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Satz (musikalische Formenlehre)
Zwei Phrasen, drei Formfunktionen · Fragmentierung, Verdichtung (d. h. eine Verkürzung der Abschnittslängen) · höhere harmonische Ereignisdichte · Sequenztechnik …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee
Der Satz ist in der musikalischen Formenlehre nach Arnold Schönberg eine häufige Gestaltungsweise eines Themas, besonders in der Instrumentalmusik der Wiener Klassik. Er besteht grundsätzlich aus einer Phrase, ihrer meist variierten Wiederholung und einer Fortsetzung, die in der Regel doppelt so lang ist und mit einer Kadenz endet. Eine Kadenz ist ein harmonischer Abschluss, der eine musikalische Einheit bestätigt oder vorläufig offen lässt.
Ein typisches Modell ist also: Anfangsphrase, Wiederholung der Anfangsphrase, Fortsetzung mit Abschluss. Als Beispiel nennt der Artikel das Hauptthema des Allegro con brio aus Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 5 in c-Moll op. 67. Dort folgt auf eine Phrase eine variierte Phrasenwiederholung; anschließend führt eine Fortsetzung zu einem Halbschluss, also zu einem nicht endgültig beruhigenden Abschluss.
Die Definitionen von Schönberg, seinen Schülern und späteren Musiktheoretikern betonen verschiedene Aspekte des Satzes. In neuerer Zeit hat besonders William Caplin diesen Thementyp und seine Bestandteile genauer theoretisch beschrieben. Mitunter wird der Satz als Nachfolger des barocken Fortspinnungstypus gedeutet.
Ratz’ achttaktiges Modell
Im deutschsprachigen Raum wurde zunächst vor allem die Definition von Erwin Ratz einflussreich, weil Schönbergs Fundamentals of Musical Composition zwar 1937-1948 entstanden, aber erst 1979 auf Deutsch erschienen. Ratz veröffentlichte seine Einführung in die musikalische Formenlehre bereits 1951.
Ratz beschreibt den Satz als achttaktige Form: „(2 x 2) + 4“. Das bedeutet: Ein Zweitakter wird vorgestellt, dann wiederholt, danach folgt eine viertaktige Entwicklung. Das Wesen dieser Entwicklung besteht nach Ratz darin, dass ein Teil der im ersten Zweitakter vorgestellten Motive wegfällt. Dadurch entstehen Verdichtung und Beschleunigung der musikalischen Darstellung. Ein Motiv ist ein kleiner, wiedererkennbarer musikalischer Baustein. Häufig kommt im Entwicklungsteil auch eine Beschleunigung der harmonischen Disposition hinzu, also eine schnellere Abfolge wichtiger harmonischer Ereignisse.
Als erstes Beispiel nennt Ratz das Hauptthema des ersten Satzes aus Ludwig van Beethovens Klaviersonate f-Moll op. 2 Nr. 1. Der Satz kann nach Ratz sowohl mit einem Ganzschluss als auch mit einem Halbschluss enden. Ein Ganzschluss wirkt stärker abschließend; ein Halbschluss bleibt offener. Ratz betont, dass der häufige Halbschluss mit dem vorwärtstreibenden Charakter des Satzes zusammenhängt, weil dieser Formtyp dem ruhigen Ankommen im Ganzschluss bis zu einem gewissen Grad widerstrebt.
Schönbergs Begründung
Schönberg beschreibt den Satz, im englischen Original sentence, als Ergebnis einer kompositorischen Entscheidung. Nachdem eine erste Phrase formuliert ist, die meist zwei Takte umfasst, kann sie entweder wiederholt oder durch eine andere Phrase abgelöst werden. An dieser Stelle entscheidet sich nach Schönberg, ob sich das Thema zu einem Satz oder zu einer Periode entwickelt.
Für Schönberg erfüllt die unmittelbare Wiederholung der Anfangsphrase zunächst das Gebot der Fasslichkeit: Die Musik wird verständlich, weil ein wichtiger Gedanke sofort wiedererkannt werden kann. Die Wiederholung kann unverändert, transponiert oder leicht verändert sein. Solche Änderungen dürfen die Wiederholung aber nicht unkenntlich machen.
Nach der Wiederholung muss nach Schönberg das Gebot der Abwechslung stärker berücksichtigt werden. Deshalb folgt eine Fortsetzung, die das bisherige motivische Material stärker variiert und entwickelt. Entwicklung bedeutet bei Schönberg nicht nur Wachstum, Erweiterung oder Ausdehnung, sondern auch Verminderung, Kondensierung und Intensivierung. Besonders wichtig ist die Liquidierung: Dabei werden nach und nach charakteristische Eigenschaften des Motivs entfernt, bis nur noch uncharakteristische Reste bleiben, die keine weitere Fortsetzung mehr verlangen. Zusammen mit einem Ganz- oder Halbschluss kann diese Liquidierung eine angemessene Begrenzung des Satzes herstellen.
Caplins Formfunktionen
William Caplin beschreibt die ersten beiden Teile des Satzes als Präsentationsphrase. Sie besteht aus der Anfangsphrase, von Caplin basic idea genannt, und ihrer variierten Wiederholung. Der Begriff Präsentation meint dabei eine initiierende Formfunktion: Die Musik zeigt dem Hörer, dass eine formale Einheit beginnt. Eine Formfunktion ist also die Aufgabe, die ein Abschnitt innerhalb der musikalischen Form erfüllt.
Caplin hebt zwei Merkmale der Präsentationsphrase hervor: In ihr wird die Tonika prolongiert, also die Haupttonart harmonisch ausgedehnt oder bestätigt, und es findet keine Kadenz statt. Die Präsentationsphrase wirkt deshalb wie ein Anfang, nicht wie ein Abschluss.
Darauf folgt die Fortsetzungsphrase. Sie erfüllt zuerst die mediale Formfunktion Fortsetzung: Die Musik zeigt, dass sie sich in der Mitte des Abschnitts befindet, nicht mehr am Anfang und noch nicht am Ende. Typische Mittel dafür sind Fragmentierung und Verdichtung, also kürzere Abschnittslängen, eine höhere harmonische Ereignisdichte, Sequenztechnik und höhere rhythmische Aktivität. Eine Sequenz ist die Wiederholung eines musikalischen Musters auf anderer Tonhöhe.
Am Ende der Fortsetzungsphrase tritt die kadenziell genannte Formfunktion in den Vordergrund. Der Satz wird dann durch einen Ganz- oder Halbschluss abgeschlossen. Bei Caplin besteht der Satz also aus zwei Phrasen, aber aus drei Formfunktionen: Präsentation, Fortsetzung und kadenzielle Funktion.
Zusammengesetzter Satz
Caplin beschreibt außerdem den compound sentence, auf Deutsch etwa zusammengesetzter Satz. Dabei handelt es sich prinzipiell um einen 16-taktigen Thementypus. Er besteht aus einer Präsentationsphrase und einer Fortsetzungsphrase von jeweils acht Takten.
Der Anfangsgedanke ist dabei selbst zusammengesetzt, also ein compound basic idea. Das bedeutet: Er enthält bereits zwei kontrastierende Gedanken. Der zweite dieser Gedanken kadenziert nicht. Würde er kadenziell abschließen, läge nach Caplins Theorie kein zusammengesetzter Satz vor, sondern ein Vordersatz, englisch antecedent.
Als Beispiel nennt Caplin unter anderem das Hauptthema im ersten Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierquartett in g-Moll KV 478, Takte 1-16.