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Sackpfeife
Die Sackpfeife oder der Dudelsack (selten Bockpfeife) ist ein Holzblasinstrument, das Luft aus einem Luftsack erhält. Der Luftsack (Windbehälter, früher …
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Grundprinzip und Bedeutung
Die Sackpfeife, auch Dudelsack und selten Bockpfeife genannt, ist ein Holzblasinstrument mit einem Luftsack als Windbehälter. Sie war und ist innerhalb und außerhalb Europas weit verbreitet und existiert in zahlreichen regionalen Formen. Im deutschsprachigen Raum kam sie im 19. Jahrhundert weitgehend außer Gebrauch, wurde aber gegen Ende des 20. Jahrhunderts wiederbelebt. Wer sie spielt, heißt Sackpfeifer, Dudelsackpfeifer oder Dudelsackspieler.
Der Spieler füllt den Luftsack durch ein Anblasrohr mit dem Mund oder mithilfe eines Blasebalgs. Anschließend drückt er den Sack mit einem oder beiden Armen gegen den Körper. So entsteht ein möglichst gleichmäßiger Luftstrom zu den Pfeifen. Ein Rückschlagventil verhindert gewöhnlich, dass die Luft beim Atemholen oder Aufziehen des Blasebalgs zurückströmt.
Die Spielpfeife erzeugt die Melodie. Ihre Grifflöcher werden mit den Fingern geöffnet und geschlossen. Eine oder mehrere Bordunpfeifen liefern gleichzeitig gleichbleibende Dauertöne, meist ein tiefes, sattes Brummen. Das Zusammenspiel von Melodie und Bordun erzeugt die charakteristische Mehrstimmigkeit der Sackpfeife. Manche Formen besitzen keinen eigenen Bordun, andere mehrere Bordune oder zwei Spielpfeifen.
Bauteile, Tonerzeugung und Spieltechnik
Der Luftsack besteht traditionell aus abgedichtetem Leder, häufig aus Ziegenhaut oder einem ganzen Tierbalg. Davon leitet sich die Bezeichnung Bockpfeife ab. Das Fell kann nach innen oder außen gewendet sein. Moderne Instrumente verwenden auch synthetische Materialien; zusätzlich ist ein Stoffüberzug verbreitet.
Spiel- und Bordunpfeifen werden meist aus Tonholz gefertigt, daneben wurden etwa Messing und heute auch Polypenco verwendet. Die Spielpfeife kann zylindrisch oder konisch gebohrt sein; konisch gebohrte Pfeifen klingen gewöhnlich lauter. Meist besitzt eine Sackpfeife eine Spielpfeife. Eine Ausnahme ist die sizilianische Zampogna mit zwei Spielpfeifen für ein zweistimmiges Melodiespiel. Bordunlose Instrumente des Mittelmeerraums und Nahen Ostens haben oft zwei parallele Spielrohre. Diese erklingen gemeinsam oder eines übernimmt eine Bordunfunktion.
Die Töne entstehen durch Rohrblätter aus Schilfrohr, häufig Arundo donax, neuerdings auch aus Kunststoff oder Metall. Einfachrohrblätter besitzen eine einzelne schwingende Zunge. Doppelrohrblätter bestehen aus zwei gegeneinanderschwingenden Blättern und erzeugen einen lauteren, intensiveren, schalmeienähnlichen Klang. In west- und mitteleuropäischen Spielpfeifen überwiegen Doppelrohrblätter; Bordunpfeifen besitzen häufig Einfachrohrblätter.
Die meisten Spielpfeifen sind diatonisch, also auf die Töne einer bestimmten Tonleiter begrenzt, und rein gestimmt. Tonartfremde Töne lassen sich nur eingeschränkt mit Hilfsgriffen erzeugen; Klappen sind selten. Nur wenige Typen, darunter Uilleann Pipes, Cornemuse du Centre, moderne Schäferpfeife und Gaita gallega, können überblasen werden. Ihr Tonumfang überschreitet dadurch die Oktave etwas. Zum Feinabstimmen verkleinert man Tonlöcher heute häufig mit Isolierband. Bei den Ganztonabständen existieren verschiedene Lösungen: Genannt werden der große Ganzton 9:8 mit 204 Cent und der von Marin Mersenne 1637 empfohlene kleine Ganzton 10:9 mit 182 Cent.
Bordune spielen gewöhnlich den Grundton in einer oder mehreren Oktavlagen, gelegentlich zusätzlich die Quinte. Sie können teilweise umgestimmt oder einzeln stummgeschaltet werden. Besondere Bauformen sind die über Klappen spielbaren gedackten Bordune, die sogenannten regulators der Uilleann Pipes, sowie die gefalteten und mit Schiebern umstimmbaren Bordune der Musette de Cour.
Bei der offenen Griffweise werden für tiefere Töne zunehmend Löcher von oben nach unten geschlossen, ähnlich wie bei der Blockflöte. In der geschlossenen Griffweise sind zunächst alle Löcher bedeckt und werden einzeln geöffnet. Die halbgeschlossene Griffweise verbindet beide Verfahren. Weil die Spielpfeife ununterbrochen klingt, müssen zwei Töne gleicher Höhe durch mindestens einen sehr kurzen Zwischenton getrennt werden. Solche grace notes oder détachés entwickelten sich zu typischen Verzierungen aus einem oder mehreren kurzen Tönen.
Historische Entwicklung
Der Ursprung der Sackpfeife ist nicht sicher geklärt, weil frühe Zeugnisse selten und teilweise mehrdeutig sind. Als möglicherweise älteste Darstellung gilt ein umstrittenes hethitisches Relief aus Alaca Höyük von vor 1200 v. Chr. Ein persisches Relief aus Susa aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zeigt ein Instrument, das der noch heute im Südiran gespielten Ney-anban ähnelt. Eindeutige Terrakottafiguren aus Alexandrien stammen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Römische Texte nennen Sackpfeifer als utricularius beziehungsweise ascaules; Kaiser Nero soll ein entsprechendes Instrument gespielt haben.
Im Mittelalter beschreibt der Dardanusbrief aus dem 9. Jahrhundert einen Sack mit zwei Luftrohren. Seit dem 13. Jahrhundert sind zahlreiche Darstellungen in Handschriften, Kirchen und anderen Kunstwerken erhalten. Sie zeigen bereits sehr verschiedene Formen: Instrumente ohne Bordun, Modelle mit einem oder mehreren Bordunen sowie gedoppelte Spielrohre. Die Manessische Liederhandschrift belegt auch die Verwendung in der höfischen Kultur. Bis ins 15. Jahrhundert überwogen mundgeblasene Sackpfeifen mit einem Bordun. Die Rostocker Spielpfeife aus dem frühen 15. Jahrhundert ist die einzige im Original erhaltene mittelalterliche Sackpfeife beziehungsweise deren erhaltene Spielpfeife.
Für Renaissance und Barock liefern instrumentenkundliche Werke genauere Informationen. Sebastian Virdung zeigte 1511 und Martin Agricola 1529 einen damals weitverbreiteten Typ mit zwei Bordunen und sieben sichtbaren Grifflöchern. Michael Praetorius stellte 1619 sechs Typen mit ihren Stimmungen dar, darunter Schäferpfeife, Bock, Hümmelchen und Dudey. Marin Mersenne beschrieb 1636 unterschiedliche Rohrblätter, Bordunanordnungen, Blasebälge, Klappen und italienische Instrumente ausführlich.
Im Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde die Musette de Cour als höfisches Hirteninstrument geschätzt. Sie wurde mit einem Blasebalg gespeist, war reich verziert und besaß einen gefalteten Rankettbordun. Durch Klappen und eine zusätzliche kurze Pfeife, das petit chalumeau, ließ sich ihr Melodietonumfang ohne Überblasen auf zwei Oktaven erweitern. Komponisten schrieben dafür Kammer- und Orchesterwerke.
Im 19. Jahrhundert verlor die Sackpfeife in Mitteleuropa stark an Bedeutung und blieb vor allem bei Schäfern, Hirten und Wandermusikanten erhalten. Geige und Klarinette boten einen größeren, chromatisch spielbaren Tonumfang; verbesserte Blechblasinstrumente waren im Freien lauter, und das Akkordeon ermöglichte einem einzelnen Musiker mehrstimmiges Spiel. Bis ins 20. Jahrhundert überlebten lebendige Traditionen vor allem in Großbritannien und in Rand- oder schwer zugänglichen Regionen wie Irland, Bretagne, Zentralfrankreich, Galicien, Süditalien und dem Balkan. Seit den 1970er Jahren wächst das Interesse erneut. Sackpfeifen werden in Folklore und Folk, auf Mittelaltermärkten, im Mittelalterrock, in historischer Aufführungspraxis und vereinzelt im Jazz eingesetzt.
Regionale Formen und Verbreitung
Eine eindeutige Einteilung ist schwierig: Namen wie Gaita, Gaida, Bock oder Dudy können unterschiedliche Instrumente bezeichnen, während verwandte Formen regional verschiedene Namen tragen. Instrumentenbauer verändern außerdem historische und regionale Vorbilder.
In Mitteleuropa gehören Schäferpfeife, Praetorius-Bock, Hümmelchen und Dudey zu den historischen oder rekonstruierten deutschen Formen; die Marktsackpfeife ist eine moderne Entwicklung. In Böhmen, Österreich und Süddeutschland wird der Bock gespielt. In der sorbischen Folklore sind Kozoł, Měchawa und Měchawka wichtig. Weitere Bezeichnungen sind unter anderem Dudy in Polen und Tschechien sowie Duda in Ungarn. Nord- und Nordosteuropa kennen ein- oder mehrbordunige Formen wie die schwedische Säckpipa, die estnische Torupill und die litauische Dūdmaišis.
Auf den Britischen Inseln besitzt besonders Schottland eine ausgeprägte Tradition. Die Great Highland Bagpipes gelten als schottisches Nationalinstrument und wurden durch die britische Militärmusik weltweit verbreitet. Daneben gibt es Scottish Smallpipe, Border Pipe und Shuttle Pipe. Aus Nordengland stammen die Northumbrian Smallpipes, aus Irland die Uilleann Pipes.
Frankreich besitzt neben der historischen Musette de Cour zahlreiche Regionalformen mit teilweise ununterbrochener Tradition, etwa Binioù in der Bretagne, Cornemuse du Centre, Chabrette, Veuze, Cabrette und Boha. Auf der Iberischen Halbinsel ist die Gaita besonders in Galicien und Asturien verbreitet; in nordwestspanischen Escuelas de Gaitas sind zehntausende Schüler registriert. Katalonien kennt den Sac de gemecs, Mallorca die Xeremía. In Italien besteht vor allem für die süditalienische Zampogna eine lebendige Tradition.
In Südosteuropa haben sich besonders viele Typen erhalten, darunter Gajde beziehungsweise Gajda in mehreren Ländern, die kroatischen Dude und Diple, die bulgarische Kaba Gajda und Djura Gajda, die griechische Gaida und Tsambouna sowie der rumänische und moldauische Cimpoi.
In Nordafrika, Malta und Vorderasien sind bordunlose Sackpfeifen mit parallelen Doppelspielpfeifen verbreitet. Beispiele sind Mezwed in Tunesien, Żaqq auf Malta, Tulum in Teilen der Türkei und Aserbaidschans, Tschiboni und Gudastviri in Georgien, Parkapzuk in Armenien, Ney-anban im Südiran und Jirba in Bahrain.
Auf dem indischen Subkontinent existieren unter anderem die nordindische mashak mit Melodie- und Bordunpfeife sowie die südindische titti mit nur einer Bordunpfeife. Seit dem 18. Jahrhundert wurden sie durch die von den britischen Kolonialherren eingeführte Great Highland Pipe zurückgedrängt. Die traditionelle mashak aus einem ganzen Ziegenbalg wird in ländlichen Gebieten Nordindiens und Pakistans besonders bei Hochzeiten gespielt.
Verwandte Instrumente, Nutzung und Gesundheit
Mit der Sackpfeife verwandt ist das Platerspiel, dessen Luftreservoir aus einer Tierblase besteht. Windkapselinstrumente wie Krummhorn, Rauschpfeife und Practice Chanter ähneln einzelnen Teilen der Sackpfeife. Manche Spielpfeifen, etwa Pibgorn oder Diple, können auch ohne Sack direkt mit dem Mund angeblasen werden. Funktionale Parallelen bestehen zu Instrumenten, die durch Zirkularatmung kontinuierlich Luft erhalten, darunter Arghul, Launedda und Pungi. Auch Drehleiern, Bordunzithern und Doppelflöten erzeugen Borduntöne. Elektrische Sackpfeifen können über MIDI mit einem Verstärker oder Computer verbunden werden; entwickelt wurden sie von José Ángel Hevia, Alberto Arias und Miguel Dopico.
Seit dem Mittelalter erscheint die Sackpfeife in der Kunst als typisches Attribut von Schäfern. Historische Texte schreiben ihr Funktionen beim Lenken und Beruhigen von Herden sowie durch ihren Lärm beim Fernhalten von Wölfen zu. Sie kommt außerdem in Märchen, Fabeln und Dichtung vor. Für die Musette de Cour und andere Sackpfeifen entstanden auch eigenständige Kompositionen, darunter Werke von Joseph Bodin de Boismortier, Nicolas Chédeville, Michel Corrette und Leopold Mozart.
Die britische Bagpipe Society erklärte 2012 den 10. März zum International Bagpipe Day. Zur Hygiene wird eine regelmäßige Reinigung empfohlen: 2016 wurde unter Berufung auf die Zeitschrift Thorax über den Tod eines 61-jährigen Spielers im Jahr 2014 berichtet, der mit Schimmelpilzsporen in seinem Instrument in Verbindung gebracht wurde.
2023 begann die Wohltätigkeitsorganisation Kings Charity von Charles III. ein Programm, das Dudelsackspielen zur Therapie bestimmter Lungenerkrankungen fördern soll. Nach Angaben der Organisation soll es Atemregulation und Lungenkapazität verbessern und den Blutdruck senken. Das Programm wurde vom königlichen Arzt Michael Dixon gemeinsam mit dem National Piping Centre entwickelt.