Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Scherbengericht

Die Teilnehmer ritzten in die Scherben Namen von zu exilierenden Personen ein; nach erfolgter Abstimmung und Auszählung wurde der Meistgenannte für zehn Jahre …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zweck und Folgen
  2. 2. Ablauf der Abstimmung
  3. 3. Quellenlage
  4. 4. Anwendungen und Beispiele
  5. 5. Politische Bedeutung und spätere Verfahren

Begriff, Zweck und Folgen

Das Scherbengericht, auch Ostrakismos genannt, war in der griechischen Antike ein politisches Verfahren, das vor allem aus Athen bekannt ist. Damit konnten Bürger, die als missliebig oder zu mächtig galten, zeitweise aus dem politischen Leben der Stadt entfernt werden. Als Stimmzettel dienten Tonscherben, auf die die Abstimmenden den Namen der Person schrieben, die sie verbannen wollten.

Der am häufigsten genannte Bürger musste Athen innerhalb von zehn Tagen verlassen und für zehn Jahre in die Verbannung gehen. Bei einer vorzeitigen Rückkehr drohte ihm die Todesstrafe. Er verlor jedoch weder sein Eigentum noch seine bürgerlichen Ehrenrechte. Nach seiner Rückkehr durfte er sein Bürgerrecht wieder vollständig ausüben und auch öffentliche Ämter übernehmen. Deshalb war der Ostrakismos keine gewöhnliche Gerichtsverhandlung und keine Verurteilung wegen einer gesetzlich festgelegten Straftat.

Ähnliche Verfahren bestanden in anderen griechischen Städten. In Syrakus schrieb man die Namen auf Olivenbaumblätter. Dieses Verfahren hieß Petalismos und führte nach Diodor zu einer Verbannung von nur fünf Jahren. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet „Scherbengericht“ auch politisch motivierte Maßnahmen, mit denen vermeintliches oder tatsächliches persönliches Fehlverhalten bestraft werden soll.

Ablauf der Abstimmung

In Athen entschied die Volksversammlung jedes Jahr zunächst, ob überhaupt ein Scherbengericht stattfinden sollte. Diese Abstimmung erfolgte ohne Aussprache während der 6. Prytanie, also im sechsten der zehn Jahreszehntel des attischen Kalenders, ungefähr im heutigen Januar. Bei ausreichender Beteiligung und einer Mehrheit dafür wurde vor der 8. Prytanie die Ostrakophorie, das „Scherbentragen“, angesetzt.

Die eigentliche Abstimmung fand unter genauer Zugangskontrolle auf der Agora statt. Archonten und der Rat der 500 leiteten das Verfahren. Vor der Auszählung mussten sie feststellen, dass die Mindestzahl von 6000 Stimmberechtigten erreicht war. Eine vorgegebene Kandidatenliste gab es nicht: Jeder Bürger konnte selbst bestimmen, wessen Namen er auf seine Tonscherbe schrieb. Verbannt wurde nur eine Person, nämlich der Bürger, gegen den die Mehrheit der mindestens 6000 Stimmen gerichtet war.

Auf den Scherben standen der Name des Betroffenen, häufig auch der Name seines Vaters und gelegentlich sein Demos, also der Bezirk, dem er angehörte. Die Abstimmenden mussten grundsätzlich schreiben können, durften sich aber helfen lassen. Einer Anekdote zufolge bat ein Mann Aristeides, dessen Namen auf eine Scherbe zu schreiben, ohne ihn persönlich zu erkennen; Aristeides soll daraufhin seinen eigenen Namen eingetragen haben. Manche Scherben enthielten zusätzlich meist beleidigende Bemerkungen.

In besonderen Situationen konnten Verbannte vorzeitig zurückgerufen werden. Im Jahr 480 v. Chr. durften drei von ihnen, darunter Aristeides, nach Athen zurückkehren, weil man während der Perserkriege ihre Unterstützung gegen die Invasion des Xerxes benötigte.

Quellenlage

Für die Erforschung des Scherbengerichts stehen ungewöhnlich viele Originalquellen zur Verfügung. Bis 1965 waren 1658 beschriftete Scherben bekannt. Innerhalb der folgenden vier Jahre wurden im Altarm des Eridanos im Kerameikos ungefähr 8500 weitere Stücke ausgegraben. Insgesamt sind inzwischen mehr als 11.000 solcher Scherben gefunden worden.

