Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Samba (Musik)

Samba ist der Oberbegriff für verschiedene Musiktypen wie den Samba-Enredo der Karnevalsumzüge, den im kleinen Kreis gespielten Samba pagode, den traditionellen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen
  2. 2. Afrikanische Wurzeln und frühe Entwicklung
  3. 3. Moderner Samba in Rio
  4. 4. Karneval und Tanz
  5. 5. Wichtige Varianten
  6. 6. Weiterentwicklungen und Verbreitung

Grundlagen

Samba ([ˈsɐ̃bɐ]; portugiesisch: o samba, maskulin) ist ein brasilianischer Musikstil, der besonders mit Rio de Janeiro verbunden wird. Häufig denkt man dabei an den Samba-Enredo der Escolas de Samba, also der Sambaschulen, und an deren große Karnevalsumzüge, die Desfiles im Sapucaí. Samba ist aber kein einzelner, einheitlicher Stil, sondern ein Oberbegriff für mehrere Musiktypen und regionale Ausprägungen in Brasilien.

Wichtige Formen sind der Samba-Enredo der Karnevalsumzüge, der in kleinen Gruppen gespielte Samba pagode, der traditionelle ländliche Samba de roda und der langsame, balladenhafte Samba Canção. Als Entstehungsphase gilt das frühe 20. Jahrhundert, als Herkunftsort Rio de Janeiro. Zu den stilistischen Vorläufern gehören Batuque, Semba und Choro. Typische Instrumente sind unter anderem Pandeiro, Tamborim, Cavaquinho, Cuíca, Repinique, Caixa, Surdo, Agogô, Chocalho, Shaker und Apito.

Afrikanische Wurzeln und frühe Entwicklung

Die afrobrasilianische Musik wurde von versklavten Menschen nach Brasilien gebracht und beruht auf traditionellen afrikanischen Musikstilen. Da die Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen Afrikas kamen, blieben diese Traditionen nicht unverändert, sondern vermischten sich. Daraus entstanden eigene afrobrasilianische Formen. Besonders wichtig sind perkussive Elemente, also der starke Einsatz von Schlaginstrumenten, und Polyrhythmik. Polyrhythmik bedeutet, dass mehrere rhythmische Ebenen gleichzeitig wirken, zum Beispiel Beat und Off-Beat, Elementarpulsation und linha rítmica, also eine typische rhythmische Grundformel.

Die Wurzeln des Samba werden im Kongo- und Sambesigebiet vermutet. Aus Angola stammt der Tanz- und Musikstil Semba. Es liegt nahe, dass der brasilianische Begriff Samba darauf zurückgeht, gesichert ist das aber nicht. Der Samba-Batucada dürfte mit dem Batuque zusammenhängen, einem Tanz mit Perkussionsbegleitung. Auch Lundu und Jongo gelten als Vorläufer. Das portugiesische Verb sambar bedeutet „Samba tanzen“.

Um 1870 entwickelte sich in Rio de Janeiro der Choro als erster nationaler brasilianischer Musikstil. Er entstand aus einer Verbindung von portugiesischem Fado, europäischer Tanzmusik wie Polka, Walzer, Mazurka, Xote und Quadrillen sowie afrobrasilianischer Musik wie dem Lundu. Durch die Schallplatte verbreitete sich Choro landesweit. Choro-Kompositionen haben oft ein hohes Tempo, eine dem Samba ähnliche Melodie- und Rhythmusstruktur und Improvisationen. Traditionelle Ensembles bestanden aus zwei Gitarren, Cavaquinho und Flöte; später kamen zum Beispiel Pandeiro, weitere Perkussion, Klarinette, Mandoline und seit Ende der 1950er Jahre häufig die siebensaitige Gitarre für die Bassfunktion hinzu.

