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Rheinisches Braunkohlerevier
Die industrielle Nutzung des Reviers mit der kompletten Wertschöpfungskette von Kohleabbau bis zur elektrischen Energieerzeugung erfolgt heute ausschließlich …
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Kern und räumliche Gliederung
Das Rheinische Braunkohlerevier, oft kurz Rheinisches Revier genannt, ist ein Bergbaurevier in der Kölner Bucht am Nordwestrand des Rheinischen Schiefergebirges. Es umfasst die Zülpicher und Jülicher Börde, die Erftniederung und die Ville. Der Abbau von Braunkohle im Tagebauverfahren hat die Landschaft stark verändert und wichtige Industriestandorte entstehen lassen. Das Revier gehört zu den größten Braunkohlerevieren Europas; daneben werden in kleinerem Umfang Ton, Quarzsand und Löss abgebaut. Die industrielle Nutzung von der Kohleförderung bis zur Stromerzeugung erfolgt heute ausschließlich durch den RWE-Konzern über RWE Power. Nach dem Stand des Artikels ist der Abbau bis 2030 gesichert, während die weitere Entwicklung wegen des deutschen Kohleausstiegs unsicher ist.
Das Revier wird in mehrere Bereiche gegliedert. Das Südrevier um Brühl in der Ville war durch kleinräumige Gruben geprägt und war bis Mitte der 1960er Jahre weitgehend ausgekohlt und rekultiviert; heute liegen dort bewaldete Naherholungsgebiete mit vielen Seen. Das Mittlere Revier umfasst den Villerücken westlich des Frechener Sprungs und ist ebenfalls weitgehend ausgekohlt und rekultiviert, bleibt aber durch Großkraftwerke und Nachfolgeindustrien geprägt. Das Nordrevier reicht mit Garzweiler I und II bis Jüchen und Erkelenz und umfasst auch den Tieftagebau Hambach bei Jülich. Dort fördern Großgeräte wie Schaufelradbagger Abraum und Kohle, Bandanlagen und Absetzer verfüllen die Gruben wieder, und ein eigenes Bahnnetz bringt die Kohle zu den Werken im Süden. Das Westrevier zwischen Düren, Weisweiler, Eschweiler, Alsdorf, Aldenhoven und Jülich nutzt Flöze der Rurscholle und versorgt das Kraftwerk Weisweiler.
Geologische Entstehung
Die Braunkohle entstand durch geologische Prozesse seit dem Tertiär. Vor etwa 30 Millionen Jahren begannen in der Niederrheinischen Bucht Senkungsbewegungen. Es entstand ein flaches Sedimentationsbecken, also ein Ablagerungsraum, für die Urflüsse Rhein, Rur, Erft, Sieg und Maas. Während das benachbarte Rheinische Schiefergebirge angehoben wurde, senkte sich das Becken weiter und bildete Staffelbrüche. Mehrfach drang die Ur-Nordsee in das Gebiet vor.
In Senken lagerten sich Tonschichten ab, darüber entstanden Moore. Deren Pflanzenreste wurden im Wasser nicht vollständig zersetzt und bildeten Torf. Wechsel von Meeresvorstößen und -rückzügen bedeckten die Torfschichten mit Kiesen, Sanden und Tonen. Vor 20 bis 23 Millionen Jahren, am Beginn des Miozäns, begünstigte das Klima erneut Moorvegetation und Torfbildung. Schotterschichten schlossen die Torfe luftdicht ab; durch Druck verstärkte sich die Inkohlung, also die Umwandlung von Torf zu Kohle. In der Hauptflözgruppe der Ville finden sich Braunkohlen mit bis zu 70 Metern Mächtigkeit.
Im Pliozän bildeten sich keine neuen Flöze mehr. Stattdessen nahm die tektonische Unruhe zu: Das Becken zerbrach entlang der Rurrand- und Erftlinie in drei Schollen, die unterschiedlich absanken und nach Osten kippten. Die Braunkohleschichten der Erftscholle sind mit Sedimenten von 100 Metern am Rurrand bis 400 Metern am Erftsprung überdeckt, nach Norden teilweise noch stärker. Im Südrevier bei Brühl streichen die Flöze an der Oberfläche des Villehorstes aus oder wurden von Flüssen und Bächen angeschnitten.
Industrialisierung und Ausbau
Zunächst wurde Braunkohle nur für die Farbherstellung der Kölnischen Umbra und zur Alaungewinnung genutzt. Erst im späten 17. Jahrhundert erkannte man, dass die nasse Schicht über den Tonlagern im Brühler und Frechener Raum nach dem Trocknen brennbar war. Kleinbauern und Tagelöhner gruben diese torfähnliche Substanz ab, verdichteten sie zu Klütten und trockneten sie im Sommer. Diese Brennstoffe hatten nur geringen Heizwert und wurden vor Ort oder an ärmere Menschen in nahe gelegenen Städten verkauft. Im Westrevier wurde 1819 bei Lucherberg Braunkohle gefunden; 1826 begann Karl von Goltstein mit dem Abbau eines 7,5 Meter mächtigen Flözes.
