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Regeldrama
Das Regeldrama, auch bekannt unter dem Ausdruck Doctrine classique (klassische Lehrmeinung), ist eine Theater-Norm für den Aufbau von Dramen, die zur Zeit …
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Begriff und Grundlagen
Das Regeldrama, auch Doctrine classique („klassische Lehrmeinung“), ist eine Norm für den Aufbau von Dramen. Es entstand während der französischen Klassik im 17. Jahrhundert und wirkte bis ins 19. Jahrhundert nach.
Eine wichtige Grundlage bildete die Poetik des Aristoteles. Sie nennt sechs wesentliche Elemente des Dramas: mythos (Handlung), ethos (Charaktere), lexis (Rede), diánoia (Gedanke oder Absicht), opsis (Schau oder Szenerie) und melopoiía (Gesang oder Musik). Aristoteles empfiehlt außerdem, auf Nebenhandlungen zu verzichten und die dargestellte Zeit auf „einen Sonnenlauf“ zu begrenzen.
Horaz forderte in der Epistula ad Pisones eine Gliederung des Dramas in fünf Akte und betrachtete den Chor als notwendigen Bestandteil. Seine Aussagen wurden in der Neuzeit häufig als Regeln übernommen. Sie waren jedoch ursprünglich als Polemik gegen die römische Literatur seiner Zeit gemeint und treffen auf viele klassische attische Tragödien nicht zu.
Aufbau in fünf Akten
Aus dem Kommentar des Aelius Donatus (320–380) zu den Komödien des Terenz (ca. 195–158 v. Chr.) leiteten Autoren der Renaissance ein allgemeines Aufbauschema für Dramen ab. Das ist nur mit Vorsicht möglich, weil Donatus’ fragmentarische Aussagen allein die Komödien des Terenz betrafen. Dennoch galten sie als praktische Anleitung und wurden zwischen Martin Opitz und Gustav Freytag in vielen Varianten verwendet.
Gustav Freytags fünfaktiges Schema beschreibt folgenden Verlauf:
• Exposition (Einleitung oder Protase): Die handelnden Personen werden eingeführt und der dramatische Konflikt kündigt sich an.
• Komplikation (Steigerung oder Epitase): Die Handlung steigt an und die Situation verschärft sich. Dazu gehört das erregende Moment, auch Katastase genannt.
• Peripetie: Die Glücksumstände des Helden kehren sich um; die Handlung erreicht ihren Höhepunkt, die Klimax.
• Retardation (Verlangsamung): Die Handlung fällt ab, wird aber durch retardierende, also aufschiebende und hinhaltende Momente verzögert. Dadurch steigt die Spannung vor der bevorstehenden Lösung oder Katastrophe.
• Katastrophe oder Lysis beziehungsweise Dénouement: Entweder endet das Geschehen katastrophal, etwa mit dem Tod der Hauptfiguren, oder die Konflikte werden gelöst und die Figuren erfahren eine sittliche Reinigung, die Katharsis. Als Beispiele nennt der Artikel Hamlets Tod und das Massensterben in Hamlet sowie die glückliche Auflösung der Verwandtschaftsverhältnisse in Nathan der Weise.
Regeln der französischen Klassik
Während der Renaissance und der französischen Klassik wurde Horaz als antiker Lehrmeister angesehen, beispielsweise von Martin Opitz in Von der Deutschen Poeterey (1624) und Nicolas Boileau in L’art poétique (1674). Bedeutende Vertreter des klassizistischen Regeldramas waren vor allem Pierre Corneille und Jean Racine.
Als verbindlich galten ungefähr folgende Regeln:
• Einheit von Handlung, Ort und Zeit, zusammen als „Drei Aristotelische Einheiten“ bezeichnet.
• Imitation, also die Nachahmung besonders der antiken Vorbilder.
• Wahrscheinlichkeit (vraisemblance): Das dargestellte Geschehen sollte glaubwürdig erscheinen.
• Sittlichkeit (bienséance): Anstößige Vorgänge durften nicht auf der Bühne gezeigt, sondern nur berichtet werden.
• Ständeklausel und einheitlicher Redestil: Stand und sprachliche Ausdrucksweise der Figuren mussten den geltenden Vorgaben entsprechen.
• Regeln zur Personenverteilung: Dreipersonenregel, Gesetz der Personenkette und Verbot, nach dem ersten Akt neue Personen einzuführen.
Molière kannte diese Regeln und behandelte sie ironisch in dem Einakter Die Kritik der Schule der Frauen (1663), seiner Erwiderung auf Einwände gegen Die Schule der Frauen (1662). In Tartuffe (1664) brach er sie bewusst: Der Protagonist tritt dort erst im dritten Akt auf. Gegenüber dem aristotelischen Drama bestand außerdem ein bedeutender Unterschied darin, dass der Chor außerhalb der Oper meist vollständig aufgegeben wurde.
Gottsched und die Abkehr vom Regelmodell
Johann Christoph Gottsched (1700–1766) knüpfte an die Regel- und Normenpoetik der französischen Klassik an. In Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Teutschen (1730) entwarf er das Programm einer „vernünftigen“ Literatur. Entscheidend waren für ihn Klarheit des Stils, Geschmack, Witz und moralischer Nutzen. Seine Regeln sollten als praktische Gebrauchsanweisung für Tragödien dienen.
Gottsched wollte das deutsche Theater verbessern, indem er die bewunderten Errungenschaften des französischen Hoflebens im deutschen Sprachgebiet verbreitete. Er setzte sich für das literarische Drama und gegen das improvisierte Stegreiftheater ein. Zugleich wuchs der Widerstand gegen den als fremd empfundenen französischen Einfluss. Auch in Frankreich gerieten die Regeln seit der Querelle des Anciens et des Modernes und besonders nach dem Tod des Sonnenkönigs 1715 zunehmend ins Wanken.
Gotthold Ephraim Lessing wandte sich in der Hamburgischen Dramaturgie (1767) gegen Gottsched und die Regeldramatik. Diese Kritik war mit der Emanzipation der Bürger vom Adel, der Deutschen von den Franzosen und der Idee eines „Nationaltheaters“ verbunden. Sie bereitete dem Sturm und Drang den Weg.
Johann Wolfgang Goethe löste in Götz von Berlichingen (Uraufführung 1774) bewusst die Einheiten von Handlung, Zeit und Ort auf und schrieb in volkstümlicher Prosa. Seit Volker Klotz’ Geschlossene und offene Form im Drama (1960) wird ein solches Stück häufig als „offenes“ Drama bezeichnet, im Gegensatz zum „geschlossenen“ Regeldrama. Bereits in Zum Shakespeares-Tag (1771) hatte Goethe dem klassizistischen Theater entsagt. Er sah dessen Regeln als willkürliche Einschränkungen des Genies an und stellte Shakespeare als Vorbild einer freien Dichtung heraus.
Im deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts wurden Goethes Äußerungen häufig als antifranzösische Polemik verstanden. Das Regeldrama wurde jedoch auch in Frankreich angegriffen, etwa von Denis Diderot in De la poésie dramatique (1756).
Nachwirkung im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert gewann die Idee des Regeldramas erneut an Anziehungskraft. Gustav Freytag vereinfachte in Technik des Dramas (1863) das „Schema der fünf Akte“ weiter.
Solche übersichtlichen Regeln passten zur kommerziellen Dramenproduktion des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Gliederung in fünf Akte besaß sowohl im Schauspiel als auch in der Oper das höchste Ansehen. Dadurch entstand die Vorstellung, Dramen ließen sich nach einem festen Schema gleichsam wie nach einem Kochrezept herstellen.