Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pilgerväter
Die Pilgerväter waren Calvinisten und sogenannte Separatisten, die der radikalen Strömung im englischen Puritanismus angehörten. Sie sagten sich vollständig von …
Inhalt4 Abschnitte
Wer die Pilgerväter waren
Als Pilgerväter (englisch Pilgrim Fathers oder Pilgrims) werden die ersten englischen Siedler in Neuengland bezeichnet, die die Plymouth Colony im heutigen Massachusetts gründeten. Sie waren Calvinisten und Separatisten, also eine radikale Strömung des englischen Puritanismus. Die Separatisten trennten sich vollständig von der Church of England und forderten eine unabhängige Ordnung für jede Kirchengemeinde.
Nach ihrer Auffassung war jede Gemeinde unmittelbar Gott beziehungsweise Christus unterstellt. Sie sollte nicht einem Bischof, dem Papst oder einer anderen übergeordneten kirchlichen Stelle gehorchen. Damit begründeten sie ein wichtiges Prinzip der kongregationalistischen Kirchenordnung. Die presbyterianische Kirchenverfassung der Puritaner lehnten sie ab. Auch das Bischofsamt, das Kreuzzeichen und Weihnachten wiesen sie zurück, weil sie diese Einrichtungen beziehungsweise Bräuche nicht in der Bibel belegt sahen; das Bischofsamt bezeichneten sie sogar als „Erfindung Satans“.
Die Bezeichnung „Pilgerväter“ entstand erst Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde William Bradfords um 1650 verfasstem Buch History of Plimoth Plantation entnommen. Die Einwanderer selbst bezeichneten sich nach dem Sprachgebrauch des Apostels Paulus als „Heilige“ (englisch: saints). Obwohl sie keineswegs die ersten englischen Siedler auf dem späteren Staatsgebiet der Vereinigten Staaten waren – die Jamestown Colony in Virginia entstand bereits 1607 –, erhielten sie in der amerikanischen Erinnerungskultur und Folklore eine besonders wichtige Rolle. Das gilt vor allem im Zusammenhang mit dem Thanksgiving-Fest.
Von England in die Niederlande
Die Gruppe trennte sich von der englischen Staatskirche, weil sie überzeugt war, dass die durch die englische Reformation begonnenen Veränderungen noch nicht weit genug gegangen waren. Etwa hundert Mitglieder verließen unter den Pastoren Richard Clyfton († 1616) und John Robinson sowie dem Kirchenältesten William Brewster (1566–1644) ihre Heimat bei Scrooby in Nottinghamshire. 1608 wanderten sie nach Amsterdam aus, um der Verfolgung durch die anglikanische Kirche zu entgehen. Ein Jahr später zogen sie in die Nähe von Leiden weiter und blieben dort zwölf Jahre.
Als Ausländer durften sie in den Niederlanden meist nur schlecht bezahlte Arbeiten verrichten. Außerdem kritisierten sie zunehmend die religiöse Liberalität ihrer Umgebung und befürchteten, dass der Einfluss der niederländischen Gesellschaft ihre Gemeinschaft verändern könnte. 1617 kamen viele zu dem Schluss, dass eine Übersiedlung in die Neue Welt die beste Lösung sei.
Einige Mitglieder, darunter William Brewster, verfassten Schriften und schickten sie nach England. Die englische Regierung betrachtete diese Texte als umstürzlerisch und übte diplomatischen Druck auf die Niederlande aus. Die niederländische Regierung begann daraufhin, gegen die Verfasser vorzugehen; Brewster und andere entgingen nur knapp der Verhaftung.
1620 entschied sich etwas weniger als die Hälfte der englischen Exilanten für die Überfahrt. Sie segelten zunächst mit der Speedwell nach Southampton und schlossen sich dort einer größeren Gruppe separatistischer Kongregationalisten auf der Mayflower an. Nach einem Zwischenstopp im südenglischen Plymouth stachen sie am 6. September 1620 mit 102 Passagieren in See. Ihr Ziel war Nordvirginia in der Nähe des Hudson River. An Bord befanden sich auch Nichtseparatisten, überwiegend Anglikaner, die von den Kongregationalisten als „Fremde“ (englisch: strangers) bezeichnet wurden.
Ankunft und Gründung von Plymouth
Starke Herbststürme im Nordatlantik brachten die Mayflower vom Kurs ab. Nach einer Seereise von zwei Monaten und sechs Tagen erreichte sie bei Cape Cod die amerikanische Küste und ankerte im November 1620 in der Nähe des heutigen Provincetown. Die Kolonisten erkannten, dass sie ihr ursprüngliches Ziel nur durch eine weitere lange Seereise erreichen konnten. Deshalb beschlossen sie, am erreichten Ort eine Niederlassung zu gründen.
Da ihr Landpatent von der Londoner Virginia Company für Virginia ausgestellt worden war, besaßen sie eigentlich kein Recht, das Gebiet in Neuengland zu kolonisieren. Mehrere „Fremde“ befürchteten daher, in der neuen Kolonie nicht gerecht behandelt zu werden. Die 41 Separatisten verfassten deshalb den Mayflower-Vertrag. Darin vereinbarten sie, eine sich selbst regierende Gemeinschaft (self-rule beziehungsweise self-government) zu bilden. Für alle Einwohner sollten dieselben „gerechten und gleichen Gesetze“ (just and equal laws) gelten. Die Kolonisten waren überzeugt, dass diese Regierungsform dem Willen Gottes entsprach.
Der sandige Boden bei Provincetown erwies sich als ungeeignet, um die Siedler zu ernähren. Eine Gruppe segelte deshalb auf die andere Seite der Bucht von Cape Cod. Am 21. Dezember landete sie in der Nähe des heutigen Plymouth in Massachusetts; fünf Tage später folgte ein Großteil der übrigen Siedler. Dort entstand die Plymouth Colony.
Den ersten Winter überstand die Kolonie nur dank der Unterstützung der Wampanoag. Diese versorgten die Kolonisten unter anderem mit Erdbirnen und zeigten ihnen Landwirtschaftstechniken, die besser an das örtliche Klima und den Boden angepasst waren. Ein Fest, das an diese friedliche Zusammenarbeit erinnert haben soll, gilt als möglicher Ursprung des Thanksgiving-Festes; dieser Zusammenhang ist jedoch bis heute nicht belegt.
1621 schlossen die Pilger mit Massasoit, dem Häuptling der Wampanoag, einen Friedensvertrag, der einträchtigen Handel ermöglichen sollte. Als Massasoit 1632 todkrank war, pflegten ihn die Pilger gesund. Er lebte bis 1662 und trug zu zunächst guten Beziehungen bei. Mit dem Erstarken der Kolonie verschlechterte sich das Verhältnis jedoch spätestens seit dem Pequot-Krieg 1637 und wurde zunehmend von Gewalt auf beiden Seiten bestimmt. Im King Philip’s War von 1675 bis 1676 verloren die Ureinwohner etwa 3.000 Menschen. Dadurch wurden sie so geschwächt, dass die Siedler die Entwicklung der Kolonie in diesem Gebiet fortan allein bestimmten.
Quellen und spätere Erinnerung
Die wichtigste Primärquelle zu den Ansichten der Pilgerväter ist die von Gouverneur William Bradford verfasste Geschichte der Kolonie, die den Zeitraum von 1620 bis 1647 behandelt. Eine deutlich freundlichere Sicht auf die Ureinwohner und die Landschaft vermittelt Thomas Mortons 1637 erschienenes Buch New English Canaan. Es geriet jedoch bis Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend in Vergessenheit, weil seine Darstellung nicht den moralischen und sittlichen Vorstellungen der Pilgerväter und ihrer Nachkommen entsprach.
Die direkte Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Pilgerväter-Gemeinde ist die heutige First Parish Church in Plymouth. Sie löste sich 1801 unter dem Einfluss ihres Pastors von der traditionellen trinitarischen kongregationalistischen Theologie und schloss sich den Unitariern an. Heute gehört sie der liberalen Unitarian Universalist Association an. Gemeindemitglieder, die diese Veränderung ablehnten, gründeten damals eine neue Gemeinde, die heutige The Pilgrimage Church, die bis heute kongregationalistisch ist.
Von der ursprünglichen Plymouth Colony ist kein Bauwerk erhalten. Vier Kilometer vom historischen Standort entfernt wurde ab 1946 das Museumsdorf Plimoth Patuxet errichtet. Dort wird das Leben der Pilgerväter für Besucher nachgespielt. Außerdem ist ein Nachbau der Mayflower zu besichtigen, eines 30 Meter langen Segelschiffs.