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Sigrid Weigel
Sigrid Weigel (* 25. März 1950 in Hamburg) ist eine deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sigrid Weigel im Halbprofil auf einer Bühne …
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Person und Bedeutung
Sigrid Weigel (* 25. März 1950 in Hamburg) ist eine deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie prägte besonders die Entwicklung der Kulturwissenschaften in Deutschland, die Genderforschung, die Walter-Benjamin-Forschung, die Bildwissenschaft sowie die Zusammenarbeit zwischen Geistes-, Natur- und Technikwissenschaften.
1977 wurde sie an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur „Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin“ zum Dr. phil. promoviert. Von 1978 bis 1982 war sie dort Dozentin. 1986 habilitierte sie sich an der Universität Marburg im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kunstwissenschaft. Bereits 1984 wurde sie Professorin am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg. Dort baute sie einen Schwerpunkt zur interkulturellen Literaturwissenschaft auf und gründete mit Inge Stephan eine Arbeitsstelle für Frauen in der Literaturwissenschaft. Deren internationale Tagungen trugen in den 1980er Jahren zur Etablierung der Genderforschung an deutschen Universitäten bei.
1990 wechselte Weigel in den Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Dort betreute sie eine interdisziplinäre Fellow-Gruppe zur Gedächtnisforschung und leitete eine Gruppe zur „Topographie der Geschlechter“. 1993 wurde sie Professorin für Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Dort initiierte sie eine jährliche Poetikvorlesung, die 1996 mit Anne Duden begann; 1997 trug W. G. Sebald dort erstmals „Luftkrieg und Literatur“ vor. In ihrer Zeit als Präsidentin der „Kommission für interdisziplinäre Veranstaltungen an Universität und ETH“ wurden deren Ringvorlesungen zu einem wichtigen Ort der Debatten über die „Nazi-Gold-Affäre“ in der Schweiz.
1998 übernahm Weigel die Leitung des Einstein Forums Potsdam. 1999 wurde sie Direktorin des Berliner Zentrums für Literaturforschung, heute Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), und Professorin an der Technischen Universität Berlin. Bis zu ihrer Emeritierung 2015 war sie außerdem Vorstandsvorsitzende der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin. Von 2005 bis 2016 war sie Permanent Visiting Professor am German Department der Princeton University.
Kulturwissenschaftliches Profil
Für den „cultural turn“ der Geisteswissenschaften in den 1980er und 1990er Jahren verwendet Weigel den Begriff „erste Kulturwissenschaft“. Damit meint sie eine intellektuelle Konstellation um 1900, in der vor allem jüdische deutschsprachige Autoren wie Sigmund Freud, Aby Warburg, Georg Simmel, Ernst Cassirer, Helmuth Plessner und Walter Benjamin Fachgrenzen überschritten und an Übergängen zwischen Disziplinen arbeiteten.
Weigel versteht diese Autoren als Außenseiter. Ihre Denkweise sieht sie als verbunden mit der Kehrseite der kolonialen und nationalistischen Vergangenheit Europas. Dieses „epistemische Potenzial“, also eine besondere Möglichkeit des Erkennens und Denkens, soll ihrer Ansicht nach für die Gegenwart genutzt werden. Wichtige Bestandteile sind eine Geschichtstheorie jenseits einer einfachen Fortschrittsgeschichte, genaue Detailforschung, die Aufmerksamkeit für das Nachleben von Religion, Mythus und Ritual in der Moderne sowie der Blick auf Verbindungen zwischen europäischen und nicht-europäischen Kulturen.
Vorläufer dieser ersten Kulturwissenschaft erkennt Weigel auch in der Literatur, etwa an der Nähe von Freud und Warburg zu Heinrich Heine. In ihrer Nachfolge stehen für sie unter anderem Gershom Scholem, Hannah Arendt, Stéphane Mosès und Susan Taubes. Den Nachlass von Susan Taubes fand Weigel bei den Erben ausfindig; sie betreut und ediert ihn. Als Direktorin des ZfL wollte sie diese Art von Kulturwissenschaft auch durch Editionen zugänglich machen, zum Beispiel durch Aby Warburgs Schriften in einem Band und Gershom Scholems Poetica.
Als Autorin entwickelte Weigel mehrere kulturwissenschaftliche Themen weiter: die Geschichte des Generations-Konzepts, „Genea-Logik“, Zeugnis und Zeugenschaft, den Topographical Turn sowie Märtyrer-Porträts. Die von ihr gegründete Zeitschrift Trajekte des ZfL erschien zweimal jährlich von 2000 bis 2015 und griff neue Forschungsthemen auf, darunter WissensKünste, Archiv, Fälschung, Erbe und Vererbung, Ausdruck und Affekt sowie interdisziplinäre Begriffsgeschichte.
Walter Benjamin und Bildtheorie
Walter Benjamin nimmt in Weigels Schriften eine besondere Stellung ein. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Denkfiguren wie Lesbarkeit, historischem Index, Schauplatz und Topographie, Leib- und Bildraum sowie mit Benjamins erkenntnistheoretischer Schwellenkunde. Sein Denken beschreibt sie als „weder theologisch noch säkular“, sondern als geprägt durch eine doppelte Bezugnahme auf ein biblisches und ein profanes Sprachregister.
Gegen Giorgio Agamben betont Weigel die Unterschiede zwischen Benjamin und Carl Schmitt. Sie liest deren Souveränitätstheorien ausgehend von jeweiligen Gegenfiguren: bei Benjamin dem Märtyrer, bei Schmitt dem Partisan. Außerdem zeigt sie, dass angenommene Nähe zwischen beiden Denkern teilweise auf entstellenden Übersetzungen beruhe, etwa wenn „ungeheure Fälle“ als „exceptional cases“ übersetzt werden. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Benjamin-Studien ist seine Beschäftigung mit Bildern, nicht nur mit Film und Fotografie, sondern auch mit Gemälden. Weigel versteht dies als Grundlage seiner bildlichen Epistemologie, also seiner Theorie des Erkennens durch Bilder. Zudem arbeitete sie erstmals systematisch eine in Benjamins Schriften verborgene Musiktheorie heraus.
2015 veröffentlichte Weigel eine eigene Bildtheorie. Sie geht von Jacques Derridas Satz aus der Grammatologie aus: „Es gilt die Spur vor dem Seienden zu denken“. Anders als eine Spur, die etwas Hinterlassenes ist, fragt Weigel nach Spuren, die dem Bild vorausgehen. Daraus entwickelt sie eine Theorie des An-Ikonischen. Gemeint ist die Frage, wie etwas, das selbst kein Bild ist oder visuell nicht zugänglich ist, zu einem Bild werden kann, zum Beispiel Gefühle, Trauer, Ehre, Schande, Transzendenz oder Denken.
Weil der Engel ein Bild von Transzendenz ist, deutet Weigel Darstellungen von Engeln in Philosophie, Kunst und Wissenschaft als Symptom der Bildfrage. Wichtige Begriffe ihrer Bildtheorie sind indexikalisches Bild, Effigie und Kultbild. Andreas Beyer bezeichnete ihre Grammatologie der Bilder als „integralste Bildtheorie, über die wir zur Zeit verfügen“. Wolfgang Ulrich sah darin das Potenzial zu einem Standardwerk der Bildwissenschaft, äußerte aber auch Zurückhaltung gegenüber ihrer Bezugnahme auf Religion.
Interdisziplinäre Forschung
Weigel setzt sich intensiv mit der Zusammenarbeit von Kultur- und Naturwissenschaften auseinander. 2007 schrieb sie im Jahr der Geisteswissenschaften in der Financial Times Deutschland unter dem Titel Für den großen Grenzverkehr, die Grenze zwischen dem Körper, der empirischen Methoden zugänglich ist, und der Sprache im weitesten Sinne sei eine „heiße Zone der Forschung“. Mit Sprache im weiten Sinn meint sie auch Gebärden, Gefühle, Bilder und Musik, die durch Entzifferung und Verstehen erschlossen werden müssen.
Ihre Position beruht auf eigenen Kooperationen mit Forschern aus Biologie, Medizin, Neurowissenschaften und klinischer Psychoanalyse. Themen waren unter anderem das Verhältnis von biologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten der Vererbung, das Wechselverhältnis von Sigmund Freud und Neurowissenschaften sowie Empathie in Philosophiegeschichte und aktueller Laborforschung.
Ein Problem sieht Weigel in der Sprachbarriere zwischen den „Zwei Kulturen“, also zwischen geisteswissenschaftlichem und naturwissenschaftlichem Denken. Missverständnisse entstehen für sie besonders dann, wenn dieselben Begriffe in verschiedenen Fächern Unterschiedliches bedeuten. Deshalb diagnostiziert sie einen Mangel an Begriffsgeschichte naturwissenschaftlicher Terminologie und initiierte am ZfL die Erforschung interdisziplinärer Begriffe.
In den letzten Jahren konzentriert sich Weigels Arbeit auf Gesicht, Kopf und Mimik. Sie fragt, was sich verändert, wenn diese Themen vor dem Hintergrund ihrer Wissens- und Bildgeschichte zunehmend zu Objekten von Laborforschung, Chirurgie und Digitalisierung werden. Die von ihr konzipierte Ausstellung zum Gesicht im Deutschen Hygiene-Museum war 2017 ein Publikumserfolg.
Kulturpolitik, Ehrungen und Werke
2019 löste Weigels vom Institut für Auslandsbeziehungen in Auftrag gegebene Studie Transnationale Auswärtige Kulturpolitik – Jenseits der Nationalkultur eine öffentliche Debatte aus. Darin beschreibt sie ein Glaubwürdigkeitsproblem der auswärtigen Kulturpolitik. Deren Ziele, etwa die Unterstützung der Menschenrechte oder eine verantwortliche und nachhaltige Gestaltung der Globalisierung, würden von der deutschen Innenpolitik immer weniger gedeckt. Weigel plädiert dafür, die auswärtige Kulturpolitik politisch aufzuwerten und ihr Wissen über andere Kulturen und interkulturellen Austausch auch im Innern, etwa in der Integrationspolitik, besser zu nutzen.
Zur Frage der Nation warnt sie vor einer Renaissance der Idee der Kulturnation. Diese Idee sieht sie in einem xenophoben nationalistischen Diskurs verwurzelt, der an der ideologischen Vorbereitung des Ersten Weltkriegs beteiligt war. Außerdem diskutiert sie die Gefährdung der vorrechtlichen Gemeinsamkeit als Grundlage der Verfassung.
Weigel erhielt zahlreiche Ehrungen. Dazu gehören 1999 der Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung, seit 2000 die Ehrenmitgliedschaft in der Modern Language Association, 2007 die Ehrendoktorwürde der Katholischen Universität Leuven, seit 2007 die Mitgliedschaft in der Academia Europaea, seit 2009 die Ehrenpräsidentschaft der International Walter Benjamin Society, 2015 Ehrendoktorwürden der Universidad Nacional de General San Martín in Buenos Aires und der Staatlichen Ilia-Universität Tbilisi, 2016 der Aby-Warburg-Preis der Stadt Hamburg sowie 2023 die Ehrendoktorwürde der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel.
Ihre Veröffentlichungen umfassen Monografien, Editionen und herausgegebene Bände. Wichtige eigene Bücher sind unter anderem Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin (1979), Topographien der Geschlechter (1990), Entstellte Ähnlichkeit. Walter Benjamins theoretische Schreibweise (1997), Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte (2004), Genea-Logik (2006), Walter Benjamin. Die Kreatur, das Heilige, die Bilder (2008), Grammatologie der Bilder (2015), SchädelBasisWissen (2017, mit weiteren Autorinnen und Autoren) sowie Transnationale Auswärtige Kulturpolitik – Jenseits der Nationalkultur (2019). Als Herausgeberin und Mitherausgeberin arbeitete sie unter anderem an Editionen von Aby Warburg, Stéphane Mosès, Gershom Scholem und Susan Taubes sowie an zahlreichen Sammelbänden zu Kulturwissenschaft, Literatur, Geschlecht, Gedächtnis, Bild, Stimme, Empathie und Zeugenschaft.