Weil viele Stücke aus einer weitgehend einheitlichen Fundsituation stammen, können Forschende Fragmente zusammensetzen und sogar die Handschriften einzelner Schreiber unterscheiden. Dadurch lassen sich Funde teilweise datieren, bei denen dies sonst nicht möglich wäre. Die stark verbesserte Quellenlage beeinflusste daher auch die moderne Beurteilung des Ostrakismos.

Daneben gibt es literarische Zeugnisse. Dazu gehören Anspielungen in Komödien, Angaben bei Rednern des 4. Jahrhunderts v. Chr., die Darstellung des Aristoteles in der Athenaion politeia sowie Hinweise späterer Autoren, besonders bei Plutarch. Da die literarische Überlieferung im Wesentlichen erst etwa ein halbes Jahrhundert nach den behandelten Ereignissen einsetzt und viele Texte noch jünger sind, konnten sich ihre Verfasser nicht auf amtliche Akten stützen und waren vermutlich teilweise auf Vermutungen angewiesen.

Anwendungen und Beispiele

Aus Athen sind 15 Ostrakismen bekannt. Der erste fand, soweit bekannt, 488/87 v. Chr. statt, der letzte 417 oder 415 v. Chr. Das zugrunde liegende Gesetz könnte bereits 507 v. Chr. auf Antrag des Kleisthenes beschlossen worden sein. Dafür ist allerdings Pseudo-Aristoteles, der fast 200 Jahre später schrieb, die früheste Quelle. Weshalb zwischen dem möglichen Gesetzesbeschluss und der ersten Anwendung rund 20 Jahre lagen, ist umstritten. In der Forschung wird unter anderem vermutet, dass das Verfahren 488/87 v. Chr. verändert und der zuvor möglicherweise zuständige Areopag dabei entmachtet wurde. Eine formale Abschaffung des Ostrakismos ist nicht überliefert.

Zu den bekannten Verbannten gehörten Hipparchos (488/87 v. Chr.), Megakles (487/86 und erneut 472/71 v. Chr.), Xanthippos (485/84 v. Chr.), Aristeides (483/82 v. Chr.), Themistokles (471/70 v. Chr.), Kimon (461/60 v. Chr.) und Thukydides, Sohn des Melesias (444/43 v. Chr.). Megakles, Xanthippos und Aristeides wurden 480 v. Chr. zurückgerufen.

Ein typisches Beispiel ist die politische Auseinandersetzung zwischen Aristeides und Themistokles. Ihre Kontroverse über den Flottenbau gegen die persische Bedrohung wurde 482 v. Chr. endgültig zugunsten des von Themistokles vertretenen Kurses entschieden, nachdem Aristeides ostrakisiert worden war. Auch die Verbannungen Kimons 461 v. Chr. und des Thukydides Melesiou 443 v. Chr. galten als Richtungsentscheidungen für eine weitere Demokratisierung Athens.

Beim letzten Ostrakismos, 417/15 v. Chr., richtete sich das Verfahren gegen Hyperbolos. Die eigentlichen politischen Gegner Nikias und Alkibiades lenkten die Stimmen ihrer Anhänger gemeinsam auf Hyperbolos, obwohl dieser selbst den Ostrakismos beantragt hatte. Dadurch wurde das Verfahren offenbar so stark diskreditiert, dass keine weitere Ostrakophorie mehr stattfand. Dennoch stimmte das Volk noch ungefähr 100 Jahre lang zu Beginn jedes Jahres formal darüber ab, ob ein Scherbengericht durchgeführt werden sollte.

Politische Bedeutung und spätere Verfahren

Der Ostrakismos nahm eine Zwischenstellung zwischen einem Gerichtsprozess und einer „negativen Wahl“ ein. Er beruhte nicht auf gesetzlich definierten Vergehen. Zusätze auf erhaltenen Scherben zeigen mögliche persönliche Motive: Ein Betroffener konnte beispielsweise als „Perserfreund“ bezeichnet werden. Weitere Vorwürfe reichten vom „Hass gegen den Demos“ über mangelnde politische Eignung, Besitzgier und Verschwendungssucht bis zu übertriebenem Eigensinn und Ehrgeiz.

Häufig standen einander einflussreiche Politiker gegenüber, die verschiedene politische Richtungen vertraten. Die Verbannung des einen stärkte den Einfluss des anderen und konnte den Weg für eine wichtige Entscheidung freimachen, etwa in der Außenpolitik, beim Flottenbau oder beim Vorgehen gegen Persien. Der Ostrakismos diente damit möglicherweise zunächst der Vorbeugung gegen eine Tyrannis und später eher der Entfernung des jeweils zweitmächtigsten Politikers und der Begrenzung politischer Konkurrenz.

Christian Meier bezeichnet den Ostrakismos als „das einzige je erfundene legale Mittel, um den Aufstieg eines Usurpators rechtzeitig zu stoppen“. Dafür genügte bereits der Verdacht eines zukünftigen Machtmissbrauchs. Zugleich stärkte das Verfahren den Einfluss der Bürger auf die Polis, weil mächtige Politiker Rücksicht auf sie nehmen mussten, um einer Verbannung zu entgehen.

Josiah Ober verbindet den Ostrakismos mit den solonischen Reformen. Nach seiner Einordnung bot er den Athenern eine unblutige Möglichkeit, bei gefährlichen Konflikten innerhalb der politischen Elite einzugreifen. So konnten Rivalitäten entschärft werden, bevor sie in gewaltsame innere Auseinandersetzungen oder einen Bürgerkrieg übergingen, ohne den gesellschaftlich nützlichen Wettbewerb innerhalb der Elite vollständig zu unterbinden.

Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde der Ostrakismos nicht mehr praktiziert. Nach dem Rechtshistoriker Uwe Wesel traten an seine Stelle zwei Verfahren gegen fehlgeleitete Antragsteller in der Volksversammlung. Durch eine Graphe paranomon konnten Personen vor einem Strafgericht angeklagt und verurteilt werden, wenn sie einen gesetzeswidrigen Antrag in die Volksversammlung eingebracht oder bei den Nomotheten ein Gesetz beantragt hatten, das sich in der Praxis als „unzweckmäßig“ erwies.

Weiterlesen

Perikles Perikles (altgriechisch Περικλῆς Periklḗs; * vor bzw. um 490 v. Chr.; † September 429 v. Chr.) gehörte zu den führenden Staatsmännern Athens und der … Antikes Griechenland Das antike Griechenland hat die Entwicklung der europäischen Zivilisation maßgeblich mitgeprägt. Es umfasst im Kern den Zeitraum von ca. 800 v. Athen Mit der attische Demokratie wurde in Athen eine auf den Prinzipien der Volkssouveränität und der Mehrheitsentscheidung aufbauende politischen Ordnung begründet. Aristoteles Das Organon · Bedeutungstheorie · Prädikate und Eigenschaften · Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel · Dialektik: Theorie der Argumentation. Quorum (Politik) Ein Quorum soll gewährleisten, dass sich bei einer geringen Beteiligung an einer Wahl oder Abstimmung keine unrepräsentativen Mehrheiten bilden. Wird das … Agora (Athen) Daher stellt die Agora einen bedeutenden Schritt in der Entwicklung der attischen Demokratie dar. Ab Kleisthenes von Athen wurde dies die Pnyx, ab 330 v. Archon (Athen) Archon (Athen) Historisches. Durch die Reform der attischen Demokratie unter Kleisthenes von (508/507 v. Chr.) erhielt auch die zweite Klasse Zugang. Bule Die Bule oder Boule (/buːˈlɛː/, altgriechisch βουλή, als boulḗ oder bulḗ transkribiert) war die Ratsversammlung in den Städten (Poleis) des antiken … Demos Demos (altgriechisch δῆμος dḗmos, meist als „Staatsvolk“ aufgefasst, im Gegensatz zu ἔθνος éthnos, deutsch ‚Volk'; Plural im Deutschen Demen) bezeichnet im … Areopag In der Antike tagte hier der oberste Rat, der gleichfalls „Areopag“ genannt wurde. Der Rat war die älteste Körperschaft der Stadt; seine Geschichte reicht bis … Solon Solon (altgriechisch Σόλων Sólōn [só.lɔːn]; * wohl um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) war ein athenischer Staatsmann und Lyriker.