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Prozesstheologie
In der Prozesstheologie wird die Welt als ein ständiger kreativer Prozess des Werdens und Vergehens aufgefasst. Der Grundzusammenhang der Welt ist das Ereignis, …
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Grundidee und Bedeutung
Die Prozesstheologie ist eine neuere, vorwiegend nordamerikanische Denkrichtung der Theologie. Sie steht in enger Beziehung zur metaphysischen Prozessphilosophie Alfred North Whiteheads (1861–1947), die er besonders in den Werken „Wie entsteht Religion?“ und „Prozess und Realität“ entwickelte.
Sie versteht die Welt nicht als Ansammlung unveränderlicher Substanzen, sondern als ständigen kreativen Prozess des Werdens und Vergehens. Grundelement der Wirklichkeit ist das Ereignis. Was wie ein dauerhaft stabiles Objekt erscheint, ist in dieser Sicht ein mehr oder weniger stabiler Zusammenhang von Ereignissen. Alle Ereigniszusammenhänge stehen in relationalen Beziehungen, also in Wechselbeziehungen, zueinander.
Gott wird als das konkrete Ereignis verstanden, in dem sich alles Geschehen verwirklicht, und als bewegte Gesamtheit des Existierenden. Die Prozesstheologie versucht damit, ein Weltbild zu entwickeln, das mit den vielfältigen Wirklichkeitserfahrungen der modernen Welt vereinbar ist.
Gott, Schöpfung und Welt
Gott gilt als Ursprung des Neuen und der Ordnung. Die Welt wurde nach dieser Auffassung nicht einmalig aus dem Nichts geschaffen, also nicht durch eine „creatio ex nihilo“. Schöpfung ist vielmehr eine „creatio continua“: ein offener, sich ständig fortsetzender Prozess, in dem Neues entsteht. Entsprechend werden die traditionellen Grundbegriffe Sein und Substanz durch Prozess und Werden ersetzt.
Gott beinhaltet das Universum, ist aber nicht mit ihm identisch. Diese Position heißt Panentheismus. Weil Gott das veränderliche Universum beinhaltet, ist er selbst in der Zeit veränderlich und wird von den Ereignissen im Universum beeinflusst. Er ist nicht selbstgenügsam und von der Welt getrennt, sondern als Urgrund in ihr Leben eingebunden. Gott reagiert auf das Weltgeschehen und wird selbst durch das Werden der Welt.
Freiheit, Allmacht und Theodizee
Die Omnipotenz, also die Allmacht Gottes, wird neu bestimmt und teilweise verneint. Gott setzt seinen Willen niemals durch Zwang durch. Stattdessen ermöglicht er eine Welt der Selbstschöpfung, in der die Subjekte freien Raum für eigene Entscheidungen besitzen.
Diese Auffassung bietet einen Ansatz zur Lösung des Theodizeeproblems, also der Frage, wie Leid und Übel mit einem mächtigen Gott vereinbar sind: Das Weltgeschehen wird nicht vollständig durch göttlichen Zwang festgelegt, sondern auch durch die Entscheidungen freier Individuen bestimmt.
Wirklichkeit und Universum definieren sich daher durch Prozess und Veränderung. Aufgrund der Bedeutung willensfreier Individuen und fortlaufender Entwicklung lässt sich die Prozesstheologie mit modernen wissenschaftlichen Theorien verbinden, etwa mit der Evolutionstheorie in der Biologie.
Unsterblichkeit des Menschen
Der Mensch besitzt nach prozesstheologischer Auffassung keine subjektive oder persönliche Unsterblichkeit. Gemeint ist, dass die einzelne Person nicht einfach als unverändertes persönliches Bewusstsein fortbesteht. Stattdessen wird eine objektive Unsterblichkeit angenommen: Das Leben eines Menschen lebt für immer in Gott weiter, weil Gott alles, was ist, beinhaltet.
Unterschiedliche Richtungen und Zentren
Die Prozessphilosophie und die mit ihr verbundene Prozesstheologie bilden kein einheitliches theologisches System. Der Begriff umfasst verschiedene Ansätze, die bestimmte Kernaussagen sowie den Bezug auf Whiteheads Philosophie gemeinsam haben.
Charles Hartshorne (1897–2000), ein ehemaliger Assistent Whiteheads in Harvard, gilt als wichtiger Begründer und Entwickler der Prozesstheologie. Er legte die theologischen Aspekte und Folgerungen von Whiteheads Philosophie aus und führte sie weiter. Schubert Miles Ogden knüpfte an Hartshorne an und setzte sich zugleich mit der Theologie Rudolf Bultmanns auseinander.
An der Chicago Divinity School entstand daneben eine stärker empiristisch ausgerichtete naturalistische Theologie. Ihr Gründer war Henry Nelson Wieman (1884–1975). Zu seinen Schülern gehörten Bernard Eugene Meland (1899–1993), Bernard M. Loomer (1912–1983) und Daniel Day Williams (1910–1973). Martin Luther King promovierte über die Unterschiede zwischen den Gottesbegriffen Henry Nelson Wiemans und Paul Tillichs.
Ein bedeutendes Zentrum ist das 1973 gegründete Center for Process Studies in Claremont. Dort wird versucht, prozesstheologisches Denken unmittelbar mit christlichen Lehren zu verbinden. Zu seinen Vertretern zählen John B. Cobb, David Ray Griffin, Lewis S. Ford, Philip Clayton, Roland Faber und Marjorie Suchocki. Die Zeitschrift „Process Studies“ wurde bereits 1971 gegründet; ihre ersten Herausgeber waren Cobb und Ford. In Deutschland setzen sich unter anderem Godehard Brüntrup, Julia Enxing und Michael Welker zustimmend mit der Prozesstheologie auseinander, in den Niederlanden Jan Van der Veken.