Moderner Samba in Rio

In seiner modernen Form entstand Samba um 1920 in Rio de Janeiro. Choro-Orchester verloren damals an Bedeutung, während Jazzbands und Salonorchester Foxtrott, Maxixes, Marchas und Sambas spielten. Der moderne Samba entstand aus der Mischung von Choro mit den Batuques der Vorstädte von Rio.

1917 nahm die Banda Odeon mit Pelo telefone („Durch das Telefon“) den ersten Samba auf Schallplatte auf. Das Lied wurde im Karneval ein Schlager. Eine wichtige Rolle für den Durchbruch des Samba spielte Pixinguinha, der bereits in der Choro-Szene bedeutend war.

1928 wurde in Rio die erste Sambaschule Deixa Falar („Lass sie reden“) gegründet. Kurz danach entstanden weitere Escolas wie GRES Estação Primeira de Mangueira und GRES Portela. Samba wurde damit ein wichtiges Ausdrucksmittel der unteren Schichten Rios, besonders der überwiegend schwarzen Bevölkerung. Diese Richtung hieß Samba do Morro, also „Samba von den Hügeln“, womit die Favelas gemeint waren. Früher waren die Gemeinschaften der Sambaschulen stärker geschlossen: Wer etwa in den Ala dos compositores, die Gruppe der Komponisten, aufgenommen werden wollte, musste künstlerisches Können, musikalische und poetische Kreativität sowie Nähe zum Stil der Schule zeigen. Heute sind die Komponistenwettbewerbe, Disputa de Samba genannt, vor allem in den höheren Ligen aufwendige Veranstaltungen.

Samba verbreitete sich auch in weißen, bürgerlichen Kreisen. Der Samba-Canção legte mehr Gewicht auf Melodie, war langsamer und hatte ausgefeiltere Texte. Mit dem Radio verbreitete sich Samba schnell und wurde in den 1930er Jahren zu einem wichtigen musikalischen Ausdruck Brasiliens. 1939 komponierte Ary Barroso Aquarela do Brasil, auch als Brazil bekannt. Carmen Miranda trug dazu bei, Samba international bekannt zu machen.

Karneval und Tanz

In den 1950er Jahren verdrängte der Straßenkarneval der Sambaschulen den bürgerlichen Karneval im Zentrum von Rio. Der Karneval in Rio, der Carnaval carioca, gilt heute als größtes Volksfest der Welt. Beim Desfile ziehen Sambaschulen mit jeweils mehreren hundert Musikern und Tänzern auf. Jede Schule führt ein Thema auf, das enredo genannt wird. Musikalisch steht der Umzug im Zeichen des Samba enredo. Blasinstrumente sind per Satzung verboten; das einzige Melodieinstrument ist das Cavaquinho, das den Gesang begleitet.

Ein zentraler Ort ist das Sambódromo, das 1984 von Oscar Niemeyer gebaut wurde und 60.000 Zuschauer fasst. Dort bewertet eine Jury die Schulen nach festen Kriterien. Die erstplatzierte Schule und der Komponist des siegreichen Sambas erhalten in Brasilien hohes Prestige. Schulen mit der niedrigsten Punktzahl müssen „absteigen“ und werden im nächsten Jahr ersetzt.

Die 44 Sambaschulen Rios sind gut organisierte Vereine mit teilweise mehreren tausend Mitgliedern. Sie kümmern sich um Vorbereitung, Proben und soziale Aufgaben in ihrem Stadtteil oder ihrer Favela. Wegen der teuren Kostüme, Wagen und des großen touristischen Interesses ist der Karneval stark kommerzialisiert. Der Artikel nennt außerdem teilweise Verbindungen zur Mafia, die Sambaschulen zur Geldwäsche benutzt.

In der afrobrasilianischen Kultur sind Musik und Tanz traditionell eng verbunden. Auch beim Karneval ist eine Bateria, also die Schlaginstrumentengruppe einer Sambaschule, ohne Tanzformation undenkbar. In den Sambaschulen sind Musik- und Tanzformation gleichberechtigt. Die vereinfachte Form des Sambatanzes, die in den 1950er Jahren europäische und nordamerikanische Tanzschulen erreichte und 1959 in das Turnierprogramm der lateinamerikanischen Tänze aufgenommen wurde, hat nur noch wenig mit der ursprünglichen brasilianischen Tanzform gemeinsam.

Wichtige Varianten

Samba de roda und Samba de caboclo gehören zu den ursprünglichsten Varianten. Beim Samba de roda handelt es sich zugleich um einen Rundtanz. Traditionell wird die Atabaque benutzt, eine Handtrommel, die mit der kubanischen Conga verwandt ist und auf afrikanische Handtrommeln zurückgeht. Der Begriff caboclo wird dort verwendet, wo sich afrobrasilianische Kultur mit indigenen Einflüssen mischt; der tatsächliche Einfluss indigener Musik auf den Samba ist aber sehr gering.

Beim Pagode werden die Stimmen der Surdos auf Handtrommeln wie Tantan, Rebolo und Repique de mão übertragen. Dazu kommen kleinere Perkussionsinstrumente wie Pandeiro und Tamborim. Das Cavaquinho und der Gesang spielen eine wichtige Rolle. Diese Form wird oft in geselliger Runde gespielt und seltener auf der Bühne. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass die vorliegende Definition von Samba Pagode umstritten beziehungsweise möglicherweise fehlerhaft ist.

Samba enredo ist der moderne Karnevalssamba in Rio und São Paulo sowie auch in Recife und anderen Städten. Seit mehreren Jahrzehnten werden die Instrumente höher gestimmt und der Samba schneller gespielt. Das wurde seit den 1970er Jahren durch Nylonfelle statt Naturfelle begünstigt. In großen Sambaschulen setzen sich vor allem laute Instrumente durch: Repiniques, Caixas, Surdos in drei Tonhöhen, Tamborims, Agogôs, Chocalhos und die Pfeife Apito. Eine Bateria kann mehrere hundert Musiker umfassen.

Samba batucada ähnelt dem Samba enredo, wird aber meist mit etwa 10 bis 20 Musikern und ohne Gesang gespielt. Samba Canção ist eine langsame, balladenhafte Liedform, die besonders von den 1940er bis 1960er Jahren populär war. Weitere Formen sind Sambolero, Samba-Choro und Samba de Breque. Jüngere Entwicklungen sind Samba-Funk beziehungsweise Funkeado, die in den 1990er Jahren Funk und Rap mit Samba verbanden. In Salvador da Bahia entstand seit den 1970er und 1980er Jahren aus Samba-Tradition und Reggae-Einflüssen der Samba-Reggae, der meist nicht mehr zu den Samba-Stilen gerechnet wird.

Weiterentwicklungen und Verbreitung

In den späten 1950er Jahren drangen Elemente von Bolero, Foxtrott und Cha-Cha-Cha in den Samba ein. Dadurch verlor er nach Darstellung des Artikels typische Merkmale. Diese Entwicklung war ein Auslöser für die Bossa Nova. Anders als der Straßensamba entstand die Bossa Nova in der städtischen Mittelschicht und im Umfeld bürgerlicher Intellektualität. Stilprägend war João Gilberto mit leisem Gesang und einer besonderen Gitarrenspielweise. Der Film Orfeu Negro erhielt 1959 einen Oscar und die Goldene Palme in Cannes und trug zum internationalen Durchbruch bei. Die Musik stammte von Tom Jobim und Luiz Bonfá; A Felicidade und Manhã de Carnaval wurden Klassiker. Vinícius de Moraes und Tom Jobim schrieben außerdem Garota de Ipanema, das als Girl from Ipanema sehr bekannt wurde.

Samba hat auch politische Bedeutung. In den 1970er Jahren entstanden in armen Stadtteilen von Salvador da Bahia bloco afro genannte Trommelgruppen. Gruppen wie Ilê Aiyê und Olodum verstanden sich als Ausdruck schwarzen Selbstbewusstseins und als Widerstand gegen ökonomischen Ausschluss. Solche Gruppen wirkten bei Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen mobilisierend. Auch heute beteiligen sich Samba-Gruppen an politischen Demonstrationen, etwa im Netzwerk Rhythms of Resistance.

In Deutschland wurden die ersten Sambaschulen in den späten 1970er Jahren gegründet, seit den 1980er Jahren gab es einen Boom. Gespielt wird hier vor allem Samba-Reggae aus dem Nordosten Brasiliens. Für viele deutsche Gruppen ist Samba nur ein Rhythmus unter vielen. Wichtige Zentren sind Köln, Berlin, Hamburg, München und Bremen. Das Samba-Festival Coburg findet seit 1992 jährlich im Juli statt und zieht an drei Tagen rund 100 Gruppen und mehr als 200.000 Besucher an. Der Bremer Karneval wurde 1985 von Janine Jaeggi gegründet; 2025 soll er zum letzten Mal stattfinden. Weitere genannte Veranstaltungen sind der Berliner Karneval der Kulturen, das Sambafestival Bad Wildungen, das Samba Syndrom in Berlin von 1996 bis 2001 und die Sambanale in Badbergen, die 2024 nach 15 Jahren zum letzten Mal stattfand.

Weiterlesen

Sklaverei In vielen sklavenhaltenden Staatswesen und Gesellschaften behielten Sklaven eine gewisse Rechtsfähigkeit und konnten zum Beispiel die Gerichte anrufen oder … Traditionelle afrikanische Musik Die kolonialzeitliche Musik der Kapverdischen Inseln wurde durch südamerikanische, karibische, portugiesische und westafrikanische Einflüsse geprägt und die … Portugiesische Kolonialgeschichte Die portugiesische Kolonialgeschichte umfasst nahezu 600 Jahre: Sie begann im Spätmittelalter 1415 mit der Eroberung Ceutas und Expeditionen entlang der … Angola Klima · An der Küste und im Norden des Landes ist es tropisch, das heißt, es gibt das ganze Jahr hohe Tagestemperaturen zwischen 25 und 30 · Das Hochland im … Schallplatte Die Schallplatte (englisch record) ist ein mit analogen Daten bespielter und meist kreisförmiger Tonträger mit einem Mittelloch, deren heute beidseitige … Polka Musik: Klassik, Popmusik, Volksmusik · Taktart: ⁄ 4-Takt. Tempo: 27 ≈40 bis 80 TPM (d. h. ≈80 bis 160 bpm). Herkunft: Tschechien (Böhmen), Deutschland … Klarinette Die Klarinette ist ein Holzblasinstrument mit teils zylindrischer und teils konischer Bohrung. Ihr Mundstück ist wie beim Saxophon mit einem einfachen … Jazz Der Jazz wird im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Darüber hinaus hat … Cha-Cha-Cha Der Cha-Cha-Cha [ˈtʃa.tʃa.tʃa] ist ein moderner, paarweise getanzter Gesellschaftstanz kubanischen Ursprungs. Seinen Namen hat er von den drei kleinen … Belcanto Wichtige Elemente des Belcanto sind Weichheit des Tons, ausgeglichene Stimmregister ... Bis etwa 1840 war der Belcanto bestimmend für den Gesang vor allem in der … Elektronische Musik Elektronische Musik bezeichnet Musik, die durch elektronische Klangerzeuger (Generatoren) hergestellt und mit Hilfe von Lautsprechern wiedergegeben wird. Improvisation (Musik) Als Improvisation wird eine Form musikalischer Darbietung durch Einzelne (Solisten) oder Ensembles verstanden, bei der Tonmaterial und Klangfolgen in der …