Mit Industrialisierung und Eisenbahnbau geriet Braunkohle zunächst durch billige Steinkohle unter Druck. Ab den 1870er Jahren wurde sie durch dampfbetriebene Entwässerungspumpen, maschinelle Brikettpressen nach dem Exterschen Verfahren und neue Bahnverbindungen konkurrenzfähiger. Wichtige Unternehmen waren unter anderem die Gewerkschaft Roddergrube, die Gewerkschaft Brühl und das Gruhlwerk. Die Förderung stieg von fünf Millionen Tonnen 1905 auf 17,4 Millionen Tonnen 1913. 1899 schlossen sich 19 Gruben zu einem Verkaufssyndikat zusammen und vertrieben Briketts als Union-Brikett.
Auch die Stromerzeugung wuchs aus dem Braunkohleabbau heraus. 1892 entstand ein kleines Kraftwerk für Frechen, 1899 ein Kraftwerk mit etwa einem Megawatt an der Grube Berggeist. 1906 übernahm RWE dieses Kraftwerk; damit begann die über 100 Jahre dauernde Verbindung von RWE und Braunkohle. 1912 bis 1918 wurde in Knapsack das Kraftwerk Goldenberg gebaut, 1918 mit 90 MW Kapazität und 1932 mit 500 MW. Nach dem Ersten Weltkrieg gewann Braunkohle wegen Kohlenknappheit und Autarkiebestrebungen stark an Bedeutung. In der Weimarer Republik stieg ihr Anteil an der Energieerzeugung auf fast 60 Prozent. Im Nationalsozialismus verstärkten Aufrüstung und Krieg den Bedarf; die Brikettproduktion stieg von 9 Millionen Tonnen 1934 auf 14,5 Millionen Tonnen 1942. Kohleförderung und Verarbeitung konnten im Krieg nur mit mehreren zehntausend Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aufrechterhalten werden.
Konzentration, Kraftwerke und Tagebaue
Nach 1945 konzentrierte sich die Branche weiter. 1960 übernahm RWE auch die BIAG des Westreviers. Bis zur deutschen Wiedervereinigung war das Rheinische Revier die bedeutendste Braunkohleregion der Bundesrepublik Deutschland, obwohl die Jahresproduktion in Ostdeutschland höher war. Der Höhepunkt der Briketterzeugung lag in den 1950er Jahren, als jährlich über 40 Millionen Tonnen Rohbraunkohle zu Briketts gepresst wurden. Später ging der private Brikettverbrauch stark zurück. Der Anteil der Braunkohle, der zur Stromproduktion eingesetzt wurde, stieg dagegen weiter: 1960 waren es 45 Prozent, 1991 bereits 85 Prozent.
Die Kraftwerke wurden immer größer. Goldenberg wurde bis 1950 auf 830 MW ausgebaut und 1993 durch einen Neubau ersetzt, der 171 MW leistet und auch Prozessdampf sowie Fernwärme liefert. Weisweiler entstand ab 1953/1955 und wurde bis 1975 auf 2258 MW erweitert; der Tagebau Inden wurde 1953 nur zur Versorgung dieses Kraftwerks aufgeschlossen. Frimmersdorf wurde von 1955 bis 1970 auf 2136 MW netto ausgebaut. Neurath entstand 1972 bis 1976 und erhielt später zwei neue Blöcke mit optimierter Anlagetechnik von je 1100 MW. Niederaußem ersetzte ab 1963 die älteren Kraftwerke Fortuna I bis III und erreichte mit dem 2003 eingerichteten 1000-MW-BoA-Block 3864 MW brutto und 3627 MW netto.
Die Rohkohleförderung im Rheinischen Revier erreichte 1984 mit 120,6 Millionen Tonnen ihr Maximum. Seit 2002 lag die Jahresförderung bei etwa 100 Millionen Tonnen. Nach Auslaufen und Rekultivierung der Tagebaue im Mittleren Revier fördern heute vor allem die Großtagebaue Garzweiler, Hambach und Inden. Garzweiler II wurde 1995 genehmigt und 2006 begonnen. Alle drei arbeiten nach dem Fächerprinzip: Die Abbaufront bewegt sich um einen Drehpunkt, und die Verkippungsfront folgt in gleicher Drehrichtung. 2007 betrug die Förderung im Revier 99,8 Millionen Tonnen, in Deutschland insgesamt 180,4 Millionen Tonnen.
Planung, Politik und Konflikte
Ursprünglich wurde erwartet, dass Hambach und Garzweiler II etwa 2040 bis 2045 ausgekohlt wären und Inden etwa zehn Jahre früher. Nach Modernisierungen der Kraftwerke wurde Anfang des 21. Jahrhunderts damit gerechnet, dass genehmigte Abbauflächen zwischen 2050 und 2060 erschöpft sein würden. Später gewann der Kohleausstieg an Bedeutung. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2022 vereinbarte die schwarz-grüne Koalition im Kabinett Wüst II ein vorgezogenes Ende der Braunkohlenförderung im rheinischen Revier. Auf Bundesebene brachte das Kabinett Scholz im November 2022 einen Gesetzentwurf auf den Weg; er wurde verabschiedet und trat am 24. Dezember 2022 in Kraft.
Planungen zum Abbau werden im Braunkohlenausschuss bei der Bezirksregierung Köln verhandelt und von der Landesregierung als Braunkohlenplan entschieden. Der Ausschuss hat 40 Mitglieder aus Kommunen, Regionalräten Köln und Düsseldorf sowie Wirtschafts- und Arbeitnehmerorganisationen. Umweltverbände kritisieren dabei eine enge Verbindung zwischen Politik und RWE. Besonders umstritten war die kurz vor der Landtagswahl 1995 erteilte Genehmigung für Garzweiler II; bei der Bezirksregierung Köln gingen 19.000 Einwendungen ein.
Es gab außerdem Planungen zu Erweiterungen, etwa Hambach II in nordöstlicher Richtung über Elsdorf, Niederembt und Oberembt bis zur Margaretenhöhe. Da bereits ein Umsiedlungsort Neu-Etzweiler entstand, die Verwirklichung aber unwahrscheinlich erscheint, zeigt dieses Beispiel, wie lange Planungsprozesse auf Gemeinden wirken können. Als spätere Nutzungsidee wurde 2020 eine schwimmende Photovoltaikanlage im Restloch Hambach vorgestellt, das nach Ende der Sümpfung mit Grundwasser volllaufen soll.
Folgen für Umwelt, Menschen und Erinnerung
Der Tagebau hat starke ökologische und soziale Folgen. Für die Wasserhaltung muss Grundwasser bis in Tiefen von mehr als 500 Metern abgepumpt werden. Dadurch fallen Bäche und Feuchtgebiete trocken, teilweise werden sie künstlich bewässert. Bodenstruktur und Grundwasserhaushalt verändern sich, und Bodensetzungen können bis in 15 bis 20 Kilometer Entfernung auftreten. 1997 kam es im Tagebau Hambach zu einem Wassereinbruch mit 40 °C warmem Wasser; Befürchtungen einer Verbindung zu den Aachener Thermalquellen wurden von Fachleuten entkräftet.
Weitere Belastungen sind Feinstaub, Quecksilber und Treibhausgase. Messungen am Rand der Tagebaue zeigten seit 2004 Feinstaubbelastungen durch den Abbau. Für Hambach wurde der Tagebauanteil vom LANUV NRW mit 25 Prozent angegeben, 71 Prozent wurden der allgemeinen Hintergrundbelastung zugeschrieben. Kraftwerke Neurath und Niederaußem stießen 2011 und 2012 jeweils 497 Kilogramm Quecksilber pro Jahr aus. Beim Kohlendioxid lagen Frimmersdorf mit 1270 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, Weisweiler mit 1180, Neurath mit 1150 und Niederaußem mit 1119 Gramm pro Kilowattstunde besonders hoch. 2006 verursachten Niederaußem, Frimmersdorf, Weisweiler und Neurath zusammen über 27 Prozent der CO2-Emissionen Nordrhein-Westfalens.
Die Restlöcher der Großtagebaue müssen gesetzlich wieder verfüllt werden, sollen aber wegen ihres enormen Volumens nicht vollständig mit Abraum verfüllt werden. Geplant ist eine Befüllung mit Wasser. Der Restsee Hambach wäre von der Wassermenge her in Deutschland nur vom Bodensee übertroffen, aber deutlich tiefer; die vollständige Füllung könnte nach Schätzungen bis 2090 dauern. Unklar bleiben Folgen für das regionale Klima.
Auch Natur und Siedlungen sind betroffen. Altwälder wie der Hambacher Forst wurden oder sollten durch Neuanpflanzungen ersetzt werden, doch stabile Pflanzengesellschaften brauchen Jahrzehnte. Spezialisierte Pflanzenarten können durch den Verlust staunasser Standorte zurückgehen; zu den bedrohten Tierarten gehört die Bechsteinfledermaus. Der Abbau vernichtet große Landwirtschaftsflächen und erfordert die Umsiedlung ganzer Dörfer. Dabei gehen Heimat, gewachsene soziale Gefüge und oft auch wirtschaftliche Perspektiven verloren. Archäologische Fundstätten werden beim Abbaggern meist unwiederbringlich zerstört; systematisch untersucht werden können nur etwa fünf Prozent der bekannten Fundstätten. Zugleich werden rekultivierte Seenlandschaften, Hochkippen wie Vollrather Höhe, Glessener Höhe und Sophienhöhe sowie Aussichtspunkte wie der Indemann touristisch erschlossen. Denkmalpflegerisch sollen Industrieanlagen, Arbeitersiedlungen, Brikettfabriken und technische Großgeräte als Zeugnisse der Reviergeschichte erfasst und teilweise erhalten werden.