus setzte dem idealistischen Fortschrittsmodell die möglichst wertfreie, empirische Rekonstruktion entgegen, verband diese aber teilweise mit Hermeneutik. Schleiermacher betonte die gegenseitige Abhängigkeit: Wer Philosophiegeschichte darstellt, muss Philosophie verstehen; wer Philosophie verstehen will, muss sie geschichtlich erfassen.
Michel Foucault bestritt dagegen eine überzeitliche Vernunft. Für ihn existieren historisch bedingte Rationalitätsformen und radikale Diskontinuitäten. Richard Rorty unterschied vier traditionelle Verfahren: rationale Rekonstruktion, die alte Texte in gegenwärtige Debatten übersetzt; historische Rekonstruktion im damaligen Begriffs- und Lebenszusammenhang; Geistesgeschichte, die Gesamtwerke und Problemstellungen bewertet; und Doxographie, also die verkürzte Wiedergabe vieler Lehrmeinungen. Als Ergänzung bevorzugte er eine „Intellektualgeschichte“, die philosophisches Denken mit seinen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen verbindet.
Einteilungen, Längsschnitte und bleibende Einsichten
Jede Einteilung der Philosophiegeschichte ist eine Interpretation. Epochenbegriffe können Orientierung geben, erzeugen aber leicht Vereinfachungen und verdecken Texte, die nicht in das Schema passen. Eine in europäischen Darstellungen verbreitete Gliederung unterscheidet Antike, Mittelalter, frühe Neuzeit, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert und Gegenwart. Innerhalb dieser Zeiträume werden Strömungen wie Vorsokratik, Scholastik, Rationalismus, Empirismus, Idealismus, Phänomenologie, analytische Philosophie, Hermeneutik oder Poststrukturalismus unterschieden. Dauerhafte Denkweisen wie Mystik, Panpsychismus oder Skeptizismus lassen sich jedoch nur schwer eindeutig einer Epoche zuordnen. Außerdem blendet eine rein europäische Gliederung die eigenständigen und teilweise älteren Traditionen besonders Chinas und Indiens aus. Neuere Ansätze streben daher eine dezentrale und pluralistische Geschichte der Philosophie in globaler Perspektive an.
Ein Längsschnitt verfolgt statt einer Epoche ein Problem, eine Disziplin oder die wechselnde Deutung eines Philosophen. Beispiele sind die Fragen nach Gott, Freiheit und Notwendigkeit, Universalien, Gerechtigkeit und Eigentum oder die Geschichte von Erkenntnistheorie, Ethik und Logik. Die Debatte über Freiheit und Notwendigkeit reicht von der Stoa über Spinoza, Leibniz und Kant bis zu Heidegger, Sartre, der Philosophie des Geistes und der Neurophilosophie. Ernst Cassirer sah in solchen Problemgeschichten einen langsamen Fortschritt: Die Lösungen wechseln, die großen Grundfragen bleiben.
Auch die Platon-Rezeption zeigt die Perspektivabhängigkeit von Deutungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschien Platon Fichte als vorchristlicher Wissenschaftler, Schelling als transzendentalphilosophischer Kosmologe, Hegel als Dialektiker, Schleiermacher als philosophischer Künstler und Schopenhauer als Vorläufer Kants. Eine vollkommen voraussetzungslose Darstellung ist daher nicht möglich.
Die Suche nach dem „Bleibenden“ fragt, welche Einsichten trotz widerlegter Systemteile fortwirken. Nicolai Hartmann erklärte dies anhand gegensätzlicher Denker: Heraklit und Parmenides, Demokrit und Platon oder Locke und Leibniz hätten jeweils unterschiedliche Teile der Wahrheit erfasst. Nicholas Rescher verstand Fortschritt nicht als endgültigen Abschluss, sondern als zunehmende Verfeinerung: Neue Theorien bearbeiten Widersprüche älterer Positionen, führen genauere Begriffe und Unterscheidungen ein und erweitern zugleich den Problemhorizont.
Entwicklung der Geschichtsschreibung
Die moderne, kritisch-wissenschaftliche Philosophiegeschichtsschreibung entstand in der Aufklärung. Pierre Bayles zwischen 1695 und 1702 veröffentlichtes Dictionnaire historique et critique machte Widersprüche, falsche Daten und unzuverlässige Überlieferungen sichtbar. Christoph August Heumann verlangte neben präziser philologischer Arbeit eine philosophische Kritik der Quellen. Jakob Brucker, der als Begründer moderner Philosophiegeschichtsschreibung gilt, untersuchte nicht nur einzelne Lehren, sondern auch ihre Zusammenhänge und Wirkungen. Seine umfangreichen Werke beeinflussten unter anderem Diderot, Kant, Hegel und Schopenhauer, wurden aber wegen interpretierender Verzerrungen kritisiert.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Geschichte zunehmend als Fortschritt der Menschheit verstanden. Dieterich Tiedemann forderte, den „Fortgang der Vernunft“ und die relative Vollkommenheit philosophischer Systeme sichtbar zu machen. Nach Kant suchten Autoren wie Georg Gustav Fülleborn, Johann Christian August Grohmann und Wilhelm Gottlieb Tennemann nach den systematischen Prinzipien und Methoden, in denen Vernunft geschichtlich erscheint. Tennemann verband eine Orientierung an der kritischen Philosophie mit der Forderung nach authentischer, kontextbezogener Lektüre der Originaltexte.
Romantik und Idealismus deuteten Geschichte stärker als organische oder dialektische Entwicklung. Friedrich Ast ordnete sie als Kreislauf von Einheit, Entzweiung und erneuter Einheit; andere Modelle verwendeten die Folge These, Antithese und Synthese. Historisch-hermeneutische Ansätze lehnten solche konstruierten Entwicklungslogiken ab und rückten die Rekonstruktion des Materials in den Vordergrund. Friedrich Ueberwegs Grundriss der Geschichte der Philosophie steht für eine möglichst faktenreiche Doxographie; das Historische Wörterbuch der Philosophie für Begriffsgeschichte.
Moderne Philosophiegeschichte muss zwischen individuellen Leistungen und gesellschaftlichem Kontext vermitteln. Eine reine Folge von Biografien kann große Denker heroisieren; eine rein epochenbezogene Darstellung kann dagegen ihre Eigenständigkeit und Wirkung unterschätzen. Zudem hängt das vermittelte Bild davon ab, welche Texte ediert, übersetzt, ausgewählt und zum Kanon erklärt werden. Auch die lange vernachlässigte Rolle von Frauen ist deshalb ein Thema neuerer Geschichtsschreibung.
Philosophie als Praxis, Religion und Wissenschaft
Philosophie erfüllte geschichtlich unterschiedliche Funktionen: Sie prüfte religiöses Denken, bildete den Ausgangspunkt der Wissenschaften und bot Orientierung für das Handeln. Überliefert ist sie in vielen Formen, darunter Lehrgedicht, Dialog, Brief, Autobiografie, Essay, Aphorismus, Meditation, Abhandlung und Lehrbuch. Mündliche Gespräche und undokumentierte Vorträge sind dagegen weitgehend verloren.
Philosophie und Religion stehen in enger Beziehung, sind aber nicht gleichzusetzen. Religion kennt anzuerkennende Autoritäten, heilige Schriften und Dogmen; Philosophie verlangt begründete Prüfung. Beim griechischen Übergang vom Mythos zum Logos ersetzten abstrakte Prinzipien teilweise anthropomorphe Göttervorstellungen: Platon sprach vom Demiurgen, Aristoteles vom unbewegten Beweger. Im Christentum standen sich die Ablehnung weltlicher Philosophie, etwa bei Tertullian, und ihre Einbindung, besonders bei Justin und Origenes, gegenüber. Im Mittelalter galt Philosophie lange als „Magd der Theologie“. Die Aufnahme aristotelischer Schriften, die Scholastik, Renaissance, Reformation und Aufklärung verstärkten schrittweise die Trennung von Glauben und Wissen. Dennoch blieben religiös begründete Philosophien bestehen; Whitehead wurde etwa zum Ausgangspunkt der Prozesstheologie.
Als Fachwissenschaft erhielt Philosophie durch Platons Akademie und Aristoteles’ Peripatos institutionelle Formen. Platon bestimmte Wissen als wahre und begründete Meinung und entwickelte Dialog, Dialektik und Dihairesis als Untersuchungsmethoden. Aristoteles unterschied Ontologie beziehungsweise Metaphysik, die nach dem Wesen des Seienden fragt, von Einzelwissenschaften. Er gliederte Wissen in Theorie, Praxis und Poietik und schuf mit der Syllogistik eine Grundlage formaler Beweisführung. Seit dem Mittelalter war Philosophie Universitätsfach, zunächst der Theologie untergeordnet. Mit der Verselbstständigung der Einzelwissenschaften konzentrierte sie sich zunehmend auf deren Voraussetzungen sowie auf Logik, Ethik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Sie beteiligt sich weiterhin an öffentlichen Fragen, etwa zu Technik, Ökologie, Genetik und Medizin.
Als populäre Lebensweisheit reicht Philosophie von Sokrates und den Sophisten über die antiken Lehren von Glückseligkeit, Kardinaltugenden und Tugendethik bis zu allgemeinverständlichen Schriften für ein vernünftiges Leben. Bei Aristoteles bezeichnet Mesotes die tugendhafte Mitte, Phronesis die praktische Weisheit. Damit bleibt Philosophie neben ihrer wissenschaftlichen Gestalt auch eine Anleitung zur Orientierung im Leben.