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Qu’est-ce que le Tiers-État?
1. Was ist der Dritte Stand? Alles. · 2. Was ist er bis jetzt in der staatlichen Ordnung gewesen? Nichts. · 3. Was verlangt er? Etwas darin zu werden.
Inhalt5 Abschnitte
Einordnung und Grundgedanke
Qu’est-ce que le Tiers-État? („Was ist der Dritte Stand?“) ist ein 1789 in Paris zunächst anonym veröffentlichtes Pamphlet von Emmanuel Joseph Sieyès, auch Abbé Sieyès genannt. Die Schrift richtet sich gegen die Unterdrückung und politische Benachteiligung des Dritten Standes. Sieyès fordert, die Ständeversammlung durch eine allgemeine Nationalversammlung zu ersetzen.
Sein zentraler Gedanke lautet: Der Dritte Stand sei die Nation, weil er alle Arbeiten verrichte, die für den Erhalt des Staates notwendig seien. Damit rechnet Sieyès alle Menschen dem Dritten Stand zu, unabhängig von ihrer Herkunft, sofern sie sich den Idealen der Französischen Revolution verpflichteten. Die Schrift gilt deshalb als programmatisch für den modernen Begriff der Nation.
Entstehung und Verbreitung
Sieyès schrieb den Essay zwischen dem 6. November und dem 12. Dezember 1788. Am 27. Dezember 1788 wurde er zum Druck gegeben und erschien in den ersten Tagen des Jahres 1789.
Es folgten schnell vier Ausgaben: die Erstausgabe mit 127 Seiten, eine „Zweite Fassung“ in Varianten mit 27 beziehungsweise 114 Seiten sowie die bekannteste „Dritte Fassung“ mit 180 Seiten. Diese enthielt den vollständigsten und sorgfältigsten redigierten Text und war die erste Ausgabe unter Sieyès’ Namen. Insgesamt wurden etwa 300.000 Exemplare verkauft.
Forderungen des Dritten Standes
Das Pamphlet ordnet seine Argumentation in drei Fragen:
- „Was ist der Dritte Stand? Alles.“
- „Was ist er bis jetzt in der staatlichen Ordnung gewesen? Nichts.“
- „Was verlangt er? Etwas darin zu werden.“
Sieyès verurteilt eine Ordnung, in der die Regierung das Erbteil einer besonderen Klasse ist, als „viehisch dumm von uns respektierte Ordnung der Dinge“. Der Adel gehöre „gar nicht in die gesellschaftliche Ordnung“. Die Nichtprivilegierten hätten nach seiner Darstellung oft nur die Möglichkeit, sich einem Mächtigen anzuschließen, um nicht erdrückt zu werden; dies schade ihrer Moral und Menschenwürde.
Auch die Vertreter des Dritten Standes in den Generalständen kritisiert er, weil sie aus seiner Sicht „Geadelte oder auf Zeit Priviligerte“ seien und daher nicht dieselben Interessen wie der Dritte Stand verträten. Als wichtigste Forderungen nennt er wahre Stellvertreter, ebenso viele Vertreter wie die beiden anderen Stände zusammen sowie eine Abstimmung nach Köpfen statt nach Ständen. Diese Forderungen hält er jedoch selbst für ungenügend.
Nation, Verfassung und Revolution
Sieyès setzt sich mit dem Plan einer Provinzialversammlung von Charles Alexandre de Calonne auseinander, dem damaligen Finanzminister. Er kritisiert, dass dieser Plan die Nation spalte, unterstellt Calonne aber keine bösen Absichten. Außerdem wendet er sich gegen weitere Vorschläge der Privilegierten, etwa zur Senkung der Steuerlast, und gegen eine Nachahmung der englischen Verfassung.
Nach Sieyès braucht jede freie Nation eine Grundverfassung, damit sie „fähig wird für den Zweck zu arbeiten, für den sie geschaffen ist, und unfähig bleibt, so mächtig zu werden, sich davon zu entfernen“. Zugleich ist der Nationalwille für ihn der Ursprung aller Gesetzlichkeiten und daher nicht an die Verfassung gebunden. Die Nation sei in den 40.000 Pfarrgemeinden zu finden.
Den von Privilegierten erhobenen Vorwurf, der Dritte Stand verursache eine Spaltung, weist Sieyès zurück. Er betrachtet die Trennung der Nation von den Privilegierten und die Abschaffung der Aristokratie als erstrebenswert. Privilegierte, die sich dem Willen der Mehrheit nicht unterwerfen, seien die eigentlichen Spalter. Damit ermutigt der Text den Dritten Stand zu Revolution und zur Beseitigung des Adels.
Wirkung und Ausgaben
Unter den Pamphleten vor der Französischen Revolution erregte die Schrift besonders großes Aufsehen und gab der Revolution nach Darstellung des Artikels einen starken intellektuellen Antrieb. Sie wirkte auf die Ideen von Nation, Nationalstaat und Nationalismus in Europa. Alexis de Tocqueville nannte sie einen „Schlachtruf“ und schrieb, sie atme den „gewalttätigsten, genialsten Geist der Revolution“.
Wichtige Textausgaben sind die dritte Auflage von 1789 sowie Qu'est-Ce Que Le Tiers État? Précédé de l'essai sur les privilèges von 2022 (ISBN 978-1-01-804277-0). Deutsche Übersetzungen erschienen unter anderem 1975 in Politische Schriften 1788–1790 und 2010 als Was ist der Dritte Stand? (ISBN 978-3-05-004561